Cover
Titel
Ruin and Renewal. Civilizing Europe After World War II


Autor(en)
Betts, Paul
Erschienen
New York 2020: Basic Books
Anzahl Seiten
V, 536 S.
Preis
$ 35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fabian Klose, Historisches Institut, Universität zu Köln

Neue Gesamtdarstellungen der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert sind en vogue, wie in den letzten Jahren etwa das Buch „Aus der Asche. Eine neue Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“ von Konrad H. Jarausch, das zweibändige Werk „Höllensturz. Europa 1914 bis 1949“ und „Achterbahn. Europa 1950 bis heute“ von Ian Kershaw sowie „Europa im 20. Jahrhundert“ von Christoph Cornelißen belegt haben.[1] Auch Paul Betts, der am St. Antony’s College in Oxford lehrt und forscht, hat sich in seiner neuesten Monographie „Ruin and Renewal. Civilizing Europe After World War II“ dieser Thematik angenommen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine klassische Gesamtschau, sondern das Buch beleuchtet die europäische Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einem ganz speziellen Blickwinkel. Betts nähert sich seinem Untersuchungsgegenstand mit Hilfe eines Konzepts, das man zunächst viel stärker mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts in Verbindung bringen würde, nämlich dem Konzept der Zivilisation. Nach seiner Ansicht spielten wechselnde zivilisatorische Vorstellungen auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine prägende Rolle und beeinflussten maßgeblich die politische Agenda verschiedenster Akteursgruppen – national und international, kolonial und antikolonial, sozialistisch und kapitalistisch.

Betts beginnt seine Geschichte Europas seit 1945 ausgehend vom Gegenwartsbefund, dass seit den Terroranschlägen von 9/11 und dann erneut im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise im Jahr 2015 der Aufruf zum Schutz einer gefährdeten Zivilisation wieder eines der auffälligsten Merkmale der internationalen Politik geworden ist. Es geht ihm dabei nicht um eine Begriffsgeschichte, sondern er will zeigen, auf welche Weise verschiedene Vorstellungen von Zivilisation den öffentlichen europäischen Diskurs in unterschiedlichen Bereichen wie Humanitarismus, internationales Recht, Dekolonisation, Wissenschaft und Religion maßgeblich beeinflusst haben. Dabei betont er gleich zu Beginn, dass es keine einheitliche, übereinstimmende Idee von Zivilisation gab. Vielmehr handelte es sich dabei um ein sehr formbares, widersprüchliches und umstrittenes Konzept – genau darin liege seine fortdauernde Anziehungskraft (S. 22). Entsprechend lässt sich das Hauptziel des Buches prägnant mit diesem Satz zusammenfassen: „How and why this old, troublesome, and much-maligned principle was summoned to help to redress Europe’s crisis of identity – then and now – is the subject of this book.“ (S. 5)

Betts’ Zugang ist innovativ, denn er beschränkt sich in seiner Darstellung geographisch eben nicht nur auf den europäischen Kontinent, sondern weitet seine gesamteuropäische Perspektive bewusst, indem er die Staaten West- und Osteuropas in ihren globalen Verflechtungen betrachtet. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches rücken diese außereuropäischen Verbindungslinien, besonders nach Afrika, in den Vordergrund. Thematisch verlässt Betts ausgetretene Pfade, indem er die Rolle internationaler Organisationen, den fundamentalen Prozess der Dekolonisation und Fragen von Multikulturalismus viel stärker berücksichtigt und Themenfelder wie Religion, Wissenschaft, Fotografie, Architektur und Archäologie in seine Gesamtkomposition elegant einbindet.

Neben Einleitung und Zusammenfassung umfasst das Buch neun thematisch gegliederte Kapitel. Gleich zu Beginn verdeutlicht Betts, wie die europäischen Staaten, lange Ausgangspunkt einer selbsterklärten zivilisatorischen Mission in allen Teilen der Welt, nun mit dem Kriegsende von 1945 selbst zum primären Versuchsfeld eines „Re-Zivilisierungsprozesses“ wurden. Die Massengewalt der NS-Herrschaft und die enorme Zerstörungswucht des Weltkrieges machten Europa zum zentralen Einsatzort für humanitäre Hilfskräfte, die unter der Ägide der Ende 1943 gegründeten United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) mit dem materiellen und moralischen Wiederaufbau des in Ruinen liegenden Kontinents begannen (S. 31–73). Die Neugestaltung von zivilisatorischen Idee nach 1945 war dabei maßgeblich vom alliierten Umgang mit dem besiegten Deutschland geprägt – ob im Rahmen der internationalen Strafgerichtsbarkeit in Nürnberg oder der alliierten Besatzungspolitik – und rückte somit die Deutschen ins Zentrum einer internationalen Zivilisierungsmission (S. 75–124).

In Bezug auf die Auseinandersetzungen des beginnenden Kalten Krieges gelingt es Betts, ein sehr ambivalentes Bild zu zeichnen. Auf der einen Seite waren die 1940er- und 1950er-Jahre in Westeuropa von einem christlichen Zivilisationsdiskurs mit eindeutig antikommunistischer Stoßrichtung und der Vision eines „new transatlantic Christian West“ geprägt, wie die internationalen Reaktionen auf den Schauprozess gegen den ungarischen Kardinal Jószef Mindszenty (1949) und die Debatten um die Gründung der Europäischen Menschenrechtskonvention (1948–1950) exemplarisch zeigen (S. 125–172). Andererseits eröffnete der Bezug auf gemeinsame zivilisatorische Vorstellungen – vor allem auch unter dem Eindruck der beiden verheerenden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – gerade im Bereich der Wissenschaft und des humanitären Völkerrechts auch Möglichkeiten, ideologische Gräben des Ost-West-Konflikts zu überwinden und Aktivist:innen unter dem gemeinsamen Banner von Frieden und Fortschritt über nationale Grenzen hinweg zu vereinen (S. 173–221).

In der zweiten Hälfte des Buches erweitert Betts seine Perspektive über den Kontinent hinaus, indem er die europäischen Verflechtungen vor allem mit den Kolonialgebieten in Afrika untersucht. Zunächst macht er deutlich, wie eng die europäische Zivilisationsmission mit der Rechtfertigung imperialer Gewalt und kolonialer Expansion verbunden war (S. 223–266). Selbst im einsetzenden Prozess der Dekolonisation nach 1945, der anhand der drei prägnanten Fallbeispiele Ghana, Algerien und Senegal (S. 267–310) näher beleuchtet wird, bedienten sich die europäischen Kolonialherren weiterhin der althergebrachten zivilisatorischen Legitimations- und Verteidigungsrhetorik. An dieser Stelle kann Betts überzeugend zeigen, dass es nun gleichzeitig nationalen Anführern wie Kwame Nkrumah oder Léopold Senghor und Nationalbewegungen wie dem algerischen Front de Libération Nationale (FLN) gelang, die Sprache der Zivilisation für ihre antikoloniale und nationale Agenda erfolgreich umzudeuten und dadurch das Verhältnis zwischen Afrika und Europa neu zu definieren. Als Konsequenz verlor das Konzept in westeuropäischen Kreisen merklich an Anziehungskraft: „As soon as the concept migrated southward and became fused with anticolonialism, it was all but abandoned by European leaders and intellectuals, in large measure because it no longer denoted European power and privilege.“ (S. 310) An diese Stelle traten nun neue Konzepte einer „World Civilization“, die vor allem im Rahmen der Arbeit der UNESCO zum globalen Schutz von Kulturgütern (S. 311–344) zum Tragen kamen. Aber auch die Vision einer „Socialist Civilization“, mit deren Hilfe die Sowjetunion und ihre verbündeten osteuropäischen Staaten ab den 1960er-Jahren versuchten, ihren Einfluss im Globalen Süden auszubauen (S. 345–382), wurde eine ernsthafte Alternative zu westlichen Zivilisationskonzepten. Abschließend konstatiert Betts jedoch, dass die neuen Zivilisationsmodelle der 1960er-Jahre, die verschiedene Nationen, Weltregionen und Völker zu integrieren versuchten, nicht von Dauer waren. Vielmehr gerieten sie in den 1970er- und 1980er-Jahren in die Defensive, als konservative Agenden den Zivilisationsdiskurs wieder für sich reklamierten: „Over the course of the 1970s and 1980s, civilization rested at the heart of discussions about redrawing the religious and even racial boundaries of the continent, and was closely aligned to conservative causes, including apartheid, militant Catholicism, and the rejection of multiculturalism.“ (S. 386)

Mit „Ruin and Renewal“ hat Paul Betts ein großartiges, äußerst gegenwartsrelevantes Buch geschrieben. Mit Hilfe der Sonde Zivilisation untersucht er die europäische Geschichte seit 1945 und entwirft ein vielschichtiges, dichtes Panorama. Indem er altbekannte Wege bewusst verlässt und neue geographische wie thematische Schwerpunkte setzt, kann er wichtige Aspekte einer europäischen Ideen-, Kultur- und Politikgeschichte auf profunde Weise herausarbeiten und miteinander verzahnen. Darüber hinaus ist das Buch von großer Aktualität. In einer Zeit, in der von verschiedenen Seiten die Behauptung einer „Zivilisation in der Krise“ reaktiviert wird, um neue „Eiserne Vorhänge“, religiöse und kulturelle Abgrenzung sowie politische Abschottung zu legitimieren, liefert Betts eine kluge Studie, die zum kritischen Nachdenken über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Zivilisations- und Zivilisierungskonzepten anregt. Nicht zuletzt ist das Buch meisterhaft geschrieben und somit ein Lesevergnügen erster Güte.

Anmerkung:
[1] Siehe die Rezensionen von Hartmut Kaelble, in: H-Soz-Kult, 06.11.2015, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-22652 (zu Jarausch, Out of Ashes); Paul Moore, in: H-Soz-Kult, 12.07.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-23663 (zu Kershaw, To Hell and Back); und wiederum Hartmut Kaelble, in: H-Soz-Kult, 22.06.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-49911 (zu Cornelißen). Zu Kershaws „Achterbahn“ gab es im November 2019 ein Review-Symposium mit vier Besprechungen: https://www.hsozkult.de/text/id/texte-4873 (alle Links: 03.08.2021).