H. Berghoff u.a. (Hgg.): Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte

Cover
Titel
Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. Dimensionen eines Perspektivenwechsels


Autor(en)
Berghoff, Hartmut; Vogel, Jakob
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Campus Verlag
Anzahl Seiten
493 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mark Spoerer, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Hohenheim

In dem breiten Themenfeld, das den Gegenstandsbereich historischer Forschung ausmacht, liegen „Wirtschaft“ und „Kultur“ nicht gerade nahe beieinander; fast könnte man sie als Antipoden bezeichnen, die gerade in letzter Zeit immer weiter auseinander driften. In ihrer Einführung erläutern die Herausgeber, weshalb sowohl der Wirtschaftswissenschaft als auch der Kulturwissenschaft mangelnde Realitätsnähe vorgeworfen wird; erstere, weil sie zu viele wichtige Faktoren ausblende, letztere, weil sie sich weigere, ökonomische Sachverhalte zu thematisieren. Dabei, so die diesem Band zugrunde liegende These, könnten sich beide Wissenschaftskulturen durchaus bereichern. In dem Sammelband stellen die Herausgeber daher einen neuen Ansatz, eben „Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte“ vor, der den Spagat zwischen diesen beiden Welten überwinden will. Konkreter formuliert geht es um eine „kulturwissenschaftlich informierte bzw. erweiterte Wirtschaftsgeschichte“ (S. 13), bei der es sich, ganz im Sinne eines bewussten methodischen Eklektizismus [1], nicht um ein neues Paradigma, sondern um eine Perspektiverweiterung handle (S. 32).

Die Einführung macht deutlich, dass sich beide Herausgeber in ihrem jeweiligen Themenfeld bestens auskennen. Der Abschnitt über „die Wiederentdeckung der Kultur durch die moderne Ökonomie“ ist sehr informiert geschrieben und betont die neue Offenheit der Ökonomen für kulturelle Faktoren. Wie freilich der Brückenschlag zur Wirtschaftsgeschichte oder die „Ansätze zur Bergung transdisziplinärer Synergiepotentiale“, wie es in bestem DFG-Deutsch im Untertitel der Einführung heißt, konkret aussehen könnte, bleibt zunächst offen. Vielmehr wird der Leser auf die nachfolgenden Beiträge verwiesen.

So interessant und lesenswert die meisten Beiträge auch sind, so ist mir doch verborgen geblieben, wie ein eigenständiger kulturwissenschaftlicher Ansatz zur Analyse wirtschaftlicher Tatbestände aussehen könnte.[2] So geht es beispielsweise in dem Beitrag von Malte Zierenberg um die „Kulturgeschichte des Schwarzhandels“ im Berlin der 1940er-Jahre. Sein Beitrag behandelt das Thema klar und informativ.[3] Doch es ist mir nicht deutlich geworden, welchen Erkenntniswert die schon fast rituell wirkenden Bezugnahmen auf Geertz, Thompson und Luhmann im einleitenden Abschnitt bergen. Die Akteure betraten den Schwarzmarkt, um ihre materielle Position zu verbessern. Ihr Ziel war ein originär wirtschaftliches; was man als „Kultur“ des Schwarzmarkts bezeichnen mag, ist der Phänotyp eines komplexen institutionellen Regelwerks, das die spezifischen Informations- und Sanktionsprobleme des Schwarzmarkts lösen sollte. Gerade hier ist ein funktional orientierter sozialwissenschaftlicher Ansatz einem unscharf bleibenden Kulturbegriff überlegen. Ersteren verwendet Zierenberg implizit auch an vielen Stellen, indem er auf die Begrifflichkeit der Neuen Institutionenökonomik rekurriert. Was er erklärt, erklärt er mit einem funktionalistischen Ansatz. Nur: Was ist dann eigentlich noch „Kultur“, das unerklärte Residuum? Genauso argumentieren hardcore-Ökonomen.

Die Artikel der Herausgeber lassen meine Ratlosigkeit noch größer werden. In seinem Beitrag über „Die Generierung von Vertrauenskapital und die Konstruktion des Marktes im Industrialisierungsprozess“ (Untertitel) beschreibt Hartmut Berghoff, wie sich im Verlauf der Industrialisierung die (formellen oder informellen) institutionellen Regelungen entwickelten, die das Misstrauen zwischen potentiellen Tauschpartnern verringern sollten. Berghoff verwendet dabei Begriffe der Neuen Institutionenökonomik und der Spieltheorie. Die verschiedenen Institutionen werden ausnahmslos aus einer funktionalistischen Perspektive erklärt, die auf dem methodologischen Individualismus basiert. Ich finde das völlig überzeugend. Aber eben weil Berghoff moderne ökonomische Konzepte verwendet, benötigt er keine „Kultur“. Die Adjektive „kulturell“ oder „soziokulturell“ kommen im Artikel selten und bezeichnenderweise nur an marginalen Punkten der Argumentation vor. Überspitzt könnte man sagen, dass Berghoff geradezu paradigmatisch vorexerziert, dass es zur Analyse scheinbar „weicher“ Objekte der Wirtschaftsgeschichte völlig ausreicht, sich in den Grundlagen der modernen ökonomischen Theorie auszukennen.

Jakob Vogel scheint es dagegen tatsächlich um eine wie auch immer geartete Integration des kulturalistischen Ansatzes in die Wirtschaftsgeschichte zu gehen. In seinem Beitrag über den mitteldeutschen Salzbergbau 1750-1850 identifiziert er unterschiedliche regionale Wissenskulturen als retardierende Faktoren im überregionalen Technologietransfer. Ich habe seine Argumentation jedoch nicht verstanden. Er stellt auf der einen Seite das Vorhandensein einer Technologie und ihre Nutzung mit drei Jahrzehnten Verzögerung fest und auf der anderen Seite technologisch-praktische versus wissenschaftlich-bürokratische Wissensstile. Der behauptete kausale Zusammenhang zwischen Wissensstil und Technologienutzung wird nicht einmal anekdotisch belegt. Es fällt auch schwer zu glauben, dass lediglich wissenskulturelle Eigenständigkeiten eine offensichtlich lohnende Kooperation so lange verhindert haben sollen. Schließlich ist die Technikgeschichte voll mit Beispielen, in denen der Brückenschlag zwischen verschiedenen Disziplinen oder Branchen zur Ausnutzung von Synergiepotentialen gelang. Vogel vermeint darüber hinaus im Falle des Salzbergbaus ein Gegenbeispiel zu der wirtschafts- und technikhistorischen Sichtweise à la Joel Mokyr zu erkennen, die davon ausgeht, dass Innovationen geradezu zwangsläufig erfolgen, falls gewisse Rahmenbedingungen stimmen.[4] Doch jeder große Entwurf muss damit leben, dass man immer mehr Details erkennt, wenn man genauer hinschaut, und dass einige dem Gesamtbild widersprechen. Wer mit einer einzigen, dazu noch sehr spekulativ herausgearbeiteten Miniatur meint, einen großen Entwurf in Frage stellen zu können, überschätzt seinen Ansatz.

Hier wie an anderen Stellen schält sich die Frage heraus, was man eigentlich unter „Kultur“ verstehen will. Mir scheint, dass ein Kulturbegriff, der sich nicht um eine mikrotheoretische, d.h. beim Individuum ansetzende Fundierung bemüht, unscharf bleiben muss. Nicht ohne Grund sind mittlerweile große Teile der Soziologie und die mainstream Ökonomik dem methodologischen Individualismus verpflichtet. „Geschichte“, einschließlich „Kultur“, entsteht aus menschlicher Interaktion (von Naturereignissen einmal abgesehen). Wer sie „erklären“ oder „verstehen“ will, kann sie letztlich nur aus den Interessen der Akteure und ihren Fähigkeiten, diese um- und durchzusetzen, ableiten. Anders ausgedrückt: wer „Kultur(en)“ als historische Erklärungskategorie bemüht, ohne diese weiter zu analysieren, der hat auf halbem Wege kapituliert. Aus diesem Grunde wird „Kultur“ ja mittlerweile auch in der soziologischen wie ökonomischen Analyse nicht mehr als exogen angenommen, sondern explizit endogenisiert.[5]

Wie der Sammelband zeigt, existieren jedoch ganz offensichtlich nach wie vor Berührungsängste zwischen sich als Geisteswissenschaftlern verstehenden Historikern und den Sozialwissenschaften. Dazu trägt ganz sicherlich die abschreckende Gestalt des homo oeconomicus bei, der in seiner primitivsten Variante der perfekte und perfekt informierte Opportunist ist – und der perfekte Strohmann kulturwissenschaftlicher Rhetorik. Ein beliebtes Argumentationsschema besteht darin, zunächst den homo oeconomicus als Negativfolie voranzustellen und zu behaupten, dass die Ökonomie gar nicht in der Lage sei, bestimmte Fragestellungen zu beantworten, um dann einen besser geeigneten kulturalistischen Ansatz vorzustellen. In einem Artikel etwa wird allen Ernstes behauptet, der homo oeconomicus sehe Essen lediglich als ernährungstechnisches Optimierungsproblem an (S. 195f.). Wer die Ökonomie so schnell zur Seite wischt, ist nicht wirklich an einem Brückenschlag interessiert, zumal der homo oeconomicus lediglich eine Denkfigur ist, die die Analyse auf das Wesentliche reduzieren soll; eine Denkfigur, die im Übrigen von der Ökonomie selbst immer weiter problematisiert und ausdifferenziert wird.

Darauf weist in einem brillanten Überblicksaufsatz Jakob Tanner hin. Er referiert die neuesten Entwicklungen der ökonomischen Verhaltensforschung, die sich vor allem mit dem Namen seines Zürcher Kollegen Ernst Fehr verbindet. Fehr und seine Kollegen, die dem noch recht neuen Feld der experimentellen Spieltheorie zugerechnet werden können, beobachten in raffiniert designten Experimenten das Verhalten von Probanden in ökonomischen Austauschprozessen, zumeist Verteilungskonflikten. Neuerdings sind sogar Neurophysiologen an der Gestaltung und Analyse dieser Experimente beteiligt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Menschen eben nicht oder nicht immer so verhalten, wie die Denkfigur des homo oeconomicus in ihren einfacheren Varianten vorschreibt.[6] Ob damit tatsächlich eine „kulturalistische Wende“ der ökonomischen Handlungstheorie eingeleitet wird, wie Tanner im Titel fragt, ist eine eher semantische Frage. Fakt ist, dass sich die Wirtschaftswissenschaft zunehmend der Tatsache bewusst wird, dass der Mensch noch komplexer ist als angenommen. Dass damit der homo oeconomicus aussterben wird, ist wenig wahrscheinlich, weil die Formalisierung und Mathematisierung der Ökonomie auf ihm basiert. Die Wirtschaftswissenschaft wird aber dadurch sicherlich weiter ausdifferenziert und an ihrem Rand „weicher“, was in Zukunft vielleicht neue Anschlussmöglichkeiten für Historiker bieten kann. Wie diese konkret aussehen könnten, bleibt jedoch auch bei Tanner weitgehend offen; vielmehr warnt er vor „übertriebene[m] Optimismus in Bezug auf die Überbrückung theoretischer und konzeptioneller Unterschiede im interdisziplinären Dialog [...] zwischen Wirtschafts- und Kulturwissenschaften“ (S. 91).

Denn auch und gerade die experimentelle Spieltheorie bleibt aus guten Gründen beim Konzept des methodologischen Individualismus. Eine Geschichtswissenschaft dagegen, die soziale oder kulturelle Phänomene als Entitäten ansieht und sich weigert, diese auf Interessen (materielle wie andere) und ihre Durchsetzungsfähigkeit zu untersuchen, bleibt m.E. zwangsläufig an der Oberfläche. Dies gilt insbesondere für die Wirtschaftsgeschichte, die nach meiner Auffassung nur dann eine echte – und nicht nur modisch-semantische – Erweiterung durch die Kulturgeschichte erfahren kann, wenn diese sich dem methodologischen Individualismus verpflichtet fühlt, sich also insbesondere um eine mikrosoziologische Fundierung bemüht. In diesem Sinne etwa lässt sich vielleicht die „integrale Unternehmensgeschichte“ verstehen, für die Thomas Welskopp in seinem scharfsinnigen Beitrag zu „Unternehmenskulturen im internationalen Vergleich“ plädiert. Aus dieser Perspektive erscheint dann übrigens die Dichotomie zwischen Wirtschaftsgeschichte und Kulturgeschichte künstlich. Sie wären nicht mehr durch Ansatz und Methode verschieden, sondern nur noch durch ihre Gegenstandsbereiche, die sich natürlich überschneiden können.

In diesem Sinne wäre dann allerdings „Kultur“ lediglich Explanandum, nicht Explanans. Jedoch scheinen die Herausgeber, zumindest Vogel, Kultur auch als Explanans anzusehen. Wenn dies zu zeigen das Ziel des Sammelbands ist, so ist er meines Erachtens gescheitert, weil überzeugende kulturalistische Analysekonzepte fehlen.

Gleichwohl ist dies ein Scheitern auf sehr hohem Niveau. Selten hat mir die Lektüre eines – übrigens durch ein Stichwortverzeichnis erschlossenen – Tagungsbandes ein so außergewöhnliches intellektuelles Lesevergnügen bereitet. Die Auseinandersetzung mit „Kultur“ ist interessant und regt zum Nachdenken an. Und vielleicht gelingt der Brückenschlag zwischen Wirtschafts- und Kulturgeschichte ja doch noch eines Tages.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu Berghoff, Hartmut, Moderne Unternehmensgeschichte. Eine themen- und theorieorientierte Einführung, Paderborn 2004, S. 60-62; Hesse, Jan Otmar; Kleinschmidt, Christian; Lauschke, Karl (Hgg.), Kulturalismus. Neue Institutionenökonomik oder Theorienvielfalt. Eine Zwischenbilanz der Unternehmensgeschichte, Essen 2002.
[2] Da ich mich zu den Kritikern des kulturwissenschaftlichen Ansatzes in der Wirtschafts-, Unternehmens- und Sozialgeschichte zähle und diese Rezension daher viel eher standortgebunden sein mag als andere, habe ich abweichend vom normalen Usus die erste Person Plural gewählt. Vgl. zur Kritik des kulturalistischen Ansatzes in der Unternehmensgeschichte: Spoerer, Mark, Mikroökonomie in der Unternehmensgeschichte? Eine Mikroökonomik der Unternehmensgeschichte, in: Hesse u.a. (Hgg.) [wie Anm. 1], S. 175-195.
[3] Als Kritikpunkt sei allerdings angemerkt, dass der Berliner Schwarzmarkt keineswegs nur den „Berlinern und Berlinerinnen“ vorbehalten war, sondern ganz wesentlich auch von ausländischen ArbeiterIinnen bzw. DPs genutzt wurde. Diese beiden Gruppen werden noch nicht einmal in den Fußnoten erwähnt.
[4] Mokyr, Joel, The Gifts of Athena. Historical Origins of the Knowledge Economy, Princeton 2002.
[5] Vgl. etwa Casson, Mark, The Economics of Business Culture. Game Theory, Transaction Costs and Economic Performance, Oxford 1991.
[6] Vgl. als Einführung Fehr, Ernst; Schwarz, Gerhard (Hgg.), Psychologische Grundlagen der Ökonomie. Über Vernunft und Eigennutz hinaus, Zürich 2002.

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20.12.2004
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