Cover
Titel
Fleiß, Glaube, Bildung. Kaufleute als gebildete Stände im Wuppertal 1760–1840


Autor(en)
Overkamp, Anne Sophie
Reihe
Bürgertum. Neue Folge 20
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
469 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietrich Ebeling, Universität Trier

Das Buch beschäftigt sich mit wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten zum Thema Bürgertum anhand der Textilkaufmannschaft des Wuppertals zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts. Explizit grenzt sich der Ansatz von den beiden Konzepten zur Bürgertumsforschung aus den vergangenen Jahrzehnten (Bielefelder bzw. Frankfurter Schule) ab.[1] Bürgertum wird als analytischer Begriff bewusst gemieden. Stattdessen wird der zeitgenössische Begriff „gebildete Stände“ herangezogen, um durch die Untersuchung der verschiedenen Lebenswirklichkeiten die Wuppertaler Kaufmannschaft als Teil der ständeübergreifenden Elite um 1800 zu verorten.[2]

In drei Kapiteln werden (1) die Rahmenbedingungen für die Dynamik des Wuppertals als Gewerberegion, die Integration in den Weltmarkt und die Handlungsoptionen der kaufmännischen Akteure, (2) die Herausbildung von spezifischen Wertvorstellungen der Kaufmannschaft und (3) die Rolle von Familie und Verwandtschaft in Bezug auf ihre Bedeutung für das Geschäftsleben wie auch für die Ausbildung spezifischer Konsummuster untersucht. In seiner Qualität durchaus unterschiedliches Archivmaterial zu vier ausgewählten Familien aus dem Kreis der Kaufleute-Verleger liefert die Grundlage für die prosopografische Arbeitsweise. Von einem kollektivbiographischen Ansatz kann man dabei allerdings kaum sprechen.

Am Beispiel der Firma Abr. & Gebr. Frowein zeigt Overkamp, wie rasch ein relativ junges Unternehmen reüssieren und sich mit geschickten Handelsstrategien im Kreis der führenden Kaufleute-Verleger etablieren konnte. Die Firma Johann Peter von Eynern liefert dagegen ein Beispiel für die Spezialisierung und Konzentration auf naheliegende Märkte. Johann Friedrich und Friedrich Wilhelm Bredt, Nachfolger eines bereits seit Generationen etablierten Familienunternehmens, nutzten mit der Attacke auf das Privileg des Mülheimer Verlegers Christoph Andreae durch Elberfelder Kaufleute die Chance zur Neuausrichtung ihrer Firma auf dem profitablen Seidensektor. Das Unternehmen der Familie Wuppermann schließlich war aus bäuerlichen Wurzeln hervorgegangen, verfügte über umfangreiche Bleichwiesen und erweiterte die Bleicherei später um eine Färberei. Es zählte zu denjenigen Betrieben, die sich dank der guten Vernetzung in der Kaufmannschaft und wohl auch aufgrund der familiären Ressourcen lange Zeit, aber nicht dauerhaft dem Veränderungsdruck entziehen konnten.

Das Produktionsregime der Textilherstellung im Wuppertal beruhte auf einem institutionell (Garnnahrung) regulierten Verlagssystem, dessen Stabilität durch die Standardisierung der Produkte mit sicheren Absatzmärkten und einer Diversifizierung der Produktpalette garantiert wurde. Leider erfährt man aus den Familienstudien wenig über das Verhältnis zwischen Produzenten und Kaufleute-Verlegern. Wie konflikt- und folgenreich dieses Verhältnis unter Konkurrenzbedingungen sein konnte, weiß man von Johann Gottfried Brügelmann, der aus dem Kreis der Elberfelder Kaufmannsfamilien stammte und als Vorsteher der Garnnahrung den Regulierungsansprüchen der Weberzunft entgegentrat. Er selbst wich den im Wuppertaler Produktionsregime angelegten Beschränkungen aus und gründete in Ratingen bei Düsseldorf die erste mechanische Baumwollspinnerei auf dem Kontinent. Im Wuppertal blieb nach Overkamp der Anpassungsdruck eher gering. „Für viele der Verleger-Kaufleute war auch eine Neuausrichtung ihrer Geschäfte hin zu Handel und Bankwesen eine Option, andere zogen sich ins Rentiersdasein zurück“ (S. 134).

Zum immateriellen Kapital eines Kaufmanns gehörte an erster Stelle das Vertrauen, welches ihm von seinen Geschäftspartnern entgegengebracht wurde.[3] Zum Schutz dieses Kapitals diente eine Reihe von glaubwürdig gelebten Werten, die sich über die Zeit in einem spezifischen Kanon für diesen Berufsstand verdichteten. Seine Missachtung war mit Konsequenzen für die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe und für das materielle Kapital verbunden. Aufgrund der besonderen Bedeutung der Familie für das Geschäft diente diese als Institution zur Durchsetzung und Kontrolle des Wertesystems. Overkamp zeigt an verschiedenen Beispielen, wie sich dies im Falle von Bankrott vollzog. Die Beibehaltung der einfachen Buchführung wird als Indiz für die Bevorzugung der Dokumentation der komplexen Kreditverhältnisse gegenüber einer mit der doppelten Buchführung verbundenen Gewinn- und Verlustrechnung interpretiert. Familie und Geschäft hätten eine untrennbare Einheit gebildet, die eine solche buchhalterische Praxis nicht erfordert hätte. Overkamp sieht darin nicht eine mangelnde, sondern eine spezifische Rationalität. In ähnlicher Weise wird die religiöse Praxis als jener Teil des Wertesystems interpretiert, über den man sich als Mitglied der christlichen Gemeinschaft zur Einhaltung von grundlegenden Normen verständigte. Eine spezifische protestantische Ethik im Sinne Max Webers habe es im Kreis der bergischen Kaufmannschaft nicht gegeben.

Der exklusive wie inklusive Faktor, der die gebildeten Stände miteinander verband, war die Bildung. Auf drei Ebenen (schulische und berufliche Bildung, Herausbildung sozialer Formationen und Abgrenzung von den Ungebildeten) wird dem nachgegangen, konkretisiert in der Analyse der Vermittlung von schulischem und beruflichem Wissen, des Heirats- und Reproduktionsverhaltens und der „Lebenswirklichkeit der Ehepaare als Arbeits- und Liebespaar“ (S. 207). Die Orientierung an einem neuhumanistischen Bildungsideal wurde in den Kreisen der Wuppertaler Kaufmannschaft flexibilisiert. Die Vermittlung praxisnahen Wissens hatte Vorrang etwa vor der Aneignung antiker Sprachen, für Overkamp Ausdruck eines Ideals, „dem man sich über verschiedene Zugangsmöglichkeiten nähern konnte“ (S. 227). Die Untersuchung des Heirats- und Reproduktionsverhaltens sowie des Verhältnisses der Ehepartner zueinander im Arbeitsverhältnis und im Privaten will die in der älteren Literatur postulierten Thesen hinsichtlich der Herausbildung spezifisch bürgerlicher Verhaltensweisen und Normensetzung hinterfragen. Wiederum geht es um die Stellung der Kaufleute innerhalb der gebildeten Stände. Tatsächlich bezieht sich die auf einem relativ kleinen Sample beruhende Studie aber lediglich auf die Kaufmannschaft selbst. Der Vergleich mit anderen Gruppen der gebildeten Stände bleibt aus.

Der Anspruch der Verortung der Wuppertaler Kaufmannschaft als Teil einer ständeübergreifenden Elite hätte ganz allgemein zwangsläufig den Vergleich mit den anderen Elementen der „gebildeten Stände“ erfordert. Diese sind jedoch mindestens ebenso schwer abzugrenzen, wenn es um eine empirische Studie geht, zumal, wie Reinhard Blänkner zurecht anmerkt, eine „relative kulturelle Geschlossenheit der gebildeten Stände ihre soziale Heterogenität nicht überdecken“ kann.[4] Gewünscht hätte man sich einen Vergleich mit dem entsprechenden Sozialtypus in den anderen proto- bzw. frühindustriellen Regionen, vor allem im rheinischen Umfeld. Die Forschungs- bzw. Literaturlage bietet dafür durchaus eine passable, teilweise auch sehr gute Grundlage.[5] Neben Johann Gottfried Brügelmann lassen sich eine Reihe weiterer Personen benennen, für die sich insgesamt die Bezeichnung „Frühunternehmer“ anbietet. Zu ihnen gehörten unter anderem die Feintuchfabrikanten Scheibler in Monschau, die Lövenich in Burtscheid, die Clermont in Vaals sowie die Seidenfabrikanten Andreae in Mülheim am Rhein und die van der Leyen in Krefeld.

Wenngleich zweifellos „Faktoren der mentalen und emotionalen Binnenstabilisierungen“[6] wichtig sind für die Formierung einer gesellschaftlichen Gruppe, zumal in einer Epoche des raschen Wandels, so erscheint es deshalb doch wenig plausibel, weshalb unter diesen Bedingungen die „Titulierung als Wirtschaftsbürgertum irreführend ist“.[7] Ein solcher Vergleich hätte auch die Generalisierung der These von der Ausrichtung des Wirtschaftens auf ein standesgemäßes Auskommen und nicht auf die Maximierung des Gewinnstrebens ins Wanken gebracht. Insbesondere durch die institutionelle Modernisierung während der französischen Zeit brachen Produktionsregime zusammen, die von einem patriarchalischen Kaufleute-Verlegertypus geprägt waren, der abgelöst bzw. verdrängt wurde von einem sowohl konkurrenz- wie gewinnorientierten Typus. Wenn man die staatlich legitimierte und privilegierte Elite der Notabeln im napoleonischen Herrschaftssystem in den Rheinlanden betrachtet, so kommt man schwerlich um die Tatsache herum, dass wirtschaftlicher Erfolg vorrangiges Kriterium war, man also mit Rudolf Boch durchaus von Wirtschaftsnotabeln sprechen kann, die den Kern einer regionalen Bourgeoisie bildeten, für die der Gedanke einer klassenlosen Bürgergesellschaft keine Bedeutung hatte.[8] Dies bedeutete freilich nicht, dass die Projektion einer bürgerlichen Gesellschaft (Gleichheit vor dem Gesetz, Anspruch auf demokratische Partizipation, Wahrung elementarer Freiheitsrechte) an Anziehungskraft verloren hätte.[9]

Bei aller Kritik am Konzept, die möglicherweise auch mit den eigenen Bielefelder Wurzeln zusammenhängt, und dem wohlfeilen Wunsch nach Vergleich: Das Buch von Anne Sophie Overkamp ist ein großer Gewinn für die Forschung. Die gründliche und methodisch saubere Erschließung von bislang nicht genutztem Archivmaterial für eine breite, hier nur teilweise angesprochene Palette von Aspekten setzt Maßstäbe. Sprachlich ist die Lektüre ein Vergnügen.

Anmerkungen:
[1] Andreas Fahrmeir, Das Bürgertum des „bürgerlichen Jahrhunderts“. Fakt oder Fiktion?, in: Heinz Bude u.a. (Hrsg.), Bürgerlichkeit ohne Bürgertum. In welchem Land leben wir?, München 2010, S. 23–32, hier S. 24–26.
[2] Reinhard Blänkner, an dessen Definition sich das Buch orientiert, bezeichnet „die durch Bildung sich vergesellschaftenden Stände [als] eine sozial heterogene, durch das allen Menschen zugestandene Recht auf Bildung jedoch nach unten sich selbst als offen verstehende Elite“ (Reinhard Blänkner, Die „gebildeten Stände“. Neuständische Vergesellschaftungen um 1800, in: Manfred Hettling / Richard Pohle (Hrsg.), Bürgertum. Bilanzen, Perspektiven, Begriffe, Göttingen 2019, S. 107–135, hier. S. 116).
[3] Mit Bezug zum Bergischen Land: Stefan Gorißen, Der Preis des Vertrauens. Unsicherheit, Institutionen und Rationalität im vorindustriellen Fernhandel, in: Ute Frevert (Hrsg.), Vertrauen. Historische Annäherungen, Göttingen 2003, S. 90–118.
[4] Blänkner, Die „gebildeten Stände“, S. 135.
[5] Zu denken ist z. B. an die Arbeiten von Peter Kriedte zu den verschiedensten wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Aspekten der Krefelder Seidenindustrie und ihrer Protagonisten, zuletzt: Taufgesinnte und großes Kapital. Die niederrheinisch-bergischen Mennoniten und der Aufstieg des Krefelder Seidengewerbes (Mitte des 17. Jahrhunderts – 1815), Göttingen 2007; oder auch an die Arbeit von Adelheid von Saldern zu den Dürener Kaufleute-Verlegern: Netzwerkökonomie im frühen 19. Jahrhundert. Das Beispiel der Schoeller-Häuser, Stuttgart 2009.
[6] Blänkner, Die „gebildeten Stände“, S. 134.
[7] Ebd., S. 117.
[8] Rudolf Boch, Von der „begrenzten“ zur forcierten Industrialisierung. Zum Wandel ökonomischer Zielvorstellungen im rheinischen Wirtschaftsbürgertum 1815–1845, in: Hans-Jürgen Puhle (Hrsg.), Bürger in der Gesellschaft der Neuzeit, Göttingen 1991, S. 133–155, siehe z. B. S. 150f., Anm. 7 und S. 149.
[9] Fahrmeir, Bürgertum, S. 31.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2021
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