N. Bahrmann u.a. (Hrsg.): Kunstfund Gurlitt

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Title
Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung


Editor(s)
Bahrmann, Nadine; Baresel-Brand, Andrea; Lupfer, Gilbert
Series
Provenire 2
Published
Berlin 2020: de Gruyter
Extent
187 S.
Price
€ 39,95
Reviewed for H-Soz-Kult by
Ulrike Schmiegelt-Rietig, Schlösser und Sammlungen, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

Seit im November 2013 der Öffentlichkeit bekannt wurde, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft rund anderthalb Jahre zuvor in einer Wohnung in München-Schwabing den Kunstbesitz Cornelius Gurlitts wegen des Verdachts eines Steuerdelikts beschlagnahmt hatte, blieb der Fall Gegenstand beständiger internationaler Publikationstätigkeit. Es dürfte kaum Zeitungen, Fernseh- oder Radiosender in der westlichen Hemisphäre geben, die in den Hochphasen der Entdeckung und der nachfolgenden publizistischen Aufarbeitungen nicht in irgendeiner Form darüber berichtet haben.

Mit Cornelius Gurlitt rückte auch sein Vater, der ihm die Kunstwerke vermacht hatte, nach Jahrzehnten wieder in das Licht der Öffentlichkeit: Hildebrand Gurlitt (1895–1956), Kunsthistoriker, Förderer der zeitgenössischen Kunst, heute als „Klassische Moderne“ bezeichnet, war in Fachkreisen als Kunsthändler bekannt. Als einer von vier Händlern durfte er nach 1938 offiziell die sogenannte „Entartete Kunst“ (ins Ausland) verkaufen. Seine Hamburger Galerie konnte er (unter anderem) mit Einkäufen im besetzten Frankreich bestücken. Er galt folglich als Nutznießer des NS-Regimes. Entsprechend gerieten die Kunstwerke, die er seinem Sohn hinterlassen hatte, sogleich in den generellen Verdacht des unrechtmäßigen Besitzes. Mit einem Schlag rückte damit das Thema des nationalsozialistischen Kunstraubes in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit.

Die Folgen sind bekannt: Auf die Sensation der Enthüllung und die Aufregung um den sagenhaften Wert des vermeintlich geheim gehaltenen Schatzes folgten Ansprüche von Erben der Opfer des nationalsozialistischen Kunstraubes, die ihr Eigentum in Gurlitts Besitz vermuteten oder wussten. Schnell drehte sich die öffentliche Debatte nicht mehr nur um Cornelius und Hildebrand Gurlitt, sondern sie wurde auf eine generelle Kritik an der bundesdeutschen Politik beim Umgang mit dem nationalsozialistischen Kunstraub ausgeweitet. Vielfach wurde der Vorwurf von grundlegenden Versäumnissen beim Umgang mit diesem Teil der deutschen Geschichte erhoben.

Die Debatte bekam noch eine weitere Ebene, als Fragen nach der Rechtmäßigkeit der Entziehung der Kunstwerke und den Persönlichkeitsrechten Cornelius Gurlitts laut wurden. Die Augsburger Staatsanwaltschaft habe mit der Beschlagnahme unverhältnismäßig gehandelt, durch den Anfangsverdacht der Steuerhinterziehung sei ein solches Vorgehen nicht zu rechtfertigen. Aus dem Sohn eines Täters und Hüter von dessen Vermächtnis wurde das Opfer Cornelius Gurlitt.

Um Schadensbegrenzung bemüht reagierte die Bundesregierung, indem sie Gurlitt die Einwilligung in die Überprüfung der Provenienzen der Kunstwerke in seinem Besitz abgewann und eine international besetzte „Taskforce“ mit dieser Aufgabe betraute. Ein Team von Provenienzforscher:innen sollte die Werke bestimmen und ihre Herkunft untersuchen. Damit war die Kritik vorerst besänftigt, doch bald gab es neue Vorwürfe: Die Forschung dauere zu lange, zu wenige Werke würden als Raub identifiziert und zurückgegeben.

Angesichts dieser Vorgeschichte läge der Verdacht nahe, bei dem vorliegenden Band „Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung“ könnte es sich um eine nachträgliche Rechtfertigungsschrift handeln. Diesen Vorwurf konnte jedoch schon die durch einen umfangreichen Katalog begleitete Ausstellungsreihe „Bestandsaufnahme Gurlitt“ ausräumen, die von November 2017 bis März 2018 in Bonn und in Bern, von September 2018 bis Januar 2019 in Berlin und von September 2019 bis Januar 2020 in Jerusalem gezeigt wurde. Die Fülle der sorgfältig erarbeiteten Rechercheergebnisse, die in den Ausstellungen und Begleitmaterialien anspruchsvoll-sachlich für die Besucher:innen ausgebreitet wurden, zeigt, dass es nicht (nur) um Rechtfertigung ging. Die Ausstellungen sollten die Forschung und ihre Ergebnisse transparent präsentieren und dem Publikum eine Einführung in das Gebiet der Provenienzforschung vermitteln. Gleichsam als Nebeneffekt wurde dabei deutlich, wie kleinteilig und langwierig Provenienzrecherchen sich im Einzelfall entwickeln können, zumal Archivfunde nicht nur neue Erkenntnisse ermöglichen, sondern häufig auch neue Fragen aufwerfen. So warb die Ausstellung und mehr noch der umfangreiche Begleitband schon durch den eigenen Anspruch an Sorgfalt und Transparenz um Verständnis für das Forschungsfeld.[1]

Schon vor Erscheinen des Ausstellungskatalogs waren mehrere Bücher zu Hildebrand Gurlitt veröffentlicht worden. Neben der wissenschaftlichen Monographie „Hitlers Kunsthändler“ von Meike Hoffmann und Nicola Kuhn erschienen „Gurlitts Schatz“ von der Journalistin Catherine Hickley und wenig später das Buch der Publizistin Susan Ronald, „Hiltler’s Art Thief“.[2] Auch das Schicksal Cornelius‘ wurde in Maurice Philip Remys „Der Fall Gurlitt“ Gegenstand publizistischer Aufarbeitung.[3]

Der Band „Kunstfund Gurlitt“ widmet sich erneut der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Kunstbesitzes Cornelius Gurlitts. Er wendet sich nunmehr vorrangig an das Fachpublikum der Kunsthistoriker:innen, Historiker:innen und Provenienzforscher:innen. Diese Ausrichtung signalisiert schon die Publikation in der wissenschaftlichen Reihe „Provenire“ des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, als deren zweiter Band er erscheint.

Die zwölf Autor:innen waren alle im Auftrag der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ an den Recherchen zur Provenienz der Werke beteiligt. Sie widmen sich jeweils ausgewählten Fragestellungen der Erforschung des „Kunstfunds Gurlitt“. Der erste Teil des Bandes besteht aus übergreifenden Texten zur Ausgangslage und Forschungsmethodik. Hier macht ein Überblick über Rechercheansätze und -ergebnisse von Andrea Baresel-Brand den Anfang, die als wissenschaftliche Koordinatorin der Taskforce von Beginn an die Forschungen begleitete und als Leiterin des Projekts „Provenienzrecherche Gurlitt“ maßgeblich an der Erarbeitung des vorliegenden Bandes beteiligt war. Es folgen Studien zum schriftlichen Nachlass Hildebrand Gurlitts, den Dokumenten seines Kunsthandels beziehungsweise dem, was davon übrigblieb. Nadine Bahrmann, Lukas Bächer, Johannes Gramlich und Vanessa von Kolpinsky beschreiben in jeweils eigenen Beiträgen die Auswertung und Entschlüsselung der Unterlagen Hildebrand Gurlitts und deren Erkenntniswert für die Forschung, seine Rolle auf dem Markt für Druckgrafik und sein Agieren auf dem Kunstmarkt im besetzten Frankreich. Diese Aufsätze sind für die Provenienzforschung als Disziplin von besonderem Interesse, da sie verdeutlichen, wie der schriftliche Nachlass Hildebrand Gurlitts für Forschung und Recherchen im Allgemeinen nutzbar sein kann.

Das Geschäftsgebaren Hildebrand Gurlitts im besetzten Frankreich, seine Erwerbungen beschlagnahmter Kunstwerke und seine Tätigkeit als Mittelsmann für die großen deutschen Kunstmuseen schildern Britta Olényi von Husen, Marcus Leifeld und Vanessa von Kolpinski. Olényi von Husen und Leifeld setzen einen besonderen Akzent auf die bei Gurlitt getätigten Erwerbungen der Museen der Stadt Köln. Kolpinski nimmt, ausgehend von einer Gruppe von Objekten aus dem ehemaligen Besitz Hildebrand Gurlitts, einen weiteren Akteur des deutschen Kunstraubs, nämlich den „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“, besonders in den Blick. Am Beispiel von Kunstwerken aus dem Eigentum der Familie Deutsch de la Meurthe beschreibt sie dessen Vorgehens- und Arbeitsweisen sowie die verschiedenen Arbeitsgruppen und erläutert, wie die anfänglich defizitäre Dokumentation der Beschlagnahmungen zusammen mit dem kriegsbedingten Verlust von Akten die Provenienzforschung erschweren, sodass sich eine lückenlose Aufklärung letztendlich als unmöglich erweist.

Es folgen drei beispielhafte Einzelfallstudien zu Werken aus dem „Kunstfund Gurlitt“, die Hildebrand Gurlitt allesamt im besetzten Frankreich erworben hatte, zu Gustave Courbets „Bildnis Jean Journet“ von Ev-Isabel Raue, zu Paul Cézannes „Montagne Sainte-Victoire“ von Jan-Thomas Köhler und zu Édouard Manets „Marine, temps d’orage“ aus der Sammlung Matsukata von Natalie Neumann.

Die beiden letzten Beiträge des Bandes weiten die Perspektive wieder: Pieter W. Kievit untersucht die Erwerbungen Gurlitts in den besetzten Niederlanden, die in den Unterlagen des Händlers nachweisbar sind. Spannender als die wenigen, gleichwohl teilweise sehr kostspieligen Transaktionen, die Gurlitt hier unter anderem für den „Sonderauftrag Linz“ tätigte, sind Gurlitts Partner: Erwähnt werden der Kunsthistoriker Erhard Göpel, der Händler Theo Hermsen, der seine Geschäfte von Paris aus tätigte und dessen Hilfen Gurlitt auch auf dem französischen Markt in Anspruch nahm. Zu einem regelrechten Krimi gerät die Entschlüsselung der Identität von „Dr. A. Bosch“ in Gurlitts Unterlagen als Herman Olij, der im Mai 1940 von der deutschen Abwehr angeworben wurde und jahrelang für diese spionierte.

Sebastian Peters schildert schließlich anhand der im Nachlass überlieferten Unterlagen die Verbindungen Gurlitts zum Kunsthandel der Nachkriegszeit. Von Bedeutung war vor allem das jüdische Kunsthistorikerpaar Albin und Charlotte von Prybram-Gladona, die Gurlitt im besetzten Paris kennengelernt hatte und die er nach dem Krieg als Zeugen in seinem Spruchkammerverfahren heranzog, und der deutlich jüngere Hans-Hellmut Klihm, den er wohl als Mitarbeiter des „Sonderauftrag Linz“ kennengelernt hatte.

Alle Beiträge sind material- und detailreich. Gerade in den drei Einzelfallstudien werden die Ergebnisse bis in kleinste Einzelheiten ausgebreitet. Stellenweise beeinträchtigt dieser Reichtum die Stringenz der Argumentation, so dass manche Bereiche selbst für Experten schwer zu lesen sein dürften, während interessierte Laien dort womöglich aufgeben. Hier hätte ein strengeres Lektorat gutgetan.

Unverständlich und bedauerlich ist, dass dem Band neben dem Register nicht ein Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur angefügt wurde, zumal bei der Konzeption für ein wissenschaftliches Fachpublikum. Diese Schönheitsfehler schmälern jedoch nicht die Forschungsleistung der Autor:innen und auch nicht den Gewinn an Erkenntnis und Perspektiven, den ihre Beiträge sowohl Laien als auch Fachleuten bieten.

Anmerkungen:
[1] Andrea Baresel-Brand / Meike Hopp / Agnieszka Lulińska (Hrsg.), Bestandsaufnahme Gurlitt. „Entartete Kunst“ – beschlagnahmt und verkauft, Kunstmuseum Bern: der NS-Kunstraub und die Folgen, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2017.
[2] Meike Hoffmann / Nicola Kuhn, Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt: 1895–1956: die Biographie, München 2016; Catherine Hickley, Gurlitts Schatz. Hitlers Kunsthändler und sein geheimes Erbe, Wien 2016; Susan Ronald, Hitler's art thief. Hildebrand Gurlitt, the Nazis, and the looting of Europe's treasures, New York 2017.
[3] Maurice Philip Remy, Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal, 2. Aufl., Berlin 2017.

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08.04.2021
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