Cover
Titel
Unsere Feinde. Zur Geschichte des Anderen im Sozialismus


Herausgeber
Gries, Rainer; Satjukow, Silke
Erschienen
Anzahl Seiten
557 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roland Werner, Jena

Oft vorhandene Vorbehalte gegen zu viele Abbildungen in Fachveröffentlichungen wären gegenüber dem von Silke Satjukow (Jena) und Rainer Gries (Wien) herausgegebenen Buch ungerecht. Wird doch durch die sehr gelungene Auswahl der Darstellungen das Verstehen einer ihrem Wesen nach sehr abstrakten Materie erleichtert. Sie haben ein Kompendium sozialistischer Feindbilder in ausgewählten Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas vorgelegt, dessen Schwerpunkt auf der DDR liegt. Die in der UdSSR, Polen, Ungarn und Albanien entwickelten Feindbilder werden z.T. komparativ behandelt.

An den Anfang stellen die Herausgeber eine „Theoretische Annäherung“. Es ist ihr Verdienst, für das schwer fassbare „Feindbild“ eine klare Definition vorgelegt zu haben. Die Konstruktion von Feindbildern im Sozialismus wird darin ebenso erklärt, wie deren Systemerhaltende Notwendigkeit. Der Vorschlag einer Typologie sozialistischer Feindbilder stellt einen wichtigen Teil der Einleitung dar. Unterschieden werden: 1) Äußere Feindbilder (Zerrbilder westdeutscher Politik-, Wirtschafts- und Militäreliten; Karikaturen britischer und amerikanischer Politiker und deren Diffamierung durch Vergleiche mit NS-Symbolik; Darstellungen des „Kapitalisten“ als Gegner) und 2) Innere Feindbilder (Agenten, Saboteure und „Verbrechertypen“). Von Bedeutung ist zudem das Aufzeigen von Gleichnissen und Unterschieden der „Feindbildpropaganda“ im NS und Sozialismus.

Die Geschichte der sozialistischen „Feindbildpropaganda“ wird in drei Zeiträume eingeteilt: a) die stalinistische Ära und das erste poststalinistische Jahrzehnt, b) die 1970er und 1980er-Jahre, c) die zweite Hälfte der 1980er-Jahre („Perestroika“). Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes folgen der Grobeinteilung „Feindbilder in der DDR“, „Feindbilder in der Sowjetunion“, „Feindbilder in der Volksrepublik Polen, in Ungarn und in Albanien“.

Monika Gibas widmet sich dem Feindbild „BRD“ in der DDR während der 1950er-Jahre. Sie analysiert Motive, die dem Feindbild „BRD“ in der DDR inhärent waren: die BRD als amerikanische „Kolonie“, die BRD als Ausgangspunkt eines neuen Krieges, die BRD als Gebiet, in dem sich die Krise des Imperialismus stetig wiederholt, die BRD als faschistisches Regime. Gleichzeitig zeigt Gibas die Bindung dieser Motive an die Darstellung der „Opfer“ dieser feindlichen BRD, d.h. die Arbeiterklasse in Westdeutschland.

Das Wechselspiel des kommunistischen Selbst- und Feindbildes der frühen DDR bearbeitet Thomas Haury und stellt heraus, dass dem natürlich negativen Feindbild ein ebenso selbstverständlich positives Selbstbild gegenüber stand. Die Differenzierung von Feind- und Selbstbildern zeigt er z.B. an der Kaschierung des Antisemitismus in der kommunistischen Propaganda auf. Der Kampf gegen den „imperialistischen Zionismus“ war kein - wie bei den Nationalsozialisten - Rassenkampf, sondern eine Notwendigkeit, um den Sieg der Arbeiterklasse nicht zu gefährden. Während Christoph Classen die heterogene Gegnerkategorie „Faschismus“ in der kommunistischen Bewegung Deutschlands vor 1945, in der SBZ bis1947, sowie in der frühen DDR bis1961 analysiert, beschreiben Christian Lotz und Katja Naumann die Entstehung von Feindbildern in Parteieliten, Parteien und der Bevölkerung der SBZ in den Jahre 1945-1947. Es gelingt ihnen, die Divergenz der öffentlich propagierten und alltäglich er- und gelebten Feindbilder und deren inhaltlichen Verschiebungen deutlich zu machen.

Das Bild der „Inneren Feinde“ in der stalinistischen Ära der DDR bis zum Tode Stalins arbeitet Alexei Tikhomirov als zentrale „Feindkategorie“ im Stalinismus heraus und verweist auf die Wechselwirkungen zwischen den handelnden gesellschaftlichen Gruppen (Parteiführung - Polizei - Geheimdienst - Gerichte). Mit dem Enzensberger-Zitat: „Kleinbürger ist immer der andere“, beschließt Thomas Ahbe seinen Beitrag über die Kleinbürgerstereotype in der DDR und verweist so auf die fortwährende Wirkung des Feindbildes „Kleinbürger“ auch über das Ende der DDR hinaus.

„Bewegte Feindbilder - Feindbilder in Bewegung?“ fragt Thomas Lindenberger und untersucht die Darstellung von Rockmusik und Jugenddelinquenz in DEFA-Filmen der 1950er und 1960er-Jahre. Seine Antwort zeigt, wie differenziert die Feindbilder dargestellt wurden und wie der jeweilige gesamtpolitische Kontext für deren Ausgestaltung verantwortlich war. Lindenberger verdeutlicht den Prozess einer Professionalisierung der Propaganda im Film, die er damit begründet, dass die DDR-Führung auf veränderte Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen musste.

Die Bedeutung entfernter „Feinde“ und deren nicht immer eindeutigen Ausprägung als „Feindbilder“ zeigt Michael Stolle am Beispiel der Wahrnehmung des chilenischen Pinochetregimes in der DDR. Er hinterfragt die ungewöhnliche Einigkeit von Partei und Staat mit der Bevölkerung. Die als Gegenkonzept zum Feindbild entstehende Solidarität, die offenbar nicht nur verordnet folgte, wird ebenso analysiert. Christian Th. Müller befasst sich mit den Feindbildern in der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) und zeichnet nach, wie diese Eingang in die Lebens- und Dienstwirklichkeit der Soldaten und Offiziere fanden. Der Teil des Beitrages, der statistisches Material aus Befragungen der Soldaten und Offiziere auswertet, verdient es, besonders hervorgehoben zu werden.

Das „Andere“ in der sozialistischen Legitimationskultur und dessen Wandel, ist Thema des Beitrages von Martin Sabrow, der die Entwicklung dieser Feindbildkategorie am Beispiel der Wissenschaftler im Ost-West Kontakt verdeutlicht. Er unterscheidet mehrere Typen von Feindbildern im akademischen Ost-West Kontakt, die zwar chronologisch aufeinander folgten, denen aber auch Überlappung und gegenseitige Bezugnahme auf vorhergegangene Typen inhärent waren. „Feind im Orbit“ überschreibt Jörg Uwe Fischer seinen Versuch, Feindbilder in Sience Fiction Filmen auszumachen. Nach einer Einleitung zur Verarbeitung der „Feinde“ im DDR Fernsehen im Allgemeinen und zum Genre „Sience Fiction“ im Speziellen, befasst sich Fischer konkret mit dem Film „Stunde des Skorpions“ (1968). Dabei werden ideologische Raffinessen ebenso aufgezeigt, wie deren Rezeption unter den Zuschauern, die sich relativ heterogen darstellte.

Der zweite regionale Schwerpunkt des Sammelbandes „Feindbilder in der Sowjetunion“ (SU) wird von Norbert Kapferer eingeleitet, der sich mit dem sowjetischen Antizionismus befasst. Er stellt dessen deutlich antisemitische Ausprägung heraus und zeigt auf, dass es sich um kein spätstalinistisches Phänomen handelte. Dass er dabei auf die Ideologie von vor der Oktoberrevolution verweist, scheint plausibel; der Verweis auf Traditionen indes, die bis zu Marx, Engels und später auch Bebel zurückreichen sollen, müssen in der Deutlichkeit, mit der Kapferer dies tut, allerdings hinterfragt werden. Am Beispiel von Filmen, wie S. Eisensteins „Aleksander Newskij“ verdeutlichen Martin Aust und Frithjof Benjamin Schenk die Instrumentalisierung russischer Geschichte in der Stalinzeit. Sie zeigen die Stilisierung des „Inneren“ und „Äußeren“ Feindes auf, die in der SU genutzt wurde um Wachsamkeit nach Außen und Innen zu erreichen. Der Imagination des letzten Zaren in der SU, aber auch darüber hinaus, widmet Isabelle de Keghel ihren Beitrag, der schon im Titel Klarheit verspricht: „Vom Tyrannen zum Heiligen“. Sie macht deutlich, dass Feindbilder nicht immer Feindbilder bleiben müssen, sogar zu „Freundbildern“ werden können, wenn Gesellschaften ihre Wertesysteme ändern und sich der Bezugsrahmen des kollektiven Gedächtnisses wandelt.

„Kulak“ als Feind, diesem Phänomen der zweiten Hälfte der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts ist Alexander Heinert auf der Spur. Er bettet dies in die Auseinandersetzungen innerhalb der KPdSU um die „Neue Ökonomische Politik“ ein. Oxana Stuppo analysiert an einem regionalen Beispiel die codierte Semantik der so genannten „Briefe an die Macht“, d.h. von Briefen, die Kolchosmitglieder nach dem Ende des 2. Weltkrieges an die Parteiführung verfassten, um Beschwerde oder Klage gegen Kolchosvorsitzende zu führen. Die Beklagten wurden oft in die Nähe von „Kulaken“ gestellt. Dem Massenlied der 1930er-Jahre widmet sich Karsten Brüggemann. Er zeigt deren Geschichte, Neukonzipierung, inhaltliche Ausgestaltung und Wirkungsmacht auf.

Jörg Ganzenmüller vergleicht die Feindpropaganda im russisch-polnischen Krieg von 1920 und im 2. Weltkrieg. Er beschreibt die Verwirklichung des Anspruches der KPdSU, „Nation“ als geschichtlich überkommenes Konzept überwinden zu wollen, aber gleichzeitig auch für einen binationalen Konflikt zur Rekrutierung nutzen zu können. Im 2. Weltkrieg wandelt sich das Feindbild „Faschist“, nicht zuletzt auf Grund der deutschen Besatzungspolitik, zu „den Deutschen“ als Feindbild mit der größeren Rekrutierungswirkung. Eine kurze Chronologie der Feindbilder und deren Wandlungen in der Nach-Stalinära erarbeitete Elena Müller.

Der letzte Teil des Bandes widmet sich Polen, Ungarn und Albanien. Im Zentrum steht Polen. Jerzy Kochanowski setzt sich auseinander mit dem, was er „Problem Nr. 1“ nennt: die Fleischversorgung. Als „feindlich“ wurden in diesem Zusammenhang die Schwarzschlachtungen angesehen. Ebenso mit Polen befasst sich der Beitrag Piotr Zwierzchowskis. Er hinterfragt die Feindbilddiskurse in der Publizistik des stalinistischen Polens, die vor allem Hollywood und Filme aus der BRD als Kristallisationspunkte aufzeigt. Ingo Loose elaboriert in seinem Beitrag die antisemitische Ausprägung der Feindbilder in Polen während der so genannten „Märzereignisse“ 1968. Er zeigt die Radikalisierung antisemitischer Propaganda in Polen auf und ordnet diese in die Gesamtverhältnisse des Ostblocks ein. Dass es auch scharfsinnige Gegner der Propaganda und Feinbildkonstruktion gab, wird im Beitrag Bernd Karwens deutlich. Er schreibt über die literarische Opposition in Polen. An ausgewählten Beispielen verdeutlicht er anhand ausgiebiger Quellenzitate, wie deutlich und entlarvend einige wenige gegen die Feindbildkonstruktionen vorgingen.

Der unterschiedlichen propagandistischen Ausnutzung der Feinbilder „Habsburg“ in Ungarn und „Preußen“ in der DDR widmet sich Árpád von Klimó. Er lässt Unterschiede und Gleichnisse erkennen, die unter anderem durch die etwas größere Toleranz gegenüber der Zeitgeschichtsschreibung in Ungarn zu erklären seien. Der letzte Beitrag des Sammelbandes befasst sich mit einem ebenso exotischen wie unbekannten Thema: den Feindbildern in Albanien. Pandeli Panis chronologischer Abriss der Herrschaft Enver Hoxhas zeichnet machtpolitisches Lavieren zwischen Bündnispartner und absoluter Isolierung und „Einbunkerung“ auf. Dies erforderte wechselnde Feind-/Freundbilder, in deren Analyse Pani die Konstanz stalinistischer Herrschaft in am stärksten isolierten Land Europas verdeutlicht.

Zusammenfassend verdient es festgehalten zu werden, dass es den Herausgebern durch die Auswahl der Beiträge in Kombination mit den reproduzierten Quellenmaterialien (Poster, Karikaturen, Gemälde etc.) gelungen ist, einen Band zusammenzustellen, der ein unentbehrliches Hilfsmittel darstellt für jeden, der sich einen verlässlichen Überblick über Konstruktion, Destruktion und Wirkungsmacht von Feindbildern in Mittel- und Osteuropa verschaffen will. Zu den Stärken des Bandes zählt ohne Zweifel der vielfach erbrachte Beleg von Kontinuitäten, wie bspw. im Falle des oft nur halbherzig verdeckten Antisemitismus in der kommunistischen Propaganda. Hervorzuheben ist schließlich, dass der vorgelegte Sammelband die bisherigen, nicht sehr zahlreichen Forschungen zu diesem Thema deutlich bereichert, nicht nur durch das weit gefasste regionale Ausgreifen, sondern auch die Breite der in den Beiträgen behandelten Aspekte.

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06.09.2005
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