S. Carreras u.a. (Hrsg.): Preußen und Lateinamerika

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Titel
Preußen und Lateinamerika. Im Spannungsfeld von Kommerz, Macht und Kultur


Herausgeber
Carreras, Sandra; Maihold, Günther
Reihe
Europa-Übersee, Historische Studien 12
Erschienen
Münster 2004: LIT Verlag
Anzahl Seiten
328 S.
Preis
€ 30,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Vogel, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Das Buch veröffentlicht die Ergebnisse eines Kolloquiums im Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz Berlin aus dem Jahre 2003, das – wie es im Vorwort treffend heißt – „Schlaglichter“ (S. 8) auf die Beziehungen zwischen Preußen und verschiedenen lateinamerikanischen Staaten und Regionen (Karibik, Argentinien, Chile, Brasilien, Mexiko) wirft. „Kommerz, Macht und Kultur“ können dabei als Stichworte verstanden werden, unter denen sich die verschiedenen Aspekte und Themenfelder der Beiträge addieren lassen. Das avisierte „Spannungsfeld“ zwischen diesen Wirklichkeit konstituierenden Bereichen bleibt allerdings mehr Andeutung als Perspektive der Analysen – kein Wunder beim heutigen Stand der vergleichenden Geschichtsforschung zu diesem Gegenstand. Da auf dem Kolloquium fast ausschließlich Lateinamerika-Spezialisten versammelt waren, richtete sich deren Interesse stark auf den Referenzpartner Preußen; über „die Verhaltensmuster in Lateinamerika“ erfahren die Leser weniger.

Die Themenvielfalt sowie die einzelnen Beiträge weisen über bloße bilaterale Beziehungsgeschichte hinaus. Zeitlich reicht das Spektrum vom späten 17. Jahrhundert, als die Kurmark Brandenburg unter dem Großen Kurfürsten handels- und kolonialpolitisch in der Karibik Fuß zu fassen versuchte, bis zum späten 20. Jahrhundert, das im Beitrag über preußisch-deutsche Militärberater in Chile gestreift wird. Das bedeutendste Beziehungsfeld bildet offensichtlich der „Kommerz“, was gewiss dem Forschungsstand geschuldet ist. Das Interesse von Kaufleuten und Wirtschaftsexperten gab wichtige Impulse für die Kontaktaufnahme. Vier von zehn Beiträgen und fast die Hälfte des Seitenumfangs widmen sich den Handels- und Wirtschaftsbeziehungen von Preußen ausgehend zu verschiedenen lateinamerikanischen Staaten und Regionen. Gernot Lennert schildert das Kolonialexperiment des Großen Kurfürsten in der Karibik, das heute fast als Kuriosum erscheint, wenn man es nicht als Beispiel für die Aufbruchstimmung in Europa nach dem desaströsen Dreißigjährigen Krieg deuten will. Dass in Preußen dann der Verzicht auf eine Zuckerinsel leichter verschmerzt werden konnte, weil hier zwei Generationen später (1747) die Zuckergewinnung aus Rüben entdeckt wurde, verführt dazu, den Bogen zu interkulturellen Begegnungen zu schlagen. Bernd Schröters Beitrag über die Anfänge der preußischen Diplomatie in Südamerika, insbesondere in Brasilien, zeigt ebenfalls die wachsende Bedeutung der Handelsinteressen für die europäischen Staaten, ging es doch um die Etablierung von Konsulaten. Der geringe Erfolg dieser frühen Bemühungen am Anfang des 19. Jahrhunderts sagt offenbar mehr über die Rivalität der europäischen Mächte aus denn über Defizite der Kommunikation zwischen Preußen und den Lateinamerikanern. Michael Zeuskes Aufsatz über preußische Handels- und Konsularbeziehungen zu „Westindien“ sprengt mit über siebzig Seiten alle einem Kolloquiumsbeitrag angemessenen Formate. Zeuskes Darstellung der Organisierung des Atlantikhandels, besonders wichtig die „Rheinisch-Westindische Compagnie“ von 1821, berücksichtigt kenntnisreich die wirtschaftliche Umbruchssituation in Preußen, das mit den 1815 hinzugewonnenen Rheinprovinzen eine große wirtschaftliche und gesellschaftliche Heterogenität zu bewältigen hatte. Seine These, dass die Industrialisierung in Preußen ohne den transnationalen Handel, der auf Textil-, das heißt vornehmlich Leinenexporten basierte, nicht zu verstehen sei (S. 150), verdient allerdings eine Relativierung. Zeuske schildert die divergierende Entwicklung im protoindustriellen Leinengewerbe zwischen Deindustrialisierung und Industrialisierung überzeugend und anschaulich. Aber die Industrialisierung in Preußen ist nicht durch das Textilgewerbe induziert, sondern durch Kohle und Eisen. Sein Fazit lautet, Preußen sei eine „sekundäre Großmacht in Westindien“, gewesen, die durch pragmatische Wirtschaftspolitik Erfolge erzielt habe. Zu betonen wäre, dass es schwere Verwerfungen zwischen den liberalen Beamten in den Wirtschaftsressorts und der überwiegend strikt konservativen Bürokratie gab (S. 214f.). Walther L. Bernecker, der ebenfalls die Handelspolitik untersucht, vornehmlich auf Mexiko orientiert, kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen: Auch er zeigt die Vorreiterrolle des preußischen Westens, hebt die Bedeutung der Textilprodukte und die unaufhaltsame Verdrängung des Leinens durch die Baumwolle hervor. Und auch bei ihm wird die Auseinandersetzung zwischen der legitimistischen Außenpolitik und dem handelspolitischen Liberalismus deutlich (S. 221).

Zwei Beiträge gehören in den militärischen Bereich: Gerhard Wiechmann schildert die ersten Flottenexpeditionen unter Leitung des preußischen Prinzen Adalbert nach Westindien. Die von Nationalgefühl inspirierte Flottenbegeisterung während der Revolution von 1848/49, Abenteuerlust nach der großen weiten Welt und preußische Handelsinteressen wirkten dabei zusammen. Preußische Segelschiffe beteiligten sich auch an den lateinamerikanischen Kriegen kurz nach der Jahrhundertmitte. Ob man den Ausdruck der „Kanonenbootpolitik“, der gewöhnlich mit dem politisch gefährlichen und dramatischen Panthersprung nach Agadir vom Juli 1911 assoziiert wird, für diese Expeditionen verwenden sollte, ist fragwürdig. Stefan Rinke verfolgt die Geschichte und die Nachgeschichte der preußischen Militärberater in Chile im späten Kaiserreich. Die direkte Kooperation beendete der Erste Weltkrieg; nur kurz wiederbelebt in den späten 1920er-Jahren. Rinke geht seinen militärpolitischen Gegenstand als ein Beispiel für Kulturtransfer an, und insofern legt er Wert auf die habituellen Auswirkungen preußischer Beratung auf das chilenische Militär, auf dessen Professionalisierung und Militärkultur. Zugleich warnt er vor zu leichtfertigen Parallelen: „Eine Pickelhaube macht noch keinen Preußen“ (S. 262).

Vier Beiträge lassen sich dem Stichwort Kultur zuordnen. Marcelo Caruso fragt nach dem Einfluss des preußischen Schulwesens, insbesondere der Volksschule, auf argentinische Schulreformen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem dann aber unter Saavedra Lamas um 1916. Er kommt allerdings zu einem eher negativen Befund. Den Vorbildcharakter Preußens propagierten nämlich gerade die politischen Kräfte in Argentinien, die im Begriff standen, ihre Macht zu verlieren (S. 303). Insgesamt wurde für Argentinien der Einfluss Frankreichs wichtiger (S. 289). Ulrike Schmieder untersucht die Lateinamerikabilder in der preußischen und deutschen Publizistik vom späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie gibt für die Leser des Bandes als erste den Anstoß, über die sich wandelnde Namensgebung für den lateinamerikanischen Kontinent in der deutschen Wahrnehmung nachzudenken. Zugleich kann sie zeigen, wie sehr die Zunahme an Informationen dazu beitrug, von Ahnungslosigkeit und Ressentiment geprägte Bilder zu revidieren. Eine merkliche Zäsur setzten in dieser Hinsicht die Berichte Alexander von Humboldts. Freundlichere Bilder schufen dann die Handelsbeziehungen; vermehrt publizierte Reiseberichte trugen ebenfalls zu größerer Differenzierung bei. Die politischen Gegensätze in den deutschen Bundesstaaten färbten die Urteile über Lateinamerika ein. Denn die dortigen Unabhängigkeitsbewegungen entzweiten in Deutschland die Verfechter des Legitimitätsprinzips der Heiligen Allianz und ihre liberalen Gegner, die Freiheitsbewegungen in und außerhalb Europas begrüßten. Die Beiträge von Ette und Carreras exemplifizieren jeweils an einer Person Entstehung, Formen und Fernwirkungen kultureller Annäherung: Otmar Ette zeichnet das Wirken Alexander von Humboldts und seiner Forschungsexpertise in Preußen nach, während sich die Herausgeberin des Bandes Sandra Carreras dem argentinischen Stifter der Quesada Bibliothek als Gründungskern des Berliner Ibero-Amerikanischen Institut widmet, um den Hintergründen der Schenkung nachzugehen – der Preuße von Humboldt als Kosmopolit ein Vermittler der lateinamerikanischen Kultur in Europa um 1800 und der Argentinier Quesada als ein Bewunderer deutscher Wissenschaft und deutschen Gelehrtentums im ausgehenden 19. Jahrhundert. In der preußischen Geschichtsschreibung ist der Name Humboldt vornehmlich mit Wilhelm verbunden, dem preußischen Beamten, Diplomaten und treibender Kraft bei der Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810. Alexander ist Wilhelms jüngerer Bruder, der überall außerhalb Preußens größeren Ruhm genießt, der in seiner Heimat und, wie Ette zeigt, bei seinem Bruder dagegen im Verdacht stand, mehr Weltbürger als Deutscher zu sein, was in der spezifischen Ausformung des deutschen Nationalismus an Vaterlandsverrat grenzte. Die 82.000 Bände umfassende Quesada Bibliothek mit sozial- und geisteswissenschaftlicher Ausrichtung, nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin transferiert, entstand aus der Sammelleidenschaft Ernesto Quesadas, geboren 1858, und zuvor seines Vaters. Quesada, studierter Jurist und vorübergehend auch in der Justiz tätig, verstand sich als Akademiker. Nach der Entpflichtung von seinem Lehrstuhl für Soziologie im Jahre 1921 lebte er bis zu seinem Tode in der Schweiz. Die Liebe zu Preußen als der deutschen Führungsmacht datiert schon aus seinem kurzzeitigen Schulbesuch in Dresden. Er war ein Verehrer Bismarcks. Der Vortrag, den Quesada 1898 über Bismarck hielt und aus dem Sandra Carreras zitiert, gibt ein kleines eindrucksvolles Beispiel für den Erkenntniswert von Kulturvergleichen. Quesada beobachtete aus der Schweiz mit Ingrimm die Namensgebung für das 1930 eingeweihte Ibero-Amerikanische Institut, weil er dadurch die lateinamerikanischen Republiken in die „Gefolgschaft“ Spaniens und Portugals herabgewürdigt sah (S. 319).

Den Veranstaltern des Kolloquiums ging es darum, das Spektrum aufzuzeigen, „das die Referenz auf Preußen zur Legitimation von Verhaltensmustern in Lateinamerika ausmacht“ (S. 8). Angesichts des Forschungsstands kann es sich nur um einen Zwischenbericht handeln. Wie von den Herausgebern erhofft kann der Band zu weiterem Forschen einladen. Bedauerlich ist, dass dem Band keine problemorientierte Einführung vorangestellt ist, in der die Erkenntnisfortschritte, die in der Beziehungsgeschichte oder dem Kulturtransfer zwischen ausgerechnet Preußen und Lateinamerika liegen, erörtert werden.

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Veröffentlicht am
03.09.2007
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