N. Zeldes: The Former Jews of This Kingdom

Cover
Titel
The Former Jews of This Kingdom. Sicilian Converts After the Expulsion 1492-1516


Autor(en)
Zeldes, Nadia
Reihe
The Medieval Mediterranean 46
Erschienen
Anzahl Seiten
360 S.
Preis
$109.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Scheller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Nachdem Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon im März 1492 den Juden Kastiliens und Aragons befohlen hatten, diese Reiche binnen vier Monaten zu verlassen, wiesen sie drei Monate später, am 18. Juni 1492, auch die Juden des Vizekönigreichs Sizilien aus ihrem Herrschaftsbereich aus. Die Mehrheit der sizilianischen Juden verließ darauf die Insel. Eine nicht unbeträchtliche Zahl jedoch empfing die Taufe und blieb. Andere, die zunächst in das nahe Königreich Neapel emigriert waren, entschlossen sich nach 1494 zur Konversion, um zurückkehren zu können. Die Zahl dieser „Neofiti“ (von griechisch neophytos: neu gepflanzt) lässt sich nicht exakt bestimmen. Bei aller gebotenen Vorsicht kann man wohl davon ausgehen, dass mindestens ein Viertel der - freilich ebenfalls geschätzten - 30.000 sizilianischen Juden konvertierten. Damit hatte sich - wie bereits gut 100 Jahre zuvor auf der iberischen Halbinsel - auch auf Sizilien eine zahlenmäßig erhebliche Population von Neuchristen jüdischer Herkunft formiert.[1] Nachdem bereits 1993 Francesco Renda den letzten Abschnitt der Geschichte der Juden Siziliens im Mittelalter und das Schicksal der Konvertiten monografisch behandelt hatte [2], untersucht Nadia Zeldes nun abermals dieses Thema. Ihre Arbeit beruht auf ihrer 1997 an der Universität Tel Aviv eingereichten Dissertation und ist in vier Großkapitel gegliedert.

Das erste behandelt die Umstände, unter denen es zur Formation der „Neofiti Population“ auf Sizilien kam und deren zahlenmäßige Größe. Hierbei problematisiert Nadia Zeldes die Berechnungen Rendas, ohne jedoch zu eigenen, neuen Ergebnissen zu kommen.
Kapitel zwei analysiert die rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Neuchristen lebten und vermittelt den Eindruck einer oftmals paradoxen Situation, die zwischen Integration und Ausgrenzung oszillierte. So mussten die Neofiti vielfach weiterhin die finanziellen Lasten tragen, die die Krone ihnen als Juden aufgebürdet hatte, was eine Quasi-Gleichsetzung von Neofiti und Juden auf fiskalischer Ebene nach sich zog. Auch die ehemaligen Juden mussten die Kopfsteuer zahlen. Zudem wurden jene Neofiti, die nach 1494 nach Sizilien zurückkehrten, in Haftung für eine Sondersteuer von 120 000 Gulden genommen, die den jüdischen Gemeinden 1492 von der Krone auferlegt worden war. Um die Abgaben einzutreiben, bestellte man einen generalis protector totius unversitatis neophitorum et iudeorum regni (S. 76), so dass zu diesem Zwecke die Neuchristen als eigene Gruppe behandelt wurden.

Die lokalen Amtsträger standen den konvertierten Juden dagegen in der Regel nicht feindlich gegenüber. Teilweise versuchten sie sogar, sie durch finanzielle Anreize zur Ansiedlung in ihren Städten zu bewegen. Anfeindungen der Neofiti durch die Stadtbevölkerung sind in einigen Fällen belegt. Allerdings erreichten die Zusammenstöße zwischen den Neuchristen und der restlichen Bevölkerung niemals das Ausmaß wie auf der iberischen Halbinsel. Konvertiten und „Altchristen“ lebten vielfach in enger räumlicher Nachbarschaft, und eine Reihe von notariellen Verträgen belegt, dass sie gemeinsam Handelsgesellschaften bildeten. Konnubium zwischen Neu- und Altchristen ist demgegenüber spärlich belegt. Ob man hieraus schließen kann, dass die Konvertiten bewusst nach Endogamie strebten, oder dass die Altchristen ihre Kinder nicht mit denen der Neofiti verheiraten wollten, erscheint allerdings fraglich.

Auf Sizilien waren die Juden im Mittelalter nicht auf den undankbaren Beruf des Geldhandels beschränkt, sondern in praktisch sämtlichen Bereichen des Wirtschaftslebens aktiv. Das gleiche gilt für die konvertierten Juden nach 1492. Die meisten von ihnen waren wohl Handwerker. Geldverleiher und Kaufleute, darunter Fernhändler ebenso wie Krämer, sind gleichfalls belegt. Seltener als auf der iberischen Halbinsel waren allem Anschein nach Steuerpächter und Karrieren im Königsdienst. Nadia Zeldes zufolge spricht einiges dafür, dass 1492 vor allem die ärmeren Juden emigrierten, „while the rich and the middle class preferred to convert“ (S. 124).

Der „Schatten der Inquisition“, um den es im dritten Abschnitt geht, lag seit 1500 auf den sizilianischen Neofiti. In den ersten zehn Jahren mussten sich allerdings gerade einmal 38 Personen vor einem Inquisitionstribunal verantworten, davon waren 29 oder 30 Neofiti. Keiner von ihnen endete auf dem Scheiterhaufen. Nach 1510 erhöhte sich dann der Druck der Inquisition auf die Konvertiten und ihre Nachkommen. Am 6. Juni 1511 fand in Palermo der erste Auto de fé statt, als dessen Folge erstmals neun Neofiti in Person und einer in effigie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Bis 1550 erlitten 195 Neofiti lebend und 276 in effigie dieses Schicksal, von etwas über 2000 gegen die die Inquisition ermittelt hatte. Die Anschuldigungen, die gegen die angeklagten Neofiti erhoben wurden, lassen sich nicht im Detail rekonstruieren, da die Prozessakten der Spanischen Inquisition auf Sizilien verloren sind. Doch allein aufgrund Zahl der Prozesse, die sich aus den Abrechnungen der Inquisition rekonstruieren lassen, erscheint Nadia Zeldes deren Wirken auf Sizilien, verglichen mit der Schärfe, mit der sie auf der iberischen Halbinsel vorging, von einer „apparent mildness“ (S. 214) geprägt. Eine Ursache hierfür sieht sie wohl zu Recht im Widerstand der lokalen und regionalen Gewalten gegen die Spanische Inquisition.

Im vierten und letzten Abschnitt ihres Buches versucht Nadia Zeldes ein Porträt der sizilianischen Konvertiten zu zeichnen. Da wie erwähnt praktisch keine Protokolle von Inquisitionsprozessen erhalten sind, versucht sie aus anderen Quellen Aufschlüsse darüber zu gewinnen, inwieweit die Konvertiten und ihre Nachkommen weiterhin dem Glauben ihrer Vorfahren anhingen, oder sich aber dem christlichen Glauben zuwandten. So wertet sie über 200 Inventare von Häusern aus, die erstellt wurden, wenn der Besitz von Neofiti als Folge eines Schuldspruchs vor dem Inquisitionsgericht konfisziert wurde. Ob sich jedoch aus der Tatsache, dass nur in 30 von ihnen Bilder christlichen Inhalts belegt sind und dass von jenen 30 Neofiti, die solche Bilder besaßen, keiner an die weltlichen Autoritäten zur Hinrichtung übergeben wurde, schließen lässt, dass jene Neofiti, die keine „holy images“ (S. 244) besaßen, dem christlichen Glauben distanziert gegenübergestanden hätten, erscheint doch als eine etwas gewaltsame Interpretation.

Nadia Zeldes’ Buch ist klar und flüssig geschrieben und dezidiert als Fallstudie konzipiert, die den Vergleich mit den Conversos auf der iberischen Halbinsel ermöglichen soll, einen Vergleich, den Nadia Zeldes allerdings nicht systematisch durchführt. Die spanischen Conversos bilden vielmehr eine Folie, vor deren Hintergrund die Konvertiten auf Sizilien betrachtet und auf die sie punktuell immer wieder bezogen werden. Die größte Stärke des Buchs liegt in seinem multiperspektivischen Ansatz. Auch wenn er hier offensichtlich aus der Not des Quellenmangels geboren wurde, ist es sicherlich weiterführend, jüdische Konvertiten nicht nur unter der Fragestellung zu erforschen, inwieweit diese weiterhin im geheimen „judaisierten“, sondern diese „doppelte Minderheit“ [3], die wie vielleicht keine andere Gruppe emblematisch für die Prozesse von Integration und Desintegration der Kulturen im mittelalterlichen Europa ist, möglichst umfassend zu erforschen.

Das Bild, das Nadia Zeldes dabei zeichnet, gerät allerdings vielleicht etwas zu statisch. Shlomo Simonsohn hat die Situation jüdischer Konvertiten im Mittelalter einmal als ein „no-man’s-land between the Jewish and Christian societies“ [4] bezeichnet. In diesem Niemandsland konnten sie stärker in die Nähe der Juden oder in die der Christen gerückt werden. Und Nadia Zeldes’ Schilderung lässt auch immer wieder erkennen, dass unterschiedliche Akteure, die Krone, lokale und regionale Gewalten, die lokale Amtskirche und Amtsträger und die spanische Inquisition, die sizilianischen Neofiti zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verorteten. Der Ort der sizilianischen Neofiti stand mit deren Konversion also nicht ein für alle mal fest, sondern wurde vielmehr von den genannten Akteuren ständig verhandelt. Eine differenzierte Analyse dieser Verhandlungen nimmt Nadia Zeldes jedoch nicht vor. Und so bleiben auch die Fragen ungestellt, warum die einen Akteure die Neofiti stärker mit Juden identifizierten und andere offensichtlich kein Problem damit hatten, sie wie gute Christen zu behandeln; welche Akteure miteinander kooperierten oder stritten und warum sich bestimmte Akteure in diesen ständigen Verhandlungen über den Ort der Neofiti in der Gesellschaft gegen andere mit durchsetzten und auf welche Ressourcen sie dabei zurückgreifen konnten. Und damit bleibt leider auch die Chance ungenutzt, mit der Geschichte der sizilianischen Neofiti auch neues Licht darauf zu werfen, wie im Europa des Spätmittelalters Minderheiten und Randgruppen immer wieder neu konstruiert wurden.

Anmerkungen:
[1] Zu den Conversos vgl. den Überblick bei Gitlitz, David M., Secrecy and Deceit: The Religion of the Crypto-Jew, Philadelphia 1996 (mit Lit.).
[2] Francesco, Renda, La fine del giudaismo siciliano, Palermo 1993.
[3] So Mentgen, Gerd, Jüdische Proselyten im Oberrheingebiet des Spätmittelalters. Schicksale und Probleme einer „doppelten“ Minderheit, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 142 (1994), S. 117-139.
[4] Simonsohn, Shlomo, The Apostolic See and the Jews, Bd. 7, History, Philadelphia 1991, S. 369.

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Veröffentlicht am
07.06.2004
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