K.-J. Hummel (Hg.): Zeitgeschichtliche Katholizismusforschung

Cover
Titel
Zeitgeschichtliche Katholizismusforschung. Tatsachen - Deutungen - Fragen. Eine Zwischenbilanz


Herausgeber
Hummel, Karl-Josef
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen, Bd. 100
Erschienen
Paderborn 2004: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
273 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Große Kracht, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Rückkehr der Religion hat vor der Zeitgeschichtsforschung nicht Halt gemacht. Inzwischen wird viel über ‚Zivilreligion’ und ‚Sakralisierung der Politik’ gestritten, Pius XII. wird als ‚Hitler’s Pope’ vermarktet, und die neuesten Aktenfunde aus den seit gut zwei Jahren in Teilen freigegebenen Beständen der Vatikanischen Archive werden in den Feuilletons der großen Tageszeitungen einer breit interessierten Öffentlichkeit mitgeteilt. Abseits dieser großen Aufmerksamkeitsströme, die in der Bundesrepublik von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ (1963) bis hin zu Daniel Goldhagens Amoklauf „Die katholische Kirche und der Holocaust“ (2002) reichen, bemüht sich die in Bonn ansässige „Kommission für Zeitgeschichte“ (KfZG) seit nunmehr über 40 Jahren um wissenschaftliche Grundlagenarbeit zur Geschichte des deutschen Katholizismus im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert. Mit der finanziellen Unterstützung des Verbandes der Diözesen Deutschlands sind in den Veröffentlichungsreihen der KfZG, die ihre Kirchennähe nie verborgen hat, mittlerweile 100 Monografien – zum Großteil Dissertationen und Habilitationen – sowie knapp 50 Quelleneditionen erschienen, an denen niemand vorbeikommt, der sich mit der Geschichte der Zentrumspartei, des Reichskonkordats oder des nationalsozialistischen „Kirchenkampfes“ beschäftigen will. Was hier geleistet wurde, wird jeder schätzen, der kirchlich angebundene Geschichtsschreibung nicht gleich unter wohlfeilen Apologieverdacht stellt, selbst wenn man dem „sentire cum ecclesia“, das sich die Kommission noch 1988 auf die Fahne schrieb[1], mit einer gewissen Distanz begegnen mag.

Im Mai 2003 lud die Kommission für Zeitgeschichte zu einer Tagung ein, die sowohl einer Zwischenbilanz der eigenen Tätigkeit als auch einer Diskussion neuer Forschungsansätze gewidmet war. Zugleich diente die Konferenz, deren Beiträge im vorliegenden Band dokumentiert werden, als Festkolloquium zu Ehren von Rudolf Morsey und Konrad Repgen, die die Tätigkeit der KfZG seit ihrer Gründung maßgeblich geprägt haben. Der Charakter der Veranstaltung brachte es mit sich, dass vor allem Männer zu Wort kommen – Autorinnen tauchen im Inhaltsverzeichnis nicht auf –, die der Kommission mehr oder weniger eng verbunden sind. Der polemischen Würze mancher Beiträge tut dies jedoch keinen Abbruch.

Der Band beginnt mit einer Standortbestimmung der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung in Deutschland aus der Feder Ulrich von Hehls, der noch einmal den Weg von den frühen 1960er-Jahren bis zur Debatte um den Einsatz von Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen abschreitet (S. 15-28). Gerade zum letzteren Themenkomplex hat die KfZG in den vergangenen Jahren empirische Forschungen angestoßen, die unmittelbar in die Entschädigungspraxis der deutschen Bischöfe eingeflossen, von der breiten Öffentlichkeit jedoch weitgehend unbemerkt geblieben sind. Angesichts dieses Vermittlungsdefizits plädiert von Hehl dafür, in Zukunft neben solider Grundlagenarbeit den Gang in die Öffentlichkeit nicht zu scheuen und „auch aktuelle Themen aufzuspüren und offensiv zu bearbeiten“ (S. 26).

Ganz in diesem Sinne greift Michael Hochgeschwender die heiß diskutierte Frage nach dem Verhältnis von „Katholizismus und Antisemitismus“ auf (S. 31-48). Er geht insbesondere mit den viel beachteten Arbeiten von Olaf Blaschke hart ins Gericht, der in seiner Dissertation von 1997 die antisemitischen Elemente innerhalb des ultramontanen Katholizismus des Kaiserreichs herauszuarbeiten versucht hatte.[2] Es wäre wünschenswert gewesen, den Angegriffenen anschließend selbst zu Wort kommen zu lassen. Stattdessen steuert Wolfgang Altgeld einen Kommentar bei (S. 49-55), der den Ausführungen Hochgeschwenders sachlich nicht viel hinzufügt, sondern diese vor allem polemisch zuspitzt: „Verdrehungen“ (S. 50), „Zumutung“ (S. 53), „Irrwege“ (S. 55) heißen hier die Leitvokabeln, mit denen die Arbeiten Blaschkes etikettiert werden.

Der Herausgeber des Bandes, Karl-Joseph Hummel, gibt in seinem Beitrag einen instruktiven Überblick über die Forschungsgeschichte und den gegenwärtigen Kenntnisstand zum Verhalten von „Kirche und Katholiken im Dritten Reich“ (S. 59-81). Sein Rückblick auf 50 Jahre Forschungsaktivität zeigt, wie viel auf diesem Gebiet inzwischen geleistet worden ist, auch wenn in der Öffentlichkeit nach Hummels Diagnose heute ein eher schiefes Bild vorherrscht. So sei die Kirche, die eigentlich zu den Opfern des NS-Regimes gehört habe, in den öffentlichen Debatten um das Verhalten der beiden Pius-Päpste inzwischen „fast ganz zum Täter“ mutiert (S. 75). Mag man der Einschätzung dieses Deutungswandels durchaus zustimmen, so bleibt doch mehr als fraglich, ob für die „christlichen Opfer“, wie Hummel beklagt, tatsächlich „nur noch wenige Plätze vorgesehen“ sind, „nachdem die Opferrolle für die Millionen europäischer Juden reserviert wurde“ (ebd.). Die langjährige, deutlich wahrnehmbare Präsenz christlicher Symbolik in Auschwitz ließ bis vor wenigen Jahren noch andere Schlüsse zu, ganz zu schweigen von der grundsätzlichen Unsinnigkeit einer solchen Opferkonkurrenz.

Thomas Brechenmacher setzt sich anschließend genauer mit der Forschungslage zu Pius XII. auseinander und plädiert für eine erweiterte Perspektive (S. 83-99): Statt die Handlungsweise des Papstes allein nach gesinnungsethischen Maßstäben zu bemessen, sei nach den strukturellen Handlungsspielräumen des Vatikans gegenüber dem ‚Dritten Reich’ zu fragen. Gleichwohl plädiert Brechenmacher für „äußerstes Selbstbewußtsein“, wenn es darum geht, den „Verleumdungen“ Goldhagens öffentlich entgegenzutreten (S. 96). „Um die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes zurückzuweisen, ist längst keine Forschung mehr notwendig“ (ebd.) – eine Einschätzung, die von Magnus Brechtken in seinem „Kommentar“ (S. 101-111) grundsätzlich geteilt wird, auch wenn er zu Recht darauf hinweist, dass die Forschung sich eher als „Aufklärer […] denn als zur Verteidigung sich berufen fühlender Anwalt“ verstehen sollte (S. 107).

Mit den Beiträgen der zweiten Hälfte des Bandes, die sich mit der Geschichte des deutschen Katholizismus nach 1945 sowie mit neueren methodischen Anregungen beschäftigen, kehrt der Lesefluss in ruhigere Bahnen zurück. Sehr informativ sind die beiden Forschungsüberblicke von Wilhelm Damberg (S. 115-129) und Christoph Kösters (S. 131-149) zum Katholizismus in der Bundesrepublik und der DDR. Sie zeigen, dass seit 1989 gerade in der Erforschung des ostdeutschen Katholizismus erhebliche Fortschritte erzielt werden konnten, während sich das Interesse am bundesrepublikanischen Katholizismus erst seit kurzem aus der „Stagnation“ (S. 121) der 1990er-Jahre zu befreien beginnt. Die Forderung von Damberg und Kösters, Katholizismusforschung nicht nur nach Maßgabe einer Niedergangs- und Auflösungsgeschichte fester konfessioneller Milieuzugehörigkeiten zu betreiben, sondern als Untersuchung eines Transformationsprozesses, in dessen Verlauf neue Formen katholischer Lebenswirklichkeit entstanden, findet im Kommentar von Michael N. Ebertz Widerhall, der aus religionssoziologischer Perspektive Anregungen zur Untersuchung der Binnendifferenzierung des Katholizismus nach dem Milieuzerfall entwickelt (S. 151-165). Gerade Ebertz’ Versuch, den Katholizismus auf seine innere Pluralität und Konfliktbezogenheit zu untersuchen, erscheint in methodischer Hinsicht äußerst vielversprechend und sollte nicht auf die Analyse des Katholizismus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil beschränkt bleiben.

Methodischen Fragen widmen sich schließlich auch die letzten Beiträge des Bandes. So entwickelt Urs Altermatt ein „10-Punkte-Programm“ zur kulturgeschichtlichen Erweiterung der Katholizismusforschung, das insbesondere der französischen Religions- und Intellektuellenforschung einige Inspirationen verdankt (S. 169-187). In der Tat scheint für die deutsche Katholizismusforschung hier noch Nachholbedarf zu bestehen. Das gilt ebenso für den interkonfessionellen Vergleich, den Martin Greschat aus protestantischer Perspektive einfordert, nicht zuletzt um möglichen „apologetischen Tendenzen“ konfessioneller Geschichtsschreibung entgegenzuwirken, die er auch in Veröffentlichungen der KfZG meint feststellen zu können (S. 189-195). Wolfgang Tischner diskutiert anschließend die Reichweite des Milieubegriffs, der sich als methodisches Instrument in der sozialgeschichtlichen Katholizismusforschung durchaus bewährt habe, nun jedoch erweitert werden sollte – etwa in Bezug auf Eliten oder den Gender-Aspekt. Einer konfessionsübergreifenden Religionsgeschichte steht Tischner hingegen eher skeptisch gegenüber (S. 197-213). Antonius Liedhegener plädiert in seinem Kommentar schließlich für eine stärkere Internationalisierung der Forschungsperspektive (S. 215-230), womit er in der Tat eine wichtige Aufgabe der zukünftigen zeithistorischen Religionsforschung benennt.

Abgeschlossen wird der Band mit einem Ausblick von Hans Günter Hockerts, der noch einmal die wichtigsten Desiderata der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung in Deutschland anspricht (S. 233-245). Neben einer stärkeren Berücksichtigung des Generationenaspektes, der Geschlechtergeschichte und der kulturellen Wahrnehmungsmuster plädiert auch Hockerts für eine Internationalisierung der Forschung, und zwar im Hinblick auf die drei „Deutungsachsen“ Ost-West-Konflikt, Europäische Integration und Nord-Süd-Gefälle. Angesichts des öffentlichen „Schlagwortdiskurses“ (Brechtken) um ‚Hitler’s Pope’ sieht aber auch Hockerts die Schwierigkeit, komplexe Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Sein Plädoyer, die Standards wissenschaftlichen Argumentierens dennoch beizubehalten, sollten sich nicht nur Katholizismusforscher zu Eigen machen: „Die Kernkompetenz der Fachwissenschaft […] liegt nach wie vor darin, dafür zu sorgen, daß jeder, der es besser wissen will, es auch besser wissen kann.“ (S. 238) Der vorliegende Band zeigt, dass die zeitgeschichtliche Katholizismusforschung in Deutschland hierzu einen erheblichen Teil beizutragen hat.

Anmerkungen:
[1] Repgen, Konrad, 25 Jahre Kommission für Zeitgeschichte – ein Rückblick, in: Hehl, Ulrich von; Repgen, Konrad (Hgg.), Der deutsche Katholizismus in der zeitgeschichtlichen Forschung, Mainz 1988, S. 9-17, hier S. 13.
[2] Blaschke, Olaf, Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1997.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.05.2005
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag