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Titel
Ein Gelehrter am Münchener Hof. Die Tagebücher des Andreas Felix von Oefele (1706–1780)


Autor(en)
Müller, Markus Christopher
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 634 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Oberdorf, Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Der Literaturwissenschaftler und Shakespeare-Experte Stephen Greenblatt, der als Begründer des New Historicism gilt, prägte in den frühen 1980er-Jahren den Begriff des „Self-Fashioning“, der die Konstruktion von Identität in einem Wechselspiel aus Selbstwahrnehmung und Selbstrepräsentation zu beschreiben suchte. Wie Greenblatt für die Kultur der englischen Renaissance aufzeigte, wird das Selbstverständnis eines Individuums von den kulturell vermittelten, symbolischen Ordnungen und spezifischen Rollenerwartungen bestimmt, die auf die alltägliche Lebensführung einwirken und zur Annahme entsprechender Formen und Praktiken der Selbstrepräsentation und Selbstvergewisserung führen.[1] Das Konzept des „Self-Fashioning“ wird bis heute interdisziplinär rezipiert. In der Erforschung des 18. Jahrhunderts hat es schon vor einiger Zeit zu einer Hinwendung zur Alltagsgeschichte der Gelehrsamkeit beigetragen, in der das Selbstverständnis des Gelehrten, sein Wissen und seine alltäglichen gelehrten Praktiken in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wurden.[2] Bislang fehlt es allerdings an umfassenden biographischen Studien, die sich diesen Zusammenhängen an einem konkreten Fall widmen.

Der Münchener Historiker Markus Christopher Müller hat jetzt eine Arbeit vorgelegt, die sich mit dem kurbayerischen Gelehrten, Hofbibliothekar und Prinzenerzieher Andreas Felix von Oefele (1706–1780) auseinandersetzt und in diesem Kontext ebenfalls das Konzept des „Self-Fashioning“ aufgreift. Eine breite Quellenbasis bilden hierfür die 74 überlieferten Tagebücher, die Schreibkalender, die Korrespondenz sowie wissenschaftliche Schriften Oefeles. Die Tagebücher, die Oefele anhand seiner Schreibkalender anfertigte, werden zu Beginn der Untersuchung kritisch durchleuchtet, vor allem aus der Perspektive der Selbstzeugnisforschung im Schnittfeld neuerer literatur- und geschichtswissenschaftlicher Forschungsansätze. Anhand dieser Quellen untersucht Müller, wie sich Oefele als Gelehrter verstand und zu inszenieren wusste, wobei das Schreiben der Tagebücher selbst zum Zeugnis seines gelehrten Arbeitens wurde. Müller zeigt aus einer praxeologischen Forschungsperspektive, wie sich gelehrtes Leben und Arbeiten in Oefeles Selbstzeugnissen widerspiegelt und inwiefern dies als „Self-Fashioning“ des Gelehrten gedeutet werden kann. Die Studie führt dabei vor Augen, dass Oefele im Laufe seines Lebens vielfältige Aufgaben übernehmen musste, die sich aus privilegierten Positionen am kurbayerischen Hof ergaben, etwa als Prinzenerzieher, Kabinettssekretär, Hofrat, Bibliothekar, Archivar und Historiograf. Oefele gelang es dabei, wie Müller an mehreren Stellen aufzeigt, die unterschiedlichen Aufgaben, Tätigkeiten und Rollenerwartungen des Hofes mit seinem eigenen Selbstverständnis als Gelehrter in Einklang zu bringen. Dies verwundert zwar nicht, jedoch beweist Oefele hierbei eine erstaunliche Flexibilität und Geschick, sich in vielerlei Bereichen gelehrtes Wissen anzueignen und seine Expertisen für höfische Belange einzusetzen.

Die Studie besteht aus sieben Kapiteln. Nach der Einführung in den maßgeblichen Quellenbestand und in die skizzierte Forschungsaufgabe (Kapitel A), schildert Müller die familiäre Herkunft Oefeles, dessen Schulbesuch in München und das Studium in Ingolstadt und Löwen (Kapitel B). Das „‚Self-Fashioning‘ als humanistischer Gelehrter“, so deutet Müller hier, sei schon in jener Zeit durch die Verbindung „jesuitischer Latinität und humanistischer Gelehrsamkeit“ (S. 132) geprägt worden, sodass Oefele „als Meisterschüler des Späthumanismus“ (S. 131–133) bezeichnet werden könne. Obwohl Müller den Zusammenhang von Humanismus und (katholischer) Aufklärung anmerkt, ist wenig einleuchtend, warum er diesen am Beispiel von Oefele nicht stärker entfaltet. Stattdessen gelangt Müller verfrüht zu der Einschätzung, dass Oefeles gelehrte Praxis zweifelsfrei in der Tradition älterer „Praktiken, besonders solche[r] des Barock und des diesem zugrundeliegenden (Spät-)Humanismus“, stünde und dass diese Referenzfolie daher "vorrangig, wenn nicht sogar ausschließlich" (S. 47) für eine Analyse von Oefeles gelehrten Praktiken heranzuziehen sei.

Anschließend wird ausführlich auf unterschiedliche Aspekte der Religiosität und Emotionalität Oefeles eingegangen, die Müller als „‚innere‘ Perspektive der Tagebücher“ (Kapitel C) kennzeichnet. Hier wird die religiöse Glaubenspraxis Oefeles rekonstruiert. Dabei wird an diesem Beispiel einmal mehr deutlich, dass die frühneuzeitliche Frömmigkeitspraxis nicht in einen Gegensatz zu humanistischen Bildungsideen trat, obgleich sie stark auf die heidnische Antike rekurrierten. Zudem macht Müller deutlich, dass Oefele zwar gläubiger Katholik war und sich als katholischer Gelehrter verstand, jedoch nicht als Theologe und Apologet: „Die ‚dankbare‘ Rolle des auch in religiösen Fragen beobachtenden Historikers lag Oefele wesentlich mehr als die des streitenden Theologen.“ (S. 173) Dies entspräche nicht nur Oefeles verinnerlichter Religiosität, sondern spiegele auch sein lebenslanges Streben nach Distanziertheit und Selbstbeherrschung wider, das seinen Gelehrtenhabitus strukturierte und mit dem er kontingente Lebenserfahrungen zu bewältigen suchte.

In den weiteren Kapiteln wendet sich Müller dem Wirken Oefeles am kurbayerischen Hof zu. Zunächst steht im engeren Sinne dessen Tätigkeiten als Gelehrter und Berater im Mittelpunkt des Interesses (Kapitel D), durch die Oefele am Hof an Einfluss und Ansehen deutlich gewann. Als Prinzenerzieher und Vertrauter des Herzogs Clemens (1722–1770), eines Neffen des bayerischen Herzogs und deutschen Kaisers, stieg Oefele bald in die obersten Kreise des Kaiserhofes auf. Er wurde Kabinettssekretär und Hofrat. Seine Position am Hof müsse, so Müller, „trotzdem als solitär verstanden werden“ (S. 351), da es ihm – anders als den Medizinern und Juristen am Hof – gelang, sich als Gelehrter zu präsentieren, dessen Stellung nicht durch eine spezifische berufliche Tätigkeit bestimmt wurde. Dass Oefele seine Stellung als „gelehrter Solitär“ (S. 506–508) zu halten suchte, spiegelt sich auch in seiner Ablehnung neuer Formen der Vergesellschaftung des gelehrten Arbeitens wider, etwa im Zuge der Akademiebewegung (S. 435–447). Müller betont, dass für Oefeles Statusgewinn am Hof die Einhaltung und Pflege erwünschter höfischer Praktiken ebenso ausschlaggebend waren wie das gelehrte Wissen, das dieser für die Belange des Hofes richtig einzusetzen wusste und wodurch er sich für höhere Hofämter qualifizierte.

Dieser Aspekt wird von Müller im folgenden Kapitel aufgegriffen, das Oefeles Tätigkeiten am Hof als Historiograf, Bibliothekar, Archivar, Sammlungsleiter, Numismatiker und Bücherzensor darstellt (Kapitel E). Müller kommt dabei zu der Beobachtung, dass Oefele ein aufgeklärtes, modernes Wissenschaftsverständnis nicht teilte, sondern in seinem Denken und Handeln verhaftet blieb in einer „enge[n] Verschmelzung von bayerischem Patriotismus, humanistischer Gelehrtenpraxis und ein ausgesprochen historiografischen Interessensschwerpunkt“ (S. 508). Zwei weitere, vergleichsweise kurze Kapitel bilden den Abschluss der vorliegenden Studie. Zunächst richtet Müller den Fokus auf Aspekte von Körper, Krankheit, Tod und die gelehrte Memoria (Kapitel F), wodurch zugleich das Lebensende Oefeles gerahmt wird, bevor Oefele von Müller abschließend „als Bayerns letzter Humanist“ (Kapitel G) gekennzeichnet wird. Dies geschieht anhand von drei Aspekten, die an vorherige Ergebnisse anschließen, und zwar anhand der in seinen Selbstzeugnissen aufscheinenden Materialität des gelehrten „Self-Fashioning“, der Prozessualität humanistischer Gelehrtenpraxis und der Historizität des bayerischen Patriotismus zwischen Späthumanismus und Aufklärung.

Wenn auch die kulturgeschichtlich-praxeologische Ausrichtung dieser Studie insgesamt überzeugt, so überrascht ein wenig, dass den spezifischen Voraussetzungen des kurfürstlichen bzw. kaiserlichen Hofs für Oefeles gelehrte Praktiken offenbar kaum eine Bedeutung zugemessen wird. Immerhin war Oefele, der in seinem Leben zahlreiche Ämter bekleidete, sich zu profilieren wusste, in der Hierarchie des Hofes aufstieg und als Gelehrter „Karriere“ machte, ebenfalls eingebunden in das komplexe Gefüge höfischer Patronage wie auch ritueller und symbolisch-zeremonieller Handlungen, die den Alltag am Hof strukturierten.[3] Besonders interessant ist zum einen die Frage, wann es zu welchen Interessenskonflikten zwischen dem Hof und Oefele kam und ob dieser seine Abweichungen von dem erwünschten Verhalten und von den Erwartungen des Hofes an sein gelehrtes Arbeiten in seinen Selbstzeugnissen zur Sprache brachte. Zum anderen stellt sich hieran anschließend die Frage, ob das Handeln eines Akteurs innerhalb einer weitgehend geschlossenen Hofökonomie überhaupt als „solitär“ bezeichnet werden kann.

Die vorliegende Studie ist Ergebnis eines umfassenden und akribischen Quellenstudiums, das zunächst die Sichtung und Erschließung der hauptsächlich in lateinischer, deutscher und französischer Sprache verfassten Selbstzeugnisse von Andreas Felix von Oefele voraussetzte. Dies gestattet eine äußerst detailreiche Analyse seiner Lebensgeschichte, die Müller insgesamt sehr gelungen ist. Müller kann daher nicht vorgeworfen werden, aus seinen reichhaltigen Quellen lediglich eine Blütenlese zu betreiben, denn auf den rund 540 Seiten werden die weiteren kleineren und größeren Rollen, die Oefele in seinem Leben zu spielen hatte, ebenso hinreichend thematisiert und in einen argumentativen Zusammenhang gebracht. Selbst wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, eine biografische Arbeit vor sich zu haben, so zeigt Müller in einer knappen „biografische[n] Skizze“ (S. 51f.), dass die Gliederung der Studie keinesfalls der Biografie Oefele folgt, sondern klare systematische Zuordnungen aufweist. Hieraus erschließen sich Themen- und Bezugsfelder, die in anderen aktuellen Gelehrtenstudien so nicht zum Gegenstand gemacht werden, etwa die Bedeutung der Familie, der Frauen und der eigenen Kinder, oder auch die Bedeutung von Religiosität und Emotionalität, die Müller ebenfalls quellennah zu rekonstruieren und in seine Studie einzubinden versteht.

Das Ergebnis ist eine umfang- und detailreiche Forschungsarbeit, die den Blick auf das Potential von Tagebüchern als historische Quellen schärft, jedoch auch ihre Risiken vor Augen führt, sich im Detail der Texte und im Geflecht der gegenseitigen Bezugnahmen manchmal verlieren zu können. Zukünftige Arbeiten zur Alltagsgeschichte der Gelehrsamkeit und zum gelehrten „Self-Fashioning“ werden um diese Studie nicht herumkommen. Auch für die Erforschung von Humanismus und Aufklärung im 18. Jahrhundert wird diese Arbeit ihren Beitrag leisten, indem sie auf Traditionen und Kontinuitäten gelehrter Praktiken aufmerksam macht und zugleich davor gefeit ist, „überall Neues und damit Aufklärung zu sehen“ (S. 542). Dank der sorgfältigen Recherche, der intensiven Auseinandersetzung mit den Quellen und der insgesamt schlüssigen Argumentation bietet die Studie daher eine anregende und lesenswerte Lektüre.

Anmerkungen:
[1] Stephen Greenblatt, Renaissance Self-Fashioning. From More to Shakespeare, Chicago 1980.
[2] Martin Mulsow, Die unanständige Gelehrtenrepublik: Wissen, Libertinage und Kommunikation in der Frühen Neuzeit, Stuttgart 2007, S. 67–86; vgl. Richard Kirwan (Hrsg.), Scholarly Self-Fashioning and Community in the Early Modern University, Farnham 2013.
[3] Barbara Stollberg-Rilinger, Zeremoniell, Ritual, Symbol. Neue Forschungen zur symbolischen Kommunikation in Spätmittelalter und Frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für Historische Forschung 27 (2000), S. 389–405.

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17.11.2020
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