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Titel
Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert


Autor(en)
Haupt, Heinz-Gerhard
Erschienen
Frankfurt am Main 2019: Campus Verlag
Anzahl Seiten
289 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felicitas Fischer von Weikersthal, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

Während die stetig wachsende Forschung zur politischen Gewalt des langen 19. Jahrhunderts mit unterschiedlicher regionaler und gruppenspezifischer Ausrichtung die Gewaltakteure und ihre Motivation, ihr Spiel mit den Medien oder ihre Verflechtung mit anderen Erfindungen des 19. Jahrhunderts analysiert, blieb die staatliche Reaktion auf die Herausforderung der Ordnung bislang weitestgehend unbeachtet. Zu den wenigen Ausnahmen zählen Richard Bach Jensens Analyse internationaler Kooperationen zur Terrorabwehr oder Tim-Lorenz Wurrs Studie zum staatlichen Umgang mit der terroristischen Herausforderung im russischen Zarenreich.[1] Heinz-Gerhard Haupt knüpft nun an eigene Überlegungen zum Zusammenspiel von Terrorismus und Staat an[2] und nimmt unterschiedliche nationale Strategien des Konterterrorismus vergleichend in Augenschein.

Dabei steht er in dem Dilemma, seine Fallstudien – anarchistische Gewalttäter im späten 19. Jahrhundert – eben nicht als Terrorismus verstanden wissen zu wollen. Mag der Ursprung der Gewaltaktion anders gelagert sein, nämlich weniger in einer massenmedialen Schreckensbotschaft als in einer konkreten Rachesituation, so stellten die Gewaltakte gleichwohl die Staaten vor ungekannte Herausforderungen. Über die Mittel und Mechanismen staatlicher Reaktionen hinaus stehen für Haupt dabei die Fragen im Mittelpunkt, inwiefern die Staaten innerhalb rechtsstaatlicher Prinzipien agierten (S. 8) und in welchem Maße staatliche Strukturen, politische und gesellschaftliche Kontexte die jeweilige Strategie bestimmten (S. 24). Unausgesprochen schwingt die Frage mit, wie die gesellschaftliche Stimmung verbal, aber auch symbolisch von staatlicher wie anarchistischer Seite beeinflusst wurde. Auf Grundlage seiner eigenen wissenschaftlichen und sprachlichen Expertise wählt Haupt für den Vergleich Frankreich, Italien und das Deutsche Reich. Alle drei Länder bieten sich auch dahingehend an, als sie politische, strukturelle und gesellschaftliche Unterschiede aufweisen, was eine Rückbindung der Reaktionen an den jeweiligen Kontext ermöglicht.

Der Beantwortung seiner Forschungsfragen nähert sich Haupt auf drei Ebenen: einer rhetorisch-diskursiven (Teil 1, „Semantik und Gewalt“), einer strafrechtlich-reaktiven (Teil 2, „Prävention und Repression“) und einer emotionalen (Teil 3, „Staatliche Sicherheitspolitik und Emotionen-Management“). Alle drei Ebenen, insbesondere die semantische und emotionale, sind mitunter nicht voneinander zu trennen, was so manche Redundanzen erklären mag und weshalb sich diese Besprechung einer Orientierung am Aufbau des Buches verwehrt.

In Weiterführung Foucault‘scher Überlegungen verweist Haupt auf das enge Verhältnis von Sprache und Macht. Anhand des Bedeutungswandels der Begriffe terreur beziehungsweise Terror, Anarchie und Attentat arbeitet Haupt die Etablierung eines staatlichen Deutungsmonopols heraus, welches in allen drei Fällen, wenngleich in unterschiedlicher Ausprägung genutzt wurde, um über eine Entmenschlichung und Kriminalisierung ein scharfes Vorgehen gegen Anarchisten zu rechtfertigen und gleichsam andere mögliche politische Oppositionelle in Verruf zu bringen. Dieser Kriminalisierung hatten die Anarchisten wenig entgegenzusetzen. Aufgrund fehlender Bekennerschreiben und eines mangelnden Zugriffs auf die Massenmedien blieb eine politische Einordnung der Taten durch sie weitestgehend aus. In der gesellschaftlichen Rezeption überwog die zerstörerische Kraft der Propaganda der Tat. Haupt betont in diesem Zusammenhang die politische Isolation der Anarchisten, die er in erster Linie auf die abschreckende Wirkung der Gewaltanwendung, aber auch auf die erfolgreiche Strategie der Staaten, Anarchisten und Sozialisten gleichzusetzen, zurückführt. Angesichts dessen, dass Gewaltakte in Russland die dortigen Gruppierungen, allen voran die Narodnaja Volja, auch im europäischen Resonanzraum weit weniger diskreditierten als die anarchistischen Gewalttäter, dürfte jedoch ein stärkeres Gewicht haben, dass sich sozialistische Gruppierungen vor dem Hintergrund staatlicher Repressionen politische Handlungsräume nur durch eine deutliche Distanzierung zum Anarchismus bewahren konnten.

Die politische wie gesellschaftliche Isolation der Anarchisten und ihr geringer Einfluss auf die Deutung ihrer Taten sieht Haupt als Beleg dafür, dass sie weder durch ihr Handeln noch durch ihren Einfluss auf die Öffentlichkeit eine reale Bedrohung darstellten, welche das repressive Vorgehen der Staaten gerechtfertigt hätte. Die staatliche Überreaktion an der Grenze der Rechtsstaatlichkeit oder auch der Einsatz von agents provocateurs – heute würde man von „V-Männern“ sprechen – evozieren geradezu Analogien zum Konterterrorismus in jüngerer Zeit. Ein Vergleich, der von Haupt durchaus gewollt ist und im Schlusswort in einem Plädoyer für Dialog und Reform einerseits und gegen eine Ausweitung der Repressionen und Einschränkung von Freiheitsrechten andererseits als Antwort auf gewalttätige Herausforderungen staatlicher Ordnungen aufgegriffen wird.

Gewiss sollte die tatsächliche Gefahr, die von den Anarchisten ausging, nicht überbewertet werden. Auch ist eine prinzipielle Gleichsetzung von Anarchismus und Terrorismus angesichts der zumeist gewaltfreien Formen anarchistischen Wirkens irreführend und hinsichtlich einer Reihe anarchistisch motivierter Gewalttaten zu hinterfragen. Gleichwohl wäre zu diskutieren, ob die Anschläge auf die französische Nationalversammlung, auf Cafés oder Demonstrationszüge nicht doch klare Merkmale einer terroristischen, auch auf ein Medienecho ausgerichteten Tat beinhalten und ob der Rachemoment als Unterscheidung zwischen anarchistischem Attentat und terroristischem Gewaltakt ausreicht. Ebenfalls ließe sich fragen, ob für die mit Bomben ausgeübten Gewalttaten der Begriff des Attentats angmessen ist, wird dieser zumindest im deutschen Sprachraum doch eher mit einer zielgerichteten Tat auf ein bestimmtes Opfer als mit dem Wurf einer Nagelbombe assoziiert. Dabei war es gerade die Verwendung von Dynamit, das, wie die Zeitgenossen schon feststellten, „keine Ausnahme macht“ (S. 173), welche Gefühle der Angst und eine generelle Verunsicherung in der Gesellschaft hervorrief. Auf diese Emotionen hatten die Staaten zu reagieren, sie hatten sie aufzufangen und in eine Unterstützung des Staates zu kanalisieren. Überzeugend stellt Haupt in diesem Zusammenhang die staatliche Reaktion und das Spiel mit den Emotionen in den Kontext staatseigener Legitimationszwänge und in den Zusammenhang von Staatsbildungsprozessen wie der Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols oder der modernen Staatsbürgerschaft.

Vor diesem Hintergrund tritt der analytische Mehrwert des Vergleichs zutage. Insbesondere die Einbindung Italiens, das sich in mehrfacher Hinsicht von den anderen beiden Fallstudien abhebt, liefert neue Einsichten. Eine größere Bandbreite anarchistischer Methoden der politischen Auseinandersetzung, vielfältigere innergesellschaftliche und innerstaatliche Konfliktlinien, gleichzeitig aber auch eine weniger stark ausgeprägte anti-anarchistische Rhetorik, der dennoch schärfere Maßnahmen wie der Einsatz des Militärs oder die Erklärung von Ausnahmezuständen folgten, heben den italienischen Fall ab. Mitunter benötigt der Leser Geduld, bis die Erklärungen für länderspezifische Besonderheiten erfolgen oder sich einzelne Aspekte zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Im Umgang mit den staatsnahen Medien lässt die Studie eine Auseinandersetzung mit medieneigenen Logiken im framing und Agenda-Setting vermissen. Zudem mag sich Cesare Lombroso zwar für soziale Reformen als wirksames Mittel gegen den Anarchismus ausgesprochen haben (S. 61). Gleichwohl ist es irreführend, ihn als Beispiel für eine Position heranzuziehen, die sich einer Dämonisierung und Kriminalisierung der Anarchisten entzog. In eben der von Haupt zitierten Schrift ist es gerade Lombroso, der den anarchistischen Rückgriff auf „jedes Mittel […], auch Raub und Mord“ als eine Verschmelzung von „Verbrechen und Narrheit“ interpretiert und die Anarchisten negativ von anderen politischen Verbrechern absetzt.[3]

Am innovativsten können in Zusammenhang mit der historischen Gewaltforschung die Auseinandersetzung mit der staatlichen Opferpolitik sowie die Übertragung von Ansätzen der historischen Emotionsforschung gelten. Haupt beschränkt sich in diesem Zusammenhang auf emotionsgeladene Semantiken und symbolische Handlungen. In einer Weiterführung dieses Ansatzes sollten die durch die Massenmedien verbreiteten Bilder stärker einbezogen werden, die den Schrecken der Attentate und vor allem der mit Bomben verübten Anschläge durch eine neue Bildsprache in die Gesellschaft transportierten und somit zu einer tiefen Verunsicherung der Bürger beitrugen.

Anmerkungen:
[1] Richard Bach Jensen, The battle against anarchist terrorism. An international history 1878–1934, Cambridge 2014; Tim-Lorenz Wurr, Terrorismus und Autokratie. Staatliche Reaktionen auf den Russischen Terrorismus 1870–1890, Leiden 2017.
[2] Heinz-Gerhard Haupt / Klaus Weinhauer, Terrorism and the State, in: Donald Bloxham / Robert Gerwarth (Hrsg.), Political violence in Twentieth Century Europe, Cambridge 2011, S. 176–209.
[3] Cesare Lombroso, Die Anarchisten. Eine kriminalpsychologische und sociologische Studie, Hamburg 1895, hier S. 22.

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14.01.2021
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