Giesen, Bernhard; Schneider, Christoph (Hrsg.): Tätertrauma. Nationale Erinnerungen im öffentlichen Diskurs. Konstanz  2004. ISBN 3-89669-691-2

: Triumph and Trauma. . Boulder  2004. ISBN 1-59451-038-5

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cord Arendes, Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften (ZEGK), Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs ist mit einem medialen Begleitprogramm bisher nicht gekannten Ausmaßes einhergegangen. Die gestiegene Aufmerksamkeit, die hierbei gerade den deutschen Opfern beigemessen wird, führt uns deutlich vor Augen, was es in der Alltagspraxis bedeutet, wenn Teile des kollektiven Gedächtnisses einer Gemeinschaft in Geschichte übergehen. In einem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch beschäftigt sich auch der Soziologe Bernhard Giesen erneut mit dem Themenkomplex der kollektiven Erinnerung.[1] Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stehen dabei allerdings die deutschen Täter und der Versuch, die nationale Identität im Nachkriegsdeutschland als „collective trauma“ bzw. „cultural trauma of perpetrators“ (S. 1) zu interpretieren. Dies soll zugleich in ein allgemeines theoretisches Modell der Identitätskonstruktion eingebettet werden. Unter „Trauma“ versteht Giesen – angelehnt an die Psychologie – den als schockierend erlebten Zusammenbruch einer bewährten Ordnung, der im Gedächtnis präsent bleibt, nicht über die Jahre durch Vergessen verblasst und nicht von anderen Erlebnissen überlagert wird. Damit verweist das Trauma aber stets auch auf den nötigen Neuaufbau einer Ordnung, in die Einsichten aus dem Zusammenbruch eingehen können.

In den ersten beiden Teilen des Bandes begleitet der Leser Giesen auf eine Reise in weiter zurückliegende historische Epochen – mit dem Ziel, die jeweilige Position der Täter und Opfer bei der Konstituierung kollektiver Identität zu klären. Dabei stellen Helden quasi die klassische Form der Verkörperung der kollektiven Identität einer Gemeinschaft dar. Sie stehen im Mittelpunkt von Erinnerungsritualen, werden mit Reliquien, Monumenten und Texten verehrt und verweisen zudem auf einen nicht sichtbaren heiligen Kern. In der modernen, durchrationalisierten Welt bieten sich allerdings kaum noch Möglichkeiten der Konstruktion von Helden: „[The] transformation of the sacred that once had a face, a voice and a place into an anonymous and impersonal, invisible and omnipresent principle, the order of modernity also engenders a hidden elective affinity to the symbolic opposite of the hero: the anonymous victim who has no face, no voice, no place anymore.“ (S. 42) Damit ist die soziale Konstruktion des Opfers angesprochen, der sich Giesen im zweiten Teil zuwendet. Opfer haben eine zentrale Bedeutung für gesellschaftliche Grenzziehungen nach innen und außen. Heute findet die Thematisierung von Täterschaft in der Regel im moralischen und/oder im juristischen Diskurs statt. Neben der Justiz bedarf es einer „strong public sphere“ (S. 66), damit auch die Erinnerung an die Opfer in der Gesellschaft Raum erhält. Der Vorgang des „including the outside in the inside“ (S. 51) zeigt dabei zugleich die Fragilität und Unvollkommenheit der jeweiligen Gesellschaften auf.

Im dritten Teil steht der „tragische Held“ im Mittelpunkt, die Entzauberung des klassischen Helden durch einen modernitätsbedingten Transfer des Charismas in unterschiedliche öffentliche Arenen. Das zuvor durch den Helden verkörperte charismatische Zentrum der Gesellschaft (im Sinne von Max Webers Begriff charismatischer Herrschaft) wechselt nun zwischen verschiedenen öffentlichen Arenen, die interagieren und sich nur durch ihre Diskursrituale und ihre Kommunikationslogik voneinander unterscheiden. Die Gesellschaft ist damit einem höheren Risiko und vielerlei Gefahren ausgesetzt: Oft führt nur ein kurzer Weg vom Triumph zum Trauma, wie Giesen im vierten Teil am Beispiel der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert zeigt. Gesellschaftliche Identitätskonstruktionen sind laut Giesen immer auf die Vergangenheit bezogen – ganz gleich, ob es sich um einen Triumph oder ein Trauma handelt. Hierbei sind drei grundlegende Beziehungen zur Vergangenheit voneinander zu unterscheiden: die triumphierende (Held), die traumatische (Opfer) und die ambivalente Erinnerung (tragischer Held). Im Fall Deutschlands konstatiert Giesen drei bedeutsame Traumata, nämlich den verspäteten Nationalstaat, das Fehlen einer erfolgreichen Revolution und den Holocaust, der im Zentrum der weiteren Überlegungen steht.

Direkt nach dem Krieg dominierte in Deutschland eine Koalition des Beschweigens, die sowohl die Täter als auch die Zuschauer (im Sinne Raul Hilbergs) umfasste. Die Gesellschaft suchte nach einem neuen Narrativ: Den Unterdrückern (Externalisierung) stand das deutsche Volk gegenüber (Viktimisierung). Einzelne Schuldige wurden im Rahmen von Gerichtsverfahren aus der Zivilgesellschaft „entlassen“, während das deutsche Volk insgesamt die Rolle des neutralen Dritten einnahm. Nach einer längeren Latenzphase dominierten in den 1960er-Jahren öffentliche Konflikte und Schuldrituale. Eine neue Generation veränderte die Grenzziehung zwischen „innen“ und „außen“. Das Trauma wurde aus einer Außenperspektive wahrgenommen und Deutschland als Ganzes stigmatisiert: Die junge Generation wollte nicht dazugehören und wechselte auf die Seite der Opfer über – die Grenzen verliefen nun zwischen den einzelnen Generationen und quer durch die Familien. Die öffentliche Auseinandersetzung ersetzte die persönliche Erinnerung bzw. Teilnahme.

In den nächsten Jahren kam es zu einer Objektivierung des Traumas in gesellschaftlichen Debatten und historischen Museen. Das ursprüngliche Stigma wurde zum Thema von Geschichte und Geschichten. Die Geschichtswissenschaft wirkte stärker auf die gesellschaftlichen Diskussionen ein. Hieran schließt sich heute eine Mythologisierung des Traumas an: Der Holocaust wird zu einem Code für das Böse schlechthin. Die Rekonstruktion der Vergangenheit in den (Massen-)Medien bedarf einer „Geschichte“, die erzählt werden kann. Dabei entsteht nach Giesen ein neuer Modus universalistischer Identität, der von einer radikalen Diskontinuität zwischen Vergangenheit und Zukunft bestimmt ist. Öffentliche Schuldbekenntnisse werden nicht nur im Hinblick auf den Holocaust, sondern auch bezüglich der Politik gegenüber nationalen Minderheiten artikuliert: „We recall the past to prevent it from ever being repeated.“ (S. 144)

Insgesamt erweist sich Giesens Ansatz als schlüssig, nicht allein die Sicht der traumatisierten Opfer, sondern auch das Trauma der Täter in ein historisches Erklärungsmodell einzubeziehen. Neue und tiefere Erkenntnisse über die jüngere deutsche Geschichte können mit Giesens kulturwissenschaftlich-soziologischem Zugang allerdings nur bedingt gewonnen werden. Die Periodisierungen und inhaltlichen Bestimmungen sind bereits in die gängigen Publikationen zur neueren Täterforschung eingegangen.[2] Eine Übertragung individueller Merkmale auf die Ebene von Kollektiven führt häufig auch zu umfassender Kritik auf der semantischen Ebene, wie zum Beispiel hinsichtlich der Zuschreibung einer gebräuchlichen Opferkennzeichnung auf die Täter. Ein gesellschaftliches Trauma erfordert zudem einen neutralen Begriff gesellschaftlicher „Normalität“, die eher nach sozialphilosophischen als nach psychologischen Maßstäben zu definieren wäre. Fraglich erscheint auch die geforderte „Selbsttherapierung“ der Gesellschaft. Trotzdem ist der Begriff des „Tätertraumas“ mehr als nur ein weiteres Element in der Reihe historischer Schlüsselbegriffe der vergangenen Jahre. Gerade mit den von Giesen favorisierten kultur- und religionswissenschaftlichen Denkansätzen bieten sich Möglichkeiten, das Tätertrauma in unterschiedliche gesellschaftliche und nationale Kontexte einzubinden, zumal kollektive Traumata zu einer der Hauptantriebskräfte der internationalen Politik geworden sind.

Dies zeigen die Beiträge des von Bernhard Giesen zusammen mit Christoph Schneider herausgegebenen Sammelbandes „Tätertrauma“.[3] Im ersten Hauptteil finden sich neben Giesens Einleitung, welche die Kurzfassung seiner Monografie darstellt, weitere theoretische Annäherungen an das Thema „Kollektive Schuld“ aus zumeist (moral-)philosophischer Sicht. Diese dienen als Ergänzung von Giesens Ansatz und werden hier deshalb nicht weiter thematisiert. Auch auf die im zweiten Hauptteil dargestellte mediale, politische und ikonografische Rezeption von Brandts Kniefall in Warschau (1970), einer „Ikone deutscher Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“ (S. 43), kann aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden.

Wichtiger erscheint es, einige der im dritten Hauptteil dokumentierten Versuche kurz vorzustellen, Giesens Ansatz auf (internationale) Beispiele anzuwenden. Die Vielschichtigkeit und Relevanz des Themas zeigt sich besonders an drei Fällen, nämlich Japan (Kiyoteru Tsutsui), Frankreich (Christoph Schneider und Carla Albrecht) sowie der Türkei (Seyhan Bayraktar und Wolfgang Seibel): Sowohl Deutschland als auch Japan zeichneten sich in den Jahren vor dem Kriegsbeginn durch einen aggressiven Nationalismus aus; beide gingen als Verlierer aus dem Krieg hervor und mussten sich „auf internationaler Ebene ihrer eigenen Schuld stellen“ (S. 314). Während es in (West-)Deutschland nach dem Krieg relativ schnell zu einem – wenn auch oft unbestimmten – Bekenntnis von Scham gekommen ist, die sich aber lange Zeit nicht konkret auf den Holocaust bezog und im Sinne Giesens mit Recht als „Tätertrauma“ bezeichnet werden kann, so war der japanische Umgang mit der Vergangenheit mindestens 30 Jahre lang durch ein eher schwaches Unrechtsbewusstsein gekennzeichnet. Stattdessen dominierte in Japan ein ausgeprägtes Opferbewusstsein, das in der Hauptsache auf den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki beruhte.[4] Ein ähnlich geringes Unrechtsempfinden zeigt sich ebenfalls im heute viel diskutierten Fall des türkischen Völkermordes an den Armeniern. Sowohl in Japan wie auch in der Türkei dominieren weiterhin die traumatischen (Nach-)Wirkungen; die Latenzphase scheint noch nicht beendet. Die Komplexität des Themas spiegelt sich auch in den beiden Aufsätzen zum „Fall Papon“ wieder: Während in Frankreich der Vichy-Komplex durchaus als ein Trauma interpretiert wird und in die kollektive Erinnerung einfließt, zeigt die Interpretation der öffentlichen Diskussion auf dem Weg einer Zeitungsanalyse, dass die deutschen Beobachter dieser Vorgänge der französischen offiziellen Erinnerung gleichsam einen Komplexitäts- und Intensitätsmangel bescheinigen. Von deutscher Seite kann eine Bewertung offensichtlich nur vor dem Hintergrund des eigenen Traumas, des Holocaust, stattfinden.

Giesen ist beizupflichten, wenn er von einer „Verdichtung internationaler Beobachtungsverhältnisse“ spricht (S. 50), die zur Folge haben, dass triumphierende Darstellungsriten in der (Welt-)Öffentlichkeit zunehmend negativ aufgenommen werden, während öffentliche Schuldbekenntnisse positiv wirken. Die Beiträge des Sammelbandes machen aber auch deutlich, dass die vermutete Herausbildung einer europäischen oder gar internationalen Erinnerungskultur, die auf einem „Tätertrauma“ beruht, weiterer inhaltlicher Spezifisierungen und umfassender komparatistischer Studien bedarf. Dies zeigen nicht zuletzt auch die eher raren Versuche, Ansätze einer „Ethik der Erinnerung“ zu formulieren, die mehr als nur nationale Gültigkeit für sich beanspruchen können soll.[5] Inwieweit das Erklärungsmodell des „Tätertraumas“ oder die von Giesen geforderte Anerkennung einer „postheroic ambivalence“ dazu angetan ist, die traumatischen Bestandteile historischer Identität anzunehmen, muss an dieser Stelle allerdings offen bleiben. Wie die Praxis des Gedenkens immer wieder zeigt, ist es oft leichter, das Trauma der Opfer ins Zentrum gesellschaftlicher Vergangenheitsaufarbeitung zu stellen und die persönliche wie kollektive Selbsterforschung zu vernachlässigen. Als fruchtbar würde sich vielleicht der Versuch erweisen, den Begriff des Tätertraumas zuerst auf einzelne Täter und Tätergruppen anzuwenden (zum Beispiel Personal in Konzentrationslagern oder Angehörige von Sondereinsatzkommandos).

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuvor bereits Giesen, Bernhard (Hg.), Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit, Frankfurt am Main 1991; ders., Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit, Frankfurt am Main 1993, hier bes. S. 236-255 („Die deutsche Identität zwischen 1945 und 1990“).
[2] Vgl. etwa Hilberg, Raul, Perpetrators, Victims, Bystanders. The Jewish Catastrophe 1933–1945, New York 1993; Paul, Gerhard, Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und „ganz gewöhnlichen“ Deutschen. Die Täter der Shoah im Spiegel der Forschung, in: ders. (Hg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2002, S. 13-90 (rezensiert von Stefan Laube: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-129>).
[3] Das dem Band zugrunde liegende Projekt „Nationale Erinnerung nach dem Zweiten Weltkrieg“ gehört zum Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg/Sonderforschungsbereich 485 der DFG mit dem Titel „Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration“ an der Universität Konstanz (<http://www.uni-konstanz.de/FuF/sfb485>).
[4] Zu diesem Kontext siehe neuerdings auch Kittel, Manfred, Nach Nürnberg und Tokio. „Vergangenheitsbewältigung“ in Japan und Westdeutschland 1945 bis 1968, München 2004; Coulmas, Florian, Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte, München 2005.
[5] Margalit, Avishai, Ethik der Erinnerung. Max Horkheimer Vorlesungen, Frankfurt am Main 2000; ders., The Ethics of Memory, Cambridge 2004 (rezensiert von Eric D. Weitz: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-025>).

Redaktion
Veröffentlicht am
08.06.2005
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