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Titel
Grenzen überschreiben?. Deutsch-deutsche Briefwechsel 1949-1989


Autor(en)
Dietzsch, Ina
Reihe
Alltag & Kultur 10
Erschienen
Köln 2004: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
202 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Petra Kabus, Kulturland Brandenburg 2004, Potsdam

Die Ethnologin Ina Dietzsch hat einen wertvollen Schatz gehoben. Seit Mitte der 1990er-Jahre mit dem Thema deutsch-deutscher Briefwechsel befasst, ist es ihr gelungen, knapp 30 Korrespondenzen, zum Teil komplette grenzüberschreitende Briefwechsel, aus der Zeit von 1948 bis 1989 zusammenzutragen, an denen sich häufig mehrere Personen aktiv oder passiv beteiligt haben. Für die in ihrem Buch „Grenzen überschreiben?“ angestellten Analysen, als Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin verteidigt, hat sie sieben Briefwechsel ausgewählt.

Die Fragen, denen Dietzsch anhand dieses Materials nachgeht, richten sich auf die Gestaltung der persönlichen Beziehungen, die Voraussetzungen für einen funktionierenden Briefwechsel, den Umgang mit Konflikten und schließlich den Eingang gesellschaftlicher Prozesse in die brieflichen Kontakte. Die Gliederung des Buches folgt diesen Fragen. Erst der letzte Punkt spricht also das mit dem Titel avisierte Thema der Spezifik deutsch-deutscher Briefwechsel in den Zeiten der staatlichen Teilung an. So weckt der Titel Erwartungen, denen das Buch nicht in vollem Umfang gerecht wird. Immer wieder stellt sich beim Lesen die Frage, was am jeweils Erläuterten typisch für das Schreiben über Systemgrenzen hinweg ist.

Ausgangspunkt für die analysierten Briefwechsel ist der Bezug auf gemeinschaftsstiftende kulturelle Muster. Das sind zunächst einmal zum Zeitpunkt der Trennung bereits bestehende Beziehungen wie Verwandtschaft und Freundschaft. Über bestimmte gemeinsame Interessen, etwa das Sammeln von Briefmarken, können aber auch neue, haltbare Kontakte entstehen.

Für das deutsch-deutsche Binnenverhältnis ist grundsätzlich ein Beharren auf vorhandenen Kontakten zu verzeichnen. Das bestätigt die These, dass die Kultur des Briefeschreibens nicht grundsätzlich, sondern nur in Abhängigkeit von anderen Möglichkeiten des soziokulturellen Kontakts zurückgeht.[1] Da zwischen Ost- und Westdeutschland das Telefonieren und Besuchen nur eingeschränkt funktionierte, wurde die Möglichkeit des Briefeschreibens intensiv genutzt. Ganz offensichtlich wurden darüber hinaus Brief-, Paket- und – wo möglich – Besuchsverkehr als permanenter, oft vielleicht nur untergründiger Widerstand gegen die staatliche Teilung betrieben. Vom Grundmotiv, Beziehungen über die Grenze hinweg aufrechtzuerhalten, waren vor allem die älteren Generationen geprägt, was eine abnehmende Menge dieser Kontakte über die Jahrzehnte hinweg begründet.

Dietzsch beschreibt die vorliegenden Briefwechsel als permanentes Anknüpfen an Gemeinsamkeiten, als Austarieren auftretender Differenzen und Prozess der Rollenfindung bzw. autobiografischen Positionierung. Der politische, soziale, ökonomische und kulturelle Rahmen, in dem sich diese Briefwechsel vollzogen, erscheint uns heute vielleicht klarer, als er den Akteuren zu Beginn war. Die Differenz kann nicht als gegeben vorausgesetzt werden, sondern hat sich im Laufe der Jahre erst entwickelt. Dabei kam es zunehmend zu Missverständnissen und Verletzungen. In ihrem Exkurs zum Paketverkehr – bereits im Jahr 2000 als Aufsatz erschienen – stellt Dietzsch überzeugend dar, wie solche Missverständnisse durch die gleichzeitige Definition der Geschenksendung als Hilfeleistung von West nach Ost bei häufiger Unkenntnis der tatsächlichen Situation und Bedürftigkeit entstehen konnten – und wie es möglich war, trotzdem den Kontakt zu erhalten.[2] Auch in den Briefwechseln bemerkt sie ein aufwändiges Bemühen, Gemeinsamkeiten zu finden und zu bewahren, indem etwa Differenzen ausgeklammert wurden und politische Probleme erst gar nicht zur Sprache kamen. Sie interpretiert dieses Vorgehen mit Recht als Beharren auf der gemeinsamen nationalen Zugehörigkeit.

Auch die übrigen von Dietzsch angebotenen Interpretationen kann man teilen. Trotzdem lässt einen die Lektüre seltsam ratlos und unbefriedigt zurück. Dietzsch beschreibt ihre Methode, anhand ausgewählter Texte Hypothesen zu entwickeln und diese dann anhand der Gesamtmasse zu überprüfen und zu vervollständigen. Doch reichen Methode und Fragestellungen nicht aus, um das Material erschöpfend zu analysieren, allgemeingültige Aussagen zu treffen und zu wirklich neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Der entscheidende methodische Fehler liegt darin, dass für das untersuchte Textkorpus und die jeweilige Frage keine klaren Vergleichsmengen definiert werden. Bei aller Fülle ist die untersuchte Textmenge zu gering und zu zufällig, um wirklich Typisches herauszuarbeiten und Feststellungen zu treffen, die etwa über die Banalität hinausreichen, dass sich die Konsumgewohnheiten in Ost und West mehr und mehr unterschieden. Besonders auffällig wird dies beim Thema Arbeit, wo die individuellen Berufswege die systemimmanenten Differenzen bei weitem überlagern. Bestes Beispiel ist eine von Dietzsch zitierte Passage, in der die Schreiberin einen vom Briefpartner angeschnittenen Ost-West-Gegensatz überhaupt nicht wahrnimmt, sein „bei uns“ und „bei euch“ als Geschlechterdifferenz interpretiert und seiner Schilderung eines männlichen Berufsalltags ihre Hausfrauentätigkeit entgegensetzt.

Es ist durchaus vorstellbar, dass Briefwechsel etwa zwischen Hamburg und München, Rostock und Suhl über weite Strecken ähnlich verlaufen sind wie die von Dietzsch untersuchten. Wenn ein Vergleich mit solchen Briefwechseln ausbleibt, können systembedingte Differenzen nur behauptet und nicht aus den vorliegenden Texten allein abgeleitet werden. Das Auswahlkriterium, möglichst langfristig geführte Briefwechsel zu benutzen, schränkt das Material zudem auf ältere Generationen ein, was gleichzeitig eine Beschränkung der in den Briefen angeschnittenen Themen sowie der Positionierungen innerhalb des jeweiligen Gesellschaftssystems zur Folge hat.

Doch auch das benutzte Material ließe sich tiefer ausloten. Dietzsch vollzieht bestimmte Entwicklungen auf der Ebene der Rollenzuschreibungen innerhalb der persönlichen Beziehungen ausführlich nach. Sie beschreibt auch die zunehmenden soziokulturellen Differenzen und zeichnet verschiedene Szenarien der Entfernung, die sich in Verletztheit, Missverständnissen, Erklärungsversuchen oder im Ausblenden kritischer Themen niederschlagen. Trotzdem scheinen die zitierten Textpassagen eher ihre Thesen zu illustrieren, als dass sich diese aus den Texten selbst ergeben. Erst auf den letzten Seiten nimmt Dietzsch Bezug auf die These, dass Grenzen soziale Tatsachen seien, die eine Verräumlichung erfahren.[3] Die willkürlich gezogene Ost-West-Grenze hingegen hat eine Teilung vollzogen, in deren Folge sich soziale Tatsachen erst bildeten. Die deutsche Teilung wäre unter Umständen viel stärker zementiert worden, hätte sie entlang bestehender soziokultureller Grenzen stattgefunden, d.h. etwa Nord und Süd teilend. So blieben über Jahrzehnte permanente Reibungen an der Grenzziehung und der Trennung überhaupt bestehen, denen nachzugehen allemal lohnt. Dietzsch hätte anhand ihres Materials vielleicht nicht nach allgemeingültigen, übergreifenden Aussagen suchen, sondern tiefer ins Detail gehen sollen. Wie sich die Zugehörigkeit zu einem der beiden Systeme entwickelt hat, woran sich die zunehmende Differenz bei ursprünglich gleicher Ausgangssituation, etwa bei ehemaligen Schulfreundinnen oder Studienkollegen, gezeigt hat – dies wären die wirklich spannenden Fragen gewesen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Nickisch, Reinhard M.G., Brief, Stuttgart 1991.
[2] Dietzsch, Ina, Geschenkpakete – ein fundamentales Mißverständnis. Zur Bedeutung des Paketaustausches in persönlichen Briefwechseln, in: Härtel, Christian; Kabus, Petra (Hgg.), Das Westpaket. Geschenksendung, keine Handelsware, Berlin 2000, S. 105-117.
[3] Simmel, Georg, Schriften zur Soziologie [1908], Frankfurt am Main 1983.

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Veröffentlicht am
11.10.2004
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