H.J. Whatmore-Thomson: Nazi Camps and their Neighbouring Communities

Titel
Nazi Camps and their Neighbouring Communities. History, Memory, and Memorialization


Autor(en)
Whatmore-Thomson, Helen J.
Erschienen
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
€ 74,75
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg

In den 1990er-Jahre begann in den Forschungen zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager eine erste Auseinandersetzung mit dem Geflecht von Beziehungen, die zwischen den Konzentrationslagern und ihrer unmittelbaren Nachbarschaft bestanden hatten. Den Anfang machte 1993 eine Studie der Historikerin Sybille Steinbacher zu Dachau[1], der zahlreiche weitere folgten, darunter zu Buchenwald[2], Auschwitz[3] und Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen.[4] Sie alle gehen auch, mehr oder weniger umfangreich, auf die unmittelbare Zeit nach der Befreiung der Lager ein. Einzelaspekte wie Nachnutzungen, lokale Erinnerungen und die Verhältnisse zwischen KZ-Gedenkstätten und Stadt wurden zudem in einem Sammelband über schwierige Nachbarschaften publiziert[5], wobei allein Beispiele aus der Bundesrepublik behandelt wurden. Der Frage nach den Erinnerungen an das Konzentrationslager Neuengamme in den Erzählungen von Anwohner:innen ging die Kulturhistorikerin Gesa Anne Trojan nach.[6]

Die britischen Historikerin Helen Whatmore-Thomson untersucht nun in ihrer 2020 erschienenen Studie die Beziehungen zwischen den Bewohner:innen der umliegenden Ortschaften zu den ehemaligen Konzentrationslagern Natzweiler-Struthof (bei Natzweiler, Elsass, Frankreich), Vught (auch „KL Herzogenbusch“, Provinz Nord-Brabant, Niederlande) und Neuengamme (bei Hamburg, Bundesrepublik Deutschland). Entgegen dem Obertitel liegt der Schwerpunkt der Darstellungen nicht auf den „Nazi Camps“, sondern auf der Geschichte der Beziehungen nach deren Befreiung bis in den Beginn der 2000er-Jahre. Whatmore-Thomson untersucht damit derartige Beziehungen zum ersten Mal bis in die jüngere Vergangenheit. Dabei verzichtet sie eingangs auf eine komplexe Darstellung der Geschichte der einzelnen Lager ebenso wie auf eine Darlegung der Gründe, die zur Auswahl ihrer Beispiele geführt haben.

Unterteilt ist die Veröffentlichung nach einer kurzen Einleitung in insgesamt sechs Kapitel, die einer chronologischen Erzählung folgen. Damit werden die drei Beispiele in der jeweiligen Zeit unmittelbar nebeneinandergestellt, wodurch vergleichende Aspekte sichtbar werden. Das erste Kapitel schafft einen Überblick zur Entstehung der Lager im Kontext ökonomischer Interessen und zu den Begegnungen zwischen Anwohner:innen und Gefangenen sowie Anwohner:innen und SS-Angehörigen. Whatmore-Thomson zufolge befanden sich die Anwohner:innen „on the front line of a transitional space where the horror of the Nazi terror apparatus intersected with their ‚ordinary’ life-words“ (S. 13). Behandelt werden daneben Unterschiede, die sich aus der Anlage der Lager, aus Wegen, Arbeitsplätzen und aus dem (Nicht-)Handeln der Anwohner:innen ergaben. Dabei geht es auch um Vorteile: In Vught konnten zum Beispiel Bauarbeiter, die im Winter 1941/42 arbeitslos geworden waren, ihre Deportation ins „Deutsche Reich“ zur Zwangsarbeit verhindern, indem sie das neue Lager aufbauten.

Die Darstellungen der folgenden Kapitel zeichnen die Geschichte nach der Befreiung jeweils zwischen den Polen des Umgangs mit den Lagergeländen und der Etablierung eines Gedenkens sowohl in Ritualen als auch in konkreten Zeichen nach. Für die unmittelbare Nachkriegszeit bedeutet dies, dass zum einen die Beziehung zwischen der Umgebungsgesellschaft und der Nachnutzung als Internierungslager als Teil des jeweiligen Nachkriegsjustizapparats vorgestellt wird und zum zweiten als Aspekt einer frühen Erinnerungskultur. Diese orientierte sich zunächst an den Erfahrungen aus vergangenen Kriegen. Während in Vught und Natzweiler (provisorische) Gedenkzeichen am Ort etabliert wurden, blieb Neuengamme als Gedenkort bis 1953 unmarkiert.

Wie bedeutend und wie umfangreich die Entwicklungen in den 1950er- und 1960er-Jahren an den untersuchten Orten waren, zeigt sich bereits vor der Lektüre allein in dem Umstand, dass die Autorin ihnen zwei eigenständige Kapitel widmet. Vormalige Lagerareale erfuhren Nachnutzungen als Gefängnisse (Neuengamme und Vught), Kasernenareal und Wohngebiet (Vught). In Natzweiler dagegen wurde der vormalige Gefangenlagerbereich selbst zum Gedenkort. Ein „National Memorial to the Deportations“ entstand 1960 angrenzend an das Gelände. Ein Museum folgte 1963. In Vught war bereits 1947 ein Denkmal auf dem vormaligen Hinrichtungsplatz eingeweiht worden, in Neuengamme entstand 1953 ein erstes offizielles Erinnerungszeichen der Stadt Hamburg auf dem Areal der vormaligen Lagergärtnerei. In beiden Fällen waren demnach den Gedenkorten jeweils nur ausgewählte kleine Areale zugedacht. Die Entstehungsgeschichten dieser Erinnerungsorte sind eingebunden in komplexe Aushandlungsprozesse vor dem Hintergrund der Etablierung von Gedenkritualen unterschiedlicher Akteur:innen, die vor allem durch Vereinigungen von Überlebenden geprägt wurden. Diese waren gezwungen, sich immer wieder mit lokalen Behörden und politischen Verantwortlichen auseinanderzusetzen; Prozesse, die zum Beispiel in Neuengamme 1965 zur Einweihung eines weiteren Denkmals führten, mit dem, nach Nationalitäten aufgezählt, den Toten des Lagers erinnert werden sollte. In Natzweiler dagegen setzte sich diese Form des Gedenkens an die Ermordeten erst in den 1970er-Jahren durch.

Das letzte Kapitel beginnt mit der in den 1980er-Jahren einsetzenden gesteigerten Aufmerksamkeit für die historischen Lagerorte in Vught und Neuengamme. Dabei stellt die Autorin zum einen Prozesse der Auswahl dar, die zur Sicherung und Memorialisierung einzelner noch erhaltener Gebäude führten. Zum zweiten geht sie auf eine Indienstnahme der Geschichte der Lager für politische Argumentationen ein, wie sie im Kontext der lokalen religiösen Friedensarbeit in Hamburg stattfand. Derartige Entwicklungen erhöhten die Sichtbarkeit der Erinnerungsorte in der lokalen Landschaft und ermöglichten neue Auseinandersetzungen mit der Nachbarschaft. Umfangreiche Umgestaltungen und Neubewertungen der vormaligen Lager fanden ab den 1990er-Jahren in allen Gedenkstätten statt. Dabei wurden die bisherigen Narrative erweitert: in Natzweiler durch den Neubau des European Centre for Deportated Resisters um eine Erzählung um faschistische Verfolgung, Krieg, Widerstand und Befreiung; in Neuengamme unter anderem um detaillierte Erzählungen zur Nachkriegsgeschichte, zur SS und zur lokalen Nachbarschaft. In Neuengamme und in der neugestalteten Gedenkstätte Vught wurden zudem deutlich mehr Bereiche der ehemaligen Lager integriert.

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen den drei von Whatmore-Thomson ausgewählten Beispielen bezieht sich unmittelbar auf das Agieren der Nachbarschaften gegenüber den KZ-Häftlingen: limitierte, von Einzelnen geleistete Unterstützung in Neuengamme, eine weitverbreitete, dabei immer klandestine Hilfe im besetzten Elsass und koordinierte, kollektive Strukturen von Solidarität in den Niederlanden in der Umgebung von Vught. Einer der Schlüsse der Autorin ist, dass eine Nachbarschaft, die sich aktiv am Nationalsozialismus beteiligte, nach 1945 zunächst viel weniger gewillt war, ein Gedenken am Ort des Lagers zu etablieren. Dies bildete einen der Rahmen für die anschließenden Entwicklungen, die sich in einem Feld zwischen pragmatischen Nutzungen und einer sich immer wieder verändernden Gedenkkultur bewegten. Dabei waren die jeweiligen Gemeinden mit den konkreten Interessen von Verbänden der Überlebenden und von staatlichen Institutionen konfrontiert und waren gezwungen, die unterschiedlichen Bedürfnisse vor Ort zu behandeln. Die besondere Bedeutung der Studie liegt darin, dass sie diese ganz unterschiedlichen Aushandlungsprozesse der verschiedenen Akteur:innen darzustellen und zu untersuchen und dabei nachvollziehbar zu machen vermag, wie sich das Erinnern an die Lager über mehrere Jahrzehnte in Denkmalen materialisierte und in Narrativen vermittelte.

Überraschend und bedauernswert ist, wie wenig Helen Whatmore-Thomson auf die räumlichen Aspekte der Nachbarschaft eingeht: Das Nebeneinander von Aneignungen und Nutzungen durch unterschiedliche Personen und Gruppen in den Beziehungen zwischen Lager, Gedenkorten und Ortschaften zeigen sich natürlich auch im Raum anhand von Grenzen, Sichtbeziehungen, Leerstellen, Überbauungen etc. Die verschiedenen Akteur:innen haben den Raum zwischen der Einrichtung der Lager und dem Ende des Untersuchungszeit 2005 immer wieder verändert. Dies einzubeziehen und auch zu visualisieren, hätte weitere Erkenntnisgewinne ermöglicht. Das wird bereits mit den im ersten und im letzten Kapitel einbezogenen Karten deutlich, die einen Mehrgewinn an Zuordnung und Verständnis der Bedeutung von Nachbarschaft für den konkreten Ort aufzeigen. Diese Leerstelle ist hoffentlich Anlass, den Bedeutungen und Beziehungen derartiger Nachbarschaften weiter nachzugehen.

Anmerkungen:
[1] Sybille Steinbacher, Dachau. Die Stadt und das Konzentrationslager in der NS-Zeit. Die Untersuchung einer Nachbarschaft, Frankfurt am Main 1993.
[2] Jens Schley, Nachbar Buchenwald. Die Stadt Weimar und ihr Konzentrationslager 1937–1945, Köln 1999.
[3] Robert-Jan van Pelt / Debórah Dwork, Auschwitz. Von 1270 bis heute, Zürich 1998; Sybille Steinbacher, „Musterstadt“ Auschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien, München 2000.
[4] Bianca Roitsch, Mehr als nur Zaungäste. Akteure im Umfeld der Lager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen 1933–1960, Paderborn 2018.
[5] Horst Seferens (Hrsg.), Schwierige Nachbarschaft? Das Verhältnis deutscher Städte zu „ihren“ Konzentrationslagern vor und nach 1945, Berlin 2018.
[6] Gesa Anne Trojan, Das Lager im Dorf lassen. Das KZ Neuengamme in der lokalen Erinnerung, München 2014.

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Veröffentlicht am
01.04.2021
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