K. Brüggemann u.a. (Hrsg.): Das Baltikum. Geschichte einer europäischen Region (3 Bde.)

Brüggemann, Karsten; Henning, Detlef; Maier, Konrad (†); Tuchtenhagen, Ralph (Hrsg.): Das Baltikum. Geschichte einer europäischen Region. Band 1: Von der Vor- und Frühgeschichte bis zum Ende des Mittelalters. Stuttgart 2018: Anton Hiersemann , ISBN 978-3-7772-1825-0, 651 S. € 98,00.

Brüggemann, Karsten; Henning, Detlef; Tuchtenhagen, Ralph (Hrsg.): Das Baltikum. Geschichte einer europäischen Region. Band 2: Vom Beginn der Frühen Neuzeit bis zur Gründung der modernen Staaten. Stuttgart 2021: Anton Hiersemann Verlag , ISBN 978-3-7772-2100-7, 776 S. € 98,00.

Brüggemann, Karsten; Tuchtenhagen, Ralph; Wilhelmi, Anja (Hrsg.): Das Baltikum. Geschichte einer europäischen Region. Band 3: Die Staaten Estland, Lettland und Litauen. Stuttgart 2020: Anton Hiersemann Verlag , ISBN 978-3-7772-2013-0, 743 S. € 98,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilman Plath, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Universität Greifswald

Mit 2.200 Seiten und 60 Einzelbeiträgen von über 50 Autor:innen handelt es sich bei den drei Bänden um das „größte Forschungsunternehmen, das sich je an einer Gesamtschau der baltischen Länder versucht hat“ (Bd. 1, S. 24), wie die Herausgeber mit berechtigtem Stolz feststellen. Das Handbuch steht in der Tradition der Handbücher zur Geschichte Russlands[1] und Polens[2], die im selben Verlag (Hiersemann) erschienen sind, doch im Unterschied zu diesen besitzt es einen stärker transnationalen beziehungsweise europäischen Rahmen, wie bereits der Untertitel „Geschichte einer europäischen Region“ deutlich macht. Diese Konzeption geht zum einen auf aktuelle Forschungstrends in der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen zurück, zugleich soll sie aber auch einen Kontrapunkt bilden zur aktuellen regionalgeschichtlichen Forschung, die, wie die Herausgeber hervorheben, häufig von nationalen Perspektiven der drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen dominiert wird. Schließlich begründet sich die transnationale Konzeption jedoch auch aus der historischen Entwicklung der Region selbst, da dort im Unterschied zu Polen und Russland die Tradition der Staatlichkeit eine viel unbeständigere Rolle spielte. Aus diesem Grunde geben sich die Herausgeber auch große Mühe, den Begriff des Baltikums im Titel zu rechtfertigen, wie auch die damit verbundene Idee einer „containerhaften“ Regionalgeschichte, die bis in die Ur- und Frühgeschichte zurückreicht.

Den territorialen Kern dieser Geschichte der Region bildet das mittelalterliche Livland, das in einer Übergangsphase der Frühen Neuzeit zumindest in seinen Außengrenzen in den heutigen Staaten Estland und Lettland erhalten geblieben ist. Dass die heute estnischen und lettischen Gebiete im Vordergrund dieser Bände stehen, geht nicht nur auf die Expertise der Herausgeber zurück, sondern wird durch selbige auch überzeugend damit erklärt, dass Litauen erst seit der ersten Phase der Unabhängigkeit im frühen 20. Jahrhundert zum Bestandteil der Idee einer geeinten Region mit dem Namen „Baltikum“ wurde. Dementsprechend ist es auch einleuchtend, dass die litauische Geschichte vor dem 20. Jahrhundert in diesem Handbuch nicht in gleicher Intensität behandelt wird, sich etwa im ersten Band auf ein Kapitel von Mathias Niendorf zum Großfürstentum Litauen beschränkt. Ähnliches gilt auch für den zweiten Band, in dem vor allem das 19. Jahrhundert in Litauen nur durch einen Text von Zita Medišauskiene und Darius Staliūnas abgedeckt wird. Die Herausgeber verweisen in diesem Zusammenhang erneut auf das Handbuch zur Geschichte Polens, in dem die litauische Geschichte dieser früheren Epochen ebenfalls behandelt wird. Das Primat der Historie der estnischen/lettischen Gebiete kommt auch in der Gliederung der Bände zum Ausdruck: Der erste Band beleuchtet das mittelalterliche Livland, der zweite Band fasst die politisch und territorial komplizierte Übergangsepoche der Frühen Neuzeit und des „langen“ 19. Jahrhunderts zusammen, der dritte Band thematisiert die Geschichte der baltischen Staaten, beziehungsweise Sowjetrepubliken, im 20. und 21. Jahrhundert.

Die versprochene europäische/transnationale Dimension wird im vorliegenden Handbuch zum einen durch ein internationales Autor:innenkollektiv gewährleistet, das wiederum im Unterschied zum Handbuch zur Geschichte Polens oder Russlands sehr viel stärker Autor:innen der Region selbst, aber auch aus dem englischsprachigem Raum, mit einschließt. Zum anderen beinhalten alle drei Bände einen kontextualisierenden Abschnitt im jeweiligen Schlussteil, der überregionale beziehungsweise theoretische Überlegungen anstellt. Dabei werden immer wieder Bezüge zum europäischen Rahmen respektive zur Geschichte des Ostseeraums hergestellt, oder auch beide Ebenen zusammen betrachtet, wie etwa im Beitrag von Christian Krötzl, der den Ostseeraum in der mittelalterlichen Geschichte verortet. Andris Levans wiederum geht dem spezifischen Verhältnis des mittelalterlichen Livlands zum Heiligen Römischen Reich nach. Im zweiten Band untersuchen Hans-Jürgen Bömelburg, Torkel Jansson, Karsten Brüggemann und Jan Kusber die polnischen, schwedischen, russischen und deutschen Perspektiven auf die Region. Der dritte Band wiederum wird durch theoretische Überlegungen Jörg Hackmanns zum Begriff der „baltischen“ Region in Geschichte und Gegenwart abgeschlossen. Wie von den Herausgebern selbst konzediert, handelt es sich bei diesen Beiträgen mitunter eher um erste Schlaglichter auf bisher wenig behandelte Perspektiven, wie beispielsweise auch Hans-Jürgen Bömelburg für seinen Beitrag selbst ausdrücklich betont.

Zu Beginn des Gesamtwerkes stehen der Idee eines Handbuchs entsprechend thematische Einführungen der Herausgeber, Historiografien sowie Quellenüberblicke im ersten und zweiten Band (Matthias Thumser, Karsten Brüggemann, Ralph Tuchtenhagen). Der erste Band enthält darüber hinaus noch einführende Texte zu den naturräumlichen Voraussetzungen (Hansjörg Küster), zur Ur- und Frühgeschichte (Andris Šnē und Heiki Valk), sowie zur Sprachgeschichte (Cornelius Hasselblatt).

Daran schließen sich in allen drei Bänden die eigentlichen Hauptteile an, in denen je nach Spezifik der Epoche mehr oder weniger chronologisch strukturierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern behandelt werden. Im Mittelalterband wird ein thematischer Querschnitt zum mittelalterlichen Livland im 13. bis zum 15. Jahrhundert geboten (Anti Selart, Tiina Kala, Juhan Kreem, Inna Põltsam-Jürjo, Ilgvars Misāns, Aleksandr I. Filjuškin), dem sich ein kürzeres Kapitel zum 16. Jahrhundert, einschließlich der Reformation und dem Livländischen Krieg, anschließt (Juhan Kreem, Aleksandr I. Filjuškin).

Die Frühe Neuzeit und das 19. Jahrhundert werden im zweiten Band strikt nach den unterschiedlichen politischen Zugehörigkeiten behandelt, also folgt dem polnisch-litauischen Kapitel (Jürgen Heyde, Mārīte Jakovļeva, Bogusław Dybas, Paweł A. Jeziorski, Mathias Niendorf) eines zur dänischen und schwedischen Herrschaft (Pärtel Piirimäe, Ralph Tuchtenhagen, Enn Küng), und schließlich eines zur russischen Herrschaftsperiode (Ralph Tuchtenhagen, Mati Laur, Kersti Lust, Andreas Fülberth, Bradley Woodworth, Gregory L. Freeze, Aleksandr Gavrilin, Detlef Henning, Zita Medišauskienė, Darius Staliūnas, Vejas Gabriel Liulevicius). Das 20. Jahrhundert ist im dritten Band sehr übersichtlich und systematisch, entsprechend der weitgehenden Parallelität der drei baltischen Länder, in Zwischenkriegszeit (Karsten Brüggemann, Joachim Tauber, Andres Kasekamp, Valters Ščerbinskis, Česlovas Laurinavičius, John Hiden (†)), Zweiten Weltkrieg (David Feest, Geoffrey Swain, Christoph Dieckmann, Joachim Tauber), sowjetische Zeit (Olaf Mertelsmann, Geoffrey Swain, Saulius Grybkauskas, Elena Zubkova) und wiedererlangte Unabhängigkeit (David Smith, Axel Reetz (†), Sigita Urdze, Česlovas Laurinavičius, Tobias Etzold, David J. Galbreath) untergliedert. Ein informatives zusätzliches Teilkapitel stellen die Texte zu Exil und Migration von Andrejs Plakans und Ulrich Prehn dar. Thematische Dopplungen zwischen den Bänden lassen sich durch die chronologische Gliederung nicht vermeiden, runden die einzelnen Bände allerdings auch zu vollständigen Epochenüberblicken ab. So wird der Livländische Krieg nicht nur im Mittelalterband, sondern auch im zweiten Band zur Periode der Neuzeit ausführlich analysiert. Stärker noch überschneidet sich der Text zum Ersten Weltkrieg von Vejas Gabriel Liulevicius im zweiten Band mit dem Einführungstext zu den Staatsgründungen während des Kriegsendes und der Zwischenkriegszeit von Karsten Brüggemann und Joachim Tauber in Band drei.

Die somit zu lobende und gut begründete Gesamtstruktur der drei Bände bringt es jedoch aufgrund der heterogenen Zusammensetzung der Autor:innen zwangsläufig auch mit sich, dass parallel angelegte Texte sich mitunter doch recht stark voneinander unterscheiden können. Das fällt beispielsweise bei den bereits erwähnten kontextualisierenden Texten zu den transnationalen Perspektiven auf die Region am Ende des zweiten Bandes besonders auf. Während Bömelburg eher skizzenhaft einen theoriegeleiteten Text bietet, folgt direkt im Anschluss ein stärker ereignisgeschichtlich orientierter Beitrag durch Torkel Jansson. Auch im dritten Band fällt der Kontrast in der Thematisierung der deutschen Besatzungszeit in den drei Ländern deutlich aus: Während Christoph Dieckmann sichtlich Mühe hat, seine knapp 1.700 Seiten umfassende Dissertation zur deutschen Besatzungspolitik in Litauen in diesem kurzen Beitrag unterzubringen, gelingt dem in der Thematik eigentlich weniger ausgewiesenen David Feest die weitaus bessere und zudem auf breiter Forschungsgrundlage basierende Synthese zum estnischen Fall, während schließlich Geoffrey Swain viel unabhängiger von der einschlägigen Forschung einen sehr eigenständigen und illustrativen Text zur Besatzung in Lettland verfasst hat. Notwendigerweise bedienen die jeweiligen Autor:innen ihre eigenen Forschungsschwerpunkte zuweilen stärker, als es das Konzept des Handbuchs eigentlich vorgibt. So hat beispielsweise der russische Historiker Aleksandr I. Filjuškin wenig überraschend in seinem Beitrag zu äußeren Beziehungen des mittelalterlichen Livlands sehr viel mehr über die Verbindungen zu den russischen Fürstentümern im Osten zu sagen als über die nordwestlichen Beziehungen nach Dänemark und Schweden.

Neben den eigentlichen inhaltlichen Texten enthalten die Bände darüber hinaus jeweils eine Zeittafel, ein Orts- und Personenregister, sowie sogenannte Textboxen, die Schlüsselbegriffe oder Ereignisse in kurzer Form parallel zu den umfangreicheren Gesamtdarstellungen auf den Punkt bringen sollen. Dies gelingt im Mittelalterband am besten; im zweiten Band sind es jedoch bereits deutlich weniger Textboxen, deren thematische Abgrenzung zu den eigentlichen Texten zuweilen unklar bleibt (besonders die beiden polnischen Aufstände 1830/31 und 1863/64 doppeln eigentlich nur den Fließtext), und im dritten Band fehlen die Textboxen bereits im Inhaltsverzeichnis. Letzteres mag vielleicht eine bewusste Entscheidung gewesen sein, da hier die Funktionalität dieser teils nicht nachvollziehbaren Ergänzungen am wenigsten überzeugt – so passt beispielsweise der Quellentext zum Massenerschießungsort Ponary bei Vilnius nicht recht zur Systematik der anderen Textboxen.

Diese Kritik an den Textboxen im dritten Band und an einigen unvermeidlichen thematischen Ungleichgewichten zwischen den Beiträgen schmälern jedoch nicht den Wert der Bände insgesamt. Für die Qualität des Handbuchs steht nicht zuletzt das internationale Autor:innenkollektiv, das die Herausgeber versammeln konnten. Institutionen wie das Nordost-Institut in Lüneburg, die Baltische Historische Kommission und ferner die Zeitschrift Forschungen zur baltischen Geschichte dürften zentral bei der Vernetzung der Autor:innen gewesen sein. Wie diese Einrichtungen zeigen, ist Deutsch als Wissenschaftssprache auf diesem Gebiet nach wie vor von Bedeutung, weshalb es nur konsequent ist, dass diese Bände als umfangreichste Gesamtdarstellung der Geschichte der Region nun auf Deutsch vorliegen, die jedem zur Lektüre wärmstens empfohlen sind.

Anmerkungen:
[1] Manfred Hellmann (†) / Gottfried Schramm / Klaus Zernack (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Russlands. Band 1-4, Stuttgart 1981 –2002; Stephan Plaggenborg (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Russlands. Band 5: 1945–1991. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, Stuttgart 2002–2004; Peter Hoffmann / Lothar Kölm, Handbuch der Geschichte Russlands. Band 6: Einführung in Literatur, Quellen und Hilfsmittel, Stuttgart 2004.
[2] Michael G. Müller u.a. (Hrsg.), Polen in der europäischen Geschichte. Ein Handbuch in vier Bänden. Band 1-3, Stuttgart 2011–2020. Band 4 ist noch nicht erschienen.