J. Martschukat u.a. (Hgg): Geschichtswissenschaft

Cover
Titel
Geschichtswissenschaft und 'performative turn'. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit


Herausgeber
Martschukat, Jürgen; Patzold, Steffen
Reihe
Norm und Struktur 19
Erschienen
Köln 2003: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
287 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Stollberg-Rilinger, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Was hat die deutsche Freikörperkultur um 1900 mit der Topografie Venedigs um 1600 zu tun? Was die Papst-Kaiser-Begegnungen des 12. Jahrhunderts mit der Einführung des elektrischen Stuhls in den USA im frühen 20. Jahrhundert? Auf den ersten Blick nichts – außer, dass man sich diesen disparaten Phänomenen auf ähnliche Weise nähern kann, oder besser gesagt: dass die Historiker, die sich mit diesen und anderen Phänomenen im vorliegenden Band auseinandersetzen, dabei auf miteinander verwandte theoretische Konzepte zurückgreifen. Nicht in den Gegenständen, sondern in der Methode ihrer Beschreibung und Deutung liegt die Gemeinsamkeit der hier versammelten Beiträge zu einer Hamburger Ringvorlesung vom Sommersemester 2001. Es ging den Veranstaltern darum, den „performative turn“ dingfest zu machen, also Impulse aus verschiedenen Disziplinen, die alle mit dem Begriff der Performanz hantieren, zu bündeln und ihre Fruchtbarkeit für die Geschichtswissenschaft zu dokumentieren.

Der Begriff der Performanz spielt für alle Autoren eine zentrale Rolle – allerdings handelt es sich bei genauerem Hinsehen um durchaus verschiedene Auffassungen von „Performanz“ bzw. „Performance“. Besonders instruktiv sind daher die einleitenden Beiträge der beiden Herausgeber und der Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, die die unterschiedlichen Theorietraditionen skizzieren, ihre Verwandtschaft deutlich machen, aber auch die Divergenzen bezeichnen. Von der Sprechakttheorie Austins und Searles über die Theaterwissenschaft und die ethnologische Ritualtheorie bis zu den gender studies treffen sehr verschiedene Theorietraditionen zusammen in der Einsicht, dass „Bedeutung [...] immer erst im Augenblick des Äußerns, Aufführens oder sich Verhaltens hervorgebracht“ wird (S. 10).

Während die Sprechakttheorie mit „Performanz“ den Handlungscharakter verbaler Äußerungen hervorhebt, betont die Theaterwissenschaft, dass Bedeutung nicht schon durch den Text, sondern durch die konkrete Interaktion von Darstellern und Zuschauern, die performance, erzeugt wird. Die Ritualtheorie beschreibt, wie gesellschaftliche Ordnung durch kollektive Rituale erzeugt und stabilisiert wird; die Genderforschung schließlich zeigt, wie Geschlechteridentität sich durch eingespielte Praktiken perpetuiert. Gemeinsam ist allen Ansätzen mithin die konstruktivistische Grundüberzeugung, dass die soziale Realität von den Akteuren stets aufs Neue geschaffen wird, und zwar durch performative Akte, d.h. Handlungen, die bewirken, was sie sprachlich bezeichnen oder szenisch darstellen.

Dass diese Koinzidenz der Entwicklung in so verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen kein Zufall ist, sondern sich auf einen grundlegenden Wandel des „kulturellen Paradigmas“ schon um 1900 zurückführen lässt, macht der Beitrag von Fischer-Lichte deutlich. Die Entwicklung der Theaterwissenschaft zur selbständigen Disziplin und die Entstehung der religionswissenschaftlichen Ritualforschung waren gleichermaßen Ausdruck einer generellen Wende der Aufmerksamkeit von der Schrift zur Praxis, vom Mythos zum Kultus, vom Werk zum Ereignis, wobei das Ereignis als etwas völlig Eigenständiges von ganz anderer medialer Qualität sichtbar wurde. Die Geschichtswissenschaft hat diese Entwicklung erst relativ spät nachgeholt, seit sie sich von den kulturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen inspirieren lässt, und z.B. ihre Aufmerksamkeit von der geschriebenen auf die rituell inszenierte politische Verfassung verlagert.

Die beiden Herausgeber, ein Mediävist und ein Neuhistoriker, vermitteln in ihrer Einleitung einen sachkundigen Überblick darüber, welche Wirkungen der performative turn bisher in der Geschichtswissenschaft hatte. Dabei ist allerdings die Frühneuzeitforschung (wie in dem Band insgesamt) deutlich unterrepräsentiert, obwohl die Herausgeber selbst einräumen, dass von ihr wesentlich mehr Impulse ausgegangen sind als etwa von der Neuesten Geschichte, und zwar keineswegs nur von der Volkskulturforschung (zu erinnern ist nur an das hier nicht erwähnte, aber paradigmatische Buch von André Holenstein über die Huldigung).

Gerd Althoff, der dem performative turn für die deutsche Mediävistik schon seit den 1980er-Jahren den Weg gebahnt hat, zeigt in seinem Beitrag über die Begegnungen von Papst und Kaiser zwischen Canossa 1077 und dem Frieden von Venedig 1177, wie im Mittelalter durch demonstrative, öffentliche, symbolisch-rituelle Handlungen Verbindlichkeit gestiftet wurde, aber auch, welche Deutungskonflikte auftreten konnten und wie man sich unter Umständen der Verpflichtungswirkung durch nachträgliche Umdeutung zu entziehen suchte. Dabei geht es Althoff nicht darum, lediglich ein festes Inventar ritueller Versatzstücke aufzustellen, sondern vielmehr darum, die flexible und hoch reflektierte Verwendung ritueller Formen in der jeweiligen Kommunikationssituation zu analysieren. Er hält gleichwohl gegenüber Kritikern daran fest, dass die Deutungsspielräume der Beteiligten keinesfalls beliebig groß waren.

Das bestätigt letztlich – nahezu wider Willen - auch der Beitrag von Steffen Patzold über die Gebärde des Ausspuckens. Zwar entfaltet Patzold ein überaus eindrucksvolles Panorama der verschiedenen Zusammenhänge, in denen das Spucken in frühmittelalterlichen gelehrten Diskursen thematisiert wurde – als medizinische Notwendigkeit, als theologisches Problem (nämlich das Ausspucken des Priesters nach dem Eucharistieempfang), als wundersames Heilmittel (nämlich der Speichel Christi) –, aber es gelingt ihm nicht nachzuweisen, dass dem absichtlichen Anspucken des Gegenübers als sozialer Geste eine wesentlich andere kommunikative Bedeutung zugeschrieben werden konnte als die der Schmähung, Verachtung und Entehrung.

Geoffrey Koziol versucht in seinem Beitrag ganz andere Akzente zu setzen. Nachdem er selbst in seinem Buch über den rituellen Akt des demütigen Bittens und die Urkundenausfertigung als performing kingship zum performative turn in der Mediävistik wesentlich beigetragen hat, erhebt er nun selbstkritisch den Vorwurf, man sei in dem Bemühen, das Mittelalter weniger finster erscheinen zu lassen, weit über das Ziel hinausgeschossen, habe den mittelalterlichen Akteuren einen strategisch-zweckrationalen, funktionalistischen Umgang mit Ritualen unterstellt, dessen sie sich selbst gar nicht bewusst gewesen seien, und dabei ihre authentischen Gefühle und Überzeugungen völlig aus dem Blick verloren (S. 85f.). Diesen „blinden Fleck“ sucht er am Beispiel der Königserhebung Ludwigs V. durch seinen Vater Lothar im Jahre 979 sichtbar zu machen. Überaus eindrucksvoll rekonstruiert er die Entstehungsgeschichte der Urkunde, die dieses Ereignis überliefert, geht aber einen wesentlichen Schritt darüber hinaus und tut etwas, worauf die meisten Historiker mit guten Gründen seit einiger Zeit lieber verzichten; er bedient sich einer psychologisierenden Einfühlung in die emotionalen Motive der Akteure: „[…] imagine we must, for only imagination can reveal what the moment really meant to Lothar“ (S. 100). Dabei kann er sich allein auf die intuitive Überzeugung stützen, dass die Gefühle und Leidenschaften der Menschen zu allen Zeiten die gleichen gewesen sein müssen.

Indessen macht schon der unmittelbar anschließende Beitrag von Klaus van Eickels über körperliche Gesten der Zuneigung als Zeichen personaler Bindung im Mittelalter deutlich, wieso man sich als Historiker vor einer solchen distanzlosen Einfühlung hüten sollte. Er weist nämlich nach, dass Gesten physischer Intimität wie der Kuss auf den Mund oder das Schlafen in einem Bett im symbolischen Code des Mittelalters keinerlei Konnotationen mit dem aufwiesen, was man erst heute Homosexualität nennt, sondern rechtliche Verbindlichkeit konstituierten, der Überbrückung von Rangunterschieden dienten usw. Das bedeutet selbstverständlich keineswegs, den mittelalterlichen Akteuren Emotionen abzusprechen – es bedeutet nur, dass es keinen methodisch nachvollziehbaren Weg gibt, ihrer „wahren“ Emotionen teilhaftig zu werden. Gerade die Illusion der umstandslosen emotionalen Einfühlung hat ja bisher einem angemessenen Verständnis vieler heute befremdlicher mittelalterlicher Verhaltensformen im Wege gestanden. Kurzum: Hinter die Einsicht, dass auch Gefühle eine Geschichte haben, sollten die Historiker nicht zurückkehren.

Weniger kontrovers sind die Beiträge der Neuzeithistoriker. Die meisten machen deutlich, dass der Blick auf die performative Macht kultureller Praktiken ein verfremdender Blick ist, der nichts für selbstverständlich nimmt. So präsentiert Johannes Paulmann die Diplomatiegeschichte des 19. Jahrhunderts in anderem als dem gewohnten Licht, wenn er den Besuch Queen Victorias auf der Pariser Weltausstellung 1855 als symbolische Konstituierung zwischenstaatlicher Beziehungen und zugleich als Reproduktion sozialer Muster beschreibt. Achim Landwehr fragt, wie die Menschen Raum erfahren haben, als sie im Alltagsleben noch kaum Karten zur Verfügung hatten, und zeigt am Beispiel venezianischer topografischer Beschreibungen des 16. und 17. Jahrhunderts, dass die Wahrnehmung von Raum eine Funktion bestimmter Techniken und Handlungsweisen war, dass in diesem Sinne also auch Raum performativ erzeugt wurde.

Bisher konnten Historiker der vormodernen Epochen mehr mit dem Begriff der Performanz anfangen als die Zeithistoriker. Das kam nicht von ungefähr, denn dem Selbstverständnis der Moderne entsprach es bekanntlich lange Zeit, sich von den vermeintlich weniger rationalen, stärker theatralischen und symbolisch-rituell geprägten Kulturen der Vormoderne abzusetzen. Ein zentrales Anliegen der Herausgeber ist es, diese allzu einfache dichotomische Zuschreibung zu revidieren und die performativen Dimensionen auch der modernen, weniger von persönlicher Präsenz als von Schriftlichkeit geprägten Kulturen zu betonen. So macht Jürgen Martschukat in seinem eigenen, sehr lesenswerten Beitrag über die moderne Hinrichtungspraxis in den USA deutlich, dass auch die vor exklusivem Zuschauerkreis vorgeführte Exekution mittels Elektrizität eine kulturelle Selbstinszenierung war – auch und gerade wenn sie kein „Theater des Schreckens“, sondern ein „Theater der Sachlichkeit“ sein wollte. In ähnlichem Sinne macht Jens Jäger auf die symbolisch-performative Dimension erkennungsdienstlicher Verfahren um 1900 aufmerksam (auch hier präsentierte sich die Polizei als rationaler Apparat, mit mutmaßlich einschüchternder Wirkung auf die Delinquenten, S. 220), ohne allerdings über relativ nahe liegende Plausibilitätsannahmen wesentlich hinauszukommen. Maren Möhring schließlich wendet sich der deutschen Freikörperkultur der Jahrhundertwende zu und zeigt, dass die gymnastische Nachahmung antiker Statuen nicht nur die Akzeptanz der Bewegung im bildungsbürgerlichen Milieu fördern wollte, sondern auch der rassischen, nationalen und geschlechtsspezifischen Identitätsbildung diente.

Interdisziplinäre und epochenübergreifende Sammelbände haben das Problem, dass man die Beiträge oft nur sehr selektiv wahrnimmt. Dem vorliegenden anregenden Band ist zu wünschen, dass er viele Leser und Leserinnen findet, die ihn vollständig zur Kenntnis nehmen, damit er seinen Zweck erfüllt: nämlich über die Epochengrenzen hinweg voneinander zu lernen, vereinfachende Gegenüberstellungen von Vormoderne und Moderne in Frage zu stellen und die Fruchtbarkeit, aber auch die Schwierigkeiten des Performanzkonzepts bewusst zu machen. Der Verständigung wird es allerdings besser bekommen, wenn die Historiker sich mehr auf die ihnen allen immer noch gemeinsamen empirischen Methoden der Quellenanalyse besinnen und sich nicht – wie es im vorliegenden Band vereinzelt geschieht – darauf beschränken, theoretische Konzepte am historischen Beispiel nur nachzubuchstabieren, ohne sich näher auf die Quellen einzulassen. Auch exzessiver Theoriejargon ist dem Anliegen wenig hilfreich. Ein Beispiel: „Indem Butler die mimetische Wiederholung der Norm als zentralen Aspekt der Körpermaterialisierung instituiert, wird ihr Ansatz anschlußfähig für Theorien mimetischer Körperpraktiken, die in der Mimesis einen nicht im Diskursiven oder im Symbolischen aufgehenden Modus der Körperkonstitution sehen“ (S. 258f.) – Sätze wie dieser bringen für Judith-Butler-Adepten nichts Neues, dürften aber bei allen anderen Lesern jede Neugier darauf wirkungsvoll dämpfen. Solche Stilisierungen haben indessen den unfreiwilligen, aber nützlichen Nebeneffekt, dass sie die performative, symbolisch-expressive Dimension unserer eigenen akademischer Praktiken ins Bewusstsein rufen: Auch das Schreiben und Vortragen von wissenschaftlichen Aufsätzen ist eine kulturelle Selbstinszenierung, aber wie bei jeder Inszenierung liegt die Könnerschaft eben darin, das Publikum die Inszenierung vergessen zu lassen.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.02.2004
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