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Titel
Security Empire. The Secret Police in Communist Eastern Europe


Autor(en)
Pucci, Molly
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 378 S.
Preis
$ 65.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim von Puttkamer, Historisches Institut, Imre Kertész Kolleg / Friedrich-Schiller-Universität Jena

Molly Pucci stellt eine naheliegende Frage. Wie kann es sein, dass der Aufbau von Staatssicherheitsdiensten in Polen, der Tschechoslowakei und der SBZ einem einheitlichen Muster folgte, wo doch die Ausgangslage bei Ende des Zweiten Weltkriegs höchst unterschiedlich war? Die Antwort ist einfach. Die Geschichte vom sowjetischen Ableger, der in den jeweiligen Ländern neu gegründet wurde, ist eine bequeme Legende. Das Modell, so die These, wurde nicht umstandslos übergestülpt, sondern mehr schlecht als recht in unterschiedliche Kontexte übertragen. Erst als die jeweiligen kommunistischen Parteien einigermaßen fest im Sattel saßen, konsolidierten sie ihre Sicherheitsdienste und richteten sie unter dem Einfluss sowjetischer Berater institutionell an der Schutzmacht im Osten aus. Es sind diese unterschiedlichen Wege in die Diktatur, denen dieses Buch nachspürt und dabei ein Bild entwirft, das die Perspektive der Beteiligten ernst nimmt. Ebenso sehr wie für den Vergleich interessiert es sich für die Subjektivität der Akteure, ihre Weltsicht und ihre Selbstbilder, ihre Erwartungen, Rivalitäten und Enttäuschungen. Letzterer gab es viele. Davon zeugen Personalakten, Verhörprotokolle, persönliche Briefe und Memoiren. Aus der Binnensicht der Behörden erzählt Pucci eine mitnichten geradlinige Geschichte.

In sechs Kapiteln, je drei für die unmittelbaren Nachkriegsjahre und für den Stalinismus, zeichnet Pucci die Anfänge der jeweiligen Staatssicherheitsdienste nach, und zieht in einem siebten Kapitel Bilanz. Zunächst interessieren sie vorrangig die Unterschiede. Das polnische Ministerium für Öffentliche Sicherheit und das Korps für Innere Sicherheit begannen als militärische Kampftruppe. Es rekrutierte seine Mitarbeiter vorwiegend aus der Volksarmee, der Armia Ludowa, deren Männer an der Seite der Roten Armee das Land von der deutschen Besatzung befreit hatten, und aus dem kommunistischen Widerstand. Ihr Kampf ging weiter, nun gegen die Reste der nationalpolnischen Heimatarmee. Sie waren die neuen Herren, und so benahmen sie sich auch. Korruption und Brutalität gehörten zum Alltag und wurden von der Partei wie von den sowjetischen Kommandeuren mehr geduldet als kontrolliert. In den niederen Rängen konnten viele kaum richtig lesen und schreiben. Von einem straff durchorganisierten bürokratischen Apparat war die polnische Staatssicherheit in ihren Anfangsjahren weit entfernt.

In der wiedererrichten Tschechoslowakei wurde hingegen wenig gekämpft. Die Anfänge der tschechoslowakischen Staatssicherheit gingen vielmehr auf den parteiinternen Geheimdienst zurück. In den Jahren halbdemokratischer Regierungskoalition infiltrierten sie die Nationalräte und sorgten dafür, dass Schlüsselpositionen in Betrieben und Verwaltung von verlässlichen Personen besetzt wurden. Ihre dezentralen Strukturen wurzelten in der vergleichsweise starken KPČ der Zwischenkriegszeit. Manche geheimpolizeilichen Aufgaben wurden nach dem Februar 1948 von lokalen Aktionskomitees übernommen. diese identifizierten potentielle Gegner der heraufziehenden Einparteienherrschaft, drängten sie ins berufliche Abseits oder zwangen sie mit Hilfe des Sicherheitsapparats, das Land zu verlassen. Wo noch verbliebene Sudetendeutsche in ihr Visier gerieten, setzten sich die Enteignungen und Vertreibung der vorangegangenen Jahre fort. Solche dezentralen Dynamiken würden noch lange nachwirken. Sowjetische Berater spielten zunächst keine Rolle.

Am stärksten machte sich der sowjetische Einfluss in der sowjetischen Besatzungszone bemerkbar. Hier ging es tatsächlich um einen radikalen Neuanfang. Keimzelle der zukünftigen Staatssicherheit waren die kriminalpolizeilichen Abteilungen K 5, die sich schnell als politische Polizei mit geheimdienstlichen Aufgaben etablierten. Deren Aufbau beschreibt Pucci als Lernprozess, bei dem zunächst auf Vertrauensbasis rekrutierte Mitarbeiter Schritt für Schritt aus der engmaschigen sowjetischen Anleitung heraustraten und die übertragenen Aufgaben in eigener Regie erledigten.

Drei Jahre nach Kriegsende waren somit in Polen, der Tschechoslowakei und der entstehenden DDR aus jeweils unterschiedlichen Konstellationen ganz unterschiedliche Geheimpolizeien entstanden. Entsprechend schwierig war es, sie doch noch einem einheitlichen Modell zu unterwerfen. Als in Polen die Partei ab 1948 daran ging, den Sicherheitsapparat zu konsolidieren, prallten unterschiedliche Kulturen aufeinander. Das Misstrauen war tief, und Antisemitismus spielte im internen Machtkampf eine erhebliche Rolle. Als im Herbst 1953 Oberst Józef Światło in den Westen überlief, setzte sich im Apparat die jüngere, ideologisch geschulte Kohorte durch und schloss die Kluft zur Partei. Anders verlief die Entwicklung in der Tschechoslowakei. Hier zentralisierte die KPČ ihren Sicherheitsapparat von innen heraus. Sowjetische Instruktoren etablierten einheitliche Techniken, Abläufe und Verhörmethoden und brachten ihren tschechoslowakischen Schülern bei, nach Hinweisen auf „Zionismus“ und „bourgeoisen Nationalismus“ zu suchen. Zugespitzt vollzog sich hier, hinter den Kulissen spektakulärer Schauprozesse, eine interne Revolution. In der DDR wiederum lässt sich eine gegenläufige Bewegung beobachten. Hier entließen sowjetische Instrukteure das nun auch formal etablierte Ministerium für Staatssicherheit in den frühen 1950er-Jahren Schritt für Schritt aus der bisherigen engen Kontrolle. Der „Neue Kurs“ nach Stalins Tod und sein Scheitern am 17. Juni 1953 vermittelten den Eindruck, die DDR sei ohne sowjetischen Rückhalt nicht lebensfähig.

Die drei Staatssicherheitsdienste, so Puccis Befund, waren also keineswegs beliebig verfügbare Instrumente der Stalinisierung, sondern wurden erst im Stalinismus zu jenen Machtapparaten geformt, welche die folgenden Jahrzehnte bestimmten. Dabei unterlagen sie ihrerseits starken Spannungen. Was unmittelbar Beteiligte als Krise empfanden, versteht Pucci als innere Staatsbildungsprozesse, die je nach Konstellation gegenläufig verliefen. Die Folgen waren Jahrzehnte später noch spürbar. Im Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit, um 1950 zahlenmäßig dem kleinsten Geheimdienst im Ostblock, wurden in den frühen 1950er-Jahren die institutionellen Grundlagen für die enorme Expansion der 1970er-Jahre gelegt. In Polen stutzte die Partei in eben dieser Zeit den bislang größten, ausufernden Apparat auf ein handhabbares Maß zurück.

Nicht alles, was Molly Pucci zur institutionellen Entwicklung vorträgt, ist neu. Widerspruch dürfte das Buch hervorrufen, wo der kontrastive Vergleich die Unterschiede bewusst stark konturiert und über Ähnlichkeiten hinweggeht. Von der sattsam bekannten Gewalt, die von den Sicherheitsapparaten ausging und mit der sie die jeweilige Bevölkerung unterwarfen, ist weniger die Rede als davon, wie die Dienste von den jeweiligen Umständen geformt wurden. Eine Kulturgeschichte der Staatssicherheit ist ohnehin nicht jedermanns Sache. Indem Pucci subjektive Wahrnehmungen ihrer Akteure hervorhebt, die Schwierigkeiten aus dem enormen personellen Aufwuchs der Anfangsjahre benennt, ideologisch geprägte Aufsteiger in den Blick nimmt und innere Dynamiken selbstzerstörerischer Gewalt aufschlüsselt, erinnert ihr Buch an Debatten, die in den 1980er-Jahren unter dem Schlagwort des Revisionismus für die frühe Sowjetunion geführt wurden. Allerdings geht sie nicht so weit, die steuernde Rolle des jeweiligen Machtzentrums grundsätzlich in Frage zu stellen. Politische Apologetik liegt ihr fern. Mit ihrem Interesse an spezifischen Konstellationen und subjektiven Wahrnehmungen fordert sie jene Forschung heraus, die sich allein der Schilderung kommunistischer Staatsverbrechen und ihrer Werkzeuge verpflichtet sieht und historische Kontexte ausblendet. Es war längst überfällig.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.06.2021
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