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Titel
Miracula - Wunderheilungen im Mittelalter. Eine historisch-psychologische Annäherung


Autor(en)
Wittmer-Butsch, Maria; Rendtel, Constanze
Erschienen
Köln 2003: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
387 S., 19 s/w Abb.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Lützelschwab, Friedrich-Meinecke Institut, Freie Universität Berlin

Ist es möglich, Subjektives zu objektivieren? Ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung stets das gleiche, anders ausgedrückt: Kann beispielsweise das menschliche Schmerzempfinden dergestalt in ein System gepresst werden, dass Ursache – Krankheit, Unfall – und Wirkung – Schmerz – für alle Betroffenen gleichermaßen gelten? Kann somit also auch von der Existenz prototypischer Heilungsverläufe ausgegangen werden?

Mittelalterliche Mirakel, die sich als Forschungsgegenstand zunehmender Beliebtheit erfreuen[1], künden von Wunderheilungen, die mittels objektiver Kriterien nur schwer zu fassen sind. Als Eingreifen der Transzendenz in die Lebensrealität des Menschen, als Durchbrechung der Naturgesetze entzieht sich das Wunder schon rein definitorisch einer Deutung, die sich ausschließlich objektiver Kriterien bedient. Insofern ist der Versuch der beiden Autorinnen Maria Wittmer-Butsch und Constanze Rendtel zu begrüßen, sich dem Komplex der Heilungswunder auf zwei Ebenen anzunähern, um mit neuen Denkanstößen eine interdisziplinäre Diskussion anzuregen. Anhand ausgewählter Textdossiers aus Mittelalter und Früher Neuzeit werden typische Heilungsverläufe im Rahmen des Wallfahrtswesens erarbeit und die in den Texten referierten Vorgänge mit aus der Tiefenpsychologie stammenden Erklärungsmodellen konfrontiert.

Die Arbeit gliedert sich in sieben große Kapitel. Nach einer Einführung in die Problemstellung (S. 11-35) werden die Quellentexte in ihrem Entstehungszusammenhang beleuchtet (S. 35-93). Soziale und medizinische Aspekte (S. 93-181), die Wechselwirkung von Körper und Psyche (S. 181-219), Heilungen und Träume (S. 219-243), Heilungen zwischen Normalität und Unerklärlichkeit (S. 243-291) und schließlich paranormale Phänomene (S. 291-327) stehen im Mittelpunkt der folgenden Kapitel.

Gleich zu Beginn wird dezidiert der Auffassung entgegengetreten, das christliche Wunder sei ausschließlich vor dem Hintergrund von Literarisierung und Fiktionalisierung zu deuten. Der „Sitz im Leben“, der konkrete Lebenszusammenhang, anders formuliert: die Existenz eines den Wundern innewohnenden Realitätskerns soll nachgewiesen werden. Mirakelberichte würden damit insofern eine Aufwertung erfahren, als sie nicht mehr nur als Steinbruch für die Beantwortung sozialgeschichtlicher Fragestellungen dienen müssten. Die bisherigen Deutungsschemata greifen den Autorinnen denn auch entschieden zu kurz, würden sie „dem komplexen Verhältnis von Körper und Psyche“(S. 34) doch in keiner Weise gerecht.

Sieben mehr oder minder umfangreiche Heiligendossiers bilden den Ausgangspunkt der Untersuchungen. Elisabeth von Thüringen, Ludwig IX. von Frankreich, Thomas von Aquin, Thomas Cantilupe, Dauphine de Puimichel, Pierre de Luxembourg und Carlo Borromeo wurden nach einem ordentlichen, an der Kurie geführten Prozess kanonisiert, in dessen Rahmen insbesondere die miracula post mortem sorgfältig ermittelt und dokumentiert wurden. Man machte es sich an der Kurie wahrlich nicht leicht mit der Prüfung und Anerkennung von Wundern. Was als Wunder gelten durfte, war klar definiert und sollte durch ein geordnetes Verfahren ans Licht gebracht werden. Durch die Parallelaussagen mehrerer Zeugen zu ein und demselben Vorfall ermöglichen die überlieferten Akten zwar eine „mehrperspektivische Optik“, doch muss offen bleiben, inwieweit sich standardisierte Fragen negativ auf die individuelle Erinnerung von Betroffenen und Zeugen auswirkten – ein Problem jeder formalisierten Erfassung von Wirklichkeit. Doch ist es gerade dieses strenge Verfahren, das die Auffassung von einem den Mirakelberichten innewohnenden Realitätskern stützt und der Hypothese entgegentritt, Wunderheilungen seien als zumeist vom Klerus inszenierte Betrügereien anzusehen. Die Wunderdiskussion erfolgte auf drei Ebenen: Involviert waren die römische Kurie, der Klerus am Kultort und die betroffenen Laien selbst. Eine Manipulation der Öffentlichkeit durch fingierte Heilungen war zwar niemals auszuschließen, doch bedurfte es einiger Energie und Verstellungskunst, um aus Fingiertem schließlich Wahres werden zu lassen.

Die Methode der Datengewinnung durch Auszählung serieller Quellen kann zu unangemessenen Verallgemeinerungen und Verzerrungen führen – darauf weisen die Autorinnen zu Recht hin. Die Gesamtheit der hilfesuchenden Pilger an einem Wallfahrtsort tritt niemals in den Blick, unsicher bleibt zudem, ob die überlieferten Mirakel alle Fälle von Heilung erfassen. Gleichwohl sind die 485 in einer Datenbank erfassten Mirakel ausgesprochen aussagekräftig. Deren statistische Auswertung ergibt, dass idealiter ein der Unterschicht zugehöriger Mann mittleren Alters von einem Heilungswunder profitiert, sind doch 56,1 Prozent der Betroffenen männlichen Geschlechts, gehören 66,1 Prozent der Unterschicht an und sind 55,1 Prozent der Geheilten zwischen 20 und 60 Jahre alt.

36 unterschiedliche Krankheitsbilder wurden ermittelt, an der Spitze Kranke mit Fieber oder anderen inneren Leiden (32,3 %), gefolgt von Gelähmten und Bewegungsbehinderten (27,3 %). Chronische Erkrankungen machen mit 49 Prozent der Fälle den Löwenanteil aus.

Die Bedeutung der psychischen Disposition des Kranken für den Heilungsverlauf ist unstrittig. Somit ist der Behauptung sicherlich zuzustimmen, dass die „Hoffnung auf himmlische Hilfe mittels psychophysischer Rückkoppelung einen günstigen Einfluss auf den Verlauf des Leidens“ (S. 106) ausüben konnte. Kann dies für das breite Feld der Infektionskrankheiten durchaus Plausibilität beanspruchen, scheint eine Übertragung auf Abnützungskrankheiten oder Muskelatrophien mehr als fraglich. Vor diesem Hintergrund können Behauptungen der Art, religiöse Impulse hätten zu einer Ausblendung der Schmerzwahrnehmung, zu einer Überwindung der Schonhaltung und damit zu einer Wiederaufnahme von Bewegungsabläufen geführt, leichtes Befremden auslösen. Problematisch bleibt der Ansatz, anhand der topos-durchsetzten Darstellungen von Krankheit in den Mirakelberichten im Abstand von 800 Jahren eine Diagnose zu erstellen, die modernen medizinischen Erkenntnissen folgt. Wenn eine Frau, deren Augen ohne Unterlass tränen und gerötet sind, schließlich ganz ihr Augenlicht verliert, die Pupillen wie mit einem weißen Tuch überzogen sind und ihr schließlich nur eine Pilgerfahrt an das Grab Ludwigs des Heiligen in Saint-Denis Hilfe verschafft, dann wird dieses spektakuläre Heilungsmirakel, das sich coram publico als aus den Augen rinnender Blutstrom manifestiert, folgendermaßen gedeutet: Die Diagnose lautet auf eine chronische Hornhautentzündung mit milchiger Trübung der Pupillen (S. 147), ein Zustand, der tatsächlich zur völligen Blindheit führen kann, grundsätzlich jedoch als reversibel anzusehen ist. Da der Gesundungsprozess gewöhnlich jedoch nur sehr langsam vonstatten geht, müssen die Autorinnen angesichts der Schlagartigkeit der konstatierten Heilung denn auch recht hilflos bekennen: „ [...] erstaunlich bleibt jedenfalls die beschleunigte Regeneration der Hornhaut“ (S. 148).

Die Analyse der so genannten Totenerweckungen erweist sich als ausgesprochen instruktiv, sind es doch vor allem Kinder und Jugendliche, Opfer von Ertrinkungsfällen, die von einer spontanen Erweckung profitieren. Fraglich bleibt aber auch hier, ob es sich beim Erwachen aus einem tiefen Koma um mehr als einen Zufall handelt, ob Gebete und Anrufungen der Angehörigen dazu in der Lage waren, im Unterbewusstsein des Betroffenen einen „telepathischen Kontakt im affektiven Feld“ (S. 179) herzustellen.

Das der Wechselwirkung von Körper und Psyche gewidmete Kapitel operiert mit dem bereits eingeführten Begriff des affektiven Feldes, das einen substanziellen Beitrag dazu leisten soll, theologische Begrifflichkeiten für das psychologische Verständnis fruchtbar zu machen. So könnte beispielsweise die Häufung von Heilungen an Kirchenfesten und Wochenenden tatsächlich auf eine „spezielle Dynamik der Masse“ (S. 188) und damit auf die Existenz eines wirkmächtigen affektiven Feldes zurückzuführen sein. Wie erklärt sich dann aber die Tatsache, dass die große Menge ungeheilt von dannen zog und nur einige wenige geheilt wurden? Verfügten die einen über „mehr Glauben“, über eine „größere Zuversicht“, während die anderen Opfer ihres eigenen Skeptizismus wurden?

In dem „Heilungen und Träume“ überschriebenen Kapitel – nur in rund 10 Prozent der Mirakel spielen Träume eine Rolle, die offensichtlich in Zusammenhang mit der Genesung stehen – wird auf den Heiligen und seinen Kultort im Traum, insbesondere auf die Lichtsymbolik eingegangen, werden Sinneseindrücke wie Sehen, Hören und Riechen interpretiert. Biblische Wunder und ihr Niederschlag im Traum sind ebenso wie geträumte Operationen Gegenstand der weiteren Ausführungen.

Der zeitliche Ablauf der berichteten Genesungsprozesse allein sagt wenig über den Charakter der Ereignisse aus. Unterscheidungen zwischen normalen Besserungen und paranormalen Heilungen lassen sich nur durch eine Einbeziehung der Erkrankungsart treffen. Eine „normale Besserung“ wird als eine bei einem bestimmten Leiden zu erwartende Entwicklung bis zur völligen Genesung des Patienten definiert, während von einer „paranormalen Heilung“ dann gesprochen wird, wenn es um die Genesung von unheilbar Kranken oder die unerklärliche Korrektur von angeborenen Missbildungen geht. Die Autorinnen unterscheiden in dem Kapitel „Heilungen zwischen Normalität und Unerklärlichkeit“ zwischen Bagatellerkrankungen, der hysterischen Konversion, unvollständigen Heilungen, Umstimmungen des Immunsystems, Heilungen am Rande der Erklärbarkeit und schließlich paranormalen Heilungen. Die statistische Auswertung der 485 miracula post mortem, von denen 454 Fälle Heilungen betreffen, belegt mit 41,6 Prozent den hohen Anteil der Bagatellerkrankungen an den Heilungswundern. Trotz der im Spätmittelalter gültigen strengen Wunderdefinition scheinen also noch immer viele Fälle dokumentiert worden zu sein, die aus heutiger Sicht als harmlos gelten dürfen. Ebenso erstaunlich ist der mit nur 5,3 Prozent geringe Anteil der hysterischen Konversionen, der aus dem Bewusstsein verdrängten und schließlich bewältigten seelischen Konflikte – ein Ergebnis, das die bisherige, insbesondere von der Zunft der Historiker favorisierte Standarddeutung klar in Misskredit bringt. Rund 30 Prozent der Fälle können als Heilungen am Rande der Erklärbarkeit gelten, während paranormale Heilungen mit nur 1,3 Prozent der dokumentierten Fälle weit abgeschlagen auf dem letzten Platz landen. Hochproblematisch ist die methodologische Verifizierung der Hypothese, wonach Heilungsverläufe, die in Zusammenhang mit mittelalterlichen Heiligenkulten stehen, in einer „positiven linearen Korrelation zur jeweils eingebrachten emotionalen Beteiligung des Betroffenen“ (S. 283) stehen. Hier wird der Begriff des scheinbar besser objektivierbaren „Leidensdrucks“ eingeführt, werden je nach Art der Krankheit bzw. Behinderung und deren Dauer so genannte „Affektpunkte“ vergeben, die eine zentrale Rolle im sich anschließenden „Wunderrating“ spielen. Kann der Grad der affektiven Beteiligung tatsächlich dergestalt objektiviert werden?

Im letzten, den paranormalen Phänomenen gewidmeten Kapitel wird zwangsläufig die Ebene der Objektivität verlassen und bloßen Spekulationen Raum gegeben. Telepathie, Prophetie und Psychokinese – deren spektakulärste Form, die Levitation, nur ein einziges Mal dokumentiert ist – sind die zentralen Begriffe, mit denen operiert werden muss, um Licht in das Erklärungsdunkel zu bringen. Mediävisten tun meines Erachtens weiterhin gut daran, diese Textstellen als literarische Topoi zu klassifizieren – und sei es nur, um sich nicht übermäßig angreifbar zu machen.

Was bleibt nach einer historisch-kritischen Textanalyse, verbunden mit einer statistischen Erfassung von 485 Mirakelberichten? Die Hauptthese, dass es einen Zusammenhang zwischen der affektiven Situation des Kranken und seiner Heilung gibt, erstaunt ebenso wenig wie ihre Verifizierung. Aber auch wenn man der Kategorisierung von Leiden anhand einer retrospektiven Diagnostik oder der Quantifizierung der affektiven Beteiligung in Form von „Leidensdruck“ nicht zustimmen kann, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet sein könnte, dass der Rezensent der Kategorie der von den Autorinnen mitunter kritisch beäugten „Mediävisten“ zuzurechnen ist, so bleibt doch festzuhalten, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um eine anregende, tatsächlich interdisziplinär angelegte Untersuchung handelt, die den Leser aufgrund ihres Detailreichtums beschenkt, zu einer kontroversen Auseinandersetzung jedoch geradezu anregt.

Anmerkung:
[1] Heinzelmann, Martin; Herbers, Klaus; Bauer, Dieter R. (Hgg.), Mirakel im Mittelalter. Konzeptionen – Erscheinungsformen – Deutungen, Stuttgart 2002. Vgl. die Rezension In: H-Soz-u-Kult, 24.07.2003, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-053

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13.09.2004
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