Heinz D. Kittsteiner (Hg.): Was sind Kulturwissenschaften?

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Titel
Was sind Kulturwissenschaften?. 13 Antworten


Herausgeber
Kittsteiner, Heinz D.
Erschienen
Paderborn 2004: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
300 S.
Preis
€ 27,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Landwehr, Philosophische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Kulturwissenschaften à la Frankfurt/Oder – so hätte der Titel dieses Sammelbandes auch lauten können. Doch hätte man dann wohl zurecht fürchten müssen, dass das lesende Publikum, einem Kochbuch gleich, hier Rezepte für das derzeit virulente und reichlich diskutierte Thema der Kulturwissenschaften erwartet hätte. Dies hätte wohl kaum im Interesse der Autorinnen und Autoren oder des Herausgebers gelegen. Dieser alternative Titel hätte jedoch insofern einen wichtigen Bestandteil des Buchs benannt, als es sich tatsächlich vornehmlich um ein Produkt der Kulturwissenschaftlichen Fakultät an der deutsch-polnischen Grenze handelt, zumeist von dort Lehrenden, zum Teil aber auch von Gästen verfasst, die dort zu Vorträgen geladen waren. Aufgrund der Tatsache, dass hier ein Einblick gewährt wird „in die Arbeit einer kleinen kulturwissenschaftlichen Fakultät an einer kleinen Universität im Osten Deutschlands, die sich mühsam von einer Haushaltssperre zur nächsten hangelt“ (S. 22), ließe sich möglicherweise ein geschlossenes Konzept erwarten, das dem gemeinsamen lokalen und institutionellen Ursprung der einzelnen Beiträge geschuldet ist – doch dem ist keineswegs so.

Als Ausgangspunkt wird die durchaus vertraute Diskussion um die Krise der Geisteswissenschaften und deren mögliche Rettung unter dem neuen Schutzschirm der Kulturwissenschaften gewählt – wobei sympathischerweise auch in Frankfurt/Oder nicht übersehen wird, dass es sich hier natürlich nur zum Teil um eine freiwillige inhaltliche Diskussion handelt, diese vielmehr immer auch einem forschungspolitischen Diktat geschuldet ist. Auch die gewählten inhaltlichen Anknüpfungspunkte, die sich stichwortartig mit der kulturwissenschaftlichen Diskussion um 1900, der Ethnologie und ihrer zentralen Kategorie der Fremdheit sowie dem jüngeren ‚cultural turn‘ umschreiben lassen, klingen durchaus vertraut. Wendet man sich jedoch den einzelnen Beiträgen zu, so ergibt sich das gewohnt farbenfrohe Bild an Ansätzen und Überzeugungen, das die jüngere kulturwissenschaftliche Debatte seit ihren Anfängen auszeichnet und das ganze Unterfangen nach meinem Dafürhalten auch so interessant macht. Ein geschlossener Ansatz wird hier also keineswegs geboten, dafür unterschiedliche Perspektiven von solchen Disziplinen wie Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft oder Ethnologie auf das kulturwissenschaftliche Projekt, die – muss man es gesondert erwähnen? – in ihrer Qualität durchaus unterschiedlich ausfallen. Die Spannweite dessen, was hierbei unter Kulturwissenschaften verstanden wird, ist durchaus erheblich, wie sich allein schon an der Frage der Nomenklatur verdeutlichen lässt: Soll man nun von Kulturwissenschaft im Singular oder Kulturwissenschaften im Plural sprechen? Beides hat nicht unerhebliche inhaltliche Implikationen und Dariusz Aleksandrowicz am Beginn sowie Karsten Weber am Ende des Bandes kommen in ihren programmatisch ausgerichteten Beiträgen in der Tat zu konträren Ergebnissen.

Selbstredend finden sich hier auch die ‚üblichen Verdächtigen‘, sprich: die Säulenheiligen der jüngeren Kulturwissenschaft, beispielsweise im Beitrag von Christoph Asendorf über Aby Warburg oder im Aufsatz von Gangolf Hübinger, der Max Weber und Ernst Troeltsch nicht nur als Bezugspunkte für seinen Entwurf der Kulturgeschichte heranzieht, sondern in einer von ihm eingeforderten Wissenschaftsgeschichte auch gleich zum Gegenstand der Untersuchung macht.

Besonders anregend und erwähnenswert sind aber diejenigen Aufsätze, die sich über das engere Feld der traditionellen geisteswissenschaftlichen Fächer hinauswagen, wie beispielsweise Eckhard Höfers Aufruf an praktizierende KulturwissenschaftlerInnen, nicht vor der Lektüre populärer Bücher zu naturwissenschaftlichen Themen zurückzuschrecken, sondern darin eine wertvolle Erweiterung des eigenen wissenschaftlichen Horizontes zu entdecken, um auf diese Art und Weise die tatsächlich disziplinenüberschreitende Zusammenarbeit mit den KollegInnen aus der Physik oder der Biologie zu suchen. In diesen Kontext ist auch Heinz Dieter Kittseiners Beitrag zum fast schon überstrapazierten Thema des ‚iconic turn‘ einzuordnen, dem er aber eine sehr interessante Wendung zu geben versteht. Er fordert nämlich unter Rückgriff auf die Hirnforschung dazu auf, eine eigene Interpretationsweise zu entwickeln, die Bilder nicht mehr nur zum Gegenstand, sondern zum Leitfaden der Betrachtung macht, um so eine historische Theorie des Sehens entwerfen zu können. Es geht ihm mithin um einen Ansatz der „inneren Bildwelten, d.h. eine Theorie von bewussten/unbewussten Bildvorstellungen, die unseren Zugang zu historischen Ereignissen entscheidend mitbestimmen. Man muss fragen, woher diese Bilder stammen, wer sie produziert hat.“ (S. 165) Was er dann exemplarisch an einigen Beispielen als Forschungsprogramm entwirft, bietet viel Potential, um hier in produktiver Weise anzuknüpfen.

Als immer wieder grundlegend erweisen sich gelungene ethnologische Beiträge wie derjenige von Werner Schiffauer, da in dieser Disziplin bereits seit Jahrzehnten eine Tradition besteht, sich immer wieder kritisch (und zum Teil auch sicherlich schmerzhaft) mit den Voraussetzungen der eigenen Arbeit auseinander zu setzen. Die Debatten, die hier in den vergangenen 30 Jahren geführt wurden und die Schiffauer in seinem Beitrag einleuchtend rekapituliert, haben grundsätzliche Schwierigkeiten der Kulturwissenschaften zutage gefördert, die allen, die sich in diesem Terrain tummeln wollen, zum intensiveren Studium empfohlen seien. In ähnlicher Weise blickt der Beitrag von Karl Schlögel über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinaus, der für eine gesteigerte Aufmerksamkeit für den Raum in der Geschichtswissenschaft plädiert – ein Thema, das Schlögel ja bereits in monographischer Ausführlichkeit behandelt hat.[1] Im vorliegenden Aufsatz fasst er wesentliche Thesen dieses Buches zusammen und kommt mit seinem Plädoyer für einen ‚spatial turn‘ in der Geschichtswissenschaft zu Ergebnissen, denen man nur möglichst viel Aufmerksamkeit wünschen kann.

Es darf daneben jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass andere Aufsätze in ihrer Ausrichtung den Ansprüchen des Sammelbandes nicht unbedingt gerecht werden. Bozena Cholujs Aufsatz über den literaturwissenschaftlichen Beitrag zu den Kulturwissenschaftlichen verliert sich zu sehr in Spezialfragen und kann die Erwartungen, die durch den sehr allgemein gehaltenen Titel geweckt werden, nicht erfüllen. Ein anderes Problem zeigt sich demgegenüber in den beiden politikwissenschaftlichen Beiträgen von Michael Minkenberg und Detlef Pollack. Während Minkenberg bei seinem Ansatz nach dem Einfluss von religiösen und konfessionellen Orientierungen auf die Politik fragt und dabei von einem recht engen, geradezu schematisch angewandten Kulturbegriff ausgeht (der sich beispielsweise in mehreren Tabellen niederschlägt, in denen politische Systeme und Religionszugehörigkeiten baukastenartig zugeordnet werden), kritisiert Pollack zurecht und sehr überzeugend das in der Politikwissenschaft immer noch einflussreiche Konzept der ‚politischen Kultur‘. Dieses fragt nach grundsätzlichen, kognitiven und affektiven Einstellungen von Menschen und Gesellschaften gegenüber politischen Systemen, ist aber ebenfalls, wie Pollack am Beispiel der Transformation in Ostdeutschland seit 1989 belegen kann, zu sehr in starren Schemata verhaftet und hängt einem zu unflexiblen und zu engen Kulturbegriff an.

Auch wenn nicht alle Beiträge uneingeschränkt zu empfehlen sind, so verwirklicht sich in den besseren Beispielen doch der Anspruch, der im Vorwort zu diesem Band formuliert wurde und den sich die Kulturwissenschaften durchaus generell auf die Fahnen schreiben dürfen: „Wir betrachten die ‚Kulturwissenschaft‘ nicht als eine einheitliche neue Disziplin, die verbindlich definiert werden könnte, sondern als eine offene Verflechtung von Wissenschaften, die sich zusammengefunden haben, um neue Phänomene der Kultur zu untersuchen, die mit den alten Disziplingrenzen nur schwer zu erfassen wären. Ihr Anspruch ist nicht der einer neuen ‚Totalwissenschaft‘, sondern er muss sich messen lassen an dem, was er an der Bearbeitung neuer Fragestellungen leistet.“ (S. 8f.)

Anmerkung:
[1] Schlögel, Karl, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.07.2004
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