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Titel
Alexander the Great and the mystery of the elephant medallions.


Autor(en)
Holt, Frank L.
Reihe
Hellenistic culture and society 44
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 198 S.
Preis
$24.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Müller, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Justus-Liebig-Universität Gießen

Frank L. Holt, Professor für Geschichte an der University of Houston, ist als Spezialist für die Geschichte Baktriens und Indiens zur Zeit der makedonischen Eroberung renommiert [1] und gilt als Vertreter eines gemäßigten Alexanderbildes in Abgrenzung zur apologetischen Heroisierung durch Tarn einerseits und einer von ihm im Verlaufe einer Forschungsdebatte mit Ian Worthington als "new orthodoxy" bezeichneten Richtung andererseits, die Alexander als skrupellosen, größenwahnsinnigen Mörder darstellt.[2]

Seine historisch-numismatische Studie über die Ikonografie einer Gedenkmünze Alexanders mit der symbolischen Darstellung seines Sieges über den indischen König Poros und seine Kampfelefanten, deren Vorarbeiten bereits im Jahr 1984 begonnen hatten, dient auf die bildliche Quelle bezogen dem Nachweis "that these objects constitute a truly extraordinary step in the development of numismatic art. These images [...] are unique" (S. 138). Neben der Analyse des propagandistischen Hintergrundes des Münzbildes, seiner Bestimmung und seiner Adressaten mit dem erklärten Ziel, "resolving the mystery and offering an extraordinary glimpse into the psyche of Alexander the Great" (S. 22), zeigt sich vor allem auch Holts Intention, exemplarisch am Beispiel des Elefantenmedaillons das harte alltägliche Brot der wissenschaftlichen Arbeit der Numismatiker zu schildern, die durch die Auflösung von Münzschätzen und Verkäufe von Einzelobjekten zur Sisyphosaufgabe des Suchens nach den Originalen und der mühsamen Bewahrung von Fragmenten wird (S. 95). Um die Strukturen der numismatischen Forschung auch für Nichtnumismatiker transparent zu gestalten, zeichnet Holt den Weg der wissenschaftlichen Erschließung der Gedenkprägung unter Berufung auf die Kombinationsmethodik eines Sherlock Holmes mit dem Ausschluss aller unzutreffend erscheinenden Hypothesen (S. XI-XIII) von dem Fund über die Publikation bis zu den Datierungen und Analysen durch die historische Forschung sorgfältig nach.

Als einleitendes Kapitel ist eine knappe Skizze der Nachwirkung Alexanders von der Imitatio römischer Feldherren und Kaiser bis zur modernen Vermarktung als Filmheld und Touristenattraktion vorangestellt, der ein Abriss der historischen Laufbahn des Makedonenkönigs von seiner Thronbesteigung im Jahre 336 bis zu seinem Tod in Babylon 323 v.Chr. folgt. Die komplexe Form des Überblicks, in den auch die Betrachtung von Alexanders soziologisch-kulturellem Hintergrund integriert ist, führt indes zu einiger Plakativität der Darstellung, wenn beispielsweise die Thronbesteigung mit einem Bühnenauftritt verglichen[3], ein in der Forschung umstrittenes und wohl der Mythisierung zuzurechnendes Element der Alexandergeschichte wie das Lösen des Gordischen Knotens in die Schilderung der Kriegsrealien nahtlos eingefügt oder eine handfeste politische Maßnahme der Herrschaftskonsolidierung nach dem problematischen Indienzug in Gestalt der Satrapenhinrichtungen mit hohem Abschreckungspotential als Symptom eines "mental and physical breakdown" infolge der Strapazen des Indienzuges und des Rückweges durch die Gedrosische Wüste klassifiziert wird.[4]

Die Kapitel zwei bis fünf sind der schrittweisen Aufschlüsselung der Rezeption des Münzbildes in der wissenschaftlichen Welt gewidmet, "a numismatic tour de force" (S. 125), die Holt mit einer detaillierten Schilderung des Münzschatzfundes am Oxos, aus dem das erste bekannte Exemplar stammte, sowie prosopografischen Studien zu den Gelehrten beginnt, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Pionierarbeit mit der Münze beschäftigten, sie publizierten und den dargestellten Krieger mit Helm und Blitzbündel bereits als Alexander den Großen identifizierten. Anschaulich bettet Holt die Schilderung der Erkenntnisse der Forscher in den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts ein und zeigt dabei auch die Entwicklung der Numismatik und die Erweiterung ihrer wissenschaftlichen Fragestellungen auf, konform mit der von Norman Bryson betonten Notwendigkeit, "to use context not as a legislative idea but as one that will help us to locate ourselves".[5]

Von den verschiedenen Datierungen und Lokalisierungen der Prägung sowie der Publikation weiterer Exemplare des Münztyps, den Interpretationsansätzen bezüglich der Ikonografie sowie der Diskrepanz zwischen der bildlichen Darstellung der Porosschlacht auf der Münze und der literarischen Überlieferung verfolgt Holt minuziös die Stationen der Erforschung des historischen Dokuments im Verlaufe des 20. Jahrhunderts bis zum aktuellen Stand. Dabei setzt er sich kritisch mit den Forschungsthesen auseinander und demonstriert anhand ihrer Variationsbreite überzeugend, in welchem Maße das Alexanderbild im Speziellen und das Geschichtsbild im Allgemeinen von zeitgenössischen Perspektiven und subjektiven Einschätzungen geprägt ist: "Truth [...] seems to lie in the eye of the beholder. Looking at the very same medallic coins, Price perceived a message of concord and community, while Bosworth read from them an imperial directive of ruthless intimidation." (S. 110)

Im sechsten Kapitel widmet sich Holt auf der Basis der aufgezeigten Entwicklung der Forschungsdiskussion um das Münzbild anhand seiner Ikonografie der Intention, "to reach reliable conclusions about Alexander’s reign" (S. 117). In der Behandlung der Münze mit dem makedonischen Krieger auf der Rückseite, ausgerüstet mit Sarissa und Blitzbündel, dessen Helm von einer Nike mit einem Kranz bekrönt wird, und einer Schlachtszene eines makedonischen Kavalleristen mit einem indischen Elefantenreiter auf der Vorderseite, bestätigt Holt die schon im 19. Jahrhundert aufgestellte These, dass es sich um eine "symbolische Repräsentation" des Alexandersieges über Poros handele, eine Metapher des Schlachtengewinns. Im Vergleich zu der Hauptszene des Alexandermosaiks der Casa del Fauno in Pompeji mit der Trias aus angreifendem Makedonenkönig, Dareios und dem an seiner Stelle fallenden Perser stellt Holt heraus, dass diese Darstellung, die ihr Äquivalent auf dem Münzbild finde, in dem Alexanders Waffe statt Poros einen seiner Krieger treffe, zur offiziellen Ikonografie seiner Kriegsdarstellungen gehöre (S. 130ff.).

Die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, die bewusste, bildlich thematisierte Schonung des Gegners impliziere die Bewahrung seiner Ehre (S. 133), wirkt in Anbetracht der Analyse der Zweckbestimmung der Münzen als "special issue for veterans of the Indian campaign" (S. 147), als Belohnung für militärische Leistungen, wenig plausibel, wenn man die feindselige und oft verächtliche Haltung der Makedonen gegenüber ihren fremdländischen Kriegsgegnern bedenkt, und ist vielleicht mit einem Hinweis auf den realhistorischen Ausgang der Schlacht am Hydaspes, die Poros überlebte und sein Königtum als Verbündeter Alexanders behielt, zu kontrastieren.[6] Die von Holt attestierte geografisch sehr begrenzte Zirkulation der Münzen (S. 140) spricht zudem nicht dafür, dass sie sich mit einer ehrenvollen Repräsentation des indischen Königs an dessen Volk als Alexanders neue Untertanen richtete.

Gleichermaßen muss Holts aus der Ikonografie des Münzbildes abgeleitete Deutung des Alexandermosaiks als Teil der offiziellen Heroisierung Alexanders, in Abgrenzung zu Badians einnehmender Analyse einer bewusst unheroischen Darstellung des Königs[7], strittig bleiben, wenn man sich den Auftraggeber des Originalgemäldes von Philoxenos von Eretria in Erinnerung ruft: Kassander, der in einer bewussten Distanzierung von Alexanders Politik durchaus Interesse an einer ambivalenten Lesart mit einer negativen Komponente Interesse haben konnte und - Wirths sehr überzeugender These zufolge - zum Zweck des eigenen politischen Profits das Gerücht über den von der eigenen Familie initiierten Giftmord an Alexander selbst in die Welt gesetzt hatte.[8] Das Blitzbündel in Alexanders Hand, Attribut des Zeus, als Symbol seiner Herrschaft über die Mächte der Natur und damit seiner Stellung als isotheos zu deuten (S. 153-161), mag sich infolge des tradierten literarischen Bildes eines Alexanders, der in seinen letzten Jahren in zunehmender Megalomanie nach göttlichen Ehren gestrebt habe, aufdrängen, muss aber wohl als Stilmittel der übersteigerten Alexandertopik selbst gelten. Ein traditionelles ikonografisches Element der Herrschaftsrepräsentation des makedonischen Königshauses mit der Symbolik der Heraklidennachfolge wie jenes Blitzbündel, das Apelles schon in dem Porträt Alexanders als Zeus anwandte[9], sollte vielleicht nicht überinterpretiert werden.

Zu klären bleibt auch, inwieweit Alexander die zahlreichen Rückschläge des Indienzuges mit der Münze als Propagandamedium zu retuschieren suchte, ergaben doch der nur mühsame Sieg gegen Poros, die kollektive Verweigerung der Gefolgschaft durch Heeresmasse und Offiziere am Hyphasis, gefolgt von dem Motivations- und Disziplinmangel der Soldaten, der zu dem Debakel und der schweren Verletzung Alexanders in der Mallerstadt führte, und schließlich das Desaster des Zuges durch die Gedrosische Wüste eine Kette von Misserfolgen, die den Ruf der Unbesiegbarkeit des Königs und seine darauf fundierte Autorität stark in Mitleidenschaft zogen.[10] "Alexander met these obstacles brilliantly and triumphed with his ego and genius unscathed" (S. 163), ist daher eine Beschreibung, die anhand der Quellenaussagen, selbst der kaschierenden Variante des Ptolemaios, wenig nachzuvollziehen ist.

In summa beleuchtet Holts Studie der "very special and reserved series of commemoratives" (S. 141) der Schlacht Alexanders gegen Poros anschaulich und erhellend die Entwicklung und die Fragestellungen der numismatischen Forschung anhand eines prominenten Fallbeispiels und thematisiert mit diesem Ausgangspunkt Probleme der Geschichtsschreibung an sich, die klar und schlüssig auf den Punkt gebracht werden: "History always to one degree or another betrays in its mirror the presence and preoccupations of the historian and the times." (S. 115) Die exemplarische Darlegung dieser Grunderkenntnis anhand der Ikonografie eines Paradebeispiels für ideologische und politische Tendenzen in der historischen Darstellung macht Holts Abhandlung so wichtig.

Anmerkungen:
[1] Holt, F. L., Alexander the Great and Bactria. The formation of a Greek frontier in Central Asia (Mnemosyne 104), Leiden 1988; Thundering Zeus. The making of Hellenistic Bactria, Berkeley 1999. Exemplarisch sind die Aufsätze zu nennen: The Euthydemid coinage of Bactria. Further hoard evidence from Ai Khanoum, Revue Numismatique 23 (1981), S. 7-44; The Hyphasis "mutiny". A source study, The Ancient World 5 (1982), S. 33-59; Alexander’s settlements in Central Asia, Ancient Macedonia 4 (1986), S. 315-323; Hellenistic Bactria. Beyond the mirage, The Ancient world 15 (1987), S. 3-15; Spitamenes against Alexander, Historikogeographica 4 (1994), S. 51-58.
[2] Holt, F. L., Alexander the Great today. In the interests of historical accuracy?, The Ancient History Bulletin 13 (1999), S. 111-117; The death of Coinus. Another study in method, The Ancient History Bulletin 14 (2000), S. 49-55; zur Forschungsdebatte um die Tendenzen der Beurteilung Alexanders vgl. Worthington, I., How "great" was Alexander?, The Ancient History Bulletin 13 (1999), S. 39-55; Alexander and the interests of historical accuracy. A reply, The Ancient History Bulletin 13 (1999), S. 136-140.
[3] "Alexander emerged upon the world stage, it might have seemed, from the smoke and mirrors of a magician’s trick" (S. 6f.). In Holts Schilderung des letzten Jahres in Alexanders Leben scheinen sich zudem chronologische Unstimmigkeiten zu mischen, wenn die Hochzeitszeremonie in Susa (Frühjahr 324) und die Meuterei von Opis (Sommer 324) nach Hephaistions Tod angesetzt werden, der jedoch im Spätsommer/Herbst 324 in Ekbatana starb.
[4] Zu Alexanders Maßnahmen nach dem problematischen Indienzug, seinen durch die lange Abwesenheit bedingten Autoritätsverlust im Reich entgegenzuwirken, der sich in Amtsmissbrauch, Amtsanmaßung und teilweise offener Rebellion geäußert hatte, vgl. Müller, S., Maßnahmen der Herrschaftssicherung gegenüber der makedonischen Opposition bei Alexander dem Großen, Frankfurt am Main 2003, S. 194-208.
[5] Bryson, N., Art in context, in: Cohen, R. (Hg.), Studies in historical change, Charlottesville 1992, S. 18-42, bes. S. 40.
[6] Vgl. Plut. Alex. 60,8; Arr. Anab. 5,19,2-3; Diod. 17,89,6; Curt. 8,14,40-46; Just. 12,8,7-8.
[7] Vgl. Badian, E., A note on the Alexander Mosaic, in: Tirchener, F. B.; Moorton Jr., R. F. (Hgg.), The eye expanded. Life and the arts in Greco-Roman antiquity, Berkeley 1999, S. 75-92.
[8] Vgl. Wirth, G., Alexander in der zweiten Generation. Sprachregelung und Konstruktion eines Bildes, in: Verdin, H. u.a. (Hgg.), Purposes of history, Leuven 1990, S. 203-211, bes. 211.
[9] Vgl. Plut. mor. 335 A; Plut. Alex. 4,2.
[10] Vgl. Plut. Alex. 62,1; 68,2-3. Siehe auch die Analysen von Bosworth, A. B., The Indian satrapies under Alexander the Great, in: Worthington, I. (Hg.), Alexander the Great. A Reader, London 2003, S. 170-177, bes. S. 174f.; Bosworth, A. B., The legacy of Alexander the Great. Politics, warfare and propaganda under the successors, Oxford 2002, S. 1-2; Narain, A. K., Alexander and India, Greece & Rome 12 (1965), S. 155-165, bes. S. 162.

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08.11.2004
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