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Titel
In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721. Biografie und Dokumentation


Autor(en)
Steidele, Angela
Erschienen
Köln 2004: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
250 S., ca. 10 s/w Abb.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Michaela Fenske, Seminar für Volkskunde, Georg-August-Universität Göttingen

Die Literaturwissenschaftlerin Angela Steidele hat in mühevoller Archivarbeit das abenteuerliche Leben der Catharina Margaretha Linck rekonstruiert. Dass das Leben dieser im Jahre 1687 geborenen Frau aus den Unterschichten überhaupt in den Archiven dokumentiert ist, liegt in der eher ungewöhnlichen Lebensweise Lincks begründet. Linck lebte nämlich einen Großteil ihres Lebens unter dem Namen Anastasius Lagrantius Rosenstengel als Mann. Die soziale Rolle des Mannes füllte Linck umfassend aus: Wo immer möglich, nutzte sie männliche Privilegien, und sie genoss die sexuellen Freiheiten eines Junggesellen, bevor sie sich später gewissenhaft, wenn auch mit wenig Erfolg, in der Rolle des Ehemannes versuchte. Die damit von Linck begangenen Verstöße gegen die formellen und informellen Ordnungen der frühneuzeitlichen Gesellschaft wurden am Ende hart bestraft: 1721 wurde sie zum Tode verurteilt. Ganz eindeutig war das Urteil der Zeitgenossen indes nicht: Sowohl Richter und Kriminalräte als auch der preußische König Friedrich Wilhelm I. waren zunächst unschlüssig, wie die Lebensführung der Linck zu bewerten sei. Über den für die Mitwelt durchaus auch unterhaltsamen Kleidertausch sah die Obrigkeit trotz der Strafbarkeit dieses Deliktes offenbar mehr oder weniger großzügig hinweg. Das Hauptproblem stellte in Lincks Fall die Bewertung ihrer sexuellen Praxis dar: War die gelebte Homosexualität als Unzucht unter Frauen zu bewerten und stellte sie damit ein mit der Todesstrafe zu ahnendes Delikt dar – wie konservative Vertreter meinten? Oder hatten die Stimmen Recht, die ein neues phallozentrisches Konzept von Sexualität vertraten, demzufolge Frauen untereinander mangels Glied überhaupt keine Unzucht treiben konnten (ein zum Einsatz gekommener Leder-Dildo wurde von den Vertretern dieser Richtung nicht als gleichwertig beurteilt)? Wie hart war Linck zu bestrafen und wofür war sie konkret zur Verantwortung zu ziehen? Der preußische König nahm sich reichlich Bedenkzeit, und zum Unglück der Linck urteilte er am Ende im Einklang mit dem herkömmlichen Weltbild. Aber gerade weil Lincks Leben die religiösen und sozialen Ordnungen der frühneuzeitlichen Gesellschaft in Frage gestellt hatte, ermöglicht ihre Lebensgeschichte auch tiefer gehende Einblicke in die Funktionsmechanismen dieser Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne.

Steidele erzählt das Leben von Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, dem sie in zahlreichen bundesrepublikanischen Archiven nachgespürt hat, vor allem auf der Grundlage von Gerichtsakten. Sie legt es in neun Etappen dar. Im Vergleich zu den Lebensbedingungen vieler anderer Angehöriger der Unterschicht in der Frühen Neuzeit begann Lincks Leben mit einem außerordentlichen Glücksfall. Linck wurde nämlich in das von dem Pietisten August Hermann Francke als Teil der Franckeschen Stiftungen gegründete Waisenhaus in Glaucha, Sachsen aufgenommen. Die Erziehung in der Franckeschen Einrichtung ebnete ihr den Weg in die Häuser der ehrsamen Handwerksmeister der Stadt Halle. Dort arbeitete Linck als Magd und lernte bei einem Knopfmacher und Kattundrucker einige Techniken seines Handwerks. 1703 kehrte Linck Halle den Rücken und schloss sich einer radikalpietistischen Gruppe an. Der Auszug aus der vertrauten Lebenswelt ermöglichte den Rollenwechsel: Linck zog Männerkleider an, ließ sich in der neuen Religionsgemeinschaft auf den Namen Anastasius Rosenstengel taufen und wirkte fortan als Prophet (der vor allem durch fragwürdige Prophezeiungen Aufsehen erregte, wie die, bestimmte Personen könnten über Wasser gehen). Nach zweijähriger Wanderschaft durch Sachsen, Böhmen, Nürnberg sowie das Rheinland verließ Linck die Täufer und verdingte sich vorübergehend als Knecht. Von 1705 bis 1712 erschloss sich Linck eine neue Einkommensquelle: Sie diente in verschiedenen Regimentern als Soldat. Ebenso gewitzt wie unerschrocken offenbarte der Soldat Linck immer dann sein weibliches Geschlecht, wenn es in der männlichen Rolle brenzlig wurde, so 1708, als ihr wegen Desertion die Todesstrafe drohte. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Halle zog Linck 1717 nach Halberstadt, wo sie Catharina Margaretha Mühlhahn kennen lernte und wenig später heiratete. Entgegen ihren späteren Aussagen vor Gericht schloss die Braut die Ehe wohl in vollem Bewusstsein des Geschlechts ihres ‚Gatten‘. Die nicht eingeweihten Verwandten und Freunde der Braut warteten indes vergeblich auf die Geburt eines Kindes. Schnell wurde das Paar von Geldsorgen geplagt, man begab sich auf Wanderschaft und schlug sich – bald getrennt, bald zusammen – mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durch. In Hildesheim und Münster arbeitete Linck, inzwischen zum Katholizismus übergetreten, als Torwächter; in Helmstedt konvertierte sie wieder zum Protestantismus und sicherte sich so die finanzielle Unterstützung einflussreicher Freunde. 1720 vorübergehend nach Halberstadt zurückgekehrt, wurde Linck dort von ihrer bereits seit längerem misstrauisch gewordenen Schwiegermutter entlarvt. Das auf Anzeige der Schwiegermutter hin aufgenommene Inquisitionsverfahren endete 1721 mit der Enthauptung Lincks und einer mehrjährigen Zuchthausstrafe für ihre Ehefrau.

Das Leben der Catharina Margaretha Linck verbindet die Erfahrungen und Zwänge des Unterschichtslebens mit denen gelebter homosexueller Liebe sowie der religiösen Erweckung. Insofern leistet Steidele mit ihrer Biografie einen herausragenden Beitrag gleich auf mehreren Forschungsfeldern. Die Autorin selbst ordnet ihr Buch vor allem in den Kontext der Geschlechterforschung und Sexualgeschichte ein. Hier knüpft die Biografie an die aktuellen Forschungen über Cross-Dressing, Geschlechtsidentität, Transvestismus und Transsexualität an. Dass das Buch die für die Frühe Neuzeit weitgehend unbeleuchtete Geschichte weiblicher Homosexualität erstmals detailliert beleuchtet, macht dabei einen besonderen Reiz dieses Projektes im Rahmen der Gay and Lesbian Studies aus. Lincks Leben ist nicht mit (spät-)modernen Erfahrungen und Diskursen zu lesen, dies betont Steidele nachdrücklich. Sie bettet Lincks Lebensgeschichte sorgfältig in die jeweiligen zeitgenössischen Kontexte und Diskurse ein und erweist sich damit einmal mehr als eine respektvolle Interpretin ihrer Protagonistin. Erst dadurch wird auch das Besondere dieses Lebenslaufes deutlich: der Pragmatismus der Linck, der zum Rollenwechsel führt; ein Rollenwechsel, der umso leichter fällt, als Fragen der Geschlechtsidentität in dieser Zeit noch nicht primär an den Körper einer Person gebunden wurden und Standesfragen bedeutsamer waren als die der Biologie.

Steidele schreibt eine der für das 17. und 18. Jahrhundert äußerst seltenen Biografien einer Unterschichtsfrau. Das Leben der Linck war geprägt von der charakteristischen Unterschichtsökonomie, die der Kulturhistoriker Norbert Schindler so treffend als „Improvisationskunst, die gelernt sein will“ beschrieben hat.[1] Der Rollenwechsel war für Linck – ebenso wie für viele ihrer Zeitgenossinnen – eine wirtschaftliche Überlebensstrategie, denn er eröffnete Linck andere und weitere Berufstätigkeiten als ihr als Frau jemals zur Verfügung gestanden hätten. Das Leben der Linck ist von den für arme Menschen charakteristischen Mühen geprägt: eine beachtliche Mobilität (beeindruckend dokumentiert durch die im Umschlag des Buches publizierte Karte mit den Wegstrecken, die die Linck im Laufe ihres Lebens zu Fuß zurückgelegt hat), die Aufnahme zahlreicher und im Einzelnen sehr verschiedener Jobs, Gaunereien und Betrügereien wie der unorthodoxe, an pekuniären Zielen orientierte mehrmalige Wechsel der Konfessionszugehörigkeit, nicht zuletzt auch die Abhängigkeit vom Wohlwollen und der Unterstützung durch andere, meist besser gestellte Menschen. Letztlich wird Linck auch ihre Armut zum Verhängnis: Die Enttarnung durch die Schwiegermutter dürfte auch in deren Zorn über den finanziell erfolglosen Schwiegersohn, der seine Frau immer wieder bei der Mutter unterschlüpfen und versorgen ließ, ein kräftiges Motiv gehabt haben. Diese wichtigen Aspekte zur Kultur- und Sozialgeschichte der unteren Schichten hat die Autorin selber leider kaum im Blick, sie belässt es bei dem treffenden Hinweis auf die Ähnlichkeit dieser Lebensgeschichte mit frühneuzeitlichen Schelmenromanen.

Schließlich stellt Steideles Buch nicht zuletzt auch einen spannenden Beitrag im Kontext der Religionsgeschichte dieser Zeit dar. Auffällig ist in diesem Zusammenhang etwa die Verknüpfung von Lincks sexuellem Erwachen mit religiösen Wahnvorstellungen, in denen die guten und die bösen Mächte gegeneinander antraten (S. 43). Die vom Pietismus mit seiner Wertsetzung innerer Erfahrungswelten geförderte, angeblich besondere Form weiblicher Religiosität ist wiederholt im Kontext der Herausbildung dichotomer Geschlechtscharaktere gelesen worden.[2] Lincks Leben hatte sich allerdings schon früh von diesem in Glauchau angebahnten Weg gelöst – statt sich an der Ausformung einer neuen weiblichen Rolle zu beteiligen, schlüpfte sie in die männliche Rolle. Folgerichtig sagten sich auch die Pietisten radikal von Linck los. Linck geriet zwischen die Fronten der innerhalb der pietistischen Bewegung ausgetragenen Kämpfe, ungeniert nutzten die Hallenser Pietisten um Francke die Geschichte Lincks, die sie zu einer reißerischen Polemik aufarbeiteten, im Kampf gegen interne Abweichler.

Nach der umfangreichen Diskussion über die Prinzipien historischer Narration in der Postmoderne sind Fragen nach der „Realität“ oder gar der „Objektivität“ kulturhistorischer Darstellungen müßig geworden. Auch Steidele ist sich des konstruktiven Charakters ihrer Studie wohl bewusst. Zahlreiche Formulierungen kennzeichnen den Entstehungsprozess der Rekonstruktion. Damit ermöglicht Steidele den LeserInnen dankenswerterweise auch andere Schlussfolgerungen als die, die sie als Autorin gewählt hat (obgleich Steideles Argumentation doch meist überzeugt). Verschiedene Lesarten gestattet auch der veröffentlichte, sorgfältig edierte Quellenteil des Buches (S. 174-223).

Angela Steidele hat ein ebenso wichtiges wie lesenwertes Buch geschrieben. Das von ihr erzählte Leben einer mittellosen, einfallsreichen und verwegenen Frau an der Wende zum 18. Jahrhundert offenbart die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mechanismen der Gesellschaft, zu der Linck gehörte und zeigt Handlungsspielräume sowie Grenzen dieser Zeit. Deutlich werden auf diese Weise auch die Unterschiede zur Moderne, die angesichts der Lebensgeschichte von Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel wohl in vielem anders, wenn auch nicht unbedingt immer fortschrittlicher oder menschenfreundlicher erscheint.

Anmerkungen:
[1] Schindler, Norbert, Jenseits des Zwangs. Zur Ökonomie des Kulturellen inner- und außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, in: Ders., Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit, Frankfurt am Main 1992, S. 20-46, hier S. 41.
[2] Witt, Ulrike, Bekehrung, Bildung und Biographie. Frauen im Umkreis des Halleschen Pietismus (Hallesche Forschungen 2), Tübingen 1996.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.03.2005
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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