Cover
Titel
Nach der Angst. Geschichtswissenschaft vor und nach dem "Linguistic Turn"


Autor(en)
Schöttler, Peter
Erschienen
Anzahl Seiten
291 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franz X. Eder, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Ein Band, der „Geschichtswissenschaft vor und nach dem ‚linguistic turn‘“ im Titel trägt, steckt sich hohe Ziele und weckt dementsprechende Erwartungen. Um es gleich vorweg zu sagen: Er kann diese zu einem Großteil erfüllen, lässt uns aber auch mit unbeantworteten Fragen zurück.

Es handelt sich hier um eine Sammlung von Peter Schöttlers „verstreuten Schriften“ zum linguistic turn. Die zehn Aufsätze und Essays (zwei davon bisher unveröffentlicht) und 17 Buchrezensionen (unter anderem in der Zeit und Geschichtswerkstatt) sind größtenteils zwischen den 1980er- und frühen 2010er-Jahren erschienen. Schöttler zeigt sich in ihnen als Kenner der Geschichtswissenschaft links und rechts der „intellektuellen Rheingrenze“[1], aber auch des angloamerikanischen Raumes. Als weitblickender Vermittler hat er maßgeblich zur Rezeption der „Franzosentheorie“ (S. 150) in der deutschsprachigen Historie beigetragen. Schöttler verortete sich dabei „als übersetzender Aktivist oder kämpferischer Übersetzer“, für den „die Übersetzung eines theoretischen Textes eine gewisse kämpferische Bedeutung und Funktion haben kann, jenseits der bloß theoretischen“ (S. 200).

In der Einleitung zieht er eine recht allgemein geratene Bilanz von turns und returns und den damit einhergehenden Konstellationen in der beziehungsweise den Geschichtswissenschaft(en). Der linguistic turn habe sich vor allem in dreierlei Hinsicht positiv und produktiv bemerkbar gemacht: Durch die Kritik am Reduktionismus seien der subjektive „Eigensinn“, seien Mentalitäten, Diskurse, Habitusformen etc. in den Fokus gekommen. Durch die Anregung von innovativen „Gedankenexperimenten“ wurde die positivistische gleichwie die sozialwissenschaftliche Historiografie theoretisch und methodisch durchlüftet. Schließlich habe die der Diskursanalyse eingeschriebene Machtkritik alle Instanzen des Wissenschaftsbetriebes durchdrungen. Auf allen drei Ebenen konstatiert Schöttler allerdings auch „returns“: Die „neue“ Kulturgeschichte schottete sich manchmal selbst ab, der Relativismus wurde für viele zum Programm und die Machtkritik habe sich vielfach totgelaufen.

Die ersten vier längeren Aufsätze, die den mit „Interventionen“ überschriebenen Kern des Bandes bilden, sind ein Plädoyer für eine Erweiterung der „neuen“ Sozialgeschichte durch die Sprach- und Diskursanalyse. In den späten 1980er-Jahren bedeutete dies, sich für die Mentalitätsgeschichte (in der Tradition der Annales) zu öffnen, ohne dabei den Klassenbezug zu verlieren. Der Ideologiebegriff sollte auch „materielle“ Instanzen und Praxisformen umfassen und so subjektbildende Wirkungen begreifen können – hier ist Schöttler vor allem an Louis Althusser orientiert. Schließlich galt es, Diskurse zu fokussieren, die im Anschluss an Foucault definiert werden, nämlich als „eine bestimmte sprachliche Materialität, die als gesellschaftliche Redeweise mit gleichsam eingebauten Macht- und Widerstandseffekten in der einen oder anderen Form institutionalisiert ist“ (S. 56). Beeindruckend ist, wie Schöttler schon Ende der 1980er-Jahre unterschiedliche methodische Ansätze überblickt, von lexikologischen und semantischen bis zu semiotischen und soziolinguistischen Diskursanalysen.

Wegbereiter dafür verortet er in den sprachorientierten Arbeiten der Annales, vor allem aber in den späten 1950er- und in den 1960er-Jahren bei Algirdas Greimas, Roland Barthes und natürlich Michel Foucault. In der forschungspraktischen Umsetzung werden für Frankreich die text- und diskursanalytischen Arbeiten von Régine Robin zur Geschichte von Ideologien und die Analyse automatique du discourse von Michel Pêcheux behandelt. In den Fokus kommen zudem William H. Sewell, ein Vertreter der New Social History in den USA, und Gareth Stedman Jones aus der „History from below“-Bewegung in England – beide untersuchten die Language of Labour beziehungsweise Class (S. 95ff.). In der Bundesrepublik kann Schöttler der „Begriffsgeschichte“ nach dem Vorbild von Reinhart Kosellecks (und andere) Geschichtliche Grundbegriffe (1972ff.) wenig abgewinnen. Demgegenüber sieht er diskursanalytisch grundierte Arbeiten ab den späteren 1970er- und in den 1980er-Jahren in Rolf Reichardts und Hans Ulrich Gumprechts Projekt einer sozialhistorischen Semantik und Jürgen Links Analyse von Kollektivsymbolen (S. 114ff.).

Mit dem Aufsatz „Wer hat Angst vor dem ‚linguistic turn‘? Ein Diskussionsbeitrag“ wurde Schöttler spätestens 1996/97 auch für jene sichtbar, die bis dahin von Fragen postmoderner beziehungsweise poststruktureller Episteme und Paradigmatik untangiert geblieben waren. Die Ablehnung neuer theoretischer und methodischer Grundlagen in der deutschen Historie erklärte er dort nicht nur historiografie- und wissenschaftsgeschichtlich, sondern auch psychologisch: Der linguistic turn habe Angst und Widerstand erzeugt, weil es akademische Besitzstände und die Hegemonie innerhalb der Zunft zu verteidigen galt und eine „mangelnde intellektuelle Flexibilität von Berufswissenschaftlern“ bestand. Die Nicht-Rezeption von einschlägigen französischen und angloamerikanischen Debatten resultierte zudem aus der Angst vor der Uneindeutigkeit der Sprache und der drohenden Grenzverwischung gegenüber den Sprach- und Literaturwissenschaften.

Im 2011 erstmals erschienenen Beitrag „Nach der Angst. Was könnte bleiben vom ‚linguistic turn‘“? wird diese Diagnose noch einmal aufgenommen und teils revidiert: Als äußerst bedrohlich hätte die deutsche Historikerzunft den (angeblichen) Irrationalismus empfunden, der durch die plakative Vermengung von postmoderner Philosophie und Diskursforschung als Schreckgespenst im Raum stand. Zudem wurden die mit dem linguistic turn einhergehenden Neuerungen etwa der Alltags- und Mikrogeschichte mit linken oder sogar linksradikalen Strömungen und der Alternativbewegung assoziiert und so als nicht koalitionsfähig für die Akademia angesehen. Schließlich existierte unter deutschen Historikern eine über Jahrzehnte zurückreichende Angst vor dem „Westen“ und hier insbesondere vor dem „Französischen“ – verbunden mit dem Gefühl, dass „die Musik“ der Historie woanders spielte (S. 152).

Was könnte nach Schöttler vom linguistic turn bleiben? Am meisten Chancen gibt er der Diskursanalyse, so sie sich nicht als „Textualismus“ versteht, sondern eine Sozialtheorie der Sprache verfolgt beziehungsweise die Trias von Gesellschaft, Wirtschaft und Sprache ernst nimmt. Auch im „politischen Stachel“ und der Machtkritik sieht er nach wie vor ein Potential.

Im zweiten, kürzeren Abschnitt des Buches finden sich „Exkurse“ zu sprachgeschichtlichen Ansätzen in den frühen Annales, zum möglichen Dialog zwischen diesen und Althusser sowie zur Erfahrungs- und Sprachanalyse bei Gareth Stedman Jones. Eine Reihe von Rezensionen (aus den Jahren 1975 bis 2005) trägt mehr oder weniger zur Abrundung bei. Positiv zu erwähnen ist, dass Schöttler die Literaturangaben aktualisiert hat und der Band über eine erweiterte Bibliografie verfügt. Wenig förderlich für eine lineare Lektüre erweist sich hingegen, dass es aufgrund der unabhängigen Erstpublikationen der Texte zu Wiederholungen kommt.

Schöttler Sensibilität für die „Materialität“ der Sprache drückt sich auch in seinem Schreibstil aus. Selbst in einer Abrechnung mit Hans-Ulrich Wehlers Hasstiraden gegen Foucault begibt er sich nicht auf ein polemisches Niveau, sondern formuliert mit feiner, wenn auch spitzer Klinge, die jedoch nie ohne Argument oder Empirie auskommt. Im Falle Wehlers geschieht dies, indem er dessen Verbal- beziehungsweise Adjektivinjurien über mehrere Zeilen auflistet und damit selbst entlarvt (S. 260). Seine Forderungen nach einer Öffnung der epistemischen und paradigmatischen Grundlagen der (deutschen) Historie sind demgegenüber durchgehend in einem kommunikativen und offenen Modus vorgebracht.

Damit komme ich zu den Schwachstellen dieses Buches. Die Situierung der (französischen, angloamerikanischen und deutschen) Geschichtswissenschaft nach dem linguistic turn kann es leider nur partiell abdecken – obwohl Schöttler einer der wenigen wäre, der aufgrund seiner historiografiegeschichtlichen Kenntnisse eine solche Zusammenschau leisten könnte. Nur einige Angriffspunkte sollen hier skizziert werden:

1. Wie die neue Kulturgeschichte gezeigt hat, sind historische Materialien beziehungsweise Quellen in den seltensten Fällen bloß „sprachartig“, sondern auch „bildhaft“ und „dinglich“ verfasst.

2. Aus der (historischen) Anthropologie haben wir gelernt, dass menschliches Erleben und Erfahren wie jede Form des Handelns und der Praxis weit über jene Bereiche hinausgehen, die durch linguistische Kategorien, Konzepte und Methoden erschließbar sind.

3. Durch die Studien zur materiellen Kultur und der Actor Network Theory wissen wir, dass Dinge als Aktanten die Ordnung des Sag- und Denkbaren mitbestimmen.

Erst die Praxis der sprach- beziehungsweise textfixierten Diskursanalyse hat gezeigt, wo diese und andere Schwach- und Leerstellen des linguistischen Zugriffes liegen. Nachfolgende turns wie der pictorial beziehungsweise iconic, performative und material turn wurden ja ausgerufen, weil die Episteme beziehungsweise das Paradigma der Sprache an den Flanken offen und erweiterbar ist.[2] Für die Darstellung der Historie „nach der Angst“ hätte es hierzu zumindest in einer ausführlicheren Einführung oder einem resümierenden Beitrag detaillierterer Ausführungen bedurft.

Zusammenfassend lässt sich mit Schöttler jedenfalls festhalten, dass der linguistic turn vor allem durch den dabei entstandenen „Werkzeugkoffer“ von diskursanalytischen Ansätze und Methoden zu einer deutlichen Ver(sozial)wissenschaftlichung der Geschichtswissenschaft(en) beigetragen hat. Der Boom der neuen historischen Semantik in den letzten Jahren reiht sich hier ein. „Nach der Angst“ lässt uns einen entspannten Blick auf die Pros und Kontras dieser Entwicklung werfen und ist gleichzeitig selbst ein Stück Historiografiegeschichte.

Anmerkungen:
[1] Peter Schöttler, Die „Annales“-Historiker und die deutsche Geschichtswissenschaft, Tübingen 2015, S. 369–386.
[2] Exemplarisch dazu Franz X. Eder / Oliver Kühschelm / Christina Linsboth (Hrsg.), Bilder in historischen Diskursen, Wiesbaden 2014; Jürgen Martschukat / Steffen Patzold (Hrsg.), Geschichtswissenschaft und „performative turn“. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln 2003; Tony Bennett / Patrick Joyce (Hrsg.), Material Powers. Cultural Studies, History and the Material Turn, London 2010.