E. Conze u.a. (Hgg.): Geschichte der internationalen Beziehungen

Cover
Titel
Geschichte der internationalen Beziehungen. Erneuerung und Erweiterung einer historischen Disziplin


Herausgeber
Conze, Eckart; Lappenküper, Ulrich; Müller, Guido
Erschienen
Köln 2004: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
295 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Holger Nehring, St. Peter’s College, University of Oxford, Großbritannien Email:

Anliegen der Herausgeber dieses Sammelbandes ist es, ein Resümée der gegenwärtigen Diskussionen über die Geschichte der internationalen Beziehungen zu bieten, gleichzeitig aber auch neue Schwerpunkte in der Debatte zu etablieren. Das Buch geht aus einer im Jahre 2002 abgehaltenen Tagung hervor. In ihrer vorzüglichen Einleitung diskutieren Eckart Conze, Ulrich Lappenküper und Guido Müller die Herausforderungen, die sich aus dem Ende des Ost-West-Konflikts und der „Überwölbung und Aushöhlung des klassischen Nationalstaats und seines inneren wie äußeren Souveränitätsanspruchs“ (S. 3) für die Disziplin ergeben. Der Band ist also kein Beitrag zur Diplomatiegeschichte, sondern zur internationalen Geschichte: er möchte die internationalen Beziehungen in ihrer Gesamtheit historisch zu fassen.

Die Autoren des Bandes gehen diesen Fragen in fünf Bereichen nach. Jeder Teil wird von einem theoretisch und methodisch gehaltenem Essay eingeleitet, auf den eine Fallstudie folgt. Der erste Teil ist der Bedeutung des Staates in den internationalen Beziehungen gewidmet. Eckart Conze erörtert zunächst umsichtig die Bedeutung von Staat, Politik und Macht für die Geschichte der internationalen Beziehungen aus disziplingeschichtlicher und theoretischer Perspektive. Ulrich Lappenküper verteidigt emphatisch den „Primat der Außenpolitik!“ [sic] in den deutsch-französischen Beziehungen zwischen 1949 und 1963.

Im zweiten Teil widmen sich die beiden Autoren der historischen Analyse von Globalisierungsprozessen. Wolfram Kaiser erörtert zunächst aus theoretischer Perspektive kritisch verschiedene Ansätze – von Immanuel Wallersteins Weltsystemanalyse bis zu Manuel Castells Ansatz einer „Netzwerks-Gesellschaft“ – und diskutiert jene Triebkräfte, welche schon im 19. Jahrhundert zur Herausbildung weltweiter Vernetzungen geführt haben. In einem glänzenden empirischen Beitrag zeigt Niels P. Petersson anhand der Verrechtlichung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen europäischen Staaten und China die komplexen Aushandlungsprozesse zwischen staatlichen und privaten Akteuren.

Die Wirtschaft bildet den Gegenstand des dritten Teils. Hier rekapituliert Hubert Zimmermann zunächst die Erörterungen aus der International Political Economy und regt dazu an, ihre Modelle verstärkt bei der Analyse der internationalen Wirtschaftsbeziehungen anzuwenden. Guido Thiemeyer wendet einen solchen Ansatz beeindruckend auf die Entstehung des internationalen Goldstandards in den frühen 1870er Jahren an. Er verweist auf die innenpolitischen Wurzeln dieser Einführung, welche aufgrund der „halbhegemonialen Stellung des deutschen Reiches in Europa“ (S. 149) Folgen für das internationale Währungssystem jener Zeit hatten. Zugleich interpretiert er die Entstehung des auf dem Goldstandards basierenden internationalen Wärhungssysetems zu jener Zeit als Ergebnis der funktionalen Differenzierung von Wirtschaft und Politik im internationalen System.

Teil 4 ist der transnationalen Geschichte gewidmet. Johannes Paulmanns Essay zu „Grenzüberschreitungen und Grenzräumen“ von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den 1970er Jahren gehört zu den anregendsten Beiträgen des Bandes. Denn Paulmann wirft letztlich nicht nur die Frage auf, wie man methodisch die Geschichte transnationaler Geschichte schreiben soll. Er vermisst den Gegenstand der internationalen Beziehungen neu und betont besonders die Bedeutung von Kommunikationsprozessen. In einer Erörterung über McDonald’s in Asien entwickelt er anthropoligische Kriterien für Aneignungs- und Abwehrprozesse, welche er dann für die Erörterung „transnationaler Grenzräume“ nutzbar macht. Die Bedeutung dieser Grenzräume ergibt sich gerade aus ihrer spezifischen Relation zu den „politisch-diplomatischen Beziehungen“. Paulmann betont, dass „transnationales Handeln“ gerade von der „Wahrnehmung einer Differenz“ (S. 190) abhängt. Nationalismus und Internationalismus erscheinen dann nicht mehr als Gegensätze. Vielmehr treten „die gemeinsamen Bedingungen sowie die gegenseitige Bedingtheit von Nationalismus und Internationalismus“ in den Vordergrund der Analyse (S. 192). Staatlichkeit, Territorialität und Grenzen blieben, betont Paulmann, während dieser Epoche wichtig. Jessica Gienow-Hecht erörtert mit Bezug auf Musik und Politik in den transatlantischen Beziehungen die Bedeutung von Emotionen für internationale Beziehungen.

Die Autoren des fünften Teils des Bandes wenden sich internationalen Gesellschaftsbeziehungen zu, welche Guido Müller in dichter Rekaptiulation der einschlägigen Sekundärliteratur erörtert. Marita Krauss vertieft Müllers Beitrag mit einigen eher modellhaft gehaltenen Bemerkungen zur Migrationsgeschichte. In einem abschließenden Essay diskutiert Hartmut Kaelble selbstkritisch den Umgang deutscher Sozialhistoriker mit internationaler und transnationaler Geschichte und weist auf einige jüngere Überbrückungsversuche zwischen Gesellschafts- und internationaler Geschichte hin.

Was hat dieser Band gegenüber anderen einschlägigigen Publikationen zu bieten?[1] Der Band gewinnt sein Profil durch seine differenzierte Behandlung dreier Themenfelder, die in anderen Publikationen nicht in dieser Weise erörtert werden. Er zeigt erstens, dass internationale Geschichte nicht ohne den Untersuchungsgegenstand „Staat“ auskommen kann. Allerdings, so macht Conze in seinem Beitrag beeindruckend klar, gehe es darum, den Staat als „historisch-dynamische, nicht als statische Größen“ (S. 27) zu begreifen und die Bedeutung des Staates im jeweiligen historischen Zusammenhang immer wieder neu zu ergründen. Daraus ergibt sich auch der Appell Conzes, Politik nicht a priori als gesellschaftliche Größe zu definieren, sondern gerade zu untersuchen, wie sich Politikbegriffe im Wandel der Zeit entwickelt haben. Besonders die Beiträge Paulmanns, Peterssons und Thiemeyers unterstreichen diesen Befund. Ulrich Lappenküper bleibt mit seinem Versuch, die Primats-Debatten der sechziger, siebziger und achtziger Jahre wiederzubeleben, alleine.

Zweitens betont der Band die große Bedeutung wirtschaftlicher Einflussfaktoren für die Geschichte der internationalen Beziehungen – ein Aspekt, der in der Forschung weit größerer Berücksichtigung bedarf. Die Bedeutung wirtschaftlicher Faktoren tritt besonders in den Beiträgen Thiemeyers, Zimmermanns, Peterssons und Kaisers hervor.

Schließlich zeigt der Band deshalb, dass sich Historiker bei der Geschichte „transnationaler Beziehungen“ und der „Globalisierung“ immer noch großen Herausforderungen gegenüber sehen. Besonders die Beiträge Conzes, Paulmanns und Peterssons zeigen, wie komplex diese Prozesse waren – eine Tatsache, welche durch den Gebrauch modischer Begriffe oftmals verdeckt bleibt.

Mit diesem Band liegt also ein hervorragendes, durchweg gut geschriebenes und exzellent lektoriertes Kompendium vor, welches gegenwärtige Debatten kompetent resümiert, zum Weiterdenken anregt und wichtige Fragen zum Zusammenhang von Staat, Gesellschaft und Politik aufwirft. Gerne hätte man sich allerdings ein Literaturverzeichnis und vielleicht sogar ein Register gewünscht. Die Beiträge argumentieren zwar vor allem aus deutscher Warte, doch ist bemerkenswert, in welchem Umfang Debatten aus den anglo-amerikanischen Geschichts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Soziologie kompetent reflektiert und in die Argumentationen eingebaut werden. Besonders lobenswert ist, dass sich keiner der Autoren in luftigen Theoriegebäuden verirrt, sondern durchweg auf hohem Niveau mit empirischem Bezug argumentiert. Nicht zuletzt regt der Band zum Nachdenken darüber an, ob sich die in den gegenwärtigen deutschen Debatten gezogene Grenze zwischen nationaler und internationaler Geschichte überhaupt noch in allen Bereichen halten lässt. Es wäre deshalb sehr zu begrüßen, wenn der Band aufgrund seines hohen Reflexionsniveuas auch von Sozialhistorikern zur Hand genommen würde, die sich nicht vorrangig mit internationaler Geschichte beschäftigen. Der Band zeigt hervorragend, dass die Debatten über den „Primat der Innenpolitik“ schon selbst Teil der Geschichte geworden sind.[2]

Anmerkungen:
[1] Loth, Wilfried; Osterhammel, Jürgen (Hgg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten (= Studien zur Internationalen Geschichte, Bd. 10), München 2000; Gienow-Hecht, Jessica; Schumacher, Frank (Hgg.), Culture and International History, New York 2003; Hogan, Michael J.; Paterson, Thomas G. (Hgg.), Explaining the History of American Foreign Relations, 2. Auflage, Cambridge 2004.
[2] Vgl. dazu schon Conze, Eckart, „Moderne Politikgeschichte“. Aporien einer Kontroverse, in: Müller, Guido (Hg.), Deutschland und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert. Festschrift für Klaus Schwabe, Stuttgart 1998, S. 19-30.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.02.2005
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