Sammelrez: Anatomie einer Dreiecksbeziehung: Israelis, Palästinenser und Deutsche

: The Moral Triangle. Germans, Israelis, Palestinians. Durham  2020. ISBN 978-1-4780-0837-8

: Israelis, Palästinenser und Deutsche in Berlin. Geschichten einer komplexen Beziehung. Berlin  2021. ISBN 978-3-11-073439-3

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Rohde, Academy in Exile, Freie Universität Berlin

Schon das Cover der englischsprachigen Originalausgabe setzt den Ton für dieses herausfordernde Buch: Auf schwarzem Hintergrund wird hier eine inmitten des Labyrinths des Berliner Holocaust-Mahnmals mit dem Rücken zur Kamera stehende Person gezeigt, auf deren weißem Hemd der Schriftzug „Gaza“ in lateinischen, arabischen und hebräischen Buchstaben zu sehen ist. Für das Cover der deutschen Übersetzung wurde eine weniger provokante Abbildung gewählt, eine Szene aus einer Performance des am Maxim Gorki Theater angesiedelten Exil Ensembles. Das palästinensisch-israelische Autor:innenduo, bestehend aus Sa’ed Atshan und Katharina Galor, präsentiert hier die Ergebnisse ihrer in den Jahren 2017/18 in Berlin durchgeführten Feldforschung, die sich mit dem von ihnen so bezeichneten deutsch-israelisch-palästinensischen Beziehungsdreieck beschäftigt, einem komplexen und spannungsreichen Geflecht, das von widerstreitenden, konkurrierenden Erinnerungen, Traumatisierungen und Projektionen geprägt ist. Oft führt dies zu Sprachlosigkeit und gegenseitigem Misstrauen und verkompliziert den politischen Diskurs über Israel/Palästina im zeitgenössischen Deutschland.

Bereits der 2008 verstorbene Psychologe Dan Bar-On hatte sich mit dem „spannungsgeladenen Dreieck“ beschäftigt, welches Deutsche, Israelis und Palästinenser:innen ebenso verbinde wie trenne und eine gemeinsame Sprache erschwere.[1] Ein Jahrzehnt später haben Atshan und Galor es vermocht, verschiedene Perspektiven und narrative Stränge in diesem Beziehungsdreieck entlang des Rothbergschen Konzepts einer multidirektionalen Erinnerung produktiv zueinander in Beziehung zu setzen.[2] Damit wollen sie einen alle drei Perspektiven und Erfahrungen anerkennenden Diskurs initiieren über die auf schmerzhafte Weise miteinander verwobenen und einander teilweise bedingenden historischen Ereignisse (Holocaust, Staatsgründung Israels und Vertreibung/Kolonisierung der Palästinenser:innen), welche der heutigen Situation sowohl in Israel/Palästina als auch im Einwanderungsland Deutschland zugrunde liegen. Das Buch ist als Fallstudie im Bereich der Urban Anthropology in einem von Migration geprägten europäischen Kontext und zugleich als konzeptioneller Beitrag im Feld der Memory Studies zu verorten. Aufgrund der Globalisierung des Holocaust-Gedenkens und des ungebrochenen Interesses am israelisch-palästinensischen Konflikt in einer durch Migration geprägten Welt ist die Thematik der Studie international von Interesse. Die deutsche Übersetzung ermöglicht eine breitere Rezeption des Buches nun auch hierzulande.

Die Studie lebt von Informationen und Eindrücken, welche Atshan und Galor aus etwa 100 ausführlichen Interviews bzw. Hintergrundgesprächen mit Protagonist:innen aus unterschiedlichen sozialen Milieus in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gewinnen konnten, darunter zahlreiche Vertreter:innen aus Kultur und Wissenschaft. Der persönliche Hintergrund der Autor:innen, ihre Nähe zur erforschten Fragestellung und ihre umfassende Sprachkenntnis werden für die Feldforschung einen Türöffner-Effekt gehabt haben. Zugleich verleiht dieser Umstand dem Werk eine für wissenschaftliche Arbeiten ungewöhnliche persönliche Dimension, die Atshan und Galor in einem Postscript auch thematisieren.

Die ersten drei Kapitel des Buches widmen sich den Eckpunkten dieses „moralischen Dreiecks“: dem erinnerungspolitisch kontroversen Holocaust-Nakba-Nexus[3], der Frage der Täter-Opfer-Erfahrungen und Rollenzuweisungen sowie der aus historischer Verantwortung gewachsenen deutschen Solidarität mit dem Staat Israel. In Berlin bündeln sich dessen unterschiedliche Stränge nicht nur wegen der historischen Symbolkraft des Ortes, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass hier in den vergangenen Jahren eine überaus sichtbare israelische Diaspora-Community heimisch geworden ist und bereits seit längerem auch eine deutlich größere palästinensische Diaspora-Community ansässig ist. Letztere wird jedoch öffentlich kaum wahrgenommen, obschon sie infolge der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus mittelöstlichen Ländern in den Jahren seit 2015 noch einmal deutlich gewachsen ist. Eine homogenisierende Kategorisierung beider Gruppen mag als stilistisches Mittel im Sinne des titelgebenden Beziehungsdreiecks aus pragmatischen Gründen akzeptabel sein, bleibt jedoch problematisch, denn beide Bevölkerungsgruppen sind in sich sehr heterogen sowohl mit Blick auf ihre Migrationsgeschichte, sozio-ökonomische Indikatoren und Milieuzugehörigkeit als auch mit Blick auf ihren rechtlichen Status in Deutschland. Kapitel 4 und 5 des Buches umreißen folgerichtig Eckpunkte deutscher Migrationspolitik der letzten Jahrzehnte. In diesem Kontext skizzieren sie divergierende Erfahrungen einer Reihe israelischer und palästinensischer Protagonist:innen und verweisen auf die Schwierigkeit, die palästinensische und israelische Diaspora in Deutschland bzw. Berlin zu quantifizieren und statistisch zu kategorisieren.

Kapitel 6 illustriert anhand individueller Beispiele aus dem Berliner Umfeld die unterschiedliche Positionierung beider diasporischer Bevölkerungsgruppen im politischen Kontext des zeitgenössischen Deutschlands: Jüdisches Leben wie auch israelische Präsenz werden im öffentlichen Leben überwiegend als ermutigende Zeichen eines langwierigen Prozesses der Aussöhnung und Wiedergutmachung für deutsche Verbrechen anerkannt und befürwortet. Dahingegen erfahren palästinensische Migrant:innen in Deutschland kaum symbolische Anerkennung und sehen sich aufgrund ihrer von der „deutschen Staatsraison“ zumeist divergierenden Standpunkte im Kontext des israelisch-palästinensischen Konfliktes einem verbreiteten Misstrauen ausgesetzt, was zu einer Unterbelichtung palästinensischer Positionen zum Nahostkonflikt im öffentlichen Diskurs führt. Dieses asymmetrische Verhältnis zwischen beiden Diaspora-Communities in Deutschland wird zusätzlich durch den Umstand akzentuiert, dass jüdische Israel:innen rege Verbindungen in ihr Heimatland pflegen und jederzeit dorthin zurückkehren können, während genau dies für die überwiegend als Flüchtlinge nach Deutschland eingewanderten Palästinenser:innen und ihre Nachkommen meist unmöglich ist.

Die dieser Situation immanente moralische Dimension thematisieren die Autor:innen im siebten Kapitel des Buches. Während sie unter ihren deutschen Interviewpartner:innen hinsichtlich der aus der historischen Verantwortung für das deutsche Menschheitsverbrechen zu ziehenden Konsequenzen für ihre Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt stark divergierende Haltungen beobachten, stellen sie zwischen ihren israelischen und palästinensischen Interviewpartner:innen diesbezüglich weitaus größere Übereinstimmungen fest. Dieser Umstand verweise auf die Tatsache, dass viele der heute in Berlin lebenden Israelis politisch dem post-zionistischen Spektrum zuzuordnen seien und sich für eine Anerkennung palästinensischer Rechte im Kontext des Nahostkonflikts einsetzen. Diesem Spektrum fühlen sich auch die Autor:innen verbunden. Inwiefern ihre politischen Neigungen auch die Auswahl von Informant:innen beeinflusst haben, bleibt eine unüberprüfbare methodische Frage, da die meisten es unter Verweis auf die politische Sensibilität der Thematik vorzogen, anonym zu bleiben. Atshan und Galor fordern deutsche Leser:innen auf, ihre historische Verantwortung in einem inklusiveren Sinne zu interpretieren als bisher und neben israelischen auch palästinensische Perspektiven anzuerkennen. In Berlin erkennen die Autor:innen eine Art Laboratorium, in dem historische Traumata und Ungerechtigkeiten aufgearbeitet und im Sinne der restaurative justice ein wahrhaft multikulturelles, multiethnisches und multireligiöses Gemeinwesen errichtet werden könne. Damit könne Deutschland auch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Israelis und Palästinenser:innen leisten. Deutschen Leser:innen dieses Buches sei verziehen, wenn sie so viel Berlin-Hype ermüdend finden und der Ruf nach einer weiteren deutschen Vorbildrolle in der Welt bei ihnen Unwohlsein auslöst. Atshan und Galor jedenfalls verfolgen ihre Agenda stringent weiter, indem sie im achten Kapitel ausführlich über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sowie eine in ihren Augen problematische Hierarchisierung des Kampfes gegen diese beiden für die israelische und palästinensische Diaspora-Community relevantesten Ideologien gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit diskutieren, die auch zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen zu Spannungen führen. Kapitel 9 und 10 verdeutlichen anhand von Beispielen aus verschiedenen Berliner Stadtteilen, warum die Autor:innen die Stadt dennoch als Möglichkeitsort für eine diverse jüdische, israelische und palästinensische Zivilgesellschaft – inklusive religiöser Institutionen – und als Laboratorium für eine nationale und religiöse Grenzen transzendierende kosmopolitische Gesellschaft sehen.

Als Hindernis auf dem Weg dahin thematisieren sie in Kapitel 11 eine Einengung des politischen Diskurses zu Israel/Palästina, die einer Verdrängung (pro-)palästinensischer Positionen aus der Öffentlichkeit gleichkomme. Die von Seiten der israelischen Regierung und mit ihr sympathisierender Presseorgane regelmäßig geäußerten Antisemitismusvorwürfe gegen Personen, die sich kritisch gegenüber israelischer Regierungspolitik äußern oder gar zu politischen Sanktionen und Boykottmaßnahmen aufrufen, sind in Deutschland wirksamer als in anderen Ländern, weil eine Ächtung als Antisemit:in aus gutem Grund sehr ernst genommen wird und reale Konsequenzen nach sich ziehen kann. Dies zeigte sich in jüngster Vergangenheit zum Beispiel anhand der Diskussionen um den ehemaligen Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer. Gelegentlich führt dies auch zur Marginalisierung von Stimmen wie den Autor:innen dieses Buches, die zu einer gleichberechtigten Anerkennung palästinensischer wie israelischer Erfahrungen und Perspektiven aufrufen: Ein für Juli 2018 angekündigter Vortrag Atshans im Jüdischen Museum Berlin musste letztlich an einem anderen Ort stattfinden, weil der Referent auf Druck der israelischen Botschaft in Berlin kurzfristig wieder ausgeladen wurde.[4]

Mit diesem Buch kritisieren die Autor:innen die Marginalisierung (pro-)palästinensischer Positionen im öffentlichen Diskurs und regen mit einem konstruktiven Beitrag zu einer Debatte über das deutsch-palästinensisch-israelische Verhältnis an. Diese wird auch in Deutschland selbst mit zunehmender Verve geführt, etwa im Zusammenhang mit der Initiative Weltoffenheit[5] oder der unter Beteiligung auch deutscher Wissenschaftler:innen formulierten Jerusalem-Deklaration, die eine klarere Differenzierung zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus erreichen will, als es die bislang vom Deutschen Bundestag adaptierte IHRA-Definition des Antisemitismus ermöglicht.[6]

Anmerkungen:
[1] Dan Bar-On, Al ha-Meshulash ha-Matuach she beyn Germanim, Yisra’elim-Yehudim ve Falastinim, Sedek 1, (2007), S. 107–113; vgl. Achim Rohde, Learning Each Other’s Historical Narrative: a Road Map to Peace in Israel/Palestine?, in: Karina V. Korostelina / Simone Lässig (Hrsg.), History Education and Post-Conflict Reconciliation. Reconsidering Joint Textbook Projects, London 2013, S. 177–191, bes. S. 185–187.
[2] Michael Rothberg, Multidirectional Memory: Remembering the Holocoust in the Age of Decolonization, Stanford 2009.
[3] Bashir Bashir / Amos Goldberg (Hrsg.), The Holocaust and the Nakba. A New Grammar of Trauma and History, New York 2019.
[4] Thorsten Schmitz, Geschlossene Gesellschaft, in: Süddeutsche Zeitung, 15./16.07.2018, https://www.sueddeutsche.de/kultur/kulturpolitik-geschlossene-gesellschaft-1.4055253 (27.06.2021).
[5] Itai Mashiach, In Germany, a Witch Hunt Is Raging Against Critics of Israel. Cultural Leaders Have Had Enough, in: Haaretz, 10.12.2020, https://www.haaretz.com/israel-news/.premium.HIGHLIGHT.MAGAZINE-in-germany-a-witch-hunt-rages-against-israel-critics-many-have-had-enough-1.9362662 (27.06.2021).
[6] The Jerusalem Declaration On Antisemitism, https://jerusalemdeclaration.org/ (02.08.2021). Vgl. IHRA’s working definition of antisemitism, https://www.holocaustremembrance.com/working-definition-antisemitism (02.08.2021).