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Titel
Kolonialismus. Kolonialdiskurs und Genozid


Herausgeber
Dabag, Mihran; Gründer, Horst; Ketelsen, Uwe-K.
Reihe
Genozid und Gedächtnis
Erschienen
Paderborn 2004: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
278 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Podranski, Münster

Europäische Kolonialpolitik war Gewaltpolitik. Während diese Feststellung in nahezu sämtlichen Untersuchungen zur Geschichte der europäischen Expansion zumindest implizit getroffen wird, bleiben die Ursachen kolonialer Gewalt, ihre Strukturen sowie die spezifischen Motivationen und Intentionen oftmals weitgehend unhinterfragt. Der vorliegende, in der Reihe „Genozid und Gedächtnis“ erschienene, Band „Kolonialismus. Kolonialdiskurs und Genozid“ lenkt nun den Blick explizit auf strukturelle, motivationale und legitimatorische Aspekte kolonialer Gewaltpolitik. Unter Einbeziehung strukturanalytischer und sozialgeschichtlicher Herangehensweisen sowie insbesondere diskurs- und textanalytischer Ansätze fokussieren die Autoren die Gesellschaften und das gesellschaftlich akzeptierte Wissen der Kolonialnationen. Den Mittelpunkt nimmt dabei die Frage nach „kolonialen Diskursen“, ihrer Entstehung und ihrer Einbettung in nationale Diskurse sowie ihrer gewaltgenerierenden Potentiale ein. Welche politischen Strategien lagen der Kolonialpolitik zugrunde? Welche Rolle spielten Definitionen des „Eigenen“ und des „Fremden“? War Gewalt gegen die eroberten Völker implizit oder explizit Bestandteil des kolonialen Programmes?

Einer derartigen Herangehensweise liegt der Gedanke zugrunde, dass sich Gewalt im kolonialen Raum nicht – wie häufig von der Historiographie postuliert – vor allem oder einzig aus den jeweiligen lokalen Gegebenheiten und Vor-Ort-Konflikten erklären läßt oder zwangsläufig „aus dem spezifischen Herrschaftsverhältnis von zivilisiert-technisiert und unzivilisiert-unterworfen“ (S. 9) resultiert. Koloniale Gewalt, so die Herausgeber in der Einleitung, muss vielmehr entwickelt, geplant und legitimiert werden. Sie hat multikausale Ursachen, dabei aber einen gemeinsamen Verbindungungspunkt: einen Konsens innerhalb der „Tätergesellschaft“ über die zu erreichenden prioritären Ziele und die daraus erfolgende Legitimation gewaltsamer Mittel zur Erreichung derselben.

Der im Kontext eines von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Forschungsprojektes des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum konzipierte Sammelband ist zweiteilig: Der erste, vier Beiträge umfassende Teil möchte Kategorien zur systematischen Differenzierung und Analyse kolonialer Gewalt entwickeln und bereitstellen. Mihran Dabag legt dabei den Schwerpunkt auf die Rolle der Kolonialpolitik für die nationale Identitätsbildung. Am Beispiel des wilhelminischen Deutschlands weist er dezidiert nach, dass der „[...] kolonialpolitische Diskurs in untrennbarem Zusammenhang mit der Konstruktion der deutschen nationalen Gemeinschaft zu sehen [ist ].“ (S. 57) Koloniale Expansion zur Vollendung der anvisierten Weltmachtstellung, Stärkung des Volkskörpers durch Bewährung im kolonialen Raum und Ausbildung einer neuen homogenen deutschen Identität bildeten den massenwirksamen Konsens, auf dem etwa die Vernichtung der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika erst denkbar wurde.

Uwe-K. Ketelsen behandelt in seinem Beitrag das „narrative Konzept“ Kolonie. Dabei stellt er literarische Texte über Kolonien der (deutschen) Literatur über den europäischen Osten gegenüber. Sein überraschendes Fazit ist, dass die imaginierten Bilder dieser Räume fast beliebig austauschbar sind, sich demnach nicht nach den lokalen Gegegenheiten, sondern vielmehr nach den diskursiven Regeln der Wahrheitsproduktion und den eigenen Wunschvorstellungen richten. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Bewährungsraum prägt also weit mehr die Wahrnehmung als es umgekehrt der Fall wäre.

Die beiden vorgestellten Kategorien werden noch um die Kategorien der „Gewalt“ (Michael Mann) und des „Raumes“ (Alexander Honold) ergänzt. Während Mann unter Berücksichtigung des britischen Gefängnissystems in der indischen Kronkolonie die „Machtstrukturen des modernen Kolonialismus [...]“ (S. 118) als Gewaltdispositiv sichtbar macht, ergründet Honold die zeitgenössischen Vorstellungen vom „kolonialen Raum“. Folgt man ihm, liegt dem Hochimperialismus der Raumgedanke als Hauptantrieb zugrunde. Hierbei hebt er jedoch hervor, dass der erstrebte Ausbreitungsraum für das „Volk ohne Raum“ nur in einem „Raum ohne Volk“ seine Erfüllung finden konnte. Die indigene Bevölkerung war somit nur schwer in die eigene Zielsetzung zu integrieren, deren Dezimierung, Vertreibung oder Ausbeutung also dem kolonialen Gedanken schon inhärent.

Von diesen Grundüberlegungen und Hilfestellungen zur Systematisierung „kolonialer Gewalt“ unterscheidet sich der zweite Teil des Bandes insofern, da hier in sechs Einzelfallstudien konkrete historische Ereignisse unter Zugrundelegung eines interdisziplinären Methodenrahmens untersucht werden.

Der umfangreichste Beitrag ist derjenige von Medardus Brehl. Er legt überzeugend dar, dass einerseits bereits vor dem Genozid in Deutsch-Südwestafrika in der deutschen Kolonialliteratur Legitimitationsmuster für Gewalt und zwar auch vernichtende Gewalt virulent waren und andererseits diese auch in die Konzeptionen des Kolonialkriegs und die Haager Landkriegsordnung hineinwirkten. Hierbei gelingt es ihm, die angewandten Exklusionstechniken und ihre Entwicklung innerhalb der deutschen Ideen- und Diskursgeschichte bis zur Zeit der Aufklärung nachzuweisen. Ergänzend dazu kann der Beitrag von Jan Böttger herangezogen werden, der sich ebenfalls mit der zeitgenössischen Bewertung der Vernichtungspolitik in Deutsch-Südwestafrika beschäftigt und aufzeigt, dass zur Erreichung der postulierten Ziele – die Sicherung der deutschen Stellung und Identität – die Majorität der Bevölkerung durchaus das gewaltsame Vorgehen akzeptierte.

Sabine Hofmann legt in ihrem Beitrag den Schwerpunkt auf einen (theoretischen) Nachweis der Entstehung kolonialer Diskurse sowie einer diskursiven Konstruktion kolonialer Wirklichkeit. Am Beispiel der Wahrnehmung der Kariben durch die französischen Neusiedler im 17. Jahrhundert macht sie deutlich, dass diskursive Praktiken und zeitgenössisches Wissen über „den Wilden“ der kolonialen Wirklichkeit vorgängig waren, wobei sie insbesondere das Dreiecksverhältnis zwischen kolonisierenden Franzosen und Spaniern und kolonisierten Kariben berücksichtigt.

Die Genese einer „Dämonisierung“ indigener Bevölkerungsgruppen durch die „Kolonialherren“ wird von Christoph Marx anhand des Beispieles der südafrikanischen Xhosa thematisiert. Deren Charakterisierung wandelte sich – nicht zuletzt durch kulturelle Missverständnisse und den daraus resultierenden feindlichen Auseinandersetzungen - innerhalb von wenigen Jahrzehnten vom „edlen Wilden“ zum „unbelehrbaren Barbaren“, der vernichtet werden müsse.

Zwei weitere Beiträge fokussieren die Rolle der kirchlichen Mission und deren Eingebundenheit in die Eroberungspolitik. Horst Gründers Ziel besteht dabei darin, das Scheitern der friedlichen Mission in China und die daraus folgende enge Symbiose zwischen „Kreuz und Schwert“ aufzuzeigen. Leonhard Hardings Beitrag thematisiert am Beispiel des Genozids in Ruanda im Jahr 1994 post-koloniale Gewalt und fragt nach ihren Ursprügen in kolonialen Diskursen. Anhand einer Skizze der deutschen und belgischen Schulpolitik in Ruanda und insbesondere des dort vermittelten Geschichts- und Gesellschaftsbildes gelingt ihm der Nachweis, dass das nicht zuletzt von den Missionsschulen gelehrte Geschichtsbild Warnehmungen, Herrschaftswissen, Herrschaftsstrukturen, soziale Positionierungen wie auch ethnische Polarisierungen prägte, ohne die der Völkermord von 1994 kaum denkbar wäre. Koloniale Konstruktionen afrikanischer Wirklichkeit wirkten also im post-kolonialen Afrika nach und blieben gültig bzw. konnten in bestimmten Situationen re-aktualisiert werden.

Insgesamt zeichnen sich die Beiträge des Bandes durch eine spezifische interdisziplinäre Herangehensweise wie auch durch die Konzentration der Analysen auf motivationale und institutionelle Entscheidungszusammenhänge aus. Der stark theoriegeleitete Ansatz, der für einen ausschließlich am „Ereignis“ orientierten Kolonialhistoriker womöglich gewöhnungsbedürfig sein mag, bietet den Vorteil, den Rahmen allgemeiner oder phänomenhafter Globalerklärungen zu verlassen. Nicht mehr nur das „wie?“ und das „worum?“ von kolonialer Gewalt stehen im Mittelpunkt, vielmehr erhält das „warum?“, die Frage nach Motivationen und Legitimationen sowie nach der Eingebundenheit kolonialer Gewalt in soziale und kulturelle Kontexte die angemessene Aufmerksamkeit.

Nutzen und Probleme der diskursanalytischen Methode für die Geschichtswissenschaft wurden seit den 1980er Jahren immer wieder erörtert. Für diesen Band bleibt festzuhalten, dass die hier vorgestellten Überlegungen zur Kolonialgeschichte und zu kolonialer Gewalt – ungeachtet der in einem Sammelband kaum zu verhindernden qualitativen Unterschiede der einzelnen Beiträge – neue Perspektiven eröffnen. Es gelingt nicht nur das Aufwerfen zahlreicher neuer Fragestellungen, auch deren Beantwortung weiß zu beeindrucken.

Dem Versuch, die Gewalt im kolonialen Kontext weder aus der Begrenztheit der kolonialen Situation noch aus der Gesamtbetrachtung einer Gewalt im prämodernen Kontext, sondern als Politik spezifischer gesellschaftlicher Transformationen zu lesen, kommt nicht zuletzt bei der Erörterung von Bürgerkriegen und Genoziden im modernen Afrika (Sudan, Ruanda) besondere Aktualität zu, wenn es gilt die vorherrschenden Deutungsmuster traditioneller oder vormoderner Gewalt (Stammeskriege) zu überwinden.

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13.01.2005
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