M. Schmidt u.a. (Hrsg.): Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie

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Title
Zwischen Fremdbestimmung und Autonomie. Neue Impulse zur Gehörlosengeschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz


Editor(s)
Schmidt, Marion; Werner, Anja
Series
Disability Studies. Körper – Macht –Differenz
Extent
426 S.
Price
€ 39,99
Reviewed for H-Soz-Kult by
Raphael Rössel, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Dieser Band verrät zwei Dinge über die Forschungslandschaft zur Geschichte gehörloser Menschen im deutschsprachigen Raum. Einerseits zeugt er von der bisher geringen Institutionalisierung der jungen Deaf History und zeigt andererseits ihr vielversprechendes, wenn auch weiterhin unterbestimmtes Innovationspotential. Marion Schmidt und Anja Werner formulieren für das Sammelwerk das Ziel, einen „weiteren Grundstein“ (S. 21) für diese Forschungsrichtung in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu legen. Der geschichtswissenschaftliche Nachholbedarf spiegelt sich ebenso in der Zusammensetzung der Beitragenden: Das Aufgebot umfasst neben akademischen Geisteswissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen auch Lehrerinnen und Verbandsvertreter. Der in der maßgeblichen deutschsprachigen Reihe zu den Disability Studies erschienene Band umgeht dabei eine explizite Stellungnahme zu der grundlegenden Frage, ob es sich bei den vorrangig untersuchten gebärdenden gehörlosen und schwerhörigen Menschen um eine mit einer Behinderung belegte Gruppe, um eine marginalisierte Sprach- und Kulturgemeinschaft oder um beides handelt.[1] Werner und Schmidt wollen allerdings keine hermetische Geschichte gehörloser Menschen entwickeln, sondern über das Phänomen Gehörlosigkeit zugleich mehrheitsgesellschaftliche Normalitätsvorstellungen diskutieren (S. 39).

Die elf in drei Themenblöcken verbundenen, methodisch und auch in ihrer analytischen Tiefe extrem ungleichen Fallstudien eint ihr „Rewriting“-Anspruch, etablierte Perspektiven auf die Lebenslagen gehörloser Menschen zu hinterfragen. Die erste Rubrik zeichnet Selbstbilder und Gruppenbildungsprozesse gehörloser und schwerhöriger Menschen in institutionellen Kontexten nach. Sylvia Wolff betrachtet Schülertagebücher der Hamburger Taubstummenanstalt aus dem frühen 19. Jahrhundert als Selbstvergewisserungsmedien. Wenngleich ihre theoretische Einordnung des Aussagewertes von institutionell hervorgebrachten Egodokumenten erfahreneren Leser/innen überdimensioniert erscheinen mag, schildert Wolff nicht nur geschlechterdifferenzierte Erfahrungswelten, sondern zeigt auch Abgrenzbewegungen gehörloser gegenüber blinden Menschen. Vera Blaser und Matthias Ruoss nuancieren ebenfalls Selbstverortungen untergebrachter Schülerinnen und Schüler. Sie blicken besonders auf die geschlechtsspezifische Nachfürsorge für Schulabgänger/innen der St. Gallener Taubstummenanstalt zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren. Deren Berufs- und Eheberatung schrieb tradierte Rollenbilder fort; zudem ließ sie aus erbbiologischen Erwägungen Ehen unter Gehörlosen teilweise nur nach Sterilisationen zu. Die übergreifende These von Blaser und Ruoss, dass die berufliche Teilhabe Friktionen zwischen gehörlosen Menschen und der Mehrheitsgesellschaft nicht abbaute, sondern verstärken konnte, überzeugt. Sie unterläuft Erfolgserzählungen, die der gesellschaftlichen eine berufliche „Integration“ voranstellen. Der institutionalisierte Paternalismus traf auf ein neues Selbstbewusstsein gehörloser Arbeitnehmer/innen, die schlechtere Aufstiegschancen bei hörenden Arbeitgebern immer weniger akzeptierten. Die Soziologin Andrea Neugebauer vertieft diese Frage nach der Produktion von Ungleichheit gehörloser und schwerhöriger Menschen durch die mehrheitskulturelle Erwartungshaltung eines alleinigen oder präferierten Gebrauchs von Lautsprache. Anhand narrativer Interviews weist sie Lippenlesen als asymmetrische Kommunikationsform aus. Ihre gelungene Fallstudie unterscheidet durchaus eigensinnige Bewältigungsstrategien der permanenten Abhängigkeit vom Sehen der Lippenbewegungen. Allerdings fehlt der Konnex zur historischen Forschung. Gerade weil Neugebauer theoretisch wie sprachlich luzide eine bisher kaum erforschte Praktik seziert, hätte eine Einordnung in historiographische Fragen den Beitrag abgerundet.

Der zweite Teil blickt auf die Handlungsspielräume bestimmter Gruppen und Verbände gehörloser Menschen im 20. Jahrhundert. Ylva Söderfeldt und Enno Schwanke beleuchten die ambivalente Rezeption eugenischer Debatten in der deutschen Gehörlosenbewegung während der Weimarer Republik. Mit Beiträgen aus der verbandlichen „Deaf Press“ unterfüttern sie ihre Beobachtung, dass gerade gehörlose Nachkommen hörender Eltern angedrohte Unfruchtbarmachungen und die generelle Einteilung als „minderwertig“ nicht nur zurückwiesen, sondern sich solche Vorwürfe aneignen konnten, um ihre eigene Leistungsfähigkeit hervorzuheben und sich gegenüber anderen behinderten Menschen aufzuwerten (S. 180). Söderfeldt und Schwanke reihen sich damit in Untersuchungen ein, die sich gegen eine singularisierende Geschichte bestimmter Gruppen von oder gar „der“ behinderten Menschen wenden und aufzeigen, dass diskriminierende Fremdbilder auch Bruchlinien innerhalb einer als homogen wahrgenommenen Gemeinschaft behinderter Menschen verstärken oder erst hervorbringen konnten.[2] Michael Gebhards Aufsatz zur Etablierung der Gebärdensprachforschung in der Schweiz sowie Anja Werners und Carolin Wiethoffs quellengesättigte Untersuchung strategischer Kommunikationspraxen von Verbandsoberen in der frühen DDR zeigen ebenfalls Klüfte innerhalb nationaler „Deaf Communities“.

Mark Zaurov trägt ein Plädoyer nicht nur für eine inklusivere, sondern auch für eine ausdifferenziertere Erinnerungskultur bei. Er wirft der bestehenden Holocaustforschung weitgehende Ignoranz gegenüber den spezifischen Lebenslagen jüdischer Gehörloser in Vernichtungslagern vor. Auch die Erinnerung an die unterschiedlichen Leid- und Unrechtserfahrungen behinderter und gehörloser Menschen sei unter dem Label der „Aktion T4“ homogenisiert und per se der „Euthanasie“ zugerechnet worden (S. 275f.). Zaurov kann in seinem engagierten Zwischenruf, der die persönlichen Anstrengungen des Autors für einen neuen Erinnerungsort textlich wie bildlich dokumentiert, das Spannungsverhältnis zwischen der Forderung nach angemessenen Erinnerungsweisen und dem Vorwurf einer Opferkonkurrenz letztlich nicht auflösen. Trotz der begrüßenswerten Konjunktur der Public Disability History[3] hätte ein stringenter Fachbeitrag zu Zaurovs Forschungskonzept „Deaf Holokaust“[4] besser zur historiographischen Bandkomposition gepasst als der Blick auf die Erinnerungskultur; nicht zuletzt da über Zaurovs Konzept einer näheren Bestimmung des Verhältnisses von Deaf History, Disability History und der „allgemeinen“ Geschichtsschreibung der Boden hätte bereitet werden können.

Die Beiträge des finalen Abschnitts lesen Perspektiven hörender Mehrheitsgesellschaften auf Gehörlosigkeit gegen den Strich. Aus einem historisch-kriminologischen Blickwinkel legt Raluca Enescu vor dem Hintergrund der preußischen (Rechts-)Reformen anhand von drei Mordprozessen im 18. und 19. Jahrhundert den Wandel juristischer Vorstellungen von der strafrechtlichen Schuldfähigkeit gehörloser Menschen frei. In ihrem detailreichen close reading arbeitet Enescu die in der Rechtsprechung und in der auf Lautsprache basierenden Rechtspraxis produzierten Bilder von Gehörlosigkeit heraus. So zeigt sie, dass ertaubten Menschen größere Einsicht in die Kategorien Recht und Unrecht zugetraut wurde als gehörlos Geborenen. Für die Angeklagten hatte ihre Gehörlosigkeit insgesamt einen ambivalenten Effekt. In den früheren Fällen sahen die Richter entgegen der damals gängigen Praxis von Todesstrafen ab, da die Delinquenten durch ihre Behinderung bereits „gestraft“ seien. Im jüngsten Fall hingegen wurde einem gehörlos Geborenen die Fähigkeit abgesprochen, zwischen Recht und Unrecht unterscheiden zu können – eine Diskriminierung, die zum Freispruch führte.

Mit Florian Wibmers Beitrag zum Wandel der Lehrausrichtung des kaiserlich-königlichen Taubstummeninstituts in Wien während der Habsburger Monarchie beginnt schließlich eine Aufsatzreihe zur Historisierung der Gehörlosenpädagogik. Wibmer verdeutlicht sehr quellennah, dass nationale Auseinandersetzungen um die pädagogische Verwendung von Laut- und Gebärdensprachen bereits im 19. Jahrhundert deutlich widersprüchlicher waren, als es das Schlagwort vom polarisierten „Methodenstreit“ vermuten lässt. Auch Ingo Degner beschreibt eine vieldeutige, hybride Sprachlehrrealität im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert. Seine etwas heroisch aufgemachte Kurzbiographie über Georg Wilhelm Pfingsten, den Gründer der Schleswiger Taubstummenschule, hätte aber einige der ausgelegten Fährten konsequenter verfolgen können. Verwiesen sei nur auf den bloß beiläufig erwähnten Galvanismus, die auch durch Pfingsten kurzzeitig praktizierte Zufuhr von Strom zur vermeintlich hör- und sprachfördernden Stimulation von Mund, Ohren und Kehlkopf (S. 363f.). Am Ende des Bandes steht Franz Dotters, Helene Jarmers und Lukas Hubers Dokumentation der zeithistorischen Beharrungstendenzen einer lautsprachlich geprägten Gehörlosenpädagogik in Österreich. Ihre These, dass Inklusion dort nur innerhalb eines oralistischen Paradigmas forciert wurde und wird, entwickeln sie überzeugend auf den Feldern des Schulrechts und der Schulpraxis. Sie verweisen auf die hohen rechtlichen Hürden, die für gebärdensprachliche Unterrichtsformen weiterhin bestehen.

Der Band hat sein Ziel erreicht, Impulse zu setzen für eine neue Historiographie, die gehörlose Menschen als Subjekte ihrer eigenen Geschichte versteht. Wenngleich engere Klammern zwischen den regional, epochal und methodisch sehr unterschiedlichen Beiträgen wünschenswert gewesen wären, ist diese Verinselung nur Ausdruck des großen Forschungsbedarfs. Grundsteine sind gelegt – nun muss sich über die Architektur verständigt werden. Denn ob die Gehörlosengeschichte ein separates historiographisches Gebäude trägt oder ein Zimmer innerhalb der Disability History bezieht, ist auch nach der Lektüre ungewiss.[5] Doch nur dank der Pionierarbeit dieses Sammelbandes können die baustatischen Überlegungen beginnen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. problematisierend Anja Werner, Behindert oder sprachlich-kulturelle Minderheit? Eine kulturhistorische Perspektive auf gehörlose Menschen in Deutschland, in: Dominik Groß / Ylva Söderfeldt (Hrsg.), „Disability Studies“ meets „History of Science“. Körperliche Differenz und soziokulturelle Konstruktion von Behinderung aus der Perspektive der Medizin-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte, Kassel 2017, S. 105–129.
[2] Zur Konjunktur zeithistorischer Analysen von Diskriminierungen unter als behindert kategorisierten Menschen vgl. auch Gabriele Lingelbach, Behindert / Nicht behindert. Begrifflichkeiten, Konzepte und Modelle in der Disability History, in: Aus Politik und Zeitschichte 68/38–39 (2018), S. 37–41, hier S. 40f., https://www.bpb.de/apuz/275890/behindert-nicht-behindert-disability-history?p=all (12.09.2020).
[3] Cordula Nolte (Hrsg.), Dis/ability History Goes Public. Praktiken und Perspektiven der Wissensvermittlung, Bielefeld 2020.
[4] Mark Zaurov, “Deaf Holocaust”. Deaf Jews and Their “True” Communication in the Nazi Concentration Camps, in: Michaela Wolf (Hrsg.), Interpreting in Nazi Concentration Camps, New York 2016, S. 135–145.
[5] Zur grundlegenden Diskussion unter Disability Historians, ob ihr Gegenstand die Lebenslagen behinderter Menschen sind und/oder ob sie eine gänzliche neue Form der Geschichtsschreibung betreiben, welche die Bedingungen verkörperter Normalitäts- und Devianzvorstellungen offenlegt, vgl. Gabriele Lingelbach / Anne Waldschmidt, Jenseits der Epochengrenzen. Perspektiven auf die allgemeine Geschichte, in: Cordula Nolte u. a. (Hrsg.), Dis/ability History der Vormoderne. Ein Handbuch, Affalterbach 2017, S. 50–52.