A. Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer

: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Köln 2000: Böhlau Verlag , ISBN 3-412-09100-6, 416 S. € 34,50.

: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Ihr Engagement für Frauen- und Mädchenbildung. Bad Heilbrunn 2001: Julius Klinkhardt Verlag , ISBN 3-7815-1146-4, 229 S. € 17,90.

: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Ihr Beitrag zum Erziehungs- und Bildungsdiskurs vom Wilhelminischen Kaiserreich bis in die NS-Zeit. Bad Heilbrunn 2003: Julius Klinkhardt Verlag , ISBN 3-7815-1275-4, 257 S. € 19,50.

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Elke Kleinau, Seminar für Pädagogik, Universität zu Köln

Mit der von Angelika Schaser vorgelegten Doppelbiografie über Helene Lange und Gertrud Bäumer, den einflussreichen Vertreterinnen der so genannten bürgerlichen Frauenbewegung im Kaiserreich und der Weimarer Republik, ist eine große und seit langem beklagte Forschungslücke in der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung geschlossen worden. Bei der Studie handelt es sich um ein vorbildliches Lehrstück biografischer Forschung, die sozial-, geschlechter- und politikgeschichtlich unterfüttert, für verschiedene Wissenschaftsdisziplinen von Interesse sein dürfte. Neben der Geschichtswissenschaft, der Historischen Bildungsforschung und der Historischen Soziologie kommt m.E. auch die Germanistik an Schasers Werk nicht vorbei, da als Quellen u.a. auch das fiktionale Werk Bäumers, ihre im Nationalsozialismus entstandenen historischen Romane, in die Analyse einbezogen wurden.

Über Lange und Bäumer ist in den letzten Jahrzehnten zwar einiges publiziert worden, aber der größte Teil der umfangreichen Literatur ist durch eine höchst einseitige Wahrnehmung des Werkes und des Wirkens der beiden Frauen geprägt. In der Erziehungshistorischen Frauen- und Geschlechterforschung wurde Lange vor allem als Mädchenschulpädagogin zur Kenntnis genommen. Der „mainstream“ der Historischen Bildungsforschung hat Lange bis vor kurzem fast gar nicht registriert. Erst mit ihrer Aufnahme in eine jüngst erschienene „Neuauflage“ der „Klassiker der Pädagogik“ ist Helene Lange der Aufstieg zur „Klassikerin“ gelungen. [1] Leben und Werk Gertrud Bäumers wird in der Forschung facettenreicher wahrgenommen. Zwar wird auch sie als Mädchenschulpädagogin gewürdigt, aber in der Historischen Frauenforschung betrachtet man sie vor allem als eine führende Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung und in der Politikgeschichte als Liberale. Beide Forschungstraditionen existieren weitgehend unabhängig nebeneinander. Obwohl in der Historischen Frauenforschung die über 30-jährige Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Langes und Bäumers oft thematisiert worden ist, wurde bislang „kaum danach gefragt, welche Bedeutung diese enge Beziehung für das Leben beider Frauen hatte und welchen Einfluß die Mentorenschaft Langes auf Bäumers politische und berufliche Entwicklung gehabt haben könnte“ (S. 18).

Nun geht es Schaser nicht nur darum, unser Wissen über zwei historisch bedeutende Frauen zu erweitern. Die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft beider Frauen soll vielmehr „als herausragendes, zugleich typisches Beispiel für die Lebensläufe, die Handlungsspielräume und das politische Wirken von Frauen aus dem Bürgertum“ behandelt werden. „Der zwischen beiden Frauen liegende Altersunterschied von 25 Jahren ermöglicht es, über die Darstellung zweier Einzelschicksale hinaus von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die sich verändernden politischen Einflussmöglichkeiten und Begrenzungen für das ‚andere Geschlecht’ deutlich zu machen.“ (S. 11) Der Untersuchungszeitraum reicht über ein ganzes Jahrhundert, von 1848 (dem Geburtsjahr Langes) bis 1954 (dem Todesjahr Bäumers). Darüber hinaus markieren beide Daten aber auch „Zäsuren der deutschen Frauenbewegung: deren Aufbruch mit der Revolution von 1848 und das endgültige Scheitern einer Reorganisation der ‚alten Frauenbewegung’ in der Bundesrepublik zu Beginn der fünfziger Jahre“ (S. 18). Anhand der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Langes und Bäumers geht Schaser der Fragestellung nach, „welche Umstände diesen Frauen ein derart produktives, von der ‚weiblichen Norm’ abweichendes Leben ermöglichte. Wer oder was ermutigte sie, spornte sie an oder nötigte sie, traditionelle Bahnen zu verlassen und ein ‚anderes Frauenleben’ zu wagen“ (S. 20)? Schasers Analyse der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Lange und Bäumer verdeutlicht beispielhaft, wie sich bürgerliche Frauen jenseits normativer Anforderungen an Ehe und Familie eine alternative Lebensform schufen. Die Autorin arbeitet überzeugend heraus, dass die Konstruktion beider Lebenserinnerungen darauf abzielt, diesen Lebensentwurf nicht als einen aufgezwungenen, sondern als selbstgewählten zu präsentieren. In Langes Autobiografie ist zwar nur von ihrem unstillbaren Bildungshunger die Rede und nicht von Verehrern und Liebeleien, aber Bäumer weiß sich in ihren Lebenserinnerungen auch als begehrenswerte Frau in Szene zu setzen, und sie betont mehrmals, dass sie durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, eine Ehe einzugehen. Im Rückblick platzierten beide Frauen ihre Entscheidung für den Lehrerinnenberuf in eine Lebensphase, in der noch nicht abzusehen war, dass sie ledig bleiben würden. Wenn sie auch nicht verhehlten, dass nicht allein ihr Bildungsbestreben, „sondern auch die wirtschaftliche Situation die Aufnahme einer Berufstätigkeit nahe legten, stellten beide indirekt heraus, daß es ein freiwilliger Entschluß war, der keinesfalls durch nicht zustande gekommene oder gescheiterte Heiratspläne erzwungen wurde“ (S. 47).

Nach Langes Tod wurde die alternative Lebensform beider Frauen von Schülerinnen und Freundinnen zum idealen Mutter-Tochter-Verhältnis stilisiert. Schaser bevorzugt stattdessen den Terminus „Bostoner Ehe“ und bezieht sich damit auf eine in den neuenglischen Colleges entstandene Lebensform, die der Schriftsteller Henry James 1885 in seiner Novelle „The Bostonians“ verewigt hat. „Diese Frauen fühlten sich nicht, wie oft unterstellt als ‚Sitzengebliebene’, sondern sie sahen sich als Elite, als Speerspitze einer neuen Frauengeneration, die für sich das Recht beanspruchte, einen neuen Lebensstil zu kreieren, der ihre beruflichen Ambitionen unterstützte und nicht, wie die übliche Rollenverteilung in hetereosexuellen Beziehungen, sie an der effektiven Ausübung eines Berufes hinderte.“ (S. 86f.)

Im 19. Jahrhundert wurden diese Beziehungen von Frauen in der Tradition „romantischer Freundschaften“ gesehen. Man ging davon aus, dass diese Beziehungen asexueller Natur seien und daher waren sie weitgehend akzeptiert. Erst als zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutsche Psychiater und Neurologen Emanzipationsbestrebungen von Frauen mit lesbischer Veranlagung gleichsetzten, gerieten diese Beziehungen in Misskredit. Ob diese Sichtweise auch auf ältere Frauen oder Paare mit großem Altersabstand ausgedehnt wurde, lässt sich zwar nicht eindeutig feststellen, daher ist es aber nicht weiter verwunderlich, dass sich Lange und Bäumer kaum zu ihrem Privatleben geäußert haben. Besonders in ihren Autobiografien wird deutlich, „daß sie sich in ihrem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, in den Ritualen der Selbstdarstellung den Gepflogenheiten der Männer weitgehend angepaßt hatten. Strikt trennten sie in ihren Autobiographien öffentliches und privates Leben und gestanden letzterem nur marginale Bedeutung zu, indem sie es weitgehend ausklammerten. Subjektives, Emotionen wurden weitgehend weggelassen, das Rationale betont“ (S. 88). Die alternative Lebensform hat allerdings weder bei Lange noch bei Bäumer zu Zweifeln an dem bürgerlichen Konzept klar gegeneinander abgegrenzter Geschlechteridentitäten geführt. Die „Polarität der Geschlechter“ wurde von ihnen zu keiner Zeit in Frage gestellt.

Schasers Kapitel zur Mädchenerziehung und Frauenbildung bietet informierten LeserInnen wenig Neues. Die Autorin präsentiert eine gut formulierte Zusammenfassung bislang verstreut publizierter kleinerer und größerer Arbeiten, die sich auf die preußische Entwicklung konzentrieren. Der neueste Stand zur Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung in Deutschland wird damit nicht eingeholt. In Weiterführung der bildungshistorischen Pionierstudie James C. Albisettis (1988) gelingt es ihr allerdings, den Mythos zu demontieren, dass Lange und Bäumer die Reform der höheren Mädchenbildung allein gegen den erbitterten Widerstand der gesamten akademischen Männerwelt durchgesetzt hätten. Entgegen dieser Lesart, die bereits in beider Lebenserinnerungen angelegt ist, zeigt Schaser die institutionelle Einbindung Langes und Bäumers in den Reformprozess der höheren Mädchenbildung auf. Während dem ersten bildungspolitischen Vorstoß Langes zur Institutionalisierung und Normierung der höheren Mädchen- und der Lehrerinnenbildung noch kein Erfolg beschieden war, die Petition von 1887/1888 wurde im Preußischen Abgeordnetenhaus nicht einmal behandelt, „kann man sich den Triumph vorstellen, den die 1894 erfolgte Zuziehung Langes zu den abschließenden Beratungen des preußischen Kultusministeriums zu der höheren Mädchenschule und der damals eingeführten Oberlehrerinnenprüfung bedeutete“ (S. 69), der nur noch davon übertroffen wurde, dass sie „1906 zusammen mit Bäumer und 20 anderen Frauen vom preußischen Kultusministerium in eine 45köpfige Kommission zur Reform des höheren Mädchenschulwesens berufen wurde“ (S. 118). Hier zeigt sich erneut der Konstruktionscharakter der Autobiografien, der vor allem bei Lange „akzeptiert und selten hinterfragt“ worden ist (S. 53).

Schaser arbeitet heraus, dass die Führungsrolle innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung Lange und Bäumer keineswegs kampflos zugefallen ist. Die beiden Frauen waren weder in der persönlichen Auseinandersetzung noch mit der Feder zimperlich, wenn es darum ging, ihren Machtanspruch durchzusetzen. Seit der Jahrhundertwende nutzten Lange und Bäumer gemeinsam die Zeitschrift „Die Frau“, um „als definitionsmächtige Publizistinnen“ (S. 93) ihre Interessen durchzusetzen. Beiträge wurden – wenn nicht von ihnen selbst verfasst – im weitläufigen Bekannten- und Schülerinnenkreis eingeholt. Unaufgefordert eingeschickte Manuskripte wurden von Lange nicht selten scharf und kompromisslos zurückgewiesen. Unliebsame AutorInnen wurden schlichtweg totgeschwiegen. Im „Handbuch der deutschen Frauenbewegung“, vor allem in den Artikeln, für die Gertrud Bäumer verantwortlich zeichnete, wurde vorbereitet, „was später in der Publizistik der Frauenbewegung immer wieder aufgegriffen und schließlich zum Topos erhoben wurde: Durch die narrative Verbindung zwischen dem Wirken von Lange und den Pionierleistungen von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurde Lange als Vertreterin der ersten Generation der deutschen Frauenbewegung präsentiert“ (S. 100). Diese Konstruktion, bei der die drei Frauen als Angehörige einer Generation ausgegeben werden, war zwar reichlich gewagt, immerhin waren Otto-Peters (geb. 1819) und Schmidt (geb. 1833) 29 bzw. 15 Jahre älter als Lange. Aber die Strategie ging auf: Bäumer (geb. 1872) stellte sich in einer Publikation von 1920 als Vertreterin der zweiten Generation dar und ihre Schülerinnen übernahmen als „‚dritte Generation’ diese eigenwillige Festlegung der Generationenfolge“ (S. 100). Im Handbuch zeigt sich bereits, dass Lange Bäumer zielstrebig zu ihrer Nachfolgerin aufbaute.

Ab 1920 zog sich Lange allmählich aus dem politischen Leben zurück, die „Hierarchie in der Arbeitsgemeinschaft der beiden Frauen stand an ihrem endgültigen Wendepunkt“ (S. 197). Jetzt wurde Lange zur Assistentin Bäumers, die zu einer der bekanntesten Berufspolitikerinnen der Weimarer Republik avancierte. Den Hauptteil ihrer Arbeitskraft widmete Bäumer nunmehr ihrer Tätigkeit als Ministerialrätin im Reichsministerium des Innern und ihrer bis 1932 ausgeübten Abgeordnetentätigkeit für die Deutsche Demokratische Partei (DDP).

In der Weimarer Zeit führte bildungspolitisch kein Weg an Gertrud Bäumer vorbei. In der Kaiserzeit hatte sie – in Zusammenarbeit mit Helene Lange - eine Reihe von reformpädagogisch orientierten Selbsthilfeprojekten der Frauenbewegung ins Leben gerufen, u. a. die Soziale Frauenschule und das Sozialpädagogische Institut in Hamburg. Lange hatte für die höhere Mädchenbildung entscheidende reformpädagogische Impulse gesetzt. Darüber hinaus waren beide Frauen mit den einschlägigen Publikationen von Friedrich Paulsen, Georg Kerschensteiner, Herman Nohl, Theodor Litt, Wilhelm Rein und Eduard Spranger vertraut. Die meisten der so genannten geisteswissenschaftlichen Pädagogen, die sich als wissenschaftlicher Flügel der Reformpädagogik verstanden, kannten sie sogar persönlich. Trotzdem wurde ihr umfassender und breit dokumentierter Anteil an der Reformpädagogik bislang von der Forschung kaum zur Kenntnis genommen, ihre pädagogischen Verdienste immer eng auf das Feld Mädchenbildung begrenzt.

Die Aufarbeitung dieser Ausgrenzung von Frauen aus dem reformpädagogischen Diskurs gehört mit zu den eindrucksvollsten Passagen dieses Bandes. Anhand des von Hermann Nohl und Ludwig Pallat herausgegebenen mehrbändigen „Handbuchs der Pädagogik“ (1928-1933) arbeitet Schaser heraus, dass Nohl im Handbuch „eine bis in die Gegenwart wirkende Kanonisierung der ‚pädagogischen Bewegung in Deutschland’ vornahm" (S. 203). Die Frauenbewegung wurde mit keinem Wort erwähnt, obwohl Vertreterinnen der Frauenbewegung am Handbuch mitgearbeitet hatten. Trotz des großen Erfolges, gerade des von Frauen mitverfassten 5. Bandes zur Sozialpädagogik, „brachte Nohl das Kunststück fertig, für seine Darstellung der Jugendpflege und der sozialpädagogischen Ausbildung eine genuin männliche Ahnenreihe aufzustellen“ (S. 203). Mit seiner Darstellung der pädagogischen Bewegung in Deutschland begründete Nohl eine bis heute wirksame Traditionslinie, die die bahnbrechenden Publikationen und pädagogischen Einrichtungen der Frauenbewegung einfach ausschloss. Dasselbe Verfahren, mit dem Lange, Bäumer und andere Frauen aus dem „Pantheon der Reformpädagogen“ (S. 203) ausgeschlossen bzw. gar nicht erst aufgenommen wurden, wiederholte sich übrigens auf parteipolitischer Ebene. Bäumers „führende Rolle in der DDP hinderte selbst den mit ihr befreundeten Theodor Heuss nicht, einen Aufsatz in der Festschrift zu Bäumers 60. Geburtstag zu platzieren, in dem er den Naumann-Kreis als einen Männerbund vorstellte und Bäumer kein einziges Mal nannte“ (S. 247).

Dass Gertrud Bäumer von der Forschung bislang ausgesprochen zwiespältig beurteilt worden ist, hängt mit ihrer uneindeutigen Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber zusammen. Sie selbst definierte sich als Gegnerin des Antisemitismus, es gab jedoch ZeitgenossInnen, die sie für eine verkappte Antisemitin hielten. Bekanntlich verhinderte Bäumer 1919 die Wahl von Alice Salomon als Vorsitzende des BDF. Offiziell unterband sie Salomons Kandidatur mit dem Hinweis auf die antisemitische Grundstimmung in der Öffentlichkeit. Dasselbe Begründungsmuster wurde von ihr verwendet, als es 1924 darum ging, deutsche Kandidatinnen für den Vorstand des Frauenweltbundes (ICW) zu nominieren.

Bäumers Verhalten nach der Machtübernahme lässt sich am ehesten mit dem Begriff „lavieren“ beschreiben.

Außenpolitisch unterstützte Bäumer die Nationalsozialisten bis zuletzt. Ihr Traum von einem Großdeutschen Reich war ihr so wichtig, dass sie die Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung von „Nichtarien“ und „Nichtarierinnen“ nicht oder nur begrenzt wahrnahm. Ihre Gedanken kreisten vornehmlich um sich selbst und das eigene Werk. Die eigenen publizistischen und rednerischen Wirkungsmöglichkeiten wurden hoffnungslos überschätzt, und der Schaden, den sie durch Anpassung und selektive Wahrnehmung anrichtete, wurde nicht reflektiert. Bäumer zählte sich selbst zur Fraktion der „inneren Emigration“, die sie dem politischen Widerstand zuordnete (S. 331).

Fast zeitgleich mit Schasers Monografie sind zwei Bände mit kommentierten Texten von Lange und Bäumer erschienen, die von den Erziehungswissenschaftlerinnen Caroline Hopf und Eva Matthes herausgegebenen worden sind. Der zuerst erschienene Band dokumentiert das Engagement Langes und Bäumers für die Mädchen- und Frauenbildung, andere Bereiche ihres „allgemeinen“ Wirkens in Pädagogik und Politik werden explizit ausgeschlossen, da sie, laut Angaben der Herausgeberinnen, den Umfang des Bandes überschritten hätten. Die Auswahl der Texte reduziert demnach die pädagogischen Verdienste Langes und Bäumers auf den Bereich der Mädchen- und Frauenbildung und reproduziert damit eine Sichtweise, die wieder hinter Schasers Studie zurückfällt.

Der zweite Band ist dem Erziehungs- und Bildungsdiskurs vom Kaiserreich bis zum „Dritten Reich“ gewidmet. Den Anspruch, man sei angetreten, eine Forschungslücke zu schließen – nämlich „eine Darstellung von Langes und Bäumers erziehungs- und bildungspolitischer Position auf der Basis einer detaillierten Textanalyse“, die auch durch Schasers Studie nicht geschlossen worden sei (S. 7), halte ich insofern für überzogen als eine Quellenedition diesem Anspruch als Textgattung gar nicht gerecht werden kann. Die Herausgeberinnen wecken damit Erwartungen, die sie nicht erfüllen können. Auf der Ebene von Einleitungen bzw. kommentierenden Texten kann man schwerlich mit einer Monografie konkurrieren. Das fällt besonders dann auf, wenn Schasers ausgewogener und differenziert argumentierender Darstellung von Anpassung und Widerstand im „Dritten Reich“ von Hopf und Matthes in ausgewählten Quellentexten vehement widersprochen wird, als gelte es Bäumers Ruf als Widerstandskämpferin zu retten (vgl. Bd. 2, S. 100). Selbst innerhalb der Auswahl, die Hopf und Matthes getroffen haben, lassen sich leicht Gegenbeispiele finden (vgl. Bd. 2, S. 146, 171).

Nun ist die Herausgabe verstreut publizierter und schwer zugänglicher Quellentexte an sich begrüßenswert, weil damit geeignete Arbeitsmaterialien für die universitäre Lehre zur Verfügung gestellt werden. Die Auswahl der Texte in den einzelnen Kapiteln – Band 1 ist aufgegliedert in Biographisches, Frauenbewegung, Geschlechtertheorie, höhere Mädchenbildung, Universitätsbildung, Koedukation und Weibliche Sozialarbeit, Band 2 in Erziehungs- und Bildungstheorie, Schultheorie und Schulpolitik, Jugend und Jugendbewegung sowie sozialpädagogische Theorie – erscheint nachvollziehbar. Wäre die Quellenedition von Anfang an auf zwei Bände hin konzipiert gewesen, hätte man sich auch eine andere Form der Systematisierung vorstellen können. In dieser Form erscheint die Mädchen- und Frauenbildung eben doch wieder als "spezielle Pädagogik", die es von der "Allgemeinen Pädagogik" abzugrenzen gilt.

Jedem Kapitel geht ein einleitender Text voraus, der mit Hinweisen auf weiterführende Literatur endet. In ihrer Qualität sind die einleitenden Texte sehr unterschiedlich ausgefallen. Bei den weiterführenden Literaturhinweisen hat man immer wieder den Eindruck, dass wenig systematisch ausgewählt worden ist, und auch zwischen Quellen und Darstellungen nicht unterschieden wurde. Welchen Kriterien zufolge wird z.B. ein von Meike Sophia Baader verfasster Aufsatz zu Ellen Key genannt (2001), nicht aber die von ihr mitverfasste Monografie (1998)? Als Hintergrundlektüre zur Geschichte von Jugend und Jugendbewegung fehlt Peter Dudeks „Jugend als Objekt der Wissenschaften“ (1990), zum Thema Mädchen in der Jugendbewegung wird lediglich Irmgard Klönnes (1990) Dissertation genannt, nicht aber die Arbeiten von Marion de Ras (1988) und Sabine Andresen (1997). Im Kapitel zur Universitätsbildung wird der ältere Sammelband von Kristine von Soden und Gaby Zipfel von 1977 aufgeführt, nicht aber Claudia Huerkamps 1996 erschienene Habilitationsschrift „Bildungsbürgerinnen“. Die Reihung ließe sich fortsetzten. Zudem ist bei den Kommentaren zumindest ein nachweisbarer Fehler enthalten. Bei aller Werkschätzung Gustav Schmollers und seiner Verdienste um die Frauenförderung, als Nationalökonom war er wohl kaum dafür geeignet, Gertrud Bäumers Dissertation über Goethes „Satyros“ zu betreuen (vgl. Bd. 1, S. 11). Als Doktorvater fungierte der Germanist Erich Schmidt. Die neuere Forschung geht zudem auch nicht mehr davon aus, dass 1865 die Geburtsstunde der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland ist (vgl. Bd. 1, S. 37), sondern es wird zwischen einer ersten Gründungsphase um 1848 und einer zweiten um 1865 unterschieden. Zur autodidaktischen Weiterbildung von Studierenden sind daher die Bände nur bedingt geeignet, für den Einsatz in der Lehre werden die Quellentexte – kritisch reflektiert – durchaus ihren Wert haben.

Anmerkung:
[1] Vgl. Jacobi, Juliane, Helene Lange (1848 – 1930), in: Tenorth, Heinz-Elmar (Hg.), Klassiker der Pädagogik. Bd. 1: Von Erasmus bis Helene Lange, München 2003, S. 199-215.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.03.2004
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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