Cover
Titel
Unsterbliche. Nachrufe, Erinnerungen, Geistergespräche


Autor(en)
Kittler, Friedrich
Erschienen
Stuttgart 2004: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
152 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhard Mehring, Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Anfang der 1980er-Jahre hatte ich in Freiburg das große Glück, der allmählichen Verfertigung von Friedrich A. Kittlers Habilitationsschrift „Aufschreibesysteme“[1] im Seminar beizuwohnen. Es war ein akademisches Ereignis, wie es in Freiburg früher gepflegt wurde und heute in der Bologna-Universität kaum noch möglich scheint. Im engen, nikotindurchtränkten Raum des germanistischen Seminars wurde kaum diskutiert. Kittler trug den nahezu fertigen Text hastig rauchend, eilig sprechend vor. Er testete ab, ob die Pointen saßen. Wir waren die Versuchskaninchen. Das Lachen einiger Hörer war ihm Prüfstein genug. Es gab auch einen Stammtisch. Die Jungens trugen schwarz, die Mädchen waren hübsch. Kittlers Auftritte markierten damals eine Epoche. Sie trieben der alten Germanistik ihren Dilthey-Staiger-Kaiser-Geist aus und parierten den einfältigen Ökomuff der Freudomarxisten mit einer neuen Theorieanstrengung. Die 1970er-Jahre schienen passé und Jimi Hendrix und Pink Floyd kulturgeschichtlich gerettet. Augenfällig wurde es, wenn einige Ökofreaks durch die immergleiche Semesterankündigung angelockt wurden und irritiert wieder gingen. Unter dem Decktitel von Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz lehrte Kittler seine sehr andere fröhliche Wissenschaft. Da war sie: die deutsche Antwort auf den französischen Postmodernismus, der wasserklare Lacanfoucault mit dem poetischen Sinn von Hegel und Hölderlin! Kittler kokettierte mit der Wehrmachtsgeschichte und seinen Namensalliterationen. Die deutsche Machtgeschichte schien intellektuell überwunden, weil die Universität wieder beim Generalstab frühstückte. Warum wurde Kleist Dichter? War Ernst Jünger je Dichter? Solche Fragen stellte damals kaum jemand sonst.

Die „Aufschreibesysteme“ sind Kittlers Programmschrift geblieben. Danach schrieb er keine ordentliche Monografie mehr. Zwei Sammelbände[2] verdeutlichen die epochalen Aufschreibesysteme 1800 und 1900. 1993 produzierte Kittler unter dem Titel „Draculas Vermächtnis“[3] noch eine kleine Sammlung „technischer Schriften“. Im Jahr 2000 erschien dann „Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft“. Der Vorlesungsstil war belassen. Die alten Meister der Freiburger Zeit dominierten wieder. Kittler beschrieb den Weg der Kulturwissenschaft von Vico und Herder über Hegel und Nietzsche bis Freud und Heidegger in den Linien der alten Geistesgeschichte mit einem anekdotischen Sinn und Witz, der zwischen Zote, Einfall und echter Gelehrsamkeit oszillierte. Das Parlando dementierte die antihumanistische Programmatik der „Aufschreibesysteme“, die auf das historische Apriori der Technikgeschichte verwies. Kittler beschloss seine Kulturgeschichte mit einer Distanzierung von den Cultural Studies und der Bitte: „Legen Sie dieses abendländische Wissen nicht weg.“[4] Achim Landwehr bemängelte deshalb in HSK am 17. 8. 2001 zutreffend, es handele sich weniger um eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft als vielmehr um „‚Kittlers Geschichte der Kulturphilosophie’“. Spätestens hier war klar: Die „Aufschreibesysteme“ waren kein Forschungsprogramm mehr, das Kittler ernsthaft einlösen wollte. Sie konnten es schon deshalb nicht sein, weil die kulturwissenschaftliche Aneignung der Medientheorie ihr fröhliches Zeitalter des Dilettantismus hinter sich gelassen hat, auch wenn heute mancher noch den Theoriequark wie vor 20 Jahren rührt. So ging die Professionalisierung auch über Kittler hinweg, der die neue Kulturwissenschaft nicht zuletzt durch „Entertainment“[5] etablierte.

Unlängst erschien noch eine „Berliner Vorlesung“ über „Optische Medien“, die mit dem stolzen Anspruch antritt, ihren Hörern die technischen „Anforderungsprofile der Zukunft“[6] zu vermitteln und die Technikgeschichte von Film und Fernsehen in ihrer Vorgeschichte seit der Renaissance unter besonderer Berücksichtigung der Militärgeschichte zu behandeln. Die dortigen Ausführungen zur camera obscura und laterna magica und den gegenreformatorischen, romantischen Wurzeln des Films konnte man bei Kittler so noch nicht lesen. Auch hier aber lässt er die hohen theoretischen Ambitionen im Verlauf der Vorlesung bald fahren und schwenkt in eine originelle und amüsante, doch recht selektive und überpointierte Mediengeschichte ein, die die „technischen Erläuterungen“ auf ihre Konsumption in den Kulturwissenschaften einschränkt.

Statt der früher verheißenen, eingehenden Analyse des Aufschreibesystems 2000 erscheint nun eine Sammlung von Rückblicken auf die „Unsterblichen“, die Kittlers Transformation der „Geistesgeschichte“ schulten. Erleichtert liest man schon den Titel: Es gibt sie also noch, die Unsterblichen[7], auch wenn nur durch Draculas Vermächtnis. Kittlers Inversion des postmodernistischen Antihumanismus ist damit an ein Ziel angelangt: Menschen erscheinen wieder als Unsterbliche: nur die Heroen der neuen Kulturwissenschaft freilich. Heidegger hätte sich gefreut.

Das schmale Büchlein versammelt kurze Nachrufe, Erinnerungen und Geistergespräche, die in den letzten 10 Jahren zumeist in überregionalen Tageszeitungen erschienen. Den Abschluss bilden „Geistergespräche“ von 1980, die Textstücke Platons collagieren und damit die „Fußnotenthese“ von Platon als Ahnherrn aller Geistergespräche erneuern. Kittler beginnt mit Leon Battista Alberti als Vater aller neuzeitlichen Erfinder und Konstrukteure, die „neue Weisen des Entwerfens“ (S. 11) entwarfen. Es folgen Pierre de Fermat und Gottfried Wilhelm Leibniz, die mathematische Voraussetzungen der modernen Computertechnik schufen. Dann kommen Beiträge zu Norbert Wiener, Alan Turing und Claude Shannon. Kittlers kleine, esoterisch-kryptische Heldengeschichte der Entwicklung der Computertechnik, des Aufschreibesystems 2000, betont den Zusammenhang der Militär- und Kriegsgeschichte einerseits und die weiten, philosophisch-ontologischen Erkenntnisinteressen andererseits, die Leibniz noch im Rahmen einer Theodizee sah.

Niklas Luhmann fungiert dann als der neue Leibniz, der die philosophische Bedeutung der Entwicklungen erfasste und die Kybernetik mit weitem historischem Durchblick als Allgemeine Systemtheorie vollendete. Die andere Antwort aber, die Antwort des Historikers der Aufschreibesysteme, gibt Kittler selbst. Er profiliert sein alternatives Fazit gegen Luhmann mit einer persönlichen Erinnerung an Luhmann und einer anekdotischen Antwort und Parabel der Bielefelder „Sphinx“ (S. 93): „‚Ein Bote reitet durchs Tor. Die einen (wie Sie) fragen, welches Pferd er reitet; die anderen (wie ich), welche Botschaft er bringt.’“ (S. 97) Kittler hält sich an die Geschichte der „Hardware“: des historischen Apriori aller Kommunikationsakte.

Seine Antwort historisiert er dabei mit Erinnerungen an den Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer, an Jacques Lacan und Michel Foucault. Am Beispiel Meyers untersuchte er in seiner Dissertation erstmals die historischen Bedingungen dichterischen Sprechens: in diesem Fall den Wahnsinn, den Meyer durch seine Dichtung zu dementieren suchte. Den vielgepriesene „Realismus“ Meyers, an den die herrschende Germanistik naiv glaubte, entpuppt Kittler als literarische Konvention (S. 115). Von Lacan lernte er, so seine wohl persönlichste Erinnerung (S. 119ff.), auf die „Verschlingungen der Orakelsätze“ (S. 125) zu hören und selbst solche Sätze zu schreiben. Das geschah mit Foucaults Methodik der „Diskursanalyse“ (S. 134f.). Mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft setzt Kittler so das philosophische Geistergepräch fort, wie es seit Platon überliefert ist.

Der Rückblick auf Kittlers Unsterbliche ist ein Stück intellektueller Autobiografie. Den Zaungast dieser Gespräche, den einstigen Hörer, rühren sie wehmütig an. Kittlers Texte sind sentimental: sentimentalisch wohl auch nach Schillers philosophischem Begriff. Der Esoteriker ist ein Erotiker in der Schule Nietzsches, Heideggers und Platons. Philosophie strebt zwar Wahrheit an, stiftet aber bestenfalls ein Gespräch. So wusste Heidegger[8] in seiner Broschüre „Was ist das – die Philosophie?“ der Antwort André Gides auch nur wenig hinzuzufügen: „schöne Gefühle machen“. Die heutigen Universitätsreformen sind gerade deshalb so barbarisch, weil ihnen dafür das Organ fehlt. Einst propagierte Kittler „Die Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ und initiierte so ihre Wendung zur Hardware des historischen Apriori der „Aufschreibesysteme“. Ein Abschied vom platonisch-pädagogischen Eros der Gemeinschaftsstiftung durch Wissenschaft war damit nicht gemeint. Kittler führt heute Geistergespräche trotz des Aufschreibesystems 2000: im Angesicht des Gegners gleichsam. So spricht er in seinen Schlüsselerinnerungen über Lacan auch von einem emphatischen „wir“: „wir fuhren“, „wir hörten“. Er meint damit einen kleinen Kreis von Intellektuellen, die das Vermächtnis der Studentenbewegung machtanalytisch und philosophisch fortsetzten, ohne der freudomarxistischen Gartenlaube zu verfallen. „Und während die Studentenrevolution allmählich ihre Kinder fraß, also Gefängnisse und Klinken füllte, wuchs unsere Not zu denken“ (S. 120), meint Kittler in charakteristischer Formulierung, die Heidegger und Nietzsche heilig-nüchtern anklingen lässt. Er braucht sich nicht hinter den französischen „Meisterdenkern“ zu verstecken, die publizistisch bis zum Überdruss hofiert wurden. Kittler gab eine eigene Antwort, die nicht nur die Wissenschaft anregt, sondern auch von deren Glück erzählt.

Anmerkungen:
[1] Kittler, Friedrich, Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1985.
[2] Kittler, Friedrich, Dichter-Mutter-Kind, München 1991; Ders., Grammophon, Film, Typewriter, Berlin 1988.
[3] Kittler, Friedrich, Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993.
[4] Kittler, Friedrich, Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft, München 2000.
[5] Dazu vgl. Vollhardt, Friedrich, Kittlers Leere. Kulturwissenschaft als Entertainment, in: Merkur 55,8 (2001), S. 711-716.
[6] Kittler, Friedrich, Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999, Berlin 2002, S. 20.
[7] Dazu vgl. Ders., Vismann, Cornelia, Vom Griechenland, Berlin 2001, S. 11ff.
[8] Heidegger, Martin, Was ist das – die Philosophie?, Pfullingen 1963, S. 9.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.11.2004
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag