J. Borsch u.a. (Hrsg.): Die Weltchronik des Johannes Malalas

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Titel
Die Weltchronik des Johannes Malalas im Kontext spätantiker Memorialkultur.


Herausgeber
Borsch, Jonas; Gengler, Olivier; Meier, Mischa
Reihe
Malalas-Studien 3
Erschienen
Stuttgart 2019: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
372 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael, Brendel, München

Die Reihe „Malalas Studien“ des Tübinger Projektes zur Erforschung dieses byzantinischen Chronisten aus Antiochia kann bereits zwei gelungene Tagungsbände vorweisen: Der erste von 2016 behandelt die Person des Johannes Malalas und die Überlieferung des Werkes[1], der zweite von 2017 dessen Quellen.[2] Der dritte, der ebenfalls auf eine Tagung (in Tübingen im Oktober 2016) zurückgeht[3], hat das Ziel, „die in Malalas’ Schrift zutage tretende Konzeption von Vergangenheit zu analysieren und im breiteren Kontext der spätantiken Memorialkultur zu verankern“. So soll „ein breites Bild zeitgenössischer Vergangenheitskonzeptionen entstehen, vor dessen Hintergrund Malalas’ Schrift entsprechend eingeordnet werden kann“ (S. 5). Dies geschieht in einer allgemeinen Einleitung der Herausgeber Jonas Borsch und Olivier Gengler (S. 9–17) zum Begriff der memoria, worin auch die Beiträge zusammengefasst werden, und in dreizehn Aufsätzen (zehn in deutscher, zwei in englischer, einer in französischer Sprache) zu sechs Themenfeldern.

Deren erstes (Geschichtschreibung als memoria) ist identisch mit dem Aufsatz von Karl-Joachim Hölkeskamp (S. 21–45), der die Methoden der Selbstdarstellung der republikanischen Fabii aufzeigt. Unter „Memoria und Kaisertum“ fallen drei Aufsätze zur Darstellung von Kaisern bei Malalas: Jonas Borsch (S. 49–81) untersucht die nahezu hundert Personenbeschreibungen bei Malalas (vor allem Kaiser, zudem mythische Helden sowie Petrus und Paulus), deren Einheitlichkeit er darin begründet sieht, dass so die Stabilität und Kontinuität des Kaisertums verdeutlicht werden soll. Laura Mecella (S. 83–106) prüft die nur bei Malalas belegte Angabe, das syrische Antiochia sei unter Trajan durch Verrat von den Parthern besetzt, die Besatzer aber auf kaiserlichen Befehl von den Einwohnern ermordet worden. Sie wendet sich gegen Annahmen, die Nachricht sei eine Übertragung anderer Ereignisse wie der Eroberung der Stadt im 3. Jahrhundert durch die Perser und vermutet als Ursprung eine antiochenische Lokalquelle, in der verschiedene Motive vereinigt seien. Hanns Christof Brennecke (S. 107–129) wirft einen Blick auf die Darstellung des Kaisers Zeno, die außer im Anonymus Valesianus und in einem Werk des Prokopios nur in der Vita des Daniel Stylites positiv ausfällt.

Zwei Beiträge sind den „Ausformungen kirchlicher memoria“ gewidmet: Volker Menze (S. 133–151) bietet einen Überblick zur Wahrnehmung des Konzils von Chalkedon und stellt fest, dass die damit verbundenen Debatten als fortdauerndes Geschehen kein Referenzsystem für Malalas bieten, der daher nur kurz darauf eingeht. Sebastian Watta (S. 153–167) zeigt die Bedeutung von Mosaikpavimenten in Kirchen, die durch die Vorstellung des medial vermittelten Heils geprägt sind.

Zwei Aufsätze behandeln „Die Stadt als Erinnerungsträger“. Emmanuèle Caire (S. 171–189) deutet die zahlreichen Erwähnungen der nur selten genauer beschriebenen Monumente bei Malalas als Ausdruck einer Erinnerungskultur, für die der Name eines Ortes wichtiger als dessen Bedeutung oder Gegenwart ist. Philipp Niewöhner (S. 191–216) zeigt am Beispiel von Milet, dass dessen Erhalt die Folge eines byzantinischen Antiquarianismus sei, der nicht dem Heidentum geschuldet, sondern durch die Monumente selbst inspiriert worden sei, was das Fehlen eines eigenen byzantinischen Architekturstils im westlichen Kleinasien erkläre.

Am stärksten dem eigentlichen Thema sind die drei Studien zu „Memoria unter Justinian“ verbunden. Raf Praet (S. 219–239) vergleicht exemplarisch die Angaben zum Purpur bei Malalas, Cassiodor und Johannes Lydos und sieht das antiquarische Interesse der Autoren, die einander gekannt hätten (vor allem S. 227f.; dagegen aber Gengler S. 255, Anm. 55), in ihrer bürokratischen Tätigkeit in Konstantinopel und einem gemeinsamen geistigen Umfeld mit Interesse an der Vergangenheit Roms begründet. Um die grundsätzlich plausible These zu bestätigen, müssten diese Einflüsse aber durch einen Vergleich der Schriften Cassiodors untereinander herausgearbeitet werden. Auch stellt sich die Frage, welche Bedeutung diesen Einflüssen konkret zugewiesen werden kann, wenn Malalas eine „idiosyncratic conflation of different traditions“ (S. 229) bietet. Olivier Gengler (S. 241–257) zeigt, wie Justinian in seinen Novellen Anspielungen auf die römische Geschichte nutzte, um eine Kontinuität von Aeneas bis in seine Zeit zu demonstrieren, was auch bei Malalas einen Niederschlag fand.

Der letzte Teil über „Die Chronik als Memorialgattung“ enthält drei Beiträge. Carlo Scardino (S. 261–285) bietet einen Überblick über die wesentlichen Aspekte der spätantiken lateinischen Chroniken und zeigt, wie auch innerhalb der Gattungsgrenzen individuelle Prägungen feststellbar sind. Christian Gastgeber (S. 287–314) prüft in seinem an Tabellen reichen Beitrag die Notizen zu heidnischen Gelehrten in der Osterchronik, die wenig bekannte Autoren nennt, aber wichtigere auslässt. Als einziges sicheres Ergebnis erkennt er an, dass die memoria des klassischen Erbes bereits deutliche Abstriche erfahren hat, wohingegen er zurecht darauf hinweist, dass die Gründe für die Nennung eines konkreten Autors (was eine bewusste Entscheidung gewesen oder der Quelle geschuldet sein kann) nicht sicher feststellbar sind und die Möglichkeit späterer Ergänzungen zu berücksichtigen ist. Erika Juhász (S. 315–330) stellt die Märtyrerberichte der Osterchronik zusammen und kommt dadurch zu zwei Ergebnissen: Die Chronik bleibt nah an ihren Quellen und greift vor allem auf Texte mit Datierungselementen zurück; wichtigste Vorlage ist die Chronik des Eusebios, daneben dessen Kirchengeschichte und Malalas (S. 328, etwas anders aber S. 319f.). Ziel ist nicht die Glorifizierung der Märtyrer, sondern die Füllung des chronologischen Gerüsts, so dass verschiedene Personen, die sich nicht darin einfügen ließen, ausgelassen sind. Der Anhang des Bandes besteht aus Namens- und Ortsregister (S. 333–341), Stellenregister (S. 342–359) und den Abbildungen zu den Beiträgen von Watta (S. 361–365) und Niewöhner (S. 366–372).[4]

Leider kann das Urteil über diesen Band nicht so positiv wie das über seine Vorgänger ausfallen: Zwar ist die wissenschaftliche Qualität der einzelnen Beiträge hoch, der Leser gewinnt in der Lektüre aber doch den Eindruck, es mit einem Band zur spätantiken Memorialkultur zu tun zu haben, in dem Malalas nur zufällig eine Rolle spielt. Von den dreizehn Aufsätzen sind nur vier ihm speziell gewidmet (Borsch, Mecella, Caire und Praet), zwei bieten in einem allgemeineren Rahmen relevante Ergebnisse zu seinem Werk (Menze und Gengler), drei haben nur am Rande mit ihm zu tun (Brennecke, Gastgeber und Juhász) und vier gar nicht (Hölkeskamp, Watta, Niewöhner und Scardino). Natürlich muss Malalas in größeren Kontexten betrachtet werden, doch geschieht das in den Studien der ersten beiden Kategorien, wohingegen die der letzten wie Füllmaterial wirken, worin lediglich das Oberthema behandelt wird. Da der zweite Band der Reihe sich mit den Quellen des Malalas befasst, hätte das einen Ausgangspunkt für das Thema des dritten bilden können, was teilweise und trotz gelegentlicher Distanzierung von solchen Fragestellungen (S. 56 u. 284) auch geschieht. Somit bedeutet auch dieser Band einen nicht zu vernachlässigenden Fortschritt für die Malalas-Forschung, doch ist zu hoffen, dass die Tübinger Forschergruppe sich wieder stärker an den ersten beiden Bänden orientiert.[5]

Anmerkungen:
[1] Mischa Meier / Christine Radtki / Fabian Schulz (Hrsg.), Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor – Werk – Überlieferung (Malalas Studien 1), Stuttgart 2016. Rezensionen von Ján Bakyta, in: Listy filologické 140 (2017), S. 503–510; Raphael Brendel, in: H-Soz-Kult, 11.04.2016 <https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-23960> (26.11.2020); Brian Croke, in: Anzeiger für die Altertumswissenschaft 69 (2016), Sp. 84–87; Edward Dąbrowa, in: Electrum 23 (2016), S. 247–249; Ulrich Lambrecht, in: Historisch-politisches Buch 66 (2018); S. 62–65; François Paschoud, in: Museum Helveticum 74 (2017), S. 254f.; Raf Praet, in: Histos 10 (2016), S. CXXIX–CXXXVIII <http://research.ncl.ac.uk/histos/documents/2016RD12PraetonMalalas.pdf> (26.11.2020); Peter Schreiner, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 73 (2017), S. 319–321; Roger Scott, in: Sehepunkte 16/6 (2016) <http://sehepunkte.de/2016/06/28007.html> (26.11.2020); Staffan Wahlgren, in: Bryn Mawr Classical Review Januar 2017, Nr. 24 <https://bmcr.brynmawr.edu/2017/2017.01.24> (26.11.2020).
[2] Laura Carrara / Mischa Meier / Christine Radtki-Jansen (Hrsg.), Die Weltchronik des Johannes Malalas. Quellenfragen (= Malalas Studien 2), Stuttgart 2017. Rezensionen von Raphael Brendel, in: Histos 11 (2017), S. LXX–LXXXII <http://research.ncl.ac.uk/histos/documents/2017RD07BrendelonMeier.pdf> (26.11.2020); Sylvain Destephen, in: Antiquité classique 88 (2019), S. 240f.; Geoffrey Greatrex, in: Bryn Mawr Classical Review November 2017, Nr. 51 <https://bmcr.brynmawr.edu/2017/2017.11.51> (26.11.2020); Ulrich Lambrecht, in: Historisch-politisches Buch 66 (2018), S. 62–65; Avshalom Laniado, in: Ancient History Bulletin Online Reviews 9 (2019), S. 13–17 <https://ancienthistorybulletin.org/wp-content/uploads/2019/03/AHBOnlineReviews2019.05.LaniadoOnCarrara-2.pdf> (26.11.2020); Peter Schreiner, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 74 (2018), S. 789f.; Warren Treadgold, in: Gnomon 90 (2018), S. 759f.
[3] Es fehlt der Vortrag von Ralf Behrwald, Stadt und Reich im Geschichtsbild des Malalas.
[4] Druckfehler sind selten; ungünstig ist aber deren Verteilung, da jeweils ein Druckversehen gleich im Vorwort (S. 5 „Inhaltliche“ statt Inhaltlich) und im Inhaltsverzeichnis (S. 8 „Orsregister“) zu finden ist. Daneben fiel noch auf: S. 56, Anm. 28 fehlt ein Wort; S. 64, Anm. 76 wäre auf Anm. 23 (nicht Anm. 24) zu verweisen; Meier 2009 (S. 74, Anm. 120) fehlt im Literaturverzeichnis; S. 74, Anm. 125 „2009“ (2005); S. 114, Anm. 40 „eccelsiastica“; S. 327 „fürht“. Eine besonders kuriose Worttrennung ist „Zei-tebene“ (S. 56). Drei Aktualisierungen: Die Ausgabe des Hydatius (S. 262) ist wie die Dissertation von Praet (S. 225, Anm. 44; S. 228) mittlerweile erschienen <https://biblio.ugent.be/publication/8566986/file/8567004.pdf> (26.11.2020); bislang nicht publiziert ist Gastgebers Monographie zur Osterchronik (S. 287, Anm. 2).
[5] Weitere Rezensionen: Ulrich Lambrecht, in: Historisch-politisches Buch 67 (2019), S. 196f.; Vincent Puech, in: Antiquité Tardive 27 (2019), S. 356–359; Peter Schreiner, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 75 (2019), S. 691f.

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Veröffentlicht am
14.12.2020
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