Schlögl: Die Wirklichkeit der Symbole

Titel
Die Wirklichkeit der Symbole. Grundlagen der Kommunikation in historischen und gegenwärtigen Gesellschaften


Herausgeber
Schlögl, Rudolf; Giesen, Bernhard; Osterhammel, Jürgen
Reihe
Historische Kulturwissenschaft
Erschienen
Konstanz 2004: UVK Verlag
Anzahl Seiten
464 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Buchner, Katholische Nachrichten-Agentur

Ernst Cassirers berühmte Formulierung vom Menschen als "animal symbolicum" [1] verweist angesichts der zunehmenden Komplexität der Informations- und Kommunikationsgesellschaft auf die menschliche Fähigkeit, Sachverhalte symbolisch darzustellen und zu entschlüsseln, Sinnzusammenhänge und -übertragungen zu bilden sowie zeichenhafte Verständigungsebenen einzurichten und zu bewahren. In dem Sammelband "Die Wirklichkeit der Symbole", mit dem die neue Konstanzer Reihe "Historische Kulturwissenschaft" eröffnet wird, nähern sich Fachleute verschiedener Disziplinen dem Phänomen an. Unter den Autoren sind Soziologen, Historiker, Juristen, Religions- und Literaturwissenschaftler sowie Orientalisten. Ihre Beiträge sind den drei Abteilungen "Symbole in der Theorie", "Symbolisierungen" sowie "Funktionen des Symbolischen" zugeordnet. Die Spannbreite reicht dabei von protosoziologischen Überlegungen zur "Appräsentation" über die Frage der körperlichen Konfliktaustragung in Osteuropa, einer historischen Betrachtung der Wiesbadener Kaiserfestspiele und der Analyse des muslimischen Schleiers bis zum juristischen Problem, wer die Staatssymbole in der Bundesrepublik festlegen darf.

Was ein Symbol ist, weiß bisher niemand verbindlich zu sagen. Goethe hat die Unschärfe des Begriffs in die paradoxen Worte gekleidet, das Wesen des Symbols sei "die Sache, ohne die Sache zu sein, und doch die Sache; ein im geistigen Spiegel zusammengezogenes Bild, und doch mit dem Gegenstand identisch". [2] In seiner Einführung zu dem Sammelband (S. 9-38) schreibt Rudolf Schlögl: "Eine einheitliche Theorie des Symbols [...] ist derzeit nicht greifbar." (S. 13) Dass sie auch in dem Buch nicht vorausgesetzt oder geliefert wird, ist nicht störend, ja, es würde womöglich dem Wesen des Symbols selbst, wie Goethe es sah, widersprechen. So unterscheiden einige Autoren zwischen Zeichen und Symbolen, andere nicht, wieder andere sprechen von "symbolischen Zeichen" oder werfen alle Begriffe, Signale und Chiffren eingeschlossen, fröhlich durcheinander. Die Symboldefinition kann auch je nach deutscher oder angloamerikanischer soziologischer Tradition verschieden ausfallen. Fest steht nur: Im Gegensatz zum Zeichen, zu dessen Spezifizierungen es zählt, entsteht das Symbol erst im Bewusstsein des interpretierenden Betrachters, es bedarf eines Gefühls und konstituiert Gemeinschaft, kann Menschen ein- oder ausschließen. Und es kann seine Bedeutung täglich verändern.

In seiner Einleitung betont Schlögl die Wechselwirkung von Symbolen und sozialen Ordnungsmustern sowie die Bedeutung des Symbolischen bei der gesellschaftlichen Strukturbildung. Die kulturelle Funktion symbolisch codierter Bedeutungsgefüge gilt sowohl für die "kleine Symbolik" der täglichen Interaktion von Menschen und damit der "Kommunikation von Anwesenden" als auch für die "große Symbolik", die der Identitätsbildung von Gruppen und Gesellschaften dient. Schlögl unterscheidet drei Strategien der Symbolisierung: die narrative, rituell-performative und normative (S. 32). Hans-Georg Soeffner (S. 41-72) unterstreicht im Anschluss die "Unausweichlichkeit, mit der wir im Alltag zur Deutung und in der Wissenschaft zur theoretischen Erfassung der Deutungsarbeit gezwungen sind" (S. 44). Für ihn "appräsentieren" Symbole, sie schaffen etwas herbei, was sie nicht selbst sind. Soeffner lehnt sich damit eng an die von Harry Pross so genannte "triadische Relation" von Signifikat, Signifikant und interpretierendem Bewusstsein an. [3] Bernhard Giesen fragt in seinem Beitrag "Latenz und Ordnung" (S. 73-100) nach den Voraussetzungen sozialer Kommunikation und konstatiert als solche Symbolisierung, Ritualisierung, Mythisierung, Normativierung und Rationalisierung. Christoph Schneider (S. 101-133) untersucht den Konnex von Symbolbildung und Geschichtsdenken sowie die emotionale Dimension des Symbols. Dabei führt er Karl Jaspers' aufschlussreiche Unterscheidung zwischen dem "historischen" (fachlichen) und "geschichtlichen" (erlebten) Bewusstsein an. [4]

Die beiden rechtswissenschaftlichen Beiträge von Daniel Krausnick (S. 135-156) und Max-Emanuel Geis (S. 439-460) gehören zu den stringenteren und instruktiveren unter den insgesamt 16 Aufsätzen in dem Band. Krausnick erläutert die verschiedenen juristischen Symboltheorien des vergangenen Jahrhunderts und stellt sie den soziologischen und semiotischen Ansätzen von Cassirer, Charles Sanders Peirce und Umberto Eco gegenüber, der die berühmte Formel vom "Inhaltsnebel" eines Symbols geprägt hat. [5] In der Synthese bezeichnet Krausnick Symbole als "sinnlich wahrnehmbare Objekte, die dazu verwendet werden, eine gedankliche Abstraktion in Gänze zu repräsentieren und dadurch für den einzelnen unmittelbar erleb- und mitteilbar zu machen" (S. 154). Daran anschließend hebt Geis die praktische Bedeutung von Symbolen als Repräsentanten von Sinn hervor. Ihre Wandelbarkeit unterstreicht er in einem Abriss über den Adler als Symbol deutscher Staatlichkeit sowie mit kritischen Bemerkungen zum Kruzifix-Streit in der Bundesrepublik. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive verweist Burkhard Gladigow (S. 159-172) auf die "Symbolkontrolle" und die Entwicklung von Symbolsystemen als Mittel der Herrschaftsausübung und der Professionalisierung von Religion. Mit Verweisen auf Texte von Wolfgang Borchert und Theodor Fontane schildert Gerhard Kurz (S. 173-187) die Verfahren der Symbolbildung in der Literatur.

Die soziologisch-kulturwissenschaftlichen Beiträge von Kay Junge (S. 189-231) und Dmitri Zakharine (S. 233-261) widmen sich der Symbolisierung von Kooperations- und Verhaltensnormen. Junge umreißt anhand des aus der Kommunikationsforschung bekannten "Prisoners Dilemma"-Spiels die Begrifflichkeit von Normen, Sanktionen und Symbolen. Zakharine stellt im Beispiel der körperlichen Konfliktaustragung im Russland der Neuzeit eine Relokalisierung und Remedialisierung von Gewalt fest. Während bei den Bauern eine Kraftkultur der Faust dominiert habe, sei die Fechttradition des Adels an westlichen Ehrvorstellungen orientiert gewesen (S. 256). Unter dem Stichwort "multiple Symbolisierungen" beschreibt Peter Ludes (S. 263-278) die gegenwärtige Internationalisierung und teilweise Trivialisierung von Symbolen. Mit Blick auf einen drohenden Bedeutungsverlust wirbt er für einen "reflektierteren, verständnisvolleren Umgang" mit ihnen (S. 277). In die Antike führt der Aufsatz "Hinrichtung und Martyrium" von Barbara Feichtinger-Zimmermann (S. 281-302), mit dem der historische Beispielteil des Bandes eingeleitet wird. Sie schildert darin, wie die christliche Martyrienliteratur in Anlehnung an das glorifizierte Leiden Jesu die Abschlachtung von Gläubigen durch wilde Tiere in der Arena zu einem siegreichen Kampf gegen das heidnische Spätrom umdeutete.

Wie bereits an anderer Stelle [6] schildert Rolf Reichardt (S. 303-338) die symbolische Überhöhung und Verfälschung des Bastillesturms im Dienste des Bilder- und Mythenbedarfs der Französischen Revolution. Der 14. Juli 1789 ist neben Luthers Thesenanschlag von 1517, der niemals stattfand, einer der großen und unauslöschlichen Mythen der Weltgeschichte. An dem überlieferten Geschehen ist so gut wie nichts wahr, doch durch "alltägliche Banalisierung" (S. 311) floss die heldenhafte Erzählung in das soziale Wissen ein, wurde narrativ verankert und symbolisch vernetzt. Stephanie Kleiner (S. 339-367) beschreibt unter dem Stichwort "Der Kaiser als Ereignis" den Versuch Wilhelms II., sich mit den Wiesbadener Opernfestspielen eine Bühne für medienwirksame Auftritte zu schaffen und damit eine "Synthese von Politik und Ästhetik zu stiften" (S. 341). Thomas Mergel (S. 369-394) untersucht anhand der Redekultur im Reichstag der Weimarer Republik die symbolische Dimension von Sprache. Er unterscheidet mehrere Sprachtypen und weist nach, dass es im Parlament auf dieser Ebene weniger ein "links" und "rechts" als vielmehr ein "innen" und "außen" gab. Mergels Thesen sind ein hinführender Ausschnitt seiner 2002 erschienenen Habilitationsschrift [7]; die dem Sammelband zugrunde liegende Tagung im Rahmen des Konstanzer Forschungskollegs "Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration" fand bereits im Mai 2001 statt.

ln seinem Beitrag zur symbolpolitischen Untermauerung des britischen Empire im 19. und 20. Jahrhundert unterscheidet Jürgen Osterhammel (S. 395-421) zwischen einer horizontalen Integration, die auf die Ausbildung einer "imperial race" abzielte, und der vertikalen Integration zwischen Kolonisierern und Einheimischen. Er umreißt die britische Symbolpolitik als maßvoll, zugleich aber habe sich eine "Symbolik des Widerstandes" entwickelt, die dem "imperial-feudalen Mummenschanz" (S. 415) gegenübergestellt worden sei. Historisch und hoch aktuell zugleich ist der Aufsatz über den islamischen Schleier, in dem Stefan Wild (S. 423-437) das spezifische Konzept islamischer Öffentlichkeit und die dortigen Vorstellungen von Sittsamkeit umreißt. Wild geht zum einen von der Ausgrenzung der muslimischen Frau durch die "gender-Apartheid" (S. 423f.) aus, die zum Teil auch eine "erhebliche Schutzfunktion" (S. 437) haben könne; zum anderen sieht er im "Schleier" selbst eine Chiffre, die nicht nur in verschiedenen islamischen Ländern unterschiedlich praktiziert wird, sondern auch stark von Interpretationen abhängig ist, nicht zuletzt durch die Frauen selbst. So konnte das politisch-religiöse Symbol in der Zeit des Kolonialismus auch zum Zeichen kultureller Autonomie werden. Damit verdeutlicht Wild nicht zuletzt die Wandelbarkeit und Kontextualität von Symbolen.

Insgesamt bietet die Aufsatzreihe "Die Wirklichkeit der Symbole" eine immense Bandbreite von Forschungsfeldern und Ansätzen. Das Buch selbst spiegelt durch seinen interdisziplinären Charakter die Bedeutung des griechischen Begriffs "Symbol" (Zusammenschau), auch wenn durch die definitorischen Unschärfen der Eindruck von Disparität nicht leicht vermeidbar ist. Leichter zu umgehen wäre dagegen wohl ein anderer, im fächerübergreifenden Dialog nicht selten anzutreffender Mangel gewesen. Einige der Autoren bedienen sich einer Fachsprache, die kommunikationsverweigende Tendenzen bis hin zur Unlesbarkeit aufweist. Formal stören eine Vielzahl von Kommafehlern sowie die Unentschiedenheit zwischen alter und neuer Rechtschreibung. Davon abgesehen wird der Band seinem komplexen Thema gerecht, ist zu großen Teilen mit Gewinn zu lesen und dürfte zu weiteren Überlegungen und Forschungen anregen. Auf dem Feld des "animal symbolicum" gibt es noch manches zu bestellen.

Anmerkungen:
[1] Cassirer, Ernst, An Essay on Man. An Introduction to a Philosophy of Culture, New Haven 1972, S. 26.
[2] Goethes Werke [Weimarer Ausgabe]. Hg. i.A. der Großherzogin Sophie von Sachsen. Bd. 49/1, Weimar 1898, S. 142 (Nachträge zu "Philostrats Gemälden", Schriften zur Kunst 1816-1832).
[3] Pross, Harry, Politische Symbolik. Theorie und Praxis der öffentlichen Kommunikation, Stuttgart 1974, S. 14.
[4] Jaspers, Karl, Erwiderung auf Rudolf Bultmanns Antwort, in: Ders., Bultmann, Rudolf. Die Frage der Entmythologisierung, München 1981, S. 127.
[5] Eco, Umberto, Semiotik und Philosophie der Sprache, München 1985, S. 214.
[6] Lüsebrink, Hans-Jürgen; Reichardt, Rolf, Die "Bastille". Zur Symbolgeschichte von Herrschaft und Freiheit, Frankfurt am Main 1990.
[7] Mergel, Thomas, Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag, Düsseldorf 2002, S. 270-294.

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Veröffentlicht am
01.07.2005
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