H. Vogt: Between Utopia and Disillusionment

Cover
Titel
Between Utopia and Disillusionment. A Narrative of the Political Transformation in Eastern Europe


Autor(en)
Vogt, Henri
Reihe
Studies in Contemporary European History
Erschienen
Oxford 2004: Berghahn Books
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
£ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Domnitz, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der erfahrungsgeschichtliche Blick auf die Revolutionen und Umbrüche von 1989 in Ost- und Ostmitteleuropa ist zumeist auf die Rekonstruktion der Erinnerung an denjenigen Zeitpunkt ausgerichtet, an dem der Systemwechsel kulminierte. Biografiegeschichtliche Untersuchungen der Umbrüche und Analysen der Generationalität beziehen sich dabei in der Regel auf einzelne Nationen oder noch kleinere Untersuchungseinheiten.[1] Die Transformationsforschung versucht demgegenüber, den lang andauernden gesellschaftlichen Wandel von den Staatssozialismen hin zu marktwirtschaftlich verfassten Demokratien zu begleiten und zu beschreiben. Sie tut dies sozialgeschichtlich oder institutionenökonomisch, während lebensweltliche Dimensionen oft im Hintergrund bleiben. Henri Vogt verbindet diese Zugänge. Er erweitert den Rahmen über die nationalen Gesellschaften hinaus und verfolgt eine kulturgeschichtliche Betrachtungsweise. Die Textbasis des Bands ist Vogts Dissertation, die er bei Iver B. Neumann anfertigte und im Jahr 2001 in Oxford verteidigte.

Mit „Between Utopia and Disillusionment“ präsentiert Vogt eine Erfahrungsgeschichte der 1989er Umbrüche und der Systemtransformationen, die lebensweltliche Umwälzungen langer Dauer beleuchtet. In einer Zusammenschau der Gesellschaften der DDR, der ČSSR und der Estnischen Sowjetrepublik widmet er sich den Wahrnehmungs- und Aneignungsprozessen von als westlich, kapitalistisch oder postmodern angesehenen Lebensformen. Grundlage des Bandes sind individuelle, rückblickende Narrationen junger Akademiker. Eingegliedert sind sowohl konzeptgeleitete Ausführungen zu Leitbegriffen wie „Utopie“, „Ernüchterung“ (disillusionment) und „Ambivalenz“ als auch einführende ereignisgeschichtliche Blicke auf das Umbruchsgeschehen in den drei untersuchten Gesellschaften. Um die Mythisierung und die Erinnerungsfiguren der Umbrüche von 1989 nachzuzeichnen, untersucht Vogt Erzählungen und Erfahrungen seiner Interviewpartner. So eröffnet sich ein Spektrum von Narrativen und Wahrnehmungen, welche sich gelegentlich auch im Konflikt zueinander oder zur Ereignisgeschichte befinden. An manchen Stellen greift die Analyse zudem auf sozialstrukturelle Erklärungen der Transformationsforschung zurück, wie zum Beispiel bei Verweisen auf materielle und soziale Probleme, die als Ursache für „Ernüchterung“ angeführt werden (S. 140f.). In den drei Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers führte Vogt je zwölf lebensgeschichtliche Interviews. Die Interviewten – er befragte Akademiker bzw. Studierende – waren 1989 Teenager oder Twens und befanden sich damit vor, während und nach den Umbrüchen in Orientierungsphasen, die sie für die Verschiebungen gesellschaftlicher Gemengelagen sensibilisierten.

Mit der Idee, Langzeitnarrative der Systemtransformationen aufzuspüren, begibt sich Vogt auf ein in den untersuchten Gesellschaften politisch belastetes Terrain. Dieser Politisierung begegnet er mit den konzeptuellen Zugängen und dem breiten Fokus seiner Arbeit. Dennoch wirkt sein im Zusammenhang mit „Ernüchterung“ getätigtes Statement engagiert, dass denjenigen, die angesichts des Systemwechsels tatsächlich gelitten hätten, in der Fachliteratur über die postkommunistischen Gesellschaften zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde (S. 179). Vogt versteht das Transformationsgeschehen als Annäherung eines Gesellschaftssystems an ein anderes sowie speziell als Aneignung westeuropäischer Lebensformen und -stile. So geht er von gegenwärtigen Leitdebatten um die Wiedervereinigung Europas aus und kennzeichnet die „Rückkehr“ der ostmitteleuropäischen Gesellschaften „nach Europa“ als Gleichzeitigkeit nationaler Wertedebatten und einem Streben in Richtung Europa. Er betont, dass die Wiedervereinigung Europas eigentlich nicht nur als ein Projekt des Ostens und der Mitte, sondern des gesamten Kontinents verstanden werden sollte (S. 16f.). Obwohl die europäische Perspektive in seinem Fragenkanon vorkommt, geht er in der empirischen Arbeit allein im Zusammenhang mit der kollektiven Identifizierung mit der Nation auf sie ein und folgt damit dem für Ostmitteleuropa typischen starken Nexus zwischen Europa und der Nation.

„Utopie“ und „Ernüchterung“ bilden bei Vogt weniger eine zeitliche Abfolge, sondern kennzeichnen die Endpunkte eines breiten Spektrums der untersuchten Umbruchserfahrungen, Erinnerungen und Gegenwartswahrnehmungen. Seine Momentaufnahmen biografischer Narrationen erfolgten zwischen 1993 bis 1997. Da sich die vielfältigen Erinnerungen und Erfahrungen auf die gesamte Vergangenheit beziehen, stehen die unter den Leitbegriffen von „Utopie“, „Demokratie“, „Individualismus“ oder „Ambivalenz“ versammelten Narrative zueinander gleichermaßen in diachronen und synchronen Zusammenhängen. Zu „Utopie“ werden beispielsweise Modelle aus Literatur und Kulturgeschichte eingeführt (S. 73ff.). Präferiert wird hierbei das Modell eines Gesellschaftsideals außerhalb der eigenen Zeit und des eigenen Orts. In dieser Erörterung stehen individuelle Freiheitserfahrungen und Zukunftsorientierungen im Mittelpunkt, die illustriert werden mit Ausführungen zu wissenschaftlichen Freiheitskonzepten im Blick auf das Jahr 1989 und zu Zukunftsideen von den Romantikern bis zu den Marxisten. Die der „Utopie“ entgegengesetzte „Ernüchterung“ stellt Vogt als Ambivalenz dar, wobei er sowohl eine postrevolutionäre Ambivalenz (eine vorübergehende Gleichzeitigkeit des Neuen und des Alten) als auch eine postmoderne Ambivalenz sieht (das dauerhafte Fehlen einer verbindlichen und in sich geschlossenen normativen Ordnung).

Vogt setzt Ausführungen zur Genese der Leittermini in eine Beziehung mit dem, was seine Interviewpartner hinsichtlich solcher Konzepte auf der empirischen Seite einbrachten. Allerdings sind deren oftmals fast hobbyphilosophische Auffassungen bestimmter Konzepte – wie kann es anders sein – nicht immer deckungsgleich mit der Begrifflichkeit, die Vogt als Analyseraster verwendet (siehe etwa die Beispiele zu „Demokratie“ auf S. 196). Trotz dieser gelegentlichen Disparitäten zwischen den Narrationen und der theoriegeleiteten Fragestellung erscheint die Vorgehensweise insgesamt berechtigt und überzeugend. Denn im Versuch, individuelle Narrationen in Leitnarrativen zusammenzufassen, eröffnet sich die Chance zur Bestimmung von Spezifika und Paradoxien postkommunistischer Gesellschaften. Beispielsweise thematisiert Vogt ein Verständnis von Individualität, nach dem die Menschen der politischen Mitbestimmung fernblieben (S. 179, 210). Auch empirische Ergebnisse zu einem Unbehagen an einer Beliebigkeit in der Spaß- oder Konsumgesellschaft demonstrieren, dass sein Vorgehen sinnvoll und aussagekräftig ist (S. 209).

Besondere Aufmerksamkeit widmet Vogt Prozessen des Lernens und der Neuorientierung (S. 120ff.), die er mitunter auch als gescheitert betrachtet (S. 180). Lernprozesse bestimmen individuelle Entwicklungswege und die Selbstverortung in der Gegenwart. Damit beeinflussen sie auch den Rückblick der Menschen in die staatssozialistische und postkommunistische Vergangenheit. Eine Schlüsselrolle spielt bei Vogt die Akzeptanz eines „Preises für die Freiheit“, der oft in Arbeits- oder Perspektivlosigkeit bestehe (S. 176). Aus den beschriebenen Narrativen entwickelt er anschließend eine Synthese, die sich kollektiven und individualistischen Verständnissen widmet, um damit Bedingungen und Möglichkeiten von Politik im postkommunistischen Europa auszuleuchten. Vogt beschreibt die Funktionalisierung von Identifikationsangeboten wie der „kollektiven Utopie der Nation“ (S. 214) oder der „mythischen Gemeinschaft Europas“ (S. 228), die, wenn sie denn politisch verwirklicht werden, den Rahmen für Freiheitsperzeptionen oder gar -garantien stellen.

Vogts begriffsgeleitete, konzeptuell strenge und auf Schlüssigkeit bedachte Analyse ist eine grundlegende Auseinandersetzung mit – teilweise bekannten und populären – Narrationen der Umbrüche von 1989. Die Analyse entstand in der Befragung einer Generation junger Akademiker, und damit handelt es sich um einen methodisch und begrifflich einzigartigen Beitrag zu den Fragen, die zurzeit an die ostmitteleuropäischen Gesellschaften gestellt werden. Jedoch wurde der Erinnerungsdiskurs um 1989 und den Systemwechsel in Ost- und Ostmitteleuropa bisher kaum nationenübergreifend und in langer Dauer untersucht. Vogt gewährt Erinnerungen und Erfahrungen einen breiten Raum und hat seinen Untersuchungsrahmen auf den sich über mehrere Jahre hinweg vollziehenden Systemwechsel bezogen. Dies unterscheidet seine Arbeit von früheren, ebenfalls in der erzählten Geschichte wurzelnden Untersuchungen der 1989er Umbrüche. Vogt streicht bisher unbekannte oder unterschätzte Narrative von Transformationserfahrungen heraus. Vor dem Hintergrund aktueller Kontroversen um Wendeverlierer, Ostalgie und Vergangenheitssehnsucht lenkt er den Blick auf das, was sich abseits einer gegenwärtigen – zumeist ökonomischen – Tigerstaaten-Rhetorik im Dunkeln der ostmitteleuropäischen Gesellschaften befindet. Er tut dies, ohne den Blick zu verengen. Denn er betont, dass aus der Sicht der von ihm Befragten mit einer neuen Idee von Freiheit und einer neuen Zukunftswahrnehmung vor allem positive Ergebnisse aus den Systemtransformationen hervorgingen.

Anmerkung:
[1] Vgl. hier folgende, auf gleichem empirischen Feld angesiedelte Arbeiten, die jedoch zumeist einen geografisch engeren Rahmen haben: Philipsen, Dirk, We were the People. Voices from East Germany’s Revolutionary Autumn of 1989, Durham 1993; Niethammer, Lutz, Das Volk der DDR und die Revolution. Versuch einer historischen Wahrnehmung der laufenden Ereignisse, in: Schüddekopf, Charles (Hg.), „Wir sind das Volk!“ Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution, Reinbek 1990; Höser, Susanne; Scherer, Richard, Wir hatten Hoffnung auf eine Demokratie. Rostocker Protestanten im Herbst '89, Mössingen-Talheim 2000; Moericke, Helga; Hambürger, Margarete, Gleich und verschieden. Lebensentwürfe aus Ost und West 1990 und die Realität 2000, Berlin 2001; Otáhal, Milan; Vaněk, Miroslav, Sto studentských revolucí. Studenti v období pádu komunismu – životopisná vyprávění, Prag 1999; Otáhal, Milan; Sládek, Zdeněk, Deset pražských dnů, Prag 1990.

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31.01.2006
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