G. Bavendamm: Spionage und Verrat

Cover
Titel
Spionage und Verrat. Konspirative Kriegserzählungen und französische Innenpolitik, 1914-1917


Autor(en)
Bavendamm, Gundula
Reihe
Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte - Neue Folge 16
Erschienen
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Schmiedl, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

Eine spannende Arbeit zur Geschichte des Ersten Weltkriegs legt die mittlerweile am Deutschen Historischen Museum tätige Historikerin Gundula Bavendamm vor. Entstanden im Rahmen des Forschungsprojekt „Mentalitäts- und Sozialgeschichte Erster Weltkrieg“, verbindet die Freiburger Dissertation diese beiden Aspekte in gelungener Weise.

Inhalt der Studie sind die „konspirativen Kriegserzählungen“. Die Autorin fasst darunter Deutungsmuster von Handlungen und Konstellationen, die einen Spionage- und Verratsverdacht konstruieren. Neben der militärischen Aggression gebe es, so die These der konspirativen Kriegserzählung, einen geheimen Plan, der die innere Aushöhlung der nationalen Widerstandskraft zum Ziel habe. Grundlage war ein wachsender Nationalismus unter den europäischen Staaten und Misstrauen gegenüber jeglichem ausländischem Einfluss, auch bereits lange im Land lebenden Migranten, während der Kriegszeit. Das Herausfinden von „Sündenböcken“, deren Decouvrierung und – mediale oder reale – Verfolgung gewann unter dem Aspekte der nationalen Sicherheit eine zeitweise hohe Plausibilität. Die innenpolitische Situation Frankreichs war seit der Dreyfus-Affäre von einer wachsenden Spannung zwischen der republikanischen Linken und den mit ihr verbundenen Intellektuellen und der konservativen, anti-republikanischen Rechten gekennzeichnet. Seit 1911 recherchierte und publizierte Léon Daudet (1867-1942) in der Tageszeitung „L’Action Française“ gegen angebliche deutsche und jüdische Spionage in Frankreich. Die Wirkung dieser publizistischen Auseinandersetzung auf die französische Innenpolitik zeichnet Bavendamm in ihrer Studie nach. Den Unterschied zwischen Fakt und Fiktion weiß sie dabei jeweils genau zu wahren, ohne dass ihre Studie den Erzählcharakter verliert.

Vier Phasen französischer Innenpolitik und publizistischer Rezeption unterscheidet Bavendamm. In der Latenz-Phase (1914-1915) fanden die französischen Parteien unter dem Begriff der „Union Sacrée“ zusammen. Der gemeinsame Wille zu nationaler Verteidigung fand seine Grenze in der Unterscheidung dessen, was als gefährlich eingestuft wurde. Hier zeichneten sich an den Rändern des politischen Spektrums die radikalsozialistische Zeitung „Bonnet Rouge“ und die rechtsextreme „L’Action Française“ als Protagonisten ab. Spionagevorwürfe, die zu Plünderung deutscher Geschäfte und Ausschreitungen gegen den Maggi-Konzern führten, ließen Nervositäten im Polizeimilieu zu Tage treten und riefen die Politik auf den Plan. Gegen Innenminister Louis-Jean Malvy (1875-1949) richteten sich zunehmend die Angriffe Daudets. Die Radikalisierungsphase (1916) erweiterte die Konspirationsthese um den Verdacht des Vaterlandsverrats gegen Pazifisten. „Der innere Feind im Gewand des Pazifisten verdrängte den fremden Feind im Gewand des Spions von der Bildfläche.“ (S. 339) Hinzu kam die Furcht, die linke Presse könnte durch ausländisches Geld manipuliert werden. Selbst Kleinanzeigen gerieten in Verdacht, geheime Botschaften des ausländischen Feindes zu enthalten. Die dritte, von Bavendamm Instrumentalisierungsphase benannte Kriegsperiode (1917) spielte sich gleichermaßen in den Zeitungen wie im Parlament ab. Streiks und Meutereien ließen die Angst vor einer militärischen Niederlage wachsen. Eine Kampagne der „L’Action Française“ gegen Innenminister Malvy, an der sich auch führende Vertreter der Armee und der am Ende des Jahres als Premierminister reaktivierte Georges Clemenceau beteiligten, führte Ende August 1917 zum Rücktritt Malvys. In einem vor dem Parlament geführten Prozessverfahren wurde Malvy zwar von den konkreten Spionagevorwürfen freigesprochen, doch des Verrats für schuldig erklärt und zu fünf Jahren Verbannung verurteilt.

Bavendamm hat für ihre Studie bisher unbeachtetes Material verarbeitet, das in verschiedenen staatlichen und militärischen französischen Archiven lagert und teilweise erst im letzten Jahrzehnt von russischen Behörden zurückgegeben wurde. Die Aufarbeitung der publizistischen Kontroversen gelang durch eine systematische Auswertung der beteiligten Presseorgane, durch deren ausführliche Zitierung ein lebendiges Zeitgemälde entsteht. Was sich in der Dreyfus-Affäre bereits angedeutet hatte, setzte sich während des Ersten Weltkriegs fort. Jenseits aller inhaltlichen Fundierung hatten die konspirativen Kriegserzählungen eine innenpolitische Funktion. Die über sie transportierten Feindbilder steigerten sich während des Kriegs vom Typ des Spions über den Pazifisten bis zum Vaterlandsverräter. In einzelnen Menschen aus Presse und Politik wurden diese Feindbilder personifiziert und der Öffentlichkeit gegenüber denunziert. Dabei setzten sich Deutungsmuster durch, die aus einem rechten und nationalistischen Spektrum kamen und rassistische Ursprünge nicht verleugnen konnten.

Bavendamms Studie lenkt den Blick auf eine interessante und bislang wenig rezipierte Ebene der Kriegsführung. Neben der militärischen Dimension an den Kriegsfronten und der Beschaffungswirtschaft und Überlebensgesellschaft der Heimatfront kommt ein drittes Moment ins Spiel, das sowohl Militär als auch Zivilisten betraf: der psychologische Aspekt der moralischen Einheit der Bevölkerung. Gundula Bavendamm enthält sich eines Urteils über mögliche kriegsentscheidende Einflüsse der konspirativen Kriegserzählungen. Doch zeigt die parallele deutsche Geschichte, dass die Rückwirkung von Dolchstoßlegenden auf die Politik nicht hoch genug eingeschätzt werden können.

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Veröffentlicht am
16.12.2004
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