W. Mühlfriedel u.a.: Carl Zeiss in Jena 1945-1990

Cover
Titel
Carl Zeiss in Jena 1945-1990.


Autor(en)
Mühlfriedel, Wolfgang; Hellmuth, Edith
Reihe
Carl Zeiss. Die Geschichte eines Unternehmens 3
Erschienen
Köln 2004: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
XIV, 385 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dagmara Jajeśniak-Quast, Forschungsstelle Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Carl Zeiss in Jena gehört zu den weltweit bekanntesten deutschen Unternehmen – kein Wunder, denn es kann auf eine fast 160-jährige erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Durchschnittlich und im Weltmaßstab betrachtet beträgt die Lebensdauer eines Unternehmens heute 25 Jahre, was Carl Zeiss schon mehr als sechsfach übertroffen hat. Darüber hinaus war der Anteil der exportierten Erzeugnisse und Leistungen am Gesamtumsatz der Firma Carl Zeiss seit jeher bedeutend, was den Bekanntheitsgrad der Marke in der Welt steigerte. Sogar in der DDR-Zeit betrug der Exportanteil ab den 1960er-Jahren über 50 Prozent der gesamten Produktion. Die Exportrichtung verschob sich nach Osten in die UdSSR und in andere RGW-Staaten (S. 135f.). Andererseits war die Geschichte von Carl Zeiss nicht immer von Erfolgen gekennzeichnet. Dabei waren die Rückschläge selten nur unternehmensintern bedingt. Die veränderten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, zunächst der sozialistischen und dann der marktwirtschaftlichen Transformation geschuldet, beeinflussten das Unternehmen stark. Besonders die Folgen des Zweiten Weltkrieges und die sozialistische Planwirtschaft haben Carl Zeiss nachhaltig verändert. Die Entstehung der Firma Carl Zeiss in Oberkochen und der Carl-Zeiss-Stiftung in Heidenheim an der Brenz, die Auseinandersetzung zwischen dem ost- und dem westdeutschen Unternehmen und den Stiftungen um den Markennamen in den 1950er- und 1960er-Jahren[1] oder auch die amerikanischen Mitnahmen 1945 und die sowjetischen Demontagen Ende der 1940er-Jahre sind nur einige Beispiele dafür.

Der inzwischen dritte Band der Zeiss-Unternehmensgeschichte widmet sich diesem schwierigen Zeitabschnitt von 1945 bis 1990. Die Verfasser des Buches, Wolfgang Mühlfriedel und Edith Hellmuth, sind zwei etablierte Kenner der Materie. Mühlfriedel, ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, ist zusammen mit seinem Nachfolger Rolf Walter zugleich auch Herausgeber der dreibändigen Firmengeschichte und darüber hinaus bekannt für seine Forschungen über die Planwirtschaft und Industriegeschichte der DDR.[2] Edith Hellmuth arbeitete als Ingenieurin im Zeiss-Werk und leitete danach von 1978 bis 1997 das Unternehmensarchiv. Bereits im ersten Band haben beide Autoren die Geschichte von Carl Zeiss bearbeitet, nämlich die Zeit von 1846 bis 1905.[3] Nach dem Band von Rolf Walter über die Periode 1905–1945[4] haben sie die Darstellung der Geschichte des Unternehmens nun fortgesetzt.

Mühlfriedel und Hellmuth gelingt eine Verbindung zwischen den inneren Betriebsvorgängen und der Wirtschaftsgeschichte der SBZ/DDR, was nicht zuletzt auf ihre vorangegangenen Forschungen zurückzuführen ist. Beschrieben werden nicht nur die spannenden Entwicklungen des traditionsreichen Unternehmens seit dem Zweiten Weltkrieg; am Beispiel von Carl Zeiss wird zugleich auch die Wirtschaftsgeschichte des ostdeutschen Staates eindrucksvoll dargestellt. Ein Beispiel für die Verbindung von Betriebs- und allgemeiner Wirtschaftsgeschichte im vorliegenden Buch ist die Entwicklung der Kleinbildkamera Werra. Mit dieser Aufgabe wurde die Zeiss-Werkleitung im Spätherbst 1953 durch das Ministerium für Maschinenbau im Rahmen des Neuen Kurses in der Wirtschaftspolitik der SED beauftragt (S. 167f.). Die Leistung, eine Brücke zwischen der Betriebs- und der Wirtschaftsgeschichte der DDR zu schlagen, ist besonders hervorzuheben, denn nach wie vor gibt es nur wenige Autoren, die sich aus diesem Blickwinkel mit der Wirtschaftsgeschichte der DDR befassen.[5] Anders ist es in der vorliegenden Geschichte des Unternehmens Carl Zeiss, wo die Betriebsgeschichte in vier Perioden behandelt wird, die für die SBZ/DDR-Wirtschaftsgeschichte insgesamt wichtig sind: erstens die Besatzung Jenas durch die US-amerikanischen Truppen vom 13. April 1945 bis zur Enteignung des industriellen Vermögens der Carl-Zeiss-Stiftung durch die Regierung des Landes Thüringen am 1. Juni 1948; zweitens die Integration des Zeiss-Werkes in das staatssozialistische System; drittens die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Lenkung der Volkswirtschaft; viertens der Ausbau des Kombinates bis zur Privatisierung des VEB Carl Zeiss Jena durch die Treuhandanstalt der DDR am 29. Juni 1990.

Diese Phasen werden chronologisch in zwölf Kapiteln behandelt. Mehrere Tabellen im Anhang sowie 70 Abbildungen – vorwiegend Fotos – runden das Buch ab. Insbesondere der Technik- und Technologiegeschichte räumen Mühlfriedel und Hellmuth sehr viel Platz ein. Aber auch wirtschafts-, sozial- und alltagshistorisch interessierte Leser erhalten neue Einblicke. Die Betriebsgeschichte wird nicht nur als Geschichte eines Unternehmens verstanden, sondern auch als Geschichte der Belegschaft interpretiert und unabhängig vom Ort Jena erzählt, wie im Fall der über 200 in die Sowjetunion deportierten „Zeissianer“ und deren Angehörigen (S. 44ff.). Auch das Schicksal jener über 100 Mitarbeiter von Carl Zeiss, die schon früher in das amerikanische Besatzungsgebiet umgesiedelt wurden, wird kurz berücksichtigt (S. 72ff.).

Einen gezielten Thesenaufbau bietet dieses Buch kaum, dafür aber viele neue Fakten und Hintergrundinformationen. Besonders über die Besatzungszeit und die Anfangs- bzw. Wiederaufbaujahre von Carl Zeiss Jena liefern Mühlfriedel und Hellmuth bis dato unbekannte Informationen. Spannend legen die Autoren in den ersten drei Kapiteln dar, wie viele Akteure sich sowohl in West- als auch in Osteuropa für den Verbleib der Industrieanlagen von Carl Zeiss Jena und damit gegen die amerikanischen und sowjetischen Demontagen aussprachen. Neben den US-Offizieren in Paris, dem Ministerpräsidenten von Thüringen, Werner Eggerath, sowie Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl setzte sich auch der Vorsitzende der Sowjetischen Militäradministration, Wassilij Sokolowski, für den Erhalt der technischen Ausstattung des Betriebes in Jena teilweise erfolgreich ein (S. 13ff., S. 36ff.). Damit wird ein neues Licht auf das Problem der sowjetischen Demontagen geworfen und die These untermauert, dass in einzelnen Fällen schon in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre eine Modifikation der sowjetischen Strategie stattfand.[6]

In den weiteren Kapiteln wird die Geschichte des Unternehmens von der Integration in das staatssozialistische System über das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft der DDR, die Politbüro- und Ministerratsbeschlüsse von 1967/68 bis zum Wandel im Kombinat VEB Carl Zeiss Jena geschildert. Dabei konzentrieren sich Mühlfriedel und Hellmuth nicht nur auf das Unternehmen selbst, sondern lenken die Aufmerksamkeit auch auf die Carl-Zeiss-Stiftung. In der DDR wurde die Stiftung zwar vom Betrieb getrennt, aber am Leben erhalten (S. 69ff.). Daraus resultierte ein heftiger Streit zwischen der 1949 im westdeutschen Heidenheim gegründeten Zeiss-Stiftung und dem Unternehmen in Oberkochen einerseits sowie der Stiftung und dem Werk in Jena andererseits. Der Auseinandersetzung um die Namensrechte sowie der Auseinandersetzung vor internationalen Gerichten wird im neunten Kapitel viel Raum gewidmet. Dieser spannende Konflikt endete schließlich mit einem Kompromiss, der als Londoner Abkommen in die Unternehmensgeschichte einging und bis 1989 von beiden Seiten eingehalten wurde.

Mühlfriedel und Hellmuth setzen sich das Ziel, möglichst alle Seiten des betrieblichen Lebens zu erfassen. Dieses Ziel ist ehrgeizig und wird insgesamt auch erreicht. Einige Einschränkungen werden dennoch gemacht – so wird die Geschichte der gesellschaftlichen Organisationen im Werk dezidiert ausgeklammert (S. XIII). Es fehlen noch weitere Aspekte, vor allem des in der sozialistischen Periode so wichtigen sozialen betrieblichen Lebens – wie zum Beispiel Sport, Kultur oder Gesundheitswesen. Der Sport hatte für viele Kombinate und damit auch für deren Produkte eine besondere Bedeutung. So erhöhte der Fußball den internationalen Bekanntheitsgrad dieser Unternehmen und bot Möglichkeiten der Identifikation mit ihnen – und das nicht nur im sozialistischen Lager. Häufig übernahmen die Fußballmannschaften die Rolle von „Werbeträgern“ für ihre Kombinate – wie in der DDR der FC Carl Zeiss Jena, die Betriebssportgemeinschaften Wismut Aue, Energie Cottbus, Stahl Brandenburg und Stahl Eisenhüttenstadt oder in anderen Ländern des RGW etwa Videoton FC Fehervar in Ungarn, FC Lokomotive Moskau in der UdSSR, Górnik Zabrze in Polen oder Škoda Pilsen in der Tschechoslowakei.

Als ein weiterer Kritikpunkt ist genannt worden, dass sich Mühlfriedel und Hellmuth hauptsächlich auf das Jenaer Archivgut beschränken würden.[7] Angesicht des sehr reichen und gut aufgearbeiteten Bestandes des Carl-Zeiss-Archivs, das seit einigen Jahren lobenswerterweise auch online zugänglich ist[8], trübt dieser Einwand nicht den sehr hohen Erkenntniswert des Buches. Ein Nachteil besteht aber darin, dass der inzwischen reiche Forschungsstand zum Thema nicht in einem Literatur- und Quellenverzeichnis zusammengefasst worden ist. Sämtliche Nachweise sind nur in den Fußnoten präsent. Auch ein Sach- und Ortsindex wäre wünschenswert gewesen. Trotz kleinerer Ungenauigkeiten und einer stellenweise vielleicht zu detaillierten Darstellung der Geschichte von Carl Zeiss eröffnet das Werk von Mühlfriedel und Hellmuth interessante Einblicke; nicht nur Unternehmenshistoriker, sondern auch andere Forscher, die sich mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der SBZ bzw. DDR beschäftigen, kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten. Dem Buch ist eine große Aufmerksamkeit dies- und jenseits der Wissenschaft zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Hermann, Armin, Nur der Name war geblieben. Die abenteuerliche Geschichte der Firma Carl Zeiss, Stuttgart 1989; Ders., Carl Zeiss – Die abenteuerliche Geschichte einer deutschen Firma, München 1992; Ders., Und trotzdem Brüder. Die deutsch-deutsche Geschichte der Firma Carl Zeiss, München 2002.
[2] Vgl. etwa Mühlfriedel, Wolfgang; Wießner, Klaus, Die Geschichte der Industrie der DDR bis 1965, Berlin 1989; Hartmann, Ulrich; Mühlfriedel, Wolfgang, Zur Entwicklung der schwarzmetallurgischen Industrie in der DDR von 1946 bis 1955, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Sonderband 1988: Industriezweige in der DDR 1945-1985, S. 271-284.
[3] Hellmuth, Edith; Mühlfriedel, Wolfgang, Zeiss 1846-1905. Vom Atelier für Mechanik zum führenden Unternehmen des optischen Gerätebaus, Köln 1996.
[4] Walter, Rolf, Zeiss 1905-1945, Köln 2000 (rezensiert von Kilian Steiner: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/NG-2002-004>).
[5] Vgl. u.a. Steiner, André, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004; Schwarzer, Oskar, Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR: Ergebnisse eines ordnungspolitischen Experiments (1945-1989), Stuttgart 1999.
[6] Vgl. Uhl, Matthias, Das Ministerium für Bewaffnung der UdSSR und die Demontage der Carl Zeiss Werke in Jena – eine Fallstudie, in: Karlsch, Rainer; Laufer, Jochen (Hgg.), Sowjetische Demontagen in Deutschland 1944-1949. Hintergründe, Ziele und Wirkungen, Berlin 2002, S. 113-145; Baar, Lothar; Karlsch, Rainer; Matschke, Werner, Kriegsfolgen und Kriegslasten Deutschlands. Studien zur Wirtschaftsgeschichte 1. Expertise erarbeitet im Auftrag der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, Berlin 1993, S. 60ff.
[7] Vgl. die Rezension von Armin Müller zum vorliegenden Buch: <http://www.sehepunkte.historicum.net/2005/03/7426.html>.
[8] Siehe <http://www.zeiss.de/de/archives/home.nsf> sowie meine Rezension der Website: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=19&type=rezwwwzwww>.

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01.07.2005
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