Cover
Titel
Abwanderung aus Ostdeutschland. Strukturen und Milieus der Altersselektivität und ihre regionalpolitische Bedeutung


Autor(en)
Mai, Ralf
Reihe
Europäische Hochschulschriften 22, 394
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
257 S.
Preis
€ 45,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Roesler, Leibniz-Sozietät Berlin

Man wird sich daran gewöhnen müssen: Der von der deutschen Geschichtsschreibung zu behandelnde Zeitraum reicht inzwischen über Mauerfall und Wiederherstellung der Einheit, die jahrelang als ihr letztlich doch positiver Abschluss figurierten, hinaus – um anderthalb Jahrzehnte. Nicht nur die politische Geschichte weist für die Zeit danach erkennbare und interpretierbare Strukturen und Entwicklungen auf, denen der Zeithistoriker nachgehen sollte, sondern auch die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Als Bestandteil der letzteren könnte man die Bevölkerungsgeschichte einordnen. Um die geht es im vorliegenden Band. Nur auf den ersten Blick steht ein regionales Problem, die Abwanderung junger Jahrgänge aus Ostdeutschland, im Mittelpunkt. Tatsächlich handelt es sich um ein gesamtdeutsches Problem, wie der Autor immer wieder nachweist. Nicht nur, dass die Abwanderung junger, qualifizierter Menschen den westdeutschen Regionen zugute kommt. Die Emigration der demografischen Hoffnungsträger aus ostdeutschen Regionen in beträchtlichem Ausmaß macht sie zu einem limitierenden Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung, führt zu einem weiteren Abstieg der Region und lässt sie auf Transferleistungen aus dem Westen angewiesen bleiben. Eine im November 2004 veröffentlichte Studie der „Deutschen Bank Research“ über Ostdeutschland begründete ihren Kernsatz vor allem demografisch: „Die Idee der Angleichung der Lebensverhältnisse wird eine Illusion bleiben.“

Vorauszusehen waren Ausmaß und Kontinuität der Abwanderung keineswegs. Zwar verlor die (Ex-)DDR 1989 und 1990 jeweils fast 400.000 Menschen (verlässliche Daten darüber gibt es nach Mai nicht), jedoch pendelten sich ab 1993 die Abwanderungszahlen bei ca. 160.000 bis 170.000 pro Jahr ein. Zugleich stieg die Zahl der Zuwanderer aus dem Westen, die 1992 erstmals die 100.000er-Grenze überschritten hatte, langsam, aber stetig an, so dass schließlich 1997 fast der Ausgleich erreicht war. Seitdem hat sich die Schere bei etwa gleich bleibender Abwanderung und deutlich nachlassender Zuwanderung wieder zu Ungunsten Ostdeutschlands geöffnet, dessen negatives Migrationssaldo erneut deutlich ansteigt.

Der während der gesamten 1990er-Jahre zu beobachtende Bevölkerungsschwund in den neuen Bundesländern speist sich noch aus einer anderen Quelle: dem Geburtenrückgang und dem daraus resultierenden Sterbeüberschuss. Zwei für den Erhalt einer gewissen Bevölkerungsdichte als demografische Bedingungen für den immer wieder beschworenen selbst tragenden Aufschwung negativ wirkende Momente treffen in Ostdeutschland also zusammen. Als ob es damit nicht genug wäre, kommt noch ein drittes verstärkendes Moment hinzu: Die Abwandernden sind vor allem junge Leute, überproportional junge Frauen. Sie schmälern die Bevölkerungsbilanz nicht allein durch ihren Wegzug, sondern auch dadurch, dass sie zukünftige Geburten der Region gewissermaßen mit sich nehmen. Es handelt sich also um einen sich selbst verstärkenden Prozess der Entleerung des Ostens.

Nun wäre Mai kein echter Demograf, wenn er die feinteiligere räumliche Dimension außer Acht ließe. Er hat die geschilderte Entwicklung nicht nur auf der Ebene der Neuen Bundesländer akribisch untersucht und dargestellt, sondern sie bis auf die Regierungsbezirks- und teilweise Kreisebene heruntergebrochen. Dabei sind natürlich bezüglich Pro-Kopf-Erzeugung und Arbeitslosenquote erhebliche Unterschiede erkennbar. Mecklenburg-Vorpommern (die Gebiete südlich der Ostseeküste) weist die ungünstigsten, das sächsisch-thüringische Mittelgebirgsvorland die besten Werte auf. Entscheidend ist aber ein anderes regionales Entwicklungsverhältnis: Ein 1998 vorgenommener EU-Vergleich des Bruttoinlandsproduktes ergab, dass Leipzig als stärkster ostdeutscher Regierungsbezirk nicht einmal den schlechtesten westdeutschen Bezirk Lüneburg seit der Wende ein- oder überholen konnte. Das hat zur Folge, dass die entscheidende Abwanderung nicht innerhalb Ostdeutschlands, etwa zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen/Thüringen, sondern zwischen den neuen und den alten Bundesländern stattfindet. Jedenfalls, soweit es die jungen Leute betrifft, die ihre Wanderungsziele am Beschäftigungs- und dem Lohngefälle innerhalb Deutschlands ausrichten.

Was kann gegen das „Ausbluten“ Ostdeutschlands getan werden? Die endogenen Entwicklungspotentiale nutzen schlägt Mai vor; vor allem auf die Ausstattung und Innovationsfähigkeit des Humankapitals orientieren; auf neue Technologien und Branchen setzen. Das klingt alles wenig überzeugend, wenn man bedenkt, dass es ja gerade das entwicklungsträchtige „Humankapital“ ist, das Ostdeutschland verlässt. In Leipzig, Jena, Erfurt, Potsdam oder Dresden, Regionen mit einer vergleichsweise günstigen sozioökonomischen Struktur, hohen Steuereinnahmen, einem traditionell guten Humankapitalbestand und einer während der 1990er-Jahre moderaten Abwanderungsrate könnte dieses Rezept noch anschlagen. Ostdeutsche Grenzräume in der Nähe westdeutscher Städte bzw. Westberlins, im Berliner „Speckgürtel“ sowie in Thüringen und Südwestsachsen seien – so Mai – ebenfalls fürs Bleiben attraktiv – wenn auch nicht als Arbeits-, so doch als Wohnstandorte. In allen anderen Gebieten sei statt Annäherung an das westdeutsche Niveau eher ein weiterer Abfall, statt Konvergenz eher Divergenz zu erwarten.

Der Autor bemüht sich zwar immer wieder, seinem Pessimismus hinsichtlich der Entwicklung Ostdeutschlands Zügel anzulegen. Jedoch sind seine Analysen des Zusammenhangs zwischen Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Sozialentwicklung so exakt und nachvollziehbar, dass beim Leser keine Zweifel an der Richtigkeit von Mais mehrfach geäußerten Schlussfolgerungen aufkommen können. Demnach waren die 1990er-Jahre die Schicksalsjahre für die Entwicklung Ostdeutschlands. Es gab Momente der Hoffnung (Mitte der 1990er-Jahre), aber auch der erneuten Irritation und Resignation (ab etwa 1998).

In einigen Grafiken stellt Mai die Entwicklung der Wanderung zwischen Ost- und Westdeutschland über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten dar, d.h. einschließlich der meist als Flucht bezeichneten Abwanderung von der DDR in die BRD über die Berliner Sektorengrenze vor 1961. Kommentiert werden diese Gesamtdarstellungen nicht. Ein Vergleich wäre aber durchaus berechtigt, denn nachweislich richtete sich die Mehrheit der damaligen Wanderungen nicht am zivilgesellschaftlichen Gefälle (im Osten Diktatur, im Westen Demokratie) aus, sondern Pull- bzw. Pushfaktoren waren in erster Linie die Lohn- und damit Wohlstandsdifferenz und in zweiter Linie das Beschäftigungsgefälle. Die im Laufe der 1950er-Jahre zunehmenden Lohn- und Wohlstandsunterschiede trieben vor allem die Ost-West-Wanderung an; die bis Mitte der 1950er-Jahre deutlich höhere Arbeitslosigkeit im Westen bestimmte Ausmaß und Tempo der Gegenbewegung. Anders ausgedrückt, bis 1961 funktionierte der gesamtdeutsche Arbeitsmarkt noch, seit 1990 funktioniert er wieder – beide Male zuungunsten des Ostens.

Aus der Sicht des DDR-Historikers, dem die deutsch-deutschen Wanderungen vor 1961 vertraut sind, ergeben sich zwei Fragen an ein Buch, das denen der Migration in den 1990er-Jahre gewidmet ist.

Erstens waren in den 1950er-Jahren zwei Drittel der West-Ost-Wanderer Rückwanderer. Es bleibt bei Mai offen, inwieweit die West-Ost-Wanderung in den 1990er-Jahren eine Rückwanderung war, z.B. von Beteiligten an der ersten Abwanderungswelle (1989/90). Bei seinen Überlegungen, wie man im Osten ein akzeptables Bevölkerungsniveau halten kann, spielen Rückwanderer keine Rolle.

Zweitens hat in den 1950er-Jahren die höhere Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik bis Mitte dieses Jahrzehnts einen dämpfenden Einfluss auf die Ost-West-Wanderung gehabt. Höhere Arbeitslosigkeit im Westen (durch Verlagerung von Produktionsstätten nach Osteuropa) und (Fach-)Arbeitskräfteverknappung im Osten könnten das deutsch-deutsche Beschäftigungsgefälle vermindern und damit auch die Ost-West-Wanderung. Das wäre zumindest eine Überlegung wert. Mai geht ihr nicht nach.

Für Historiker ist Mais Buch unter zwei Gesichtspunkten interessant: Erstens sollte die deutsche Zeitgeschichte der 1990er-Jahre nicht ohne die Verwerfungen in der Bevölkerungsentwicklung dieses Jahrzehnts aufgearbeitet werden. Zweitens dürfte der Vergleich deutsch-deutscher Wanderungen der 1950er und 1990er-Jahre die Erforschung der Geschichte der beiden bisher umfangreichsten innerdeutschen Migrationen befruchten.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.02.2005
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag