F. Becker u.a. (Hrsg): Industrielle Arbeitswelt und Nationalsozialismus

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Titel
Industrielle Arbeitswelt und Nationalsozialismus. Der Betrieb als Laboratorium der »Volksgemeinschaft« 1920–1960


Herausgeber
Becker, Frank; Schmidt, Daniel
Reihe
Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte – Beiträge 21
Erschienen
Anzahl Seiten
328 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nikolas Lelle, Berlin

„Wie glücklich können wir bei alledem trotz des Entsetzlichen, das wir durchgemacht haben, und trotz aller schweren Verluste sein, daß in unserem Lande wieder gearbeitet wird, mit dem ganzen Fleiß und der ganzen Emsigkeit, die den Deutschen zu eigen sind.“[1] Mit diesen Worten richtete sich der neue Generaldirektor des VW-Werks, Heinrich Nordhoff, am 1. Oktober 1949 an seine Belegschaft. Was er hier in Stellung brachte, ist der alte Topos „deutscher Arbeit“, der behauptet, die Deutschen hätten eine besondere Beziehung zu Arbeit.

Die Nationalsozialisten, das stimmt jedenfalls, hatten eine besondere Beziehung zur Arbeit. Sie stand im Mittelpunkt ihrer Weltanschauung. Als „deutsch“ galt ihnen Arbeit, die ein Dienst an der „Volksgemeinschaft“ war. Arbeitstüchtigkeit wurde in dieser Arbeitsauffassung zu einer Kategorie, die den Wert eines Menschen bemaß und schließlich in den Psychiatrien, Konzentrationslagern, nicht zuletzt auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau über Leben und Tod entschied.

Diese antisemitisch und rassistisch konzipierte, „leistungs- und konkurrenzfähige ‚Volksgemeinschaft‘“ (S. 7) ist der zentrale nationalsozialistische Leitbegriff. Sie sollte in der Arbeitswelt, genauer im Betrieb, erfahrbar werden. Denn der Betrieb galt im „nationalsozialistischen Kriegsfordismus“[2] als „Laboratorium der ‚Volksgemeinschaft‘“, wie der Untertitel des von Frank Becker und Daniel Schmidt herausgegebenen Bandes andeutet. Das hatte zur Folge, dass die „Betriebsgemeinschaften“ nicht nur Orte des Ausschlusses, der Sanktionierung und Disziplinierung wurden, sondern auch zu Orten der Aktivierung und zum Terrain, auf dem „der deutsche Arbeiter“ gewonnen werden sollte. Ziel der Nationalsozialisten war es, diesen zur Mitarbeit zu animieren und einzubinden.

Den Nationalsozialismus missversteht also, wer ignoriert, dass er nicht nur eine repressive, brutale und mörderische Seite hatte, sondern auch den deutschen „Volksgenossen“ Verheißung bot und Versprechen gab. Dadurch gelang durchaus, so ein Ergebnis dieses Sammelbandes, eine „affektive Integration, die eine hohe Mobilisierungskraft entfaltete“ (S. 9). Der Sammelband untersucht das spezielle Verhältnis von industrieller Arbeitswelt und Nationalsozialismus und damit das „Wechselspiel von ‚Betriebsgemeinschaft‘ und ‚Volksgemeinschaft‘“ (S. 11). Dessen historiographische Agenda besteht auch darin, zwei Debatten produktiv aufeinander zu beziehen: Ansätze, die die „Volksgemeinschaft“ als nationalsozialistische Leit- und Verheißungsidee ernstnehmen und solche, die unter dem Stichwort der „Neuen Geschichte der Arbeit“ firmieren (S. 9).

Die dreizehn Aufsätze gliedern sich in drei thematische Blöcke. Den Aufschlag machen Texte mit grundlegenden Überlegungen, gefolgt von Mikrostudien, zu denen auch ein inspirierender Bildteil gehört. Den Band beenden Texte, die Kontinuitäten in die Nachkriegszeit beider deutscher Staaten skizzieren. Das Buch versteht sich als „Diskussionsband“ und verschweigt nicht, dass die Autor:innen durchaus zu „abweichenden, teilweise gegensätzlichen Befunden und Ergebnissen“ (S. 11) kommen. Malte Thießen zeigt in seinem Beitrag, dass das Konzept der „Volksgemeinschaft“ nicht auf „Gleichmacherei“ beruhte, sondern es vielmehr um die Herstellung einer „sozialen Ordnung durch Leistung“ (S. 18) ging, die ganz verschieden angeeignet wurde, je nachdem in welcher Region, welcher Art von Betrieb und zu welcher Zeit sie erbracht wurde. Diese Leistungsgemeinschaft führte zu einer „Selbstmobilisierung von unten“ (S. 26). Auch Sören Eden und Torben Möbius betonen, dass die Leitbegriffe „Volks-“ und „Betriebsgemeinschaft“ „hochgradig partizipationsfördernd“ waren, „zumindest“, so ergänzen sie ganz richtig, „für leistungsbereite ‚Volksgenossen‘“ (S. 41). Sie zeigen nachdrücklich die analoge Struktur zwischen „Betriebs-“ und „Volksgemeinschaft“ auf. Beide Konzepte waren weniger „Zustände“ als „in die Zukunft gerichtete und deutungsoffene Appelle“ (S. 53). Im tatsächlichen Umbau der Arbeitswelt zeigt sich, dass der Nationalsozialismus auf die „kollektiven Arbeitsbeziehungen“ der Weimarer Republik mit einer paradoxen „Individualisierung und einer Verbetrieblichung der Arbeitsbeziehungen“ antwortete, (S. 38) die die „radikale Unterordnung des Einzelnen unter das ‚Gemeinwohl‘“ (S. 37) einforderte.

Rüdiger Hachtmann geht es darum, „holzschnittartige Pauschalisierungen“ und „soziale Grobkategorien“ zu vermeiden und genau zu fragen, wer wann und in welchem Betrieb für die nationalsozialistische Politik stimmte und wer skeptisch blieb (S. 62). Dazu untersucht er die Betriebsratswahlen von 1933 und die Vertrauensrätewahlen von 1934. Hachtmann zeigt, dass die Ergebnisse der Wahlen sich massiv unterschieden, je nach Branche und Größe des Betriebs, nach Status im Betrieb und dessen Tradition. Seine Schlussfolgerung scheint mir wenigstens paradox, wenn nicht widersprüchlich: Ein Ergebnis seiner Untersuchung ist, dass „breite Arbeiterschichten zum NS-Regime Distanz hielten“ (S. 85), sodass er zuerst schließt, „[d]ie mentale Prägekraft des NS-Regimes fand […] deutliche Grenzen“ (S. 89), um dann wenig später von der „erhebliche[n] sozialintegrative[n] Wirkung“ (S. 90) der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zu sprechen. Wieso diese Wirkung erheblich war, aber keine Zustimmung zum Nationalsozialismus mit sich gebracht haben soll, bleibt unklar. Während der Sammelband den Anspruch erhebt, die neueren Forschungen zur „Volksgemeinschaft“ einzubinden, teilt Hachtmann am Ende aus. Er spricht vom „zum Konzept geadelten Pauschalbegriff ‚Volksgemeinschaft‘“, der „mindestens implizit […] eine egalitäre, sozialharmonische Rassegemeinschaft“ unterstelle (S. 94). Nicht nur Thießen, Eden und Möbius, auch die anderen Beiträger:innen liefern Gegenbeispiele zu dieser Unterstellung.

In Mikrostudien untersuchen die folgenden Aufsätze das Wechselspiel von „Betriebs-“ und „Volksgemeinschaft“. Matthias Frese analysiert die Rolle der Vertrauensräte in öffentlichen Unternehmen und Verwaltungen, die zwar ein „Kernelement“ (S. 129) der NS-Arbeitsverfassung waren, aber keineswegs zu „Hütern der Betriebsgemeinschaft“ (S. 159) wurden. Frank Becker blickt ausgehend von den Arbeitswissenschaften der 1920er-Jahre auf das „Deutsche Institut für Technische Arbeitsschulung“, kurz DINTA. Dieses Institut nahm vieles vorweg, was ab 1933 zur staatlichen Politik wurde. Terminologisch sprach das DINTA schon länger von „Betriebs-“ und „Volksgemeinschaft“, von „Führertum“ und „Gefolgschaft“ (S. 168). Die „Konzepte des DINTA“ waren „mit zentralen Ideologemen des Hitlerstaates kompatibel“ (S. 169). Wenig überraschend fand das Institut seinen Platz im „Dritten Reich“, indem es in der DAF als „Amt für Berufserziehung und Betriebsführung“ aufging. Julia Timpe beleuchtet den nationalsozialistischen Betriebssport und seine Rolle in der NS-Organisation „Kraft durch Freude“. Dabei zeigt sie, dass Sport zur Erschaffung der „Betriebsgemeinschaft“ wie zur „Stärkung des ‚Volkskörpers‘“ dienen sollte (S. 183). Jennifer Horstmann rekonstruiert die „Inszenierung von Gefolgschaft und Gemeinschaft in mittelständischen Unternehmen“, die als „NS-Musterbetriebe“ in Gelsenkirchen ausgezeichnet waren. Daniel Schmidt rückt dieselbe Stadt in den Fokus und analysiert, was die Nationalsozialisten taten, um diese „Stadt der Arbeit und Erholung“ (S. 239) für sich zu gewinnen und zur „Arbeitermusterstadt“ (S. 235) zu machen. Dringend benötigter Wohnraum zum Beispiel wurde erst spät geplant. Man beschränkte sich auf „prestigeträchtige Einzelprojekte“ (S. 228). Gisela Parak schließlich untersucht den „Bergmann als Prototyp des ‚Soldaten der Arbeit‘“.

An diese Mikrostudien schließen Aufsätze an, die das Nachleben des Nationalsozialismus untersuchen. Es gibt bislang nur sehr wenige Versuche, die Kontinuitäten der NS-Arbeitsauffassung und Gemeinschaftsvorstellung zu rekonstruieren. Eindrücklich ist der Text von Christoph Lorke, der behutsam die „partiellen diskursiven Erneuerung[en]“ (S. 277) skizziert, die von der „NS-Betriebsgemeinschaft“ zur „Leitformel ‚Kollektiv der sozialistischen Arbeit‘“ (S. 275) in der DDR reichen. Martin Baumert untersucht Kontinuitäten im „Braunkohleindustriekomplex Böhlen-Espenhain“, die sich „teilweise“ (S. 273) bei Führungskräften und Belegschaft nachweisen lassen. Nicht nur, aber auch solche Kontinuitäten gibt es in den VW-Werken, die Marcel Glaser und Alexander Kraus beleuchten. In Wolfsburg lebt der Topos der „schicksalhaften Verpflichtung zwischen Stadt und Werk“ fort, propagiert nicht zuletzt von Generaldirektor Heinrich Nordhoff. Was der Text allerdings verschweigt, ist, dass dieser Nachkriegsmanager das Führen im „Dritten Reich“ lernte, als „Betriebsführer“ in einem Opel-Werk.

Unterm Strich bietet der Sammelband reichhaltige Untersuchungen, die das Wechselspiel von „Betriebs-“ und „Volksgemeinschaft“ aus historiographischer Perspektive auszuloten versuchen. Abgesehen von Paraks Text verbleiben die Perspektiven sehr stark in der Geschichtswissenschaft verhaftet. Ein interdisziplinärerer Zugang, den andere Sammelbände zu Arbeit und Nationalsozialismus bereits probten, hätte dem Band gut getan. Auffällig ist, dass der Komplex Vernichtung und Arbeit kaum analysiert wird. Das ist verwunderlich. Ist es nicht der Toreingang „Arbeit macht frei“ im Stammlager von Auschwitz, den als erstes imaginiert, wer von Arbeit und Nationalsozialismus hört? Warum also nicht einmal solche Industriebetriebe wie die Buna Werke der IG Farben AG in Auschwitz untersuchen, in denen zur industriellen Arbeit, die Vernichtung durch Arbeit und die Vernichtung als Arbeit trat? Wie zeigt sich hier das Wechselspiel von „Betriebs-“ und „Volksgemeinschaft“? Den Sammelband als Diskussionsband ernst zu nehmen bedeutet auch, ihn weiterzudenken. Stoff für neue Fragen bietet er genug.

Anmerkungen:
[1] Heinrich Nordhoff, Auszüge der Ansprache bei der Betriebsversammlung am 1. Oktober 1949, in: ders., Reden und Aufsätze. Zeugnisse einer Ära, Düsseldorf 1992, S. 92–96, hier S. 92.
[2] Rüdiger Hachtmann, Arbeit und Arbeitsfront. Ideologie und Praxis, in: Marc Buggeln / Michael Wildt (Hrsg.), Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014, S. 87–106, hier S. 105.

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04.05.2021
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