Cover
Titel
Vernetzte Papiermärkte. Einblicke in den Amsterdamer Handel mit Papier im 18. Jahrhundert


Autor(en)
Bellingradt, Daniel
Erschienen
Anzahl Seiten
252 S., 30 Abb.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simon Portmann, Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Trier

Der Frankfurter Buchhändler Johann Daniel Knoop bewarb 1790 seine Bücher damit, dass sie „durchgängig auf schönes holländisches median Papier gedruckt“ seien und nutzte so die Papierqualität als Verkaufsargument seiner Ware.[1] Doch was unterschied das holländische vom deutschen, englischen oder französischen Papier und wie kam das holländische Papier zu den Buchdruckereien im Alten Reich? Diese Fragen untersucht der Buchwissenschaftler Daniel Bellingradt in seiner Abhandlung „Vernetzte Papiermärkte. Einblicke in den Amsterdamer Handel mit Papier im 18. Jahrhundert“.

Das vorliegende Werk entstand im Kontext des DFG-Projektes „Publizistik als Handelsware. Transregionale Märkte, Räume und Netzwerke im frühneuzeitlichen Europa, 1750–1800“, das der Autor von 2012 bis 2017 geleitet hat.[2] Bellingradt, der sich zuvor intensiv mit der Flugpublizistik beschäftigt hat, fokussiert sich in diesem Werk nun auf die Grundlage eines jeden Druckwerkes: das Papier. In sechs Kapiteln beleuchtet er das Papier in seiner Herstellung, seinem Wert, seiner Vielfalt, seinem Markt und seiner Wiederverwertung im Kontext des Amsterdamer Papierhandels. Umrahmt werden die Hauptkapitel von einem „Vortrab“ und einem „Nachtrab“, die zunächst die Perspektiven und dann die Forschungsaufgaben umreißen.

Schon zu Beginn seiner Abhandlung stellt Bellingradt die unterschätzte Rolle des Papiers und insbesondere des Papierhandels und der Papiernutzung in der Forschungslandschaft heraus. Während bislang eine Fokussierung auf die Medien-, Buch- und Buchhandelsgeschichte stattfand, pocht der Buchforscher darauf, das ökonomische und wirtschaftliche Potential der Papierherstellung und des Papierhandels hervorzukehren (vgl. S. 16).[3] Er geht dabei – wie er selbst aufgrund der unzureichenden Quellenlage zugibt – nur bedingt auf das spannende Feld des Rohstoffe des Papiers, des Lumpensammelns und -handels, ein. Die Papierherstellung und den Papierhandel untersucht der Verfasser anhand der wirtschaftlich bedeutendsten Stadt der Republik der Vereinigten Niederlande und einer „Stadt des Papiers“: Amsterdam und dies obwohl „in der Stadt selber keine einzige Papiermühle stand“ (S. 26).

Doch bevor der Handel mit Papier beleuchtet wird (Kapitel 5 und 6), verschafft Bellingradt dem Leser einen Überblick über die Papiersorten, Qualitäten, Formate, kurz über die Vielfalt der Papierherstellung im frühneuzeitlichen Europa (Kapitel 2, S. 40–66). Die unterschiedlichen Bezeichnungen, die in Europa zudem uneinheitlich und nicht immer genormt waren, konnten zu Verwirrungen führen, sodass das im Ausgangszitat beworbene „median Papier“ in Österreich das „Groß-Median“ dem französischen „Petit Royal“ entsprach (S. 43). Ähnlich kompliziert verhielt es sich mit der Mengeneinheit, sodass die Anzahl der Papierbögen bei den deutschen Papierhändlern in „Buch“ (25 Bögen Druckpapier), Ries (500 Bögen Druckpapier), Riemen (5.000 Bögen Druckpapier) oder Ballen (ebenfalls 5.000 Bögen Druckpapier) festgelegt wurde, während englische, französische und niederländische Papierhändler andere Handelseinheiten wählten, was bei der Abrechnung zu einer erhöhten Aufmerksamkeit beim Verrechnen führte (S. 48).

Nach dem – insbesondere für Papierlaien – hilfreichen Einblick in die Papierwelt verortet der Autor überblicksartig, die „Ware ‚Papier‘ im frühneuzeitlichen Europa“ (Kapitel 3). Dabei stellt er neben dem bedruck- und beschreibbaren Papier heraus, dass Papier auch mangels Alternativen als Verpackungsmaterial benutzt wurde. So verwendeten Apotheker, Händler und Hausierer Tüten, Beutel oder Schachteln als Verpackungs- und Transportmittel für ihre Waren wie Pfefferkörner, Arzneien oder Tabak und wickelten Fisch oder Käse in Makulaturpapier ein.

Im vierten Kapitel gibt Bellingradt Einblicke in das Warensortiment der Buchhändler. Neben gebundenen und ungebundenen Büchern, Holzfässern voller loser Blattsammlungen und Bücherballen offerierten Buchhändlern auch Utensilien zur Nutzung von Papier wie Tinten, Schreibfedern und Scheren (S. 99f). Teilweise wurden die Kunden auch gastronomisch bewirtet oder andere Genussmittel offeriert: So rühmte sich der Karlsruher Buchhändler und für seine Nachdrucke berühmt gewordene Christian Gottlieb Schmieder damit, dass in seinem Buchladen auch vorzüglichste Weine aus Rheinhessen zu bekommen waren.[4] Bellingradt reißt in diesem Kapitel auch die Bedeutung der Buchbinder für die Verbreitung von literarischen Druckwerken und anderen Krämerprodukten für die ländliche Bevölkerung kurz an, insbesondere ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (S. 104f. und 110).[5]

Anschließend werden zunächst allgemein die Märkte für den Papierhandel verortet, ehe Amsterdam in das Zentrum der Analyse rückt. Neben der Materialität des Papiers (S. 115ff.), also des Rohstoffes und der Sozialität des Papierhandels der beteiligten Akteursgruppen (S. 121ff.), die mit dem Rohstoff handeln, inkludiert der Autor die Idee des Marktes als soziale Figuration (S. 133ff.), „in der der Tausch von Verfügungsrechten zwischen einer Vielzahl an Marktteilnehmern in spezifischen marktaffinen Geschäftspraktiken […] stattfand“ (S. 134). Exemplifiziert wird dies am Amsterdamer Papierhandel. Nach einer ausgedehnten Betrachtung über den Wirtschaftsstandort Amsterdams, geht der Autor schließlich auf den Buch- und Papierhandel der Stadt ein, der Amsterdam zum metaphorischen „Bookshop of the world“ gemacht hat (S. 146).

Anhand des Papierhändlers Zacharias Segelke skizzierte Bellingradt die Arbeitspraktiken und wirtschaftlichen Verflechtungen innerhalb der Stadt. Die Rechnungsbücher Segelkes geben hierbei Einblicke in den Kauf und Verkauf des Papiers in unterschiedlichen Qualitäten, Preisen und Formaten. Dabei kümmerte sich Segelke um den Transport des eingekauften Papiers selber und handelte im Tauschverfahren mit anderen Papierhändlern Amsterdams, um kurzfristige Nachfragen der lokalen Verlage, Buchhandlungen und Buchbindereien bedienen zu können. Mit dieser exemplarischen Analyse eines Papierhändlers am Ende des 18. Jahrhunderts schließt Bellingradt seine Darstellung. Das in den vorhergehenden Kapiteln Dargestellte wird so durchaus anschaulich, jedoch ausschließlich im lokalen Kontext exemplifiziert. Wünschenswert wäre es hier gewesen, zusätzlich die internationale Marktverflechtung in andere Länder und Territorien zum Beispiel nach England, Sachsen oder Brandenburg herauszustellen.

Bellingradt versteht sein Buch als Ideen- und Impulsgeber für eine „neuakzentuierte Papiergeschichte“ (S. 171), die drei miteinander verbundene Bereiche umfasst. Erstens soll der urbane Raum als „ressourcenhungrige Märkte“ (S. 174) näher betrachtet werden. Zweitens ist das Recyclingwesen des Papierhandels – damit ist der Textil-, Lumpen- und Papierhandel gemeint – bisher nicht ausreichend erforscht und drittens stellt sich die Frage der Korrelation von Papierverfügbarkeit und der Preisgestaltung, die sich unmittelbar auf die Produktion und Rezeption von Druckwerken ausgewirkt hat.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass der Titel hält, was er verspricht. Bellingradt gelingt es mit seinem Werk „Einblicke“ in den Amsterdamer Papierhandel zu geben und gleichzeitig die Chancen und Herausforderungen einer modernen „paper history“ aufzuzeigen. Wiederholungen von Fakten (z.B. die nicht vorhandene Amsterdamer Papiermühle auf S. 26 und S. 143) sowie lexikonartige Hinweise (Ursprünge des Papiers aus China S. 67f.) innerhalb des kurzen aber überaus kompakten Analyseteils schmälern die Lesefreude an dem Werk nur unwesentlich. Die 30 teilweise farbigen Abbildungen ergänzen die Informationen im Text gut, auch wenn einige im Vergleich zur Über- und Unterschrift eher klein geraten sind. Abgeschlossen wird das Werk von einem im Vergleich zur Gesamtseitenzahl überwältigenden Quellen- und Literaturverzeichnis von über 60 Seiten, das neben Spezialliteratur auch grundlegende Werke der Papier-, Kommunikations- und Buchhandelsgeschichte beinhaltet. Somit ist das Buch auch für diejenigen interessant, die sich bisher kaum mit den oben genannten Forschungsfeldern beschäftigt haben und einen Wegweiser in der Methodik der Papier- und Buchhandelsgeschichte suchen. Für die Experten bietet das gelungene Werk aber zugleich auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen.

Anmerkungen:
[1] Avertissement vom 9. September 1790, in: Frankfurter Intelligenzblatt, Nr. 76 (1790).
[2] Vgl. https://buchwissenschaft.phil.fau.de/forschung/projekte/publizistik-als-handelsware-transregionale-maerkte-raeume-und-netzwerke-im-fruehzeitlichen-europa-1750-1800/ (30.9.2020).
[3] Vgl. Robert Darnton, What is the history of books? Revisted, in: Modern Intellectial History 4 (2007), S. 495–508, hier S. 508.
[4] Für die Bedeutung der Buchbinder in diesem Kontext vgl. Reinhart Siegert, Aufklärung und Volkslektüre. Exemplarisch dargestellt an Rudolph Zacharias Becker und seinem "Noth- und Hülfsbüchlein". Mit einer Bibliographie zum Gesamtthema, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 19 (1978), Sp. 565–1344, hier Sp. 968ff.
[5] Vgl. Allgemeines Intelligenz- oder Wochenblatt für sämtliche hochfürstlich badische Lande, Nr. 42, 25.05.1805, S. 187.