P.O. Loew: Danzig und seine Vergangenheit 1973-1997

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Titel
Danzig und seine Vergangenheit 1793-1997. Die Geschichtskultur einer Stadt zwischen Deutschland und Polen


Autor(en)
Loew, Peter Oliver
Erschienen
Osnabrück 2003: fibre Verlag
Anzahl Seiten
621 S.
Preis
€ 37,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Krijn Thijs, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Danzig und seine Vergangenheit“ nennt Peter Loew seine Dissertation, aber er hätte den Titel auch im Plural fassen können. Denn die Entwicklung der Geschichtskultur war in Danzig von so vielen Brüchen und Wendungen begleitet, dass gleichsam mehrere Stadtgeschichten entstanden sind. Loew hat dieses Umdeuten der lokalen Vergangenheit zum Thema gemacht; herausgekommen ist eine ambitionierte und gelungene Geschichte der Danziger Geschichtskultur.

Nun sind Studien zu Geschichts- bzw. Erinnerungskulturen heute keine Seltenheit, im Gegenteil. Wie unterscheidet sich Loews Studie also, und warum verdient sie besondere Beachtung? Abgesehen von der Faszination Danzigs ist hier zunächst das enge Untersuchungsfeld (die Stadt) zu nennen, das Loew auf anderen Ebenen Weitblick ermöglicht. Erstens kann er eine große Zeitspanne bearbeiten – nämlich von 1793 (als Danzig von Preußen annektiert wurde) bis in die Gegenwart (wobei die 1000-Jahr-Feier von 1997 den nominellen Schlusspunkt bildet). Dieser lange Atem erlaubt es, die zahlreichen Brüche in der Danziger Erinnerung ebenso scharf in den Blick zu bekommen wie die Epochen übergreifenden Kontinuitäten.

Zweitens ist eine städtische Geschichtskultur auch in der Breite genauer zu erforschen als eine nationale. Wo nationalhistorische Studien häufig genug nur Teilfelder abhandeln, unternimmt Loew nichts weniger als eine „histoire totale“ der Danziger Geschichtskultur (S. 24). Er behandelt die Fachhistoriografie ebenso wie populäre Geschichtswerke; öffentliche Debatten über Gedenkorte und Jubiläen ebenso wie die administrative Geschichtspolitik; historische Romane ebenso wie die bildende Kunst.

Zu dieser weiten Perspektive passt Loews ebenso breite Definition von Geschichtskultur, die letztlich alles „Vorhandensein von Vergangenem in einer jeweiligen Gegenwart“ abdeckt (S. 20). In der kompakten Einführung sichtet Loew den Forschungsstand und sammelt ein, was er gebrauchen kann. Er orientiert sich stark an Jörn Rüsen und dessen Unterscheidung zwischen ästhetischen, kognitiven und politischen Dimensionen von Geschichtskulturen. Zudem lehnt er sich an die Assmannschen Arbeiten zur Gedächtnisthematik an und trennt zwischen Speicher- und Funktionsgedächtnis, materiellen Zeugnissen und überlieferten Traditionen sowie legitimatorischen und identifikatorischen Erinnerungsfunktionen. Es fehlt allerdings eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der (historischen) Erzählung, dem in der Darstellung doch eine Schlüsselrolle zukommt.

Sechs Kapitel behandeln die Geschichtskultur chronologisch: Umrahmt von zwei „Zwischenzeiten“ (1793 bis 1814 und 1989 bis 1997) präsentiert Loew das preußische, das kaiserdeutsche, das freistädtische und nationalsozialistische und schließlich das polnische Danzig. Zwei lesenswerte „Querschnitte“ behandeln darüber hinaus die Danziger Historienmalerei und die topografisch verstandenen Erinnerungsorte.

Leitmotiv ist die Spannung zwischen deutscher und polnischer Stadtgeschichte. Danzig gehörte seit Jahrhunderten zu Polen, als Preußen es annektierte. Damit begann ein Auslöschen der Erinnerung an die polnische Zeit, das im deutschen Radikalnationalismus gipfelte. Das freistädtische Danzig versuchte gar durch gezielte Retuschen im Stadtbild historische Besitzansprüche Polens abzuwehren. Zentral ist für die Studie aber der Bevölkerungsaustausch von 1945. Mit den Deutschen zog auch das Funktionsgedächtnis der Stadt fort; die zuwandernden Polen waren weitgehend ortsfremd. Im Nationalkommunismus wurde dann die deutsche Geschichte Danzigs verdrängt, bis die Opposition sie in den 1980er- Jahren wieder neu entdeckte.

So bietet Loew auf satten 530 Seiten viele extreme Erinnerungsfälle: Er erzählt, wie Zuwanderer fremden Erinnerungsgemeinschaften gegenüberstanden, wie Standbilder aufgestellt, entfernt und hin und her geschoben wurden, wie Traditionen verschwanden und neu erfunden wurden. Er zeigt, wie nationale Erzählungen die Lokalgeschichte überformten und wie diese immer einfacher konstruierbar wurde. Sogar in Versailles wurde über Danzigs Vergangenheit debattiert, die Altstadt wurde zerstört und wieder aufgebaut, und einmal verschwand sogar das gesamte Funktionsgedächtnis, während das zurückgebliebene Speichergedächtnis Fremden überlassen blieb. Loew behält in allen diesen komplizierten Fällen die Übersicht, und er vergisst auch nicht die Danziger Geschichtskultur, die sich außerhalb der Stadtgrenzen bei den Vertriebenen entwickelte.

Trotzdem sind drei für das Forschungsfeld vielleicht symptomatische Einwände zu erheben. Der erste betrifft das Problem der Rezeption. Loews auf veröffentlichte und administrative Quellen gestützte Arbeit ist „vor allem, aber nicht ausschließlich, eine Elitengeschichte“ (S. 29). Immerhin unternimmt er viele Versuche, diese Grenzen zu überschreiten und auf die nicht-offizielle Überlieferung zu blicken. Und obwohl seine abgewogenen Einschätzungen stets überzeugen, muss auch Loew echte Belege meist schuldig bleiben. Störend wirkt dies nur in Fällen, wo Loew „oppositionelle Geschichtskulturen“ sieht, zugleich aber „auf Vermutungen angewiesen“ ist (S. 446). Das ist ein Grundproblem der herrschaftsbezogenen Erinnerungsforschung: Dort, wo es besonders spannend wird, ist die Quellenlage dünn.

Ein zweites Problem resultiert aus dem inzwischen paradigmatisch gewordenen Konstruktivismus. Es droht Abnützung, wenn überall und allzu schnell neu „konstruierte“ „Erzählungen“ gefunden werden.[1] Welchen Status haben diese „Erzählungen“, und wie konsistent sind sie? Außerdem schwingt im „Konstruieren“ häufig ein unreflektierter Intentionalismus mit, etwa wenn die Wirtschaftselite im 19. Jahrhundert „an der Konstruktion eines bürgerlichen Danzig“ „bastelte“ (S. 183). Muss man wirklich die Künstlichkeit eines jeden Geschichtsbildes nachweisen und etwa vorführen, dass man bei Jubiläen „eigentlich gar keinen Grund zu feiern hatte“ (S. 146) oder dass die „’gesammelten’ Danziger Legenden keineswegs der mündlichen Überlieferung zu verdanken waren“ (S. 160)?

Ein solcher Entlarvungsstil bewirkt, dass ein merkwürdiger und auch normativer Gegensatz zwischen „wahrer“, tradierter Geschichtskultur und „deformierten“, konstruierten Erzählungen entsteht. Dies hängt mit Loews eigener Erzählung zusammen, und das ist das dritte Problem: Wie kann man, wenn man ringsum „Konstruktionen“ aufdeckt, noch seine eigene Perspektive rechtfertigen? Loews Leitperspektive lautet, „dass Danzig bis 1793 ein wichtiger, zeitweise sogar DER Ort deutsch-polnischer Begegnung schlechthin gewesen“ sei (S. 10). Für ihn gibt es also eine Art Urzustand, der bis in die Napoleonische Zeit fortdauerte, als „polnisch bestimmte Geschichte und französisch (bzw. preußisch) dominierte Gegenwart [...] noch gut miteinander aus[kamen]“ (S. 69). Die späteren Nationalismen werfen hier ihre Schatten bereits voraus, ebenso wie sie die Forschung vorprogrammieren: Über polnische Gegenentwürfe berichtet Loew bereits in einem zeitlichen Kontext, als diese noch gar nicht existierten. So erzählt er im Grunde die Verlustgeschichte einer städtischen Geschichtskultur, die von nationalistischen Modellen überformt und schließlich zerstört wird. Das vergessene polnisch-deutsche Danzig ist der tragische Held seiner Geschichte, samt jener Zeit, „als noch nicht die Konstruktion, sondern die Gegenwart von Geschichte – also die Tradition – die wichtigste Rolle spielte“ (S. 320). 1945 ist das Ende dieser Verlustgeschichte: Die Erinnerung wandert aus, die Altstadt ist ein Trümmerhaufen. Für Loew ist dies das endgültige Ende der Authentizität in der Danziger Geschichtskultur; danach habe man es nur noch mit Konstruktionen zu tun.

So verführend und mitreißend diese Geschichte auch ist (und so zeitgemäß ihre Perspektive der deutsch-polnischen Symbiose!): Es scheint fraglich, ob sie dem Fortschreiten der Zeit gerecht wird. Eine Stadtgeschichte hört nicht auf, sich zu entwickeln, wie Loew mit seiner Metaphorik einer der Gegenwart immer schneller entschwindenden Vergangenheit suggeriert (S. 213): „Die lokale Geschichte war, nach der allmählichen Auflösung der städtischen Erinnerungsgemeinschaft, aus ihren Traditionszusammenhängen endgültig herausgetreten und weitgehend konstruierbar geworden“, schließt er für die wilhelminische Zeit. Das mag zutreffen, wenn man die Geschichte vor 1793 meint. Aber jüngere Vergangenheiten schieben sich vor ältere, und die Erinnerung erneuert sich. Bei Loew findet man reihenweise Belege für die Überlegenheit des Funktionsgedächtnisses, seien es die Gedenkorte des späten 19. Jahrhunderts oder Umfrageergebnisse von 1996. Danzig war bald eben nicht mehr Ort deutsch-polnischer Begegnung, im Gegenteil. So spielte dieses Motiv im späteren Gedenken auch keine Rolle mehr.

Wie dem auch sei: Loews Ergebnis, dass die Stadt als Bezugsgröße der lokalen Erinnerung immer weiter zurückgetreten ist, bleibt festzuhalten. Seine Dissertation bietet eine spannende Lektüre; Loew wird seinem Thema durch beeindruckende Materialerschließung und ausgewogene Urteile mehr als gerecht.

Anmerkung:
[1] Vgl. dazu die Kritik von Hacking, Ian, Was heißt ‚soziale Konstruktion’? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften, Frankfurt am Main 2002.