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Titel
Jenseits des Mythos. Die Geschichte(n) des Buchenwald-Außenkommandos Wernigerode und seiner "roten Kapos"


Autor(en)
Homann, Mark
Erschienen
Berlin 2020: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
326 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Kranebitter, Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Universität Graz

Geht es um die Gedenkstätten der DDR, ist abseits der „Nationalen Mahn- und Gedenkstätten“ Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück selten von den kleineren regionalen Gedenkstätten die Rede. Mark Homanns Buch über die Geschichte des Gedenkens am Ort des ehemaligen Buchenwald-Außenlagers Wernigerode setzt hier an. Er nimmt alltägliche Praktiken des offiziellen DDR-Antifaschismus in den Blick und macht innerbürokratische Widersprüche und lokale Konflikte verschiedener institutioneller und persönlicher Akteure sichtbar. Besonderen Platz nimmt dabei der Blick auf die sogenannten „roten Kapos“ dieses Außenlagers ein, sowohl in Bezug auf ihre Rolle im Außenlager als auch auf die keineswegs reibungslos verlaufene Etablierung der Gedenkstätte Wernigerode in der DDR. Das Buch liefert fundierte Erkenntnisse zu einer Debatte, die spätestens seit Lutz Niethammers „Der gesäuberte Antifaschismus“ die Gemüter erhitzt.[1]

Wernigerode war unter seinem Tarnnamen „Richard“ von März 1943 bis Dezember 1944 Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald. Die durchschnittlich etwa 1.000 Häftlinge des Außenlagers mussten für die Rüstungsindustrie in den sogenannten „Rautal-Werken“ Zwangsarbeit leisten. Das Lager wurde noch vor Kriegsende „evakuiert“. Zur Gedenkstätte wurde Wernigerode allerdings erst 1975, von da an war sie mit jährlich etwa 30.000 BesucherInnen allerdings die größte Gedenkstätte des Kreises Magdeburg und eine der größten KZ-Gedenkstätten der DDR. Sie war über Jugendweihefesten und Hochzeiten in den DDR-Alltag des Harzer Tourismusortes Wernigerode eingebunden.

Die Entwicklung dahin war allerdings kein geradliniger Prozess: Die Rautal-Werke wurden zum Volkseigenen Betrieb (VEB) Elektromotorenwerke Wernigerode (Elmo). Die Baracken wurden zunächst als Umsiedlerlager, ab 1948 als Alten- und Pflegeheim genutzt. Behörden problematisierten die schlechten Bedingungen, unter denen die Alten im Pflegeheim untergebracht wurden, seit den 1950er-Jahren – die Schließung blieb aber aufgrund diverser Interessens- und Kompetenzkonflikte zwischen Kommune, Kreis und Staat aus. Im Oktober 1969 von der Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei (SED) beschlossen, dauerte es noch bis 1975, ehe die Gedenkstätte eröffnet wurde. Das Narrativ der historischen Ausstellung in der Gedenkstätte war Ergebnis eines jahrzehntelangen Ringens mehrerer AkteurInnen, wobei der ehemalige kommunistische Kapo und Lagerälteste Hugo Launicke in der kollektiven Erinnerung den Ton angab.

Die letztendlich in der Gedenkstätte gezeigte Geschichte drehe sich, so Homann, ähnlich wie in der Gedenkstätte Buchenwald um den Widerstand der Häftlinge gegen die Schutzstaffel (SS), der von den kommunistischen Kapos rund um Launicke und seine ehemaligen KPD-Parteigenossen Otto Naumann und Karl Semmler im Verborgenen organisiert worden wäre. Launicke habe diesem Narrativ zufolge im Auftrag und in Absprache mit dem illegalen kommunistischen Komitee in Buchenwald agiert und vor allem mit den sowjetischen Gefangenen gegen etwas zwielichtige polnische Gefangene aus Auschwitz Widerstands-Pläne geschmiedet. Homann fokussiert in der Rekonstruktion dieses Mythos auf Übertreibungen und Ausblendungen, die diese Darstellung zur Folge hatte. Die Erhöhung der Kapos zeigte sich unter anderem in Launickes Behauptung, sogar die SS habe vor den Kapos Angst gehabt. Die Opferzahlen wurden übertrieben, insbesondere in der Behauptung, dass nur wenige die „Evakuierungs“-Märsche des Lagers im Dezember 1944 überlebt hätten. Bedeutende Ereignisse der Lager-Geschichte hatten im Narrativ umgekehrt keinen Platz: Die Hinrichtung dreier polnischer und dreier sowjetischer Gefangener wurde de-thematisiert, weil die Kapos dabei durch eine Denunziation eine Rolle gespielt hatten. Ebenso wurde in dieser Erzählung über den Selbstmord Kurt Wabbels geschwiegen, der als ebenfalls kommunistischer Kapo Launickes Vorgänger als Lagerältester gewesen war.

Diese von Launicke inszenierte Erzählung dominierte allerdings nicht seit 1945 den Diskurs und ging offenbar auch nach der Gedenkstättengründung nicht bruchlos in einem größeren Ganzen auf. Eine der größten Stärken des Buches liegt in der Tat in der detail- und quellenreichen Rekonstruktion der Akteursperspektiven. Homanns mikrohistorisch-multiperspektivischer Ansatz fördert ein Panorama zutage, in dem die ehemaligen Kapos nur ein Teil waren. Für die Dokumentation des Geschehens und die Erarbeitung der Ausstellungs-Inhalte der Gedenkstätten waren auf lokaler Ebene „Geschichtskommissionen“ der SED-Kreis- und Bezirksleitungen zuständig, nicht wie bei den Nationalen Mahn- und Gedenkstätten das Ministerium für Kultur. Für die bauliche Adaption und Sicherung, aber auch die Nutzung der Gebäude als Alten- und Pflegeheim waren die Kommunen zuständig. Auch andere ehemalige KZ-Häftlinge waren keine passiven „Erdulder“ der Nachkriegs-Geschichte: Polnische Überlebende rächten sich etwa 1945 an Launicke, indem sie ihn in Selbstjustiz in einem Waldstück zusammenschlugen. Der von der SS als „asozial“ verfolgte, in den DDR-Akten konsequent als „Berufsverbrecher“ bezeichnete ehemalige Kapo Willy Brosowsky bezichtigte Launicke der Ermordung Wabbels – und wurde offenbar stellvertretend für alle Kapos „vom sowj. Gericht zu 20 Jahren verurteilt […] nachdem ich ihn 1946 festnehmen ließ und Anzeige machte“ (S. 277), wie Launicke den Behörden gegenüber stolz festhielt, obwohl keiner der anderen Kapos oder Mithäftlinge Misshandlungen durch Brosowsky gesehen hatte. Die Parteikontrollkommissionen der SED, die Volkspolizei und die Staatsanwaltschaften der DDR untersuchten die Rolle der „roten Kapos“ in Wernigerode mehrmals, interessierten sich aber eher für deren Biografie vor der KZ-Haft und ihre „moralische“ Lebenshaltung nach 1945: Launicke, nach 1945 zunächst Bürgermeister von Wiehe, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und Landrat von Eckartsberga, wurde 1950 als Landrat abgesetzt und 1951 aus der SED ausgeschlossen – allerdings wegen seiner Trinkeskapaden und wegen Vorwürfen der Geltungssucht, der Unterschlagung von Geldern und der innerparteilichen Dissidenz. Zudem wurde ihm seine Mitgliedschaft in der Sturmabteilung (SA) zum Verhängnis: Launicke hatte angegeben, mit dem Auftrag der Zersetzungsarbeit in die SA eingetreten zu sein. Tatsächlich war er, wie Homann detailliert rekonstruiert, der SA nach einer Haftstrafe im November 1933 beigetreten und hatte erst im September 1934 als SA-Ortsgruppeneiter mit der illegalen Arbeit für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) begonnen. Er hatte im SED-Jargon also „Fragebogenfälschung“ begangen, indem er die unangenehmen Teile seiner Biografie verschwieg oder zurechtbog.

Dieses Zurechtbiegen der eigenen Biografie weist Homann Launicke auch in Bezug auf seine Rolle und Tätigkeiten im Außenlager Wernigerode nach. Zwar wurde er von der SED nach seinem Parteiausschluss von wichtigen Funktionen ferngehalten, doch rehabilitierte sie Launicke stillschweigend, unter anderem eben als Leiter der Geschichtskommission des Bezirks Magdeburg, die die Gedenkstätte initiierte. Erst der Freispruch bei einer neuerlichen Untersuchung der Zentralen Parteikontrollkommission 1961 ebnete den Weg für die Verankerung des geglätteten Widerstands-Narrativs im Außenlager Wernigerode.

Homann präsentiert und diskutiert Dokumente wie eine Denunziation Launickes, die die erwähnte Hinrichtung der sechs Gefangenen zur Folge hatte, quellenkritisch abwägend. Er enthält sich mangels belastbarer schriftlicher Quellen auch einer retrospektiven „Entscheidung“ darüber, ob die Kapos am Tod Wabbels, dem sie Homosexualität, Erpressbarkeit und letztlich Verrat vorwarfen, direkt beteiligt waren oder ob Wabbel tatsächlich Suizid begangen hat. Von großem Wert ist auch die Tatsache, dass die von ihm verwendeten Quellen im Anhang zum Buch abgedruckt sind. Dennoch wird die recht komplexe Geschichte der Aushandlung eines Narrativs der heldenhaften „roten Kapos“ vereindeutigt. Die Geschichte widerspricht zumindest bis zur „Nationalisierung“ des Gedenkens (Insa Eschebach) in den 1960er-Jahre dem von Homann gefolgten Narrativ, die SED hätte bereits früh die Erinnerung an die NS-Verbrechen unter ihre Kontrolle gebracht und zentral durchgesetzt. Gerade die von ihm selbst rekonstruierten Widersprüche hätten an einigen Stellen weitere Differenzierungen dieses Master-Narrativs nahegelegt: Dem ersten Lagerältesten Kurt Wabbel wurde mit dem (bis zum Abriss 2010 so benannten) Kurt-Wabbel-Stadion ein Denkmal gesetzt, sein Name aber aus der Erinnerung an das Außenlager getilgt. Ein von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) 1952 eingeweihtes Denkmal erinnerte an die in Wernigerode begrabenen Opfer eines Todesmarsches aus einem Außenlager von Mittelbau-Dora, nicht aber an das Lager im Ort. All das passt nicht unbedingt ins Bild der zentralen Durchsetzung einer vorgefertigten Gedenkpolitik. Homann widerspricht diesem Narrativ auch an vielen Stellen, das nichtsdestotrotz der Referenzrahmen bleibt.

Dieser Widerspruch zwischen den empirischen Ergebnissen und einem allzu starren Masternarrativ wird am deutlichsten, wenn es um die Einschätzung der Kapo-Rolle im KZ selbst geht. Hier steht Homanns Urteil fest: Wernigerode war kein Ort des kommunistischen Widerstands, wie schon die Überschriften unmissverständlich konstatieren. Aber war das, was dort passiert ist, wirklich kein Widerstand? Lassen die (wenigen) Beispiele von Sabotage, durchaus nicht immer von einer klarsichtigen Parteizelle geleitet, der versuchte und von den Kapos mitverhinderte Aufstand oder die belegte Solidaritätsaktion mit inhaftierten sowjetischen Kriegsgefangenen nicht auch eine andere Interpretation zu? Das Urteil des Nicht-Widerstandes scheint mit einiger Distanz auch zur DDR-Zeit doch zu eindeutig. Insofern kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Homann das Buch gegen einen Diskurs anschreibt, der (vielleicht ein sehr österreichisches Urteil) so nicht mehr existiert. Trotz aller Quellenkritik ist die Tendenz eindeutig: Die Ambivalenz der Rolle der Kapos wird in Richtung ihrer Teilnahme an den Verbrechen aufgelöst, die teilweise wie aus freien Stücken gemacht erscheinen. Funktionshäftlinge wären eine „privilegierte Oberschicht“ (S. 46) gewesen, das „Scharnier“ zwischen Häftlingen und SS, mit „nahezu entgrenzter Macht“ (S. 47f.) ausgestattet hätten die Unterschiede zur Masse der Häftlinge soziale Ungleichheiten der bürgerlichen Gesellschaft „weit hinter sich“ gelassen. „Sie hielten für die SS Ordnung und Disziplin in den Lagern aufrecht und verteidigten ihre daraus gewonnene Macht und Vorteile mitunter durch den Einsatz von Gewalt.“ (S. 15) Durch diesen Egoismus hätten sie eben „nicht unerhebliche Schuld“ an den Ereignissen, indem sie die Hierarchien bejahend „Gewalt als alltägliches Mittel einsetzte[n]“ (S. 78). Diese neben H. G. Adler vor allem Karin Hartewig entlehnte Sicht auf die Kapos der Konzentrationslager setzt sich in teilweise unpassender Wortwahl fort: Hugo Launicke „besaß“ (S. 74) etwa zwei Pfleger und „besuchte“ (S. 75) wie aus eigenen Stücken mit Lagerführer Grossmann das Rüstungswerk der Rautal-Werke.

Der Diskurs, in den sich Homann in Bezug auf die KZ-Zeit damit einordnet, ist der der einfachen Negation des DDR-Mythos, der Ton teilweise immer noch der der 1990er-Jahre. Dieser Rahmen färbt auch die ansonsten abwägende Interpretation. Das wird am Beispiel der erwähnten „Denunziation“ eines geplanten Aufstands vom Herbst 1943 durch Launicke deutlich, die als Zeichen einer vermeintlich „unbeschwerten“ (S. 73) Zusammenarbeit zwischen SS und Kapos gedeutet wird. Auch wenn sich die Faktenlage nicht mit Sicherheit rekonstruieren lässt, ist als wahrscheinlich anzunehmen, dass es im Außenlager Wernigerode 1944 zur Vorbereitung eines Aufstands kam. Dieses Vorhaben wurde von Launicke tatsächlich verraten, wie schwarz auf weiß auf einem historisch seltenen Dokument zu lesen ist. Homann deutet dieses Dokument als Verrat, um die privilegierte Kapo-Position nicht zu gefährden. Das unterstellt oder akzeptiert aber nicht nur ein egoistisches Handeln, sondern auch ein eben relativ „unbeschwertes“ Handeln der Kapos. Die Episode ist aber auch anders deutbar. Schon die Tatsache, dass die Aufstandsvorbereitung an den kommunistischen Kapos vorbei geschah und von diesen erst spät entdeckt wurde, zeugt ebenso von ihrer Distanz zu wie ihrer geringen Macht unter den Gefangenen. Vor allem aber war ihr „Entscheidungsspielraum“ äußerst begrenzt. Hatte es tatsächlich konkrete Ausbruchs-Vorbereitungen gegeben, ließ das den Kapos nur zwei Optionen – entweder die Unterstützung eines Aufstands oder seine Verhinderung. Da die Front zu dieser Zeit weit weg war, war ein Aufstand aus Launickes selbst geschilderter Sicht aussichtslos. Eine Unterstützung hätte einiges riskiert – die eigene Position (die Kapos hätten das Kommando ganz offensichtlich nicht im „Griff“), aber wohl auch das Leben zahlreicher Gefangener. Der Verrat der wenigen könnte somit durchaus paradoxes Ergebnis dieses klassischen KZ-Dilemmas gewesen sein, der das Überleben der vielen ermöglichte. Dass es darüber hinaus den Kapos nicht gelungen zu sein scheint, den Aufstandsversuch „informell“ zu verhindern, ist ein weiteres Zeugnis ihres geringen Einflusses.

Der Verrat der roten Kapos von Wernigerode geht auf ein Dilemma zurück, in dem die Entscheidung auf Leben oder Tod hinauslief, in dem es aber gleichzeitig weniger zu entscheiden gab, als Kapos und DDR-Geschichtsschreibung stets suggerierten: Auf die eine oder andere Weise machten sich die Kapos schuldig, legt man wirklich die ethischen Maßstäbe einer post-konzentrationären Gesellschaft an. Die DDR-Konstruktion einer klarsichtigen Partei, die prinzipientreu die Masse im antifaschistischen Kampf anführt und damit den Akteurs-Typus des statthaft-männlichen Helden bedingt, kann Dilemmata, Bauchentscheidungen, Fehlinformation und eingeschränkte Handlungsoptionen nicht anerkennen. Die einfache Negation dieses Mythos, ein Narrativ des „Verrats“, geht dieser Konstruktion aber immer noch auf den Leim, weil sie Kapos als relativ „unbeschwert“ handelnde Akteure mit viel Handlungsmacht akzeptiert. In der Negation des Mythos werden dessen Voraussetzungen teilweise akzeptiert: die Handlungsmacht der roten Kapos, in deren Macht es tatsächlich gestanden wäre, Aufstände zu verursachen oder eben zu verhindern.

Dass diese alle Ambivalenzen glättende (Selbst-)Konstruktion der Kapo-Rolle unterkomplex ist, ist in der NS- und KZ-Forschung seit geraumer Zeit Thema. Diesbezüglich stünde die Rückbeziehung des Diskurses über die „roten Kapos“ auf neuere Forschungen zur Grauzone der Lager an der Tagesordnung. Insbesondere Literatur zu den jüdischen Ältestenräten oder die detaillierte historische Rekonstruktion der Rolle von als „asozial“ oder „kriminell“ gelabelten Kapos sollte hier verstärkt berücksichtigt werden.[2] Aber auch zu einigen Figuren des Außenlagers Wernigerode wie dem Kapo Karl Semmler, der von der SS in die Verbrechen von Gardelegen verwickelt wurde, weil er sich angesichts seiner begrenzten Handlungsmacht eben nicht aus dem Geschehen nehmen konnte, existiert Literatur, die die Amivalenzen der Kapo-Rolle in den Mittelpunkt rückt.[3] Der Diskurs über die Rolle der „Kapos“ involviert grundlegende Fragen zu den Handlungsoptionen in der Grauzone der Lager, etwa in der Frage der Gewaltanwendung, die bei Homann unterkomplex als „Instrument“ behandelt wird, nicht als Kommunikationsmittel, das paradoxerweise als Gewaltersatz fungieren kann.[4] Auch die Rede von den „Privilegien“ der Kapos, die nur im Kontrast zu ihren Mithäftlingen wie Privilegien aussehen, sollte stärker sozialwissenschaftlich reflektiert werden – mit Erving Goffman könnte sie eher als „Abwesenheit von Entbehrungen, die man normalerweise nicht ertragen zu müssen erwartet“[5], angesehen werden. Diese Abwesenheit des Mangels ist allerdings der Institution anzulasten, nicht den von ihr vermeintlich Privilegierten. Geschieht diese Rückbeziehung auf andere Diskursfelder nicht, droht die Debatte um die „roten Kapos“ zwar jenseits des DDR-Mythos, aber nicht jenseits der Mythen zum Stehen zu kommen.

Anmerkungen:
[1] Lutz Niethammer (Hrsg.), Der „gesäuberte“ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Dokumente, Berlin 1994.
[2] Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938–1945. Der Weg zum Judenrat, Frankfurt am Main 2000; Dagmar Lieske, Unbequeme Opfer? „Berufsverbrecher“ als Häftlinge im KZ Sachsenhausen, Berlin 2016; Sylvia Köchl, „Das Bedürfnis nach gerechter Sühne“. Wege von „Berufsverbrecherinnen“ in das Konzentrationslager Ravensbrück, Wien 2016.
[3] Diana Gring, „[…] immer zwischen zwei Feuern.“ Eine Annäherung an die Biographie des kommunistischen Funktionshäftlings Karl Semmler, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 4 (1998), S. 97–105.
[4] Andreas Kranebitter, Die permanente Gewaltsituation. Gewalthandeln von Funktionshäftlingen in Konzentrationslagern, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 45 (2020), S. 89–111.
[5] Erving Goffman, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main 1973, S. 56f.

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04.05.2021
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