C. Arendes u.a.: Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert

Cover
Titel
Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert. Interventionen zu aktuellen Debatten


Autor(en)
Arendes, Cord; Döring, Karoline; Kemper, Claudia; König, Mareike; Logge, Thorsten; Siebold, Angela; Verheyen, Nina
Erschienen
Anzahl Seiten
87 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sina Steglich, German Historical Institute London

Seien es die pandemiebedingte Verlagerung universitärer Lehre in den digitalen Raum[1] und die zunächst improvisierten, sich nun allmählich als neuer Modus operandi etablierenden Forschungsbegegnungen auf virtuellen Konferenzen oder aber öffentliche Auseinandersetzungen um die Rolle des „Hauses“ Hohenzollern während des Nationalsozialismus[2]: Das Jahr 2020 hat seine Zeitgenossen gelehrt, dass die Herausforderungen, vor denen die Geschichtswissenschaft als Disziplin schon seit Längerem steht, nun mit besonderer Dringlichkeit in den Vordergrund rücken. Dazu zählen die fortwährende (Neu-)Aushandlung der gesellschaftlichen Relevanz von Geschichte (nicht nur als Schulfach); die Frage, wie viel politische Positionierung als Gegenwartsorientierung Fachvertreter/innen leisten können (oder dürfen?); wie sich akademische Geschichtswissenschaft und außeruniversitäre Geschichtsvermittlung produktiv ins Gespräch bringen lassen; welche Rolle der Digitalisierung beizumessen ist, möchte man sie nicht nur als Erweiterung der Distributionsmöglichkeiten von Forschungsergebnissen verstehen, sondern anerkennen, dass sie viel tiefgehender den methodischen Kern der Disziplin betrifft. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Anlässe für eine Lagebestimmung der „Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert“ fehlen also nicht, mehr noch: Die Pandemie wirkt geradezu als Katalysator für viele „Interventionen zu aktuellen Debatten“, so der programmatische Untertitel des hier vorzustellenden kleinen Buches. Zur Disposition stehen dabei nicht nur strukturelle Grundlagen des akademischen Betriebes, sondern auch Fragen nach zukunftsfähiger historischer Bildung und methodischer (Neu-)Ausrichtung sowie nach adäquaten Formen historiographischer Erkenntnisproduktion und deren Vermittlung. Kurz gesagt: Wie kann und soll Geschichtswissenschaft von wem für wen betrieben werden?

Den Auftakt zu dieser nicht eben kleinen Agenda macht Karoline Döring, die im argumentativen Fahrwasser des „Netzwerkes für Gute Arbeit in der Wissenschaft“[3] all jene für selbstverständlich gehaltenen Tätigkeiten durchbuchstabiert, die im akademischen Betrieb unbezahlt übernommen würden, von Publikationen über Begutachtungen und die Betreuung studentischer Arbeiten bis hin zur Ausarbeitung von Drittmittelanträgen. Sie möchte zeigen, in welchem Missverhältnis sich offiziell definierte Tätigkeiten zu solchen Aufgaben befänden, die für die Arbeit (nicht nur) in der geschichtswissenschaftlichen Forschung grundlegend seien, aber meist nicht finanziell honoriert würden bzw. außerhalb der regulären Arbeitszeit stattfänden. Diese Schieflage bedeute besonders für jüngere Wissenschaftler/innen zusätzlich zum in der Regel prekären Beschäftigungsverhältnis und der damit erschwerten Karriere- und Lebensplanung implizite Erwartungshaltungen, denen die Verfasserin mit konkreten Vorschlägen entgegentritt.

Auf ein anderes, nicht minder bekanntes Missverhältnis weist Thorsten Logge hin, nämlich auf den Umstand, dass Universitäten zwar Ausbildungsinstitutionen sind – und damit einen expliziten Lehrauftrag haben –, die Wahrnehmung und Ausgestaltung dieses Auftrages aber in der Alltagspraxis der hauptamtlich Lehrenden, die sich durch Drittmittelakquise zu bewähren haben und als Forschungspersönlichkeiten sichtbar werden oder bleiben möchten, nur eine marginale Rolle einnimmt. Um die universitäre Lehre aufzuwerten, plädiert Logge unter anderem für eine Reduktion der Deputate, für deren Berücksichtigung bei der Begutachtung von Forschungsanträgen und die Etablierung attraktiver Fortbildungs- und Qualifikationsangebote für Lehrkräfte (als Teil der bezahlten Arbeitszeit).

Claudia Kemper widmet sich dem zentralen Feld der „Geschlechter(un)gerechtigkeit“. Sie attestiert der akademischen Geschichtswissenschaft eine organisatorische wie machtpolitische Diskrepanz zwischen Aufmerksamkeit für das Thema und fehlender systematischer Verankerung im Curriculum. Da sich trotz einer Vielzahl spezifischer Förderprogramme keine strukturelle Verbesserung beobachten lasse, schlägt sie eine Änderung der akademischen Kultur vor, weg von „repräsentative[r] Leuchtturmpolitik“ hin zu einer profunden Auseinandersetzung „mit einer integrierten Genderthematik in Forschung und Lehre“ (S. 66).

Wie kann und muss sich die Geschichtswissenschaft reformieren, möchte sie auf Digitalisierungsprozesse nicht nur reagieren, sondern diese aktiv nutzen und als Chance für die Entwicklung neuer Themen und methodischer Verfahren begreifen? Mareike König schlüsselt das Abstraktum Digitalisierung konzise auf und verdeutlicht, dass sie die Grundlagen des Faches betrifft, da sie nämlich den Umgang mit und Zugang zu digitalen Quellen, kooperative und interdisziplinäre Möglichkeiten für deren Analyse, die Generierung neuartiger Fragen und die Etablierung adäquater Publikationsformate sowohl ermögliche als auch erfordere.

Die Geschichtswissenschaft sieht sich nicht nur solch strukturellen Herausforderungen gegenüber, die aus den systemischen Voraussetzungen der deutschen Hochschullandschaft erwachsen sind und zugleich das Ergebnis aktueller Entwicklungen darstellen. Sie muss sich immer auch konkret mit ihrer Außenwirkung auseinandersetzen sowie mit ihrem Beitrag zur Vermittlung historischen Wissens – und muss dafür geeignete Formate finden. Nina Verheyen geht pointiert von der Popularität (akademisch) unpopulärer Publikationsgenres und dem Befund aus, dass auf dem Buchmarkt erfolgreiche Veröffentlichungen von Hochschulexternen für die akademische Fachgemeinschaft zuweilen eine Art Provokation darstellten. Jenseits dieser Frontstellung wäre es ihr zufolge sinnvoller, die universitäre Geschichtswissenschaft nicht in Opposition zu anderen Akteuren historischer Bildung zu sehen, da historisches Wissen eben nicht erst an der Universität produziert und dann nach außen vermittelt werde, sondern akademische Geschichtswissenschaft immer schon im wechselseitigen Austausch mit einer beobachtenden, kommentierenden, fragenden Umwelt stehe. Am Beispiel des „Fachsachbuches“, das Wissenschaft wie interessierte Öffentlichkeit gleichermaßen adressiert – und damit als Leser/innen ernstnimmt –, führt sie eine Möglichkeit vor, diese Bezüge bewusst zu stärken.

Die Frage einer überuniversitären Bildungsaufgabe der Geschichtswissenschaft verfolgen auch die Beiträge von Angela Siebold und Cord Arendes. Erstere erinnert gerade angesichts der Konjunktur der Rede von „Fake News“ und „alternativen Tatsachen“ an die zentrale Orientierungsfunktion historischer Bildung. Historiker/innen komme immer auch die Rolle engagierter gesellschaftlicher Akteur/innen zu, die sich nicht auf eine Analyse von Vergangenheit und Gegenwart beschränken dürfe, sondern zugleich getragen sein solle von einer „Sorge um die Zukunft unserer Gesellschaft“ (S. 45). Dass dieser Anspruch sich bereits, wenn auch sehr viel technischer klingend, in zunehmenden Forderungen nach sogenannten „Transfers“, also Brückenschlägen zwischen Hochschule und Gesellschaft manifestiert, stellt Arendes heraus und sieht darin den Mehrwert, gesellschaftlich virulente Themen und Probleme dezidiert auf geschichtswissenschaftliche Forschung und Lehre zu beziehen wie auch umgekehrt damit außerakademisches Gehör zu finden. Er plädiert für klarere, fachspezifische Kriterien solcher Transfers und hebt hervor, „dass Wissen nicht einfach ‚transferiert‘, sondern je nach Kontext und Publikum immer auch ‚transformiert‘ wird“ (S. 53).

Etwas spitzfindig ließe sich nach der Lektüre fragen, was es über den Zustand eines Faches aussagt, wenn eine dezidiert interventionistisch angelegte Sammlung von Debattenbeiträgen nur knapp 90 Seiten umfasst (zu einem stolzen Preis). Spricht dies für ein relatives Auf-der-Höhe-der-Zeit-Sein der Disziplin oder mehr für eine besondere Sensibilität der Verfasser/innen gegenüber der Vorläufigkeit und Fragmenthaftigkeit eines derartigen Unterfangens, das naturgemäß immer ausführlicher, umfassender, differenzierter – und doch bei allem nie vollständig sein könnte? Die Lektüre insinuiert zweifellos eher Letzteres. Dass die Suche nach neu zu justierenden Themenfeldern, Praxisproblemen und Umweltverständigungsprozessen (etwa zur Problematik der Forschungs- als Projektförderung, zur Geschichtsdidaktik, zur Divergenz zwischen Publikationsinteressen aus der Wissenschaft und Verlagspraxis, jeweils auch in internationaler Perspektive) mit den vorliegenden Texten kein Ende finden kann und soll, formulieren die Verfasser/innen explizit. Angesichts der Knappheit des Büchleins ist es ihnen daher positiv anzurechnen, dass sie nicht bloß einen Appell zur Selbstreflexion aussenden, sondern damit verbunden auch ein Angebot zur vertieften Diskussion über Sinn und Unsinn der Geschichtswissenschaft, über deren keineswegs nur akademische Aufgaben, Methoden, Ziele. Sie stimmen kein Klagelied an – vielmehr laden sie alle Protagonist/innen der Geschichtswissenschaft zur Diskussion und aktiven Gestaltung des Faches ein. Die gegenwärtige Pandemie mag Improvisationskunst erfordern, ein hohes Maß an Spontaneität, Flexibilität, Experimentieren mit neuen Formaten des Lehrens und Forschens, Kooperierens und Diskutierens verlangen und damit notwendige Veränderungsprozesse erfreulich beschleunigen. Jenseits dieser extern induzierten Dynamik brauchen wir jedoch vor allem, und daran erinnert die Publikation, mehr Kontroverse und Dissens von innen, die nicht etwa disziplinäre Selbstgeißelung bedeuten, sondern im Gegenteil eine notwendige Standort- und Perspektivbestimmung ermöglichen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa das Forum: Digitales Lehren: Erfahrungen und Ausblicke, in: H-Soz-Kult, 24.07.2020, https://www.hsozkult.de/text/id/texte-5037 (12.11.2020).
[2] Vgl. aus der Vielzahl der Beiträge Eva Schlotheuber / Eckart Conze, Die Ehre der Familie, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2020, S. 9.
[3] Siehe https://mittelbau.net (12.11.2020).