Cover
Titel
Wissen und Bildung in einer Zeit bedrohter Ordnung. Der Zerfall des Karolingerreiches um 900


Herausgeber
Pezé, Warren
Reihe
Monographien zur Geschichte des Mittelalters 69
Erschienen
Stuttgart 2020: Anton Hiersemann
Anzahl Seiten
380 S.
Preis
€ 118,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Georg Friedrich Heinzle, Abteilung Überlieferungsbildung, Staatsarchiv Graubünden

Der von Warren Pezé herausgegebene Sammelband ist das Ergebnis von zwei Workshops des Tübinger Sonderforschungsbereichs “Bedrohte Ordnungen” (SFB 923) und steht dementsprechend im Zeichen des von der Tübinger Mediävistik in den letzten Jahren stark betriebenen Konzepts des “Wissens”.[1] Gegenstand der Beiträge ist die Umbruchphase im Europa der Jahre um 900, der als “bedrohte Ordnung” verstandene Zerfall des Karolingerreiches. Trotz dieser eher auf disruptive Umbrüche hindeutenden Prämisse steht der Band klar im Kontext der gegenwärtig in der Frühmediävistik dominierenden Kontinuitätsvorstellungen: Die Idee eines disruptiven Zerfalls oder Niedergangs wird problematisiert und mit einer auf kleinere Erzählungen, differenzierte Detailuntersuchungen und letztlich auf Kontinuität zwischen der Karolingerzeit und dem 10. Jahrhundert zielenden Sicht kontrastiert.

Der Band gliedert sich in drei Teile: Teil 1 fragt nach “Carolingian Continuity during the ‘Century of Iron’” des 10. Jahrhunderts, Teil 2 trägt die Überschrift “Knowledge in the Making” und enthält Untersuchungen etwa zur Handschriftenproduktion, Teil 3 schließlich behandelt lokale Umgangsweisen mit Krisen um 900 unter dem Titel “Local Responsens to Global Crisis”. Die insgesamt 14 Beiträge in englischer, französischer und deutscher Sprache behandeln eine Mischung spezifischer Themen, wobei eine Einleitung von Warren Pezé und ein Übersichtsbeitrag mit Ausblick von Sita Steckel am Schluss den Rahmen bilden.

Pezés Einleitung steckt das Programm des Bandes ab: Er ruft das von Cesare Baronio geprägte Bild eines eisernen Zeitalters im 10. Jahrhundert in Erinnerung, an dem sich die Beiträge abarbeiten. Pezé betont das Konzept des “Wissens” als roten Faden, unterstreicht die Stabilität der karolingischen Welt und verweist auf eine neue Offenheit der Situation um 900. Letzteres trifft zweifellos zu, wenngleich auch schon das 9. Jahrhundert nicht arm an kritischen Übergangssituationen war. Wie dem auch sei, die Einleitung zeigt die Spannung zwischen Kontinuität einerseits und Niedergang und Umbruch andererseits auf, in der sich die Beiträge des Bandes bewegen.

Tragende Motive des Bandes werden im ersten Teil greifbar: Fréderic Duplessis eröffnet mit einem Beitrag zur Juvenal-Rezeption in der fraglichen Zeit, der im Sinne karolingischer Kontinuität argumentiert. Susan Rankins Aufsatz zum musikalischen Werk Reginos von Prüm ergänzt hierzu ein zweites wichtiges Motiv, nämlich das einer konservierenden Weitertradierung und praktischen Anpassung karolingischer Kulturleistungen. Sita Steckel beschreibt diese im Schlussbeitrag als Reifung (S. 408ff), eine Art Erstarrung im Praktischen. Ganz im Zeichen des theoretischen Anspruchs des Bandes steht wiederum Warren Pezés Aufsatz zum Wissen über das Königtum um 900. Anschaulich stellt er dar, wie sich die paränetische Literatur von den klassischen karolingischen Fürstenspiegeln in andere Genres wie Historiographie oder Synodaltexte verlagert. Schade ist, dass Pezé die Kapitularien bewusst ausklammert (S. 151), denn selten wird der Herrscher so direkt repräsentiert wie dort. Insgesamt aber präsentiert er ein breites Quellenspektrum und sogar einen kurzen, bisher nicht edierten Text. Auch in seinen Schlussfolgerungen zeigt sich das Einhergehen karolingischer Tradition mit einem verkleinerten, praktischer orientierten Horizont.

Die gleichen Motive mit Blick auf praktische Wissensproduktion behandelt der zweite Teil. Als Innovation der Zeit um 900 zeigt etwa Wilfried Hartmann das Sendhandbuch Reginos von Prüm. Oft hat man in Regino eine Art Schlussstein karolingischer Perspektiven gesehen, vor allem in der Historiographie.[2] Hartmanns Beitrag präsentiert das Sendhandbuch aber als ein vom späten 9. Jahrhundert geprägtes Kompendium, das zugleich prägend in das 10. Jahrhundert hineinwirkte, mehr Brücke als Schlussstein. Einen lebendigen Impuls setzt Franck Cinato mit seinem Aufsatz über eine wahre Gelehrtengestalt des 10. Jahrhunderts, Israel, den Grammatiker. Cinato zeichnet dessen faszinierenden Lebensweg nach und zeigt ihn auf den Spuren der großen karolingischen Gelehrten. Einen Faktor “kultureller Reifung” könnte man darin sehen, dass Cinato Israel vor allem als Pädagogen präsentiert, der mit Einfühlungsvermögen und auch Witz den großen Schatz frühmittelalterlicher Gelehrsamkeit vermittelte. Implizit bleibt auch bei Cinato die Gelehrtenkultur des 9. Jahrhunderts der Maßstab. Auch Mariken Teeuwen betont in ihrer Diskussion der Boethius-Manuskripte und ihrer Annotationen um 900 die überragende Bedeutung des karolingischen Erbes. Sie macht den Schwerpunkt der Boethius-Beschäftigung im Kernland des Karolingerreiches zwischen Loire und Rhein aus, ein weiteres Zeugnis für das Beruhen kultureller Leistungen des 10. Jahrhunderts auf karolingischen Grundlagen – räumlich wie geistig.

Räumliche Spezialperspektiven sind das Thema des dritten Teils. Dieser fällt insgesamt weniger überzeugend aus als die anderen Abschnitte. Pierre Chambert-Protat beginnt mit einem Beitrag zur intellektuellen Arbeit in Lyon nach dem Tod des Florus († ca. 860). Er zeigt, wie Florus‘ Erbe durch Kopien seiner Werke überlebte, wie sich die Schreibwerkstatt und Bibliothek von Lyon durch charakteristische Merkmale auszeichnete; ein Niedergang sei nicht erkennbar. So interessant die Details der Darstellung sind, etwas mehr ordnende Struktur hätte dem Beitrag gutgetan. Offene Fragen lässt auch der Beitrag Felix Schaefers über Erinnerungspolitik in Bezug auf die Karolinger in Prüm und Metz zurück. Problematisch sind zunächst die wertenden Begrifflichkeiten, wenn es etwa heißt, Regino vom Prüm schreibe “auf verdächtige Weise” (S. 337). Auch die theoretischen Grundlagen und Schlussfolgerungen hätten von einer breiteren Erläuterung profitiert, die das Innovative des Beitrags greifbarer hätte machen können. Gelungener erscheinen die Beiträge von Giorgia Vocino und Annette Grabowsky. Vocino nimmt die literarische Reaktion auf die Ungarneinfälle um 900 in Italien aus der lokalen Perspektive von Modena in den Blick. Sie schlussfolgert, passend zu den anderen Beiträgen, dass die Vielfalt und die traditionellen Bezüge dieser intellektuellen Arbeit in mancher Hinsicht karolingischer waren als je zuvor. Ein klassisches Motiv der Erzählung vom Niedergang um 900 greift Grabowsky auf: Die sogenannte Leichensynode gegen die sterblichen Überreste des Papstes Formosus († 896). Grabowsky präsentiert das Forschungskonzept von den „bedrohten Ordnungen“ als neue Perspektive auf das altbekannte Thema. Sie deutet die Leichensynode und ihre textlichen Hinterlassenschaften als Zeugnisse einer „Professionalisierung“ des Papsttums, was sich also als Innovationsmotiv von der sonst im Band dominierenden karolingischen Kontinuität abhebt.

Den Abschluss des Bandes bildet ein Beitrag von Sita Steckel. Er ist dem dritten thematischen Abschnitt zugeordnet, stellt aber eigentlich eine Art bewertende Zusammenfassung der anderen Beiträge dar. Steckel unterstreicht deutlich den Anspruch des Bandes, theoriebildend zu wirken: Man habe nicht nur neue Perspektiven auf die Jahre um 900 präsentiert, sondern gar neue Arten, Geschichte zu schreiben überhaupt („new ways of writing history, period“, S. 399). Steckel lobt die gegenwärtige Frühmediävistik für ihre zunehmende Internationalisierung, was zweifellos richtig ist. Ebenso richtig ist die vorgebrachte Kritik an destruktiven Forschungsmethoden, die Aussagen zerstören, ohne neue anzubieten (S. 405). Weniger überzeugend ist die darauffolgende Forderung, keine neuen Großtheorien aufzustellen, sondern auf einer mittleren Eben zu verbleiben (S. 406). Denn es ist keine Frage, dass gerade der Mut zu deutlichen Aussagen und konsistenten Erzählungen ein Erfordernis der gegenwärtigen historischen Mediävistik ist. Auch die vorgebrachte Anregung, selbstkritisch zu sein, etwa mit Blick auf Eurozentrismus, ist absolut berechtigt, erscheint aber nicht unbedingt innovativ: Wer würde bestreiten, dass westliche Selbstkritik und deutliche Internationalisierung seit Langem Großtrends der Geisteswissenschaften überhaupt sind? Und gerade von dieser Warte aus ist doch fraglich, ob ein betont mittelgroßer Aussagehorizont auf die Dauer neue Forschungserfolge verspricht.

Insgesamt hinterlässt der Sammelband einen zwiespältigen Eindruck. Er enthält einige Spezialstudien von hohem handwerklichem Niveau und repräsentiert das eindrucksvolle Repertoire der internationalen Frühmediävistik. Welche über Einzelfragen hinausgehenden Schlussfolgerungen über die Zeit um 900 sachlich zu ziehen sind, ist jedoch nicht eindeutig. Sicher kann man den Band so verstehen, dass das Erbe der Karolinger lebendig war und dass es nicht in politischer Einheit bestand, sondern in einer von tiefer christlicher Gelehrsamkeit durchdrungenen Welt, die ein reiches kulturelles Erbe besaß. Insofern hätte sich die beschriebene bedrohte Ordnung als ausgesprochen resilient erwiesen. Eine Aufwertung des 10. Jahrhunderts erbringt der Band insgesamt nur bedingt, denn er zeigt es zwar als lebendig und besser als seinen Ruf, aber eben als Folgezeit der Karolinger – was ja nichts Schlechtes sein muss. Der von Steckel im Schlussbeitrag offensiv formulierte Anspruch, neue Arten der Geschichtsschreibung an sich zu definieren, ist zu hoch gegriffen. Natürlich folgen die Beiträge mit Konzepten wie “Wissen” und “bedrohte Ordnungen” aktuell wirkungsvollen Forschungstrends. Aber die große Perspektive, die der Untertitel „The Fall of the Carolingian Empire“ verspricht, bleibt aus. Das ist bedauerlich, gerade weil die Qualität der Einzelbeiträge zeigt, dass der Band zu einem pointierteren Ergebnis hätte gelangen können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zum Konzept des „Wissens“ etwa Steffen Patzold, Episcopus. Wissen über Bischöfe im Frankreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts, Ostfildern 2008, S. 37–41. Zu den „bedrohten Ordnungen“ vgl. Steffen Patzold, Bedrohte Ordnungen, mediävistische Konfliktforschung, Kommunikation: Überlegungen zu Chancen und Perspektiven eines neuen Forschungskonzepts, in: Ewald Frie / Mischa Meier (Hrsg.), Aufruhr – Katastrophe – Konkurrenz – Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften, Tübingen 2014, S. 31–60.
[2] Vgl. z.B. Stuart Airlie, 'Sad Stories of the Death of Kings'. Narrative Patterns and Structures of Authority in Regino of Prüm's Chronicon, in: Elizabeth Tyler / Ross Balzaretti (Hrsg.), Narrative and History in the Early Medieval West, Turnhout 2006, S. 105–131.