S. Lembke u.a. (Hgg.): Humanisten am Oberrhein

Cover
Titel
Humanisten am Oberrhein. Neue Gelehrte im Dienst alter Herren


Herausgeber
Sven, Lembke
Reihe
Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 37
Erschienen
Leinfelden-Echterdingen 2004: DRW-Verlag
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Harald Müller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Titel des vorzustellenden Buches erinnert unweigerlich an den Band „Humanismus im deutschen Südwesten“, der biografische Profile von zwölf namhaften Humanisten vorstellt.[1] Wer angesichts dessen eine konzeptionelle Dopplung befürchtete, sieht sich bei der Lektüre angenehm überrascht, denn Sven Lembke und Markus Müller legen eine Aufsatzsammlung vor, die zwar biografisch orientiert ist, aber dezidiert sozialgeschichtlich vorgeht. „An Humanisten den Humanismus verstehen“ lautet die Devise des Bandes (S. 303), der in beeindruckender Konsequenz eine erkenntnisleitende Prämisse der jüngeren Humanismusforschung umsetzt. Humanismus wird nicht als geistes- und literaturgeschichtliche Gegebenheit betrachtet, sondern als Produkt der Interaktion unter Humanisten sowie zwischen diesen und den Personen, die ausdrücklich humanistische Fähigkeiten nachfragen. Gelehrte Praktiken einerseits und neue Funktionalität andererseits markieren den Fragehorizont der acht von Einleitung und Resümee umrahmten Beiträge, die durch den Bezugspunkt des kaiserlichen oder fürstlichen Hofes zusätzlich zusammen gehalten werden. Das Buch folgt damit einer insbesondere von Jan-Dirk Müller gewiesenen Forschungsrichtung zum „höfischen“ Humanismus in Spätmittelalter und Frühneuzeit, nutzt aber diese spezielle Konstellation zu einer Grundüberlegung, der zufolge eine prinzipielle Spannung zwischen den „Regeln des humanistischen Milieus“ (S. 4) und den funktionalen Anforderungen der wechselnden Rollen bei Hofe existierte.

Am deutlichsten formuliert dieses Paradigma Albert Schirrmeister (Die zwei Leben des Heinrich Glarean: Hof, Universität und die Identität des Humanisten, S. 237-254). Wie in seiner 2003 erschienen Dissertation [2] grenzt er – auf anspruchsvoller theoretischer Basis – das Feld der Macht von dem der Literatur ab und fragt danach, welcher Nomos bei der Verknüpfung beider Felder dominiert. Indem er zwei zeitnahe Lebensbilanzen Glareans nebeneinander stellt, legt er konkurrierende Bezugssysteme offen: das des hofnahen poeta laureatus, der mit der Historiografie eine für die Herrschaft relevante Fähigkeit in die Waagschale zu werfen vermochte, den Kontakt zum König aber mithilfe subalterner Gewährsleute erst herstellen musste; demgegenüber das Feld des Gelehrten, das anderen, als autonom zu betrachtenden Kommunikationsregeln folgte. Beide Felder konkurrieren ohne einander wechselseitig auszuschließen. Zwar ist das kulturelle Kapital des Gelehrten bei Hofe nur von eingeschränktem Wert, umgekehrt aber kann politische Patronage das Leben im gelehrten Diskurs durchaus erleichtern. Schirrmeister zeigt, dass Glarean in zwei sich ergänzenden Bereichen jeweils eine eigene Identität als Humanist besaß. In dieselbe Richtung weist Frank Wittchow (Satis est vidisse labores, quos patior propter labentis crimina mundi. Lochers Ausstand, S. 209-235), der die Indienstnahme des Dichters durch die Herrschaft verfolgt. Der Funktionalisierung von Rhetorik, etwa bei der Anstachelung der Truppen und im Herrscherlob durch den poeta laureatus, stehen Freiräume der Sprache gegenüber, deren Ausnutzung die individuelle Identität prägt. Humanisten bei Hofe treten hier zunächst als eine neue, durchaus inhomogene Funktionselite der Landesherren hervor. In der jeweiligen literarischen Profilierung ist aber auch das Bemühen um gemeinsame sprachliche und poetische Standards feststellbar, welche die Humanisten als eigenständige Gruppe charakterisieren.

Diese Spielräume fallen unterschiedlich aus. Felix Heinzer, Cod. Donaueschingen 285 der Württembergischen Landesbibliothek – eine unbeachtete Quelle zur Karriere des Rastatter Humanisten Johannes Müller (S. 149-173), zeigt, dass dieser trotz des Studiums in Ferrara, wo er mit Rudolf Agricola, Dietrich von Plieningen und Battista Guarini in Kontakt kam, sich nicht in der humanistischen Gelehrtengemeinschaft zu etablieren vermochte, auch weil sein Amt als Präzeptor ihm zu publizistischer Wirksamkeit kaum Freiheit ließ. Klaus Graf (Der Straßburger Gelehrte Johannes Hug und sein vergessenes Werk Quadruvium ecclesiae, S. 175-187) unternimmt eine fundierte Annäherung an den Autor und seine kanonistische Schrift und ediert ein zugehöriges Widmungsschreiben an Kardinal Raimund Peraudi (S. 185-187). In gewohnt deutlicher Manier unterzieht er zugleich die bisherige Forschung einer Revision und relativiert deren euphorische Grundstimmung: Humanistische Qualitäten vermag Graf bei Hug nicht zu entdecken, vielmehr handele es sich um einen Reichspublizisten ohne innovativen Charakter. Antje Niederberger (Sebastian Brant, das Reich und die Eidgenossen, S. 189-208) führt den Nachweis, dass Sebastian Brant bereits in seiner Basler Zeit die publizistische Nähe zum Kaiser gesucht, ja sich die Hofnähe „förmlich erschrieben“ (S. 207) hat. Die literarische Tätigkeit half ihm offenbar auch, als Jurist bei Hofe zu reüssieren. Die Wirksamkeit humanistisch bestimmter Pädagogik im Herzogtum Württemberg verfolgt Sabine Holtz (Beata est respublica, ubi plus valeant boni mores, quam bonae leges. Melanchthons Bildungsideale im Dienst neuer Herren, S. 255-266), mit dem Ergebnis, dass noch im 17. Jahrhundert eine an humanistischen Idealen orientierte Ausbildung das Fundament wissenspraktischer Spezialisierung bildete und zugleich als kulturelle Klammer einer juristisch dominierten Funktionselite bei Hofe fungierte.

Ein wenig aus dem Rahmen fallen zwei weitere Beiträge. Theodor Verweyen (Epische ars narrativa im Kontext der städtischen Kultur des oberrheinischen Humanismus und des landesfürstlichen Absolutismus der Barockepoche: Wickrams ‚Goltfaden’ und Opitz’ ‚Argenis’ S. 267-302) analysiert minutiös die Erzählstrukturen der genannten Werke. Für deren Anlage macht er die soziokulturelle Einbettung des Autors verantwortlich (S. 281) und charakterisiert damit Humanismus auch bei Hofe als gezielten, durch äußere Impulse gelenkten Rückgriff auf antike Formkategorien. Markus Müller (Fürstenspiegel und Bischofsspiegel: der Beitrag Jakob Wimpfelings S. 9-147) widmet sich ausgiebig der Gattung spätmittelalterlicher territorialer Fürstenspiegel und der Bischofsspiegel. Insbesondere letztere ändern ihren Charakter im Spätmittelalter vom kanonistischen Ämtertraktat zur Reformschrift. Immer stärker tritt dabei neben das umfassende Ideal der caritas eine humanistisch inspirierte Tugendorientierung, in welcher der Mensch vor dem Amt rangiert. Müllers gründliche Untersuchung mündet in die Edition des von Heinrich Fuller 1305 verfassten Opus de moribus praelatorum nach dem Autograf in der Vatikanischen Bibliothek. Ihm wird die unter dem Titel ‚Die zwölf Räte’ bekannte volkssprachige Bearbeitung des Spiegels gegenüber gestellt (S. 62-147). Damit wandelt Müller auf Wimpfelings Spuren, denn der Elsässer hatte Fullers Bischofsspiegel 1512 mit eigenem Vor- und Nachwort drucken lassen; Müllers Textausgabe führt Wimpfelings Überarbeitungen und Zusätze im Apparat mit auf.

Der Leser legt Studie samt Edition bereichert und beeindruckt aus der Hand, doch fragt er sich, ob ein Sammelband der rechte Ort für ein solches Kabinettstück ist. Allein der schiere Umfang von fast 140 Seiten hätte die Veröffentlichung als Separatum nahe legen müssen, erst recht aber der Umstand, dass der Publikationsort und der wenig glückliche Aufsatztitel, der die Edition gänzlich unerwähnt lässt, den Zugang zum Text verstellen; selbst in Zeiten elektronischer Bibliografierhilfen wird man Fullers Prälatenspiegel hier nicht entdecken können. Auch ist die Platzierung des opulenten Beitrags am Beginn des Bandes der thematischen Stringenz ein wenig hinderlich, da die in der Einleitung formulierten programmatischen Leitlinien ausgerechnet hier eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Kritik trifft nicht den Inhalt des Aufsatzes und sie beeinträchtigt nur unwesentlich den Gesamteindruck des vorliegenden Werkes. Konzeptionelle Klarheit und eine zumeist konsequente Umsetzung der Leitfragen in den Einzelbeiträgen sind Garanten eines beachtlichen Ertrages für die Humanismusforschung, der über die Einzelergebnisse zu Personen und Werken hinaus reicht. Der Titel des Resümees „An Humanisten den Humanismus verstehen“ (S. 303) löst mit Recht „den Humanismus“ in vielgestaltige Einzelphänomene auf und bezieht ihn auf die handelnden Individuen und ihre konkrete gesellschaftliche Einbettung. Das Resultat ist ein flexiblerer, aber keineswegs beliebiger Humanismusbegriff; im ästhetischen Dialog mit gleichgelehrten Kollegen ist er anders ausgeprägt als bei der funktionalen Nutzung im Herrschaftsdienst. Man darf hoffen, dass die lange Zeit von literaturgeschichtlichen Sichtweisen bestimmte Humanismusforschung solch fundierte sozialgeschichtliche Ansätze aufnimmt und fruchtbringend ausbaut.

Anmerkungen:
[1] Schmidt, Paul Gerhard (Hg.), Humanismus im deutschen Südwesten. Biographische Profile, Stuttgart ²2000.
[2] Schirrmeister, Albert, Der Triumph des Dichters. Gekrönte Intellektuelle im 16. Jahrhundert, Köln 2003.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.02.2005
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