J.-M. Kötter u.a. (Hrsg.): Chronik des Hydatius. Fortführung der Spanischen Epitome

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Titel
Chronik des Hydatius. Fortführung der Spanischen Epitome.


Herausgeber
Kötter, Jan-Markus; Scardino, Carlo
Reihe
Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike (KFHist) G 9 / G 10
Erschienen
Paderborn 2019: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
XLVI, 398 S.
Preis
€ 129,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael Brendel, München

Der mittlerweile achte Band der bewährten Reihe „Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike“ enthält die Chronik des Hydatius und eine kurze Fortsetzung derselben. Die Gliederung ist mit derjenigen der Vorgängerbände identisch: Auf das Vorwort (S. V) und das Verzeichnis abgekürzt zitierter Quellen und Literatur (S. IX–XLVI) folgen der erste Teil zu Hydatius (S. 1–384) mit Einleitung (S. 1–78), Text und deutscher Übersetzung (S. 79–167) sowie Kommentar (S. 169–384) und der zweite Teil mit der Fortsetzung des Hydatius (S. 385–398), der ebenfalls in Einleitung (S. 387–389), den kurzen Text und die deutsche Übersetzung (S. 391–393) sowie Kommentar (S. 395–398) gegliedert ist. Die Edition, der philologische Kommentar und das Kapitel zur Überlieferung des Hydatius (S. 47–70) stammen von Carlo Scardino, während die übrigen Teile der Einleitungen, die Übersetzung und der historische Kommentar von Jan-Markus Kötter verfasst sind.

Die wenigen Informationen über Hydatius bietet die Einleitung, die über die Biographie des Autors (S. 3–7), seine Chronik (S. 7–29), seine Weltanschauung (S. 29–47) und über die Überlieferung des Werks (S. 47–70) informiert: Bekannt ist Hydatius nur aus einigen Angaben seiner Chronik und zwei zeitgenössischen Briefen. Der iberische Chronist wurde um 395 geboren, trat 416 in den Klerus ein, wurde 427 Bischof von Aquae Flaviae und starb wohl nicht lange nach 468. Seine von 379 bis 468 reichende Chronik ist wohl in mehreren Stufen entstanden und behandelt vor allem Geschehnisse in den spanischen Provinzen, was nicht auf eine bewusste Entscheidung des Hydatius, sondern auf den Mangel an Informationen aus entfernteren Gebieten zurückzuführen ist. Ein zentrales Motiv seines Werkes ist die Erwartung des baldigen Weltenendes. Erhalten ist die Chronik in einer unvollständigen Handschrift (etwa 11 Prozent des Textes fehlen) und einer Kopie derselben. Als Nutzer belegt sind nur einige spätantike und mittelalterliche Chroniken (am wichtigsten ist die Gallische Chronik von 511) sowie verschiedene Auszüge, die teilweise mit Fortsetzungen versehen wurden.

Eine dieser Fortsetzungen ist der zweite hier gebotene Text (dazu S. 54f. und S. 387–389): Nach 568 wurde eine in ihrer ursprünglichen Form nicht erhaltene Epitome der Chronik des Hydatius angefertigt, deren Text nur unwesentlich über ihre Vorlage hinausgeht, diese aber bis zu Justinian fortsetzt, wobei es sich allerdings eher um eine Kaiserliste handelt, die lediglich eine Reihe historischer Notizen zu den Eroberungen Justinians bietet. Erhalten ist das Werk in zwei Überlieferungssträngen (eine bzw. drei Handschriften), wobei die Überschüsse der einzelnen Handschrift des einen Überlieferungsstranges spätere Ergänzungen sind.

Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar sind gleichermaßen gelungen und bieten nahezu keinen Anlass zu Kritik. Der in der Ausgabe vorgelegte lateinische Text des Hydatius behält die Kapitelzählung Mommsens bei; die abweichende Zählung von Burgess ist dann in der ersten Konkordanz (S. 72–74) verzeichnet. Zusätze aus der Sekundärüberlieferung sind auch dann in den Text aufgenommen, wenn die Haupthandschrift keine Lücke aufweist, sofern sich eine Herkunft aus Hydatius plausibel machen lässt. Als besonders wertvoll ist der philologische Kommentar hervorzuheben: Während der historische Kommentar (was der Quellenlage wie auch der Zielsetzung der Edition geschuldet ist) meist recht kurz bleibt, ohne aber zu knapp zu werden, ist der philologische Kommentar eine wertvolle Fundgrube an Notizen zum Text, dessen schwierige Überlieferungslage zahlreiche nur schwer lösbare Probleme nach sich zieht. Entsprechend findet man im Kommentar nicht nur zahlreiche Einträge zur Diskussion verschiedener Lesarten (etwa S. 289 zu 129, S. 320f. zu 167, S. 327 zu 175, S. 329–331 zu 177, S. 361 zu 219 und insbesondere S. 376f. zu 242), sondern auch zu Fragen der Interpunktion (S. 276 zu 110), der korrekten Übersetzung (S. 336f. zu 186, S. 339f. zu 189) sowie zur Echtheit und genauen Anordnung einzelner Passagen (S. 357 zu 214a).

Einige Abschnitte sind allerdings nicht ausreichend und zwei sogar gar nicht kommentiert worden: Hydatius 50 (S. 102f.) erwähnt unvermittelt das Ende des Usurpators Konstantin III., was im Kommentar (S. 226) notiert wird. Allerdings bleibt unklar, ob die Überlieferungslage darauf hinweist, dass hier Einträge des Hydatius fehlen oder ob seine Informationen bereits für die früheren Abschnitte lückenhaft waren. Hydatius 128 (S. 124f.) verweist auf Statuen als Quelle, wozu im Kommentar (S. 288f.) auf inhaltliche Ähnlichkeiten zu einer Inschrift hingewiesen wird. Nicht behandelt ist jedoch die Frage nach der Bedeutung von Statuen und Inschriften als Quellen für spätantike Historiographie im Allgemeinen.[1] Vollständig im Kommentar ausgelassen werden Hydatius 222 (S. 158f., siehe S. 363) über den Tod des Nepotianus (wobei eher die Formulierung als die historische Angabe Interesse beanspruchen dürfte) und Hydatius 243 (S. 162f., siehe S. 377) zu einem Vorzeichen, bei dem die Waffen der Goten ihre Farbe wechseln. Das überzeugende Plädoyer (S. 237f.) für die Echtheit von Hydatius 62b (S. 106f.) mit der plausiblen Deutung als Eintritt in den Klerikerstand hätte noch von einer Diskussion der Frage profitiert, ob die Nichterwähnung der Bischofsweihe in der Chronik, die S. 238 als mögliches Gegenargument referiert wird, dem Überlieferungszustand geschuldet sein könnte.

Nicht ganz zufriedenstellend ist die Einbindung der von den herausgegebenen Texten fortgesetzten Werke. Hydatius will die Chronik des Hieronymus fortsetzen und setzt daher mit dem Jahr 379 ein, was in dieser Edition eher angedeutet als besprochen wird (S. 8 u. 169). Zudem finden sich im Text vereinzelt explizite Hinweise darauf, dass Hydatius die Niederschrift seines eigenen Werkes auf den Text der Chronik des Hieronymus folgen ließ (Hydatius praef. 1, S. 82f. und 40, S. 98f.), was im Kommentar wiederum nur angedeutet wird (S. 171f. u. 218). Es ist zwar vermerkt, dass in der erhaltenen Handschrift die Chronik des Hydatius auf die des Hieronymus folgt (S. 50), doch wird die Frage ausgespart, ob es sich um das Exemplar handelt, an das Hydatius anschloss. Da die Handschrift noch weitere Werke enthält, die keine Fortsetzungen des Hydatius sind, kann das zumindest nicht stillschweigend vorausgesetzt werden. Etwas besser ist dies bei der Fortsetzung des Hydatius umgesetzt: Die Herausgeber bieten nur den Text der Ergänzung von Leo bis Justinian, sie haben also (gerechtfertigt) darauf verzichtet, die Epitome selbst abzudrucken, da sie nicht wesentlich über den Text des Hydatius hinausgeht und die Edition von Burgess vorliegt. Zwei Anmerkungen bieten eine Notiz, zu der die Epitome etwas mehr an Informationen als Hydatius liefert (S. 387, Anm. 1), und eine Liste der in die Epitome übernommenen Passagen (S. 387, Anm. 4). Hier hätte es sich angeboten, die Ergänzungen gegenüber Hydatius vollständig zu notieren, zumal eine solche Liste auch bei Burgess fehlt.

Wie üblich ist der Inhalt des Bandes sorgfältig gearbeitet, so dass Irrtümer und Druckfehler Seltenheitswert haben.[2] Die Literatur ist praktisch vollständig erfasst. Ergänzen ließen sich nur wenige Titel von untergeordneter Bedeutung.[3] Lediglich bei den Ausgaben der Parallelquellen hätte man sich öfter gewünscht, dass aktuellere Editionen herangezogen worden wären.[4]

Somit ist auch dieser Band der Reihe gelungen und wird für jede weitere Auseinandersetzung mit Hydatius ausgesprochen nützlich sein.[5] Er liefert Forschern eine kommentierte Ausgabe des Hydatius und bietet Studierenden erstmals eine deutsche Übersetzung der spätantiken Chronik. Man darf gespannt sein, wie das Urteil von Richard Burgess, dem (außer den Herausgebern) derzeit besten Kenner des Hydatius und Verfasser von wenigen, aber dafür umso eingehenderen Rezensionen[6], ausfallen wird.

Anmerkungen:
[1] Dazu etwa Sandrine Agusta-Boularot, Malalas épigraphiste?, in: Sandrine Agusta-Boularot / Joëlle Beaucamp / Anne-Marie Bernardi / Emmanuèle Caire (Hrsg.), Recherches sur la Chronique de Jean Malalas II, Paris 2006, S. 97–135; Ralf Behrwald, Die römischen Bautenkataloge der Historia Augusta und ihre Quellen, in: Giorgio Bonamente / Hartwin Brandt (Hrsg.), Historiae Augustae Colloquium Bambergense, Bari 2007, S. 35–50; Silvia Giorcelli Bersani, Quoad stare poterunt monumenta. Epigrafi e scrittura epigrafica in Ammiano Marcellino, in: Anna Maria Biraschi / Paolo Desideri / Sergio Roda / Giuseppe Zechini (Hrsg.), L’uso dei documenti nella storiografia antica, Napoli 2003, S. 625–643.
[2] Am schwerwiegendsten ist das falsche Zitat S. 195 (zu 2), da Orosius 5,7,2 hier nicht relevant ist (gemeint ist wohl 7,34,2). Ansonsten finden sich nur Kleinigkeiten: S. 22 ist Theodosius I. (nicht II.) gemeint; S. 185 wird nicht klar, dass die Konjektur Hirschfelds im Apparat der Edition Mommsens zu finden ist; S. 257 (zu 90) „begonnen“ (richtig: begonnenen); S. 396 wird die Interpolation im Kommentar behandelt, die aber nicht (mit entsprechender Klammersetzung) im Text, sondern etwas umständlich im Apparat steht; S. 397 „Königstocher“; S. 398 steht in der Übersetzung zu Beginn des Kommentarabschnitts „verraten“, in der Übersetzung S. 393 und in der Kommentarnotiz hingegen „übergeben“.
[3] An allgemeiner Literatur ließe sich lediglich noch Gary Johnson, The chronicles of Spain, B.A.-Thesis University of Queensland 1993 (<https://espace.library.uq.edu.au/view/UQ:9250>) nennen. Zur Erhebung von Konstantin III. (Hydatius 50, S. 102f. mit S. 226) hätte noch auf Kay Ehling, Zur Geschichte Constantins III., in: Francia 23/1 (1996), S. 1–11 verwiesen werden können. Samuel Szádeczky-Kardoss, Zur Interpretation zweier Hydatius-Stellen, in: Helikon 1 (1961), S. 148–152 fehlt im Literaturverzeichnis (siehe S. XLIII), ist aber im Kommentar verwertet (S. 301, nur mit Kurztitel).
[4] Ein Beispiel: Agnellus, Liber pontificalis wird nach Migne zitiert (S. XI), nicht nach der Fontes Christiani-Ausgabe von Claudia Nauerth (1996). Bei Sammelausgaben werden teils Seitenangaben geboten (S. XXVI, siehe auch S. XVII zu Eutropius), teils nicht (S. XXIV u. XXV).
[5] Ein positives Urteil findet sich auch bei Rodrigo Furtado, in: Plekos 22 (2020), S. 123–139, URL: <http://www.plekos.uni-muenchen.de/2020/r-koetter_scardino.pdf> (15.10.2020).
[6] Kürzlich etwa Richard W. Burgess, The new edition of the Chronograph of 354. A detailed critique, in: Zeitschrift für antikes Christentum 21 (2017), S. 383–415 (Antwort der Herausgeber S. 416–418).

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Veröffentlicht am
02.11.2020
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