W. Schwanitz (Hg.): Deutschland und der Mittlere Osten

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Titel
Deutschland und der Mittlere Osten.


Herausgeber
Schwanitz, Wolfgang
Reihe
Comparativ: Leipziger Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsforschung 14 (2004) 1
Erschienen
Anzahl Seiten
186 S.
Preis
€ 8,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Ulrich Seidt, Auswärtiges Amt, Berlin

Der Mittlere Osten erweist sich als die weltpolitische Schlüsselregion des 21. Jahrhunderts. Zwischen Kairo und Kaschmir, zwischen Aden und Astrachan konzentrieren sich die religiös-ideologischen Auseinandersetzungen und ökonomischen Ressourcen, die künftig über das gemeinsame Schicksal von Orient und Okzident entscheiden werden.

Deutschland kann die aktuellen Probleme dieser Region weder verdrängen noch ignorieren, sie werden auf absehbare Zeit an der Spitze der internationalen Tagesordnung stehen. Auch aus diesem Grund kann der hier vorzustellende Sammelband mit Aufmerksamkeit und Interesse einer breiteren Öffentlichkeit rechnen. Die Einzelbeiträge ergeben nicht nur ein Gesamtbild deutscher Orientpolitik zwischen Kaiserreich und Drittem Reich, sondern führen dem Betrachter auch vor Augen, in welchem Umfang die heutigen territorialen Krisenherde und ideologischen Flächenbrände des Mittleren Ostens in einer Zeit entzündet wurden, in der raumfremde europäische Mächte erstmals die Region durchdrangen.

Wolfgang G. Schwanitz, der Herausgeber, umreisst in seiner Einleitung die charakteristischen Merkmale der deutschen Orientpolitik vor 1914. Zunächst zeigte Berlin das typische Verhalten eines "late comers", also Anpassung an vorgegebene Verhaltensweisen verbunden mit dem Bemühen, den status quo behutsam, dann aber immer energischer zugunsten eigener Interessen zu verändern. Gleichzeitig war die Orientpolitik des Reiches stets den Beziehungen zu den anderen, älteren Großmächten nachgeordnet: Das politische Verhältnis zu London, Paris, Wien und St. Petersburg hatte Vorrang vor orientalischen Abenteuern. Berlin versuchte in erster Linie, seinen Handlungsspielraum zwischen den anderen Mächten als Mittler zu nutzen. Ziel war die Stabilisierung des Osmanischen Reiches, das im Zuge einer "pénétration pacifique" zum bevorzugten Absatzmarkt, Rohstofflieferanten und militärischen Juniorpartner des Deutschen Reiches werden sollte.

In den Jahren vor 1914, und hier könnte genauer formuliert werden: seit der Aufteilung des Iran in britische und russische Einflusssphären und der Machtübernahme der Jungtürken, wurde der Großraum zwischen Balkan und Golfregion schließlich zum vorrangigen Krisengebiet. Durch seine militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Konstantinopel, vor allem aber durch den Bau der Bagdad-Bahn, geriet Deutschland in eine höchst gefährliche Mittellage zwischen Empire und Zarenreich, bis schließlich der "aufsteigende Halbmond" (Ernst Jäckh) im Weltkrieg düstere Schatten warf. Zu Recht weist Schwanitz darauf hin, dass seit 1914 ein besonders gefährliches Instrument das Arsenal deutscher Orientpolitik ergänzte: die Aufwiegelung der islamischen Welt. Der Diplomat, Archäologe und Orientexperte Max von Oppenheim entwarf in den ersten Kriegsmonaten jenen großen Plan, der noch während des 2. Weltkrieges Männer wie Franz von Papen oder Fritz Grobba inspirierte. Ihr Ziel war die Destabilisierung des britischen Weltreiches, ihr Instrument der islamische Aufstand gegen die angelsächsische Weltmacht.

Dabei wird Franz von Papens Rolle als deutscher Türkeibotschafter in den Jahren 1939 bis 1944 von Karl Heinz Roth anschaulich beschrieben. Diese Episode im Leben Papens wurde bisher in der historischen Forschung kaum erörtert, dabei erschließt gerade sie die personelle und geistige Kontinuität deutscher Orientpolitik in und zwischen den Weltkriegen. Papen, der als junger Stabsoffizier die deutsch-türkischen Operationen an der Palästinafront 1917/18 miterlebt und mitgestaltet hatte, sah sich in Ankara nicht primär als Botschafter des NS-Regimes, sondern als Vertreter der Groß- und Weltmacht Deutsches Reich. Er wollte 1939 politisch dort anknüpfen, wo 1918 die Mittelmächte militärisch gescheitert waren. Roths verdienstvolle Studie sollte in eine kritische Biografie Papens einfließen, wäre dann allerdings durch einige kritische Hinweise zu ergänzen. So spricht Roth von Papens "diabolischer Rolle" - und tut ihm damit wohl zuviel der Ehre an. Schon die US-Kriegspropaganda malte Papen 1942 als "Teufel mit Zylinder" an die Wand und übersah dabei die intellektuellen Grenzen und moralischen Skrupel von Hitlers ehemaligem Vizekanzler. Papen war eben kein eiskalter und hemmungsloser Machtpolitiker, sondern ein in katholischen Wertvorstellungen aufgewachsener, standesbewusster Aristokrat mit allen Beschränkungen des wilhelminischen Zeitalters. In völliger Verkennung Hitlers glaubte Papen 1933, die Nationalsozialisten in ein konservatives Kabinett einbinden zu können. Und ebenso naiv glaubte er 1939, in Ankara an Kriegsziele und Methoden der deutschen Orientpolitik des Ersten Weltkrieges anknüpfen zu können. Nicht Papens vermeintliche Diabolik, sondern seine verhängnisvolle Ignoranz und Fehleinschätzung des NS-Regimes und sein außenpolitischer Ehrgeiz machten ihn zum diplomatischen Werkzeug Hitlers im Orient. An diesem Vorwurf ändert auch der Umstand nichts, dass Papen als Botschafter in der Türkei die zahlreichen deutschen Emigranten korrekt behandelte und über manchen schützend die Hand hielt, – eine Tatsache, die auch Ernst Engelberg, der große alte Mann der DDR-Historiografie, im persönlichen Rückblick zu würdigen wusste.

Fritz Grobba gehörte ebenso wie Papen zu jenem Personenkreis, der die Kontinuität deutscher Orientpolitik zwischen Kaiserreich und Drittem Reich, ja sogar bis hin zur Bundesrepublik beispielhaft verkörperte. Schwanitz beschreibt seine Schlüsselrolle im kleinen Zirkel deutscher Orientexperten des Auswärtigen Amts. Auch hier wird deutlich: Zwar blieb während des Dritten Reiches der Nahe und Mittlere Osten über Jahre hinweg eine exklusive Spielwiese der Sachkenner, aber in den wirklich kritischen Situationen wurden die Entscheidungen aufgrund von Erwägungen getroffen, die mit Orienterfahrung nichts zu tun hatten. Entscheidend waren für Hitler und seine Paladine ihre Pläne mit Blick auf London und Moskau. Nicht das regionalpolitische Kalkül eines Sachkenners wie Grobba, sondern Wunsch- und Trugbilder der NS-Ideologie erwiesen sich als treibende Kräfte.

Allerdings: Zu den geistesgeschichtlichen Grundlagen des NS-Regimes gehörten auch Traditionen der deutschen Orientforschung, die für ideologischen Missbrauch anfällig waren. Stefan R. Hausers Studie über die "Deutsche Forschung zum Alten Orient" stimmt auch mit Blick auf den aktuellen deutschen Wissenschaftsbetrieb nachdenklich. Wie ausgeprägt bleibt doch die Bereitschaft, politisch korrekt den Strömungen der Zeit zu folgen! Während vor dem 1. Weltkrieg die deutsche Forschung zu Geschichte und Kunst Vorderasiens eine später nie mehr erreichte Blütezeit erlebte, drängte schon in der späten Weimarer Republik die vermeintliche Rückbesinnung auf Werte der klassischen Antike die vorderasiatische Altertumswissenschaft an den Rand der Forschungslandschaft. Leben, Werk und tragisches Ende von Persönlichkeiten wie Friedrich Sarre, Ernst Herzfeld oder Max von Oppenheim blieben dennoch eng mit der politischen Geschichte des Deutschen Reiches und des Orients verbunden.

So beschrieb Robert Byrons "Road to Oxiana" nicht nur eine Begegnung mit Ernst Herzfeld in Persepolis, sondern befürwortete gleichzeitig Jahre vor Entfesselung des 2. Weltkrieges ein britisch-sowjetisches Einvernehmen gegenüber dem Iran. Byrons strategisches Leitbild wurde nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion am 25. August 1941 verwirklicht: Sowjetische und britische Truppen drangen in das neutrale Land ein, und Winston Churchill kommentierte diesen Völkerrechtsverstoß lakonisch: inter arma silent leges. Wie sehr vor diesem Hintergrund die traumatische Erfahrung imperialistischer Rivalität auf persischem Boden die iranische Politik bis heute beeinflusst, erläutert Klaus Jaschinski in seinem Beitrag "Das deutsch-iranische Verhältnis im Lichte der alliierten Invasion in Iran 1941". Die Abgabe einer Neutralitätserklärung nützte Iran in beiden Weltkriegen nichts, das Land wurde "zum bloßen Schacherobjekt". Wer die iranische Beurteilung der internationalen Lage verstehen will, wird also nicht nur das totalitäre Weltbild der gegenwärtigen religiösen Führung, sondern auch die politisch-historische Gesamterfahrung des 20. Jahrhunderts in Rechnung stellen müssen.

Und dies gilt nicht nur für den Iran, sondern für die ganze Region, wie die Länderstudien von Uwe Pfullmann zu Saudi-Arabien und Renate Dieterich zu Transjordanien belegen. Sicherlich: Die arabische Halbinsel und der westliche Teil des fruchtbaren Halbmonds spielten für die deutschen Politik im Mittleren Osten im Vergleich zur Türkei, zu Iran und Afghanistan nur eine flankierende Rolle. Aber auch hier erschließt der Blick zurück bemerkenswerte Einsichten wie etwa die von Uwe Pfullmann zitierte Notiz Friedrich Grobbas aus dem Jahre 1927, nach der "Ibn Saud nicht ein grosses arabisches Reich auf nationaler Basis schaffen will, sondern panislamische Tendenzen verfolgt".

Schließlich besitzt der vorliegende Band eine eigene zeitgeschichtliche Qualität. Er ist dem Andenken des Arabisten und Islamwissenschaftlers Gerhard Höpp (1942-2003) gewidmet, dessen akademische Laufbahn am Orientalischen Institut der Universität Leipzig in der DDR begann und am Zentrum Moderner Orient im ungeteilten Berlin endete. Wissenschaftler aus ganz Deutschland ehren mit ihren Beiträgen einen sympathischen und bescheidenen Menschen, dessen wissenschaftliche Leistung jenseits des ideologischen Zeitalters Bestand haben wird und dessen Lebenserfahrung sowohl Wendezeiten im Okzident als auch Umbrüche im Orient umfasste. In einem Folgeband, der die Nah- und Mittelostpolitik des geteilten Deutschland zum Gegenstand haben sollte, würde eine vertiefte Beschäftigung mit Leben und Werk Gerhard Höpps einen angemessenen Platz finden.

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03.12.2004
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