F.-L. Kroll (Hg.): Die Herrscher Sachsens

Cover
Titel
Die Herrscher Sachsens. Markgrafen, Kurfürsten, Könige 1089–1918


Herausgeber
Kroll, Frank-Lothar
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
377 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Legutke, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

In den letzten Jahren hat sich der Trend zur biografisch-erzählenden Geschichtsschreibung wieder verstärkt. Beispielhaft kann auf eine neue Reihe des Beck-Verlags verwiesen werden, die dem Publikum „Herrscher” in nationalen wie regionalen Kontexten nahe bringt. Bedarf es einer Rechtfertigung für den biografischen Ansatz, so kann angesichts des vorliegenden Bandes darauf verwiesen werden, dass immer noch Lücken in der Forschungsliteratur geschlossen werden müssen. Im Falle Sachsens steht der geringe Umfang der bisherigen Literatur in keinem Verhältnis zum Gewicht des Territoriums auf der politischen Bühne.

Die Monografie Karlheinz Blaschkes zum Fürstenzug in Dresden stellte 1991 einen ersten Versuch dar, eine Geschichte Sachsens aus der Perspektive seiner Herrscher zu schreiben. Angesichts der restriktiven Geschichts- und Wissenschaftspolitik der DDR muss dieser Band als eine herausragende Leistung eingeschätzt werden. [1] Der vorliegende Band kann nun allerdings auf neuere Forschungen zur sächsischen Landesgeschichte zurückgreifen. Bezeichnend für den nach wie vor bestehenden Nachholbedarf, beginnen viele Artikel mit der Klage über die Vernachlässigung des jeweiligen Herrschers: vom „Schatten der Zeit“, der den Kurfürsten August verdunkelt habe, schreibt Jens Bruning (S. 110); Johann Georg III. und IV. gehören „zu den unbekanntesten Persönlichkeiten“ (Detlef Döring, S. 160); bis heute sei Friedrich August III./I. „einer der von der Historie am hartnäckigsten vernachlässigten Herrscher Sachsens“, (Winfried Halder, S. 204); „dieser unbekannteste aller sächsischen Monarchen“ sei jedoch König Anton (Wolfgang Tischner, S. 223).

Dieser Band unternimmt letztlich eine umfassende Neuinterpretation sächsischer Geschichte. Enno Bünz legt einen ersten interpretatorischen Schwerpunkt auf die Fürsten der Leipziger Teilung von 1485: Indem die Teilungsakte in den Kontext früherer Landesteilungen gestellt wird, wird dem Geschehen in Leipzig die Finalität genommen, die ihm im Nachhinein zukam (S. 53). Uwe Schirmer hebt entsprechend das ökonomische Potenzial hervor, das gerade der albertinische Landesteil trotz der Teilung aufzuweisen hatte.

Erst nach dem Übergang der Kurwürde auf die Herzöge der albertinischen Linie (1547) setzen die detaillierten Einzelbiografien ein. Mit der Biografie von Kurfürst Moritz (Manfred Rudersdorf, S. 90-109) wird der Band einer Persönlichkeit gerecht, die von starker Ausstrahlung bis in unsere Zeit geblieben ist. Jens Bruning würdigt den Bruder und Nachfolger August, der ungeachtet der großen Konflikte seiner Zeit dem Kurfürstentum Stabilität zu verleihen vermochte, und sich als bedächtiger Ratgeber unter den Reichsfürsten Ruhm erwarb. An Stelle der vielfach unterstellten biederen Einfältigkeit des Kurfürsten konstatiert er eine Akzentverschiebung der Politik gegenüber seinem Vorgänger, die August zum „überragenden Vertreter der Fürstengeneration zwischen Augsburger Religionsfrieden und Dreißigjährigem Krieg“ werden ließ (S. 111). Weniger ausführlich und revisionistisch fällt die Würdigung des Kurfürsten Johann Georg II. während des Dreißigjährigen Krieges aus. Axel Gotthard kann dem Bild des „Sauf- und Betfürsten“ keine differenziertere Wertung gegenüberstellen. Hier bestätigen auch neuere Forschungen das bekannte Bild. Allenfalls ist es als politische Klugheit anzuerkennen, dass sich der Kurfürst angesichts einer realistischen Einschätzung der ihm zur Verfügung stehenden Mittel nicht auf das Abenteuer der Böhmischen Krone einließ.

Sehr differenziert im Urteil ist das Porträt Kurfürst Friedrich August I. von Helmut Neuhaus (S. 173-191). Hier gilt es sicher noch stärker als bei den Vorgängern, gegen ein Kapitel sächsischer Geschichte voller Mythen und Halbwissen anzuschreiben. Nachdem zunächst seine begrenzten Fähigkeiten als Feldherr, seine unglückliche Ehe und seine 'Mätressenwirtschaft' behandelt werden, wendet sich der Autor ausführlicher den polnischen Ambitionen und der Konversion zu. Es wird deutlich, wie hartnäckig Friedrich August an einer Standeserhöhung arbeitete, sich dabei aber durchaus üblicher Mittel bediente. Wiederum wird eine negative Bewertung – „Warschau war ihm eine Messe wert“ (S. 173) – als zu einfach abgelehnt. Denn das Bemühen des Kurfürsten um die Königskrone ist vor dem Hintergrund früherer Konversionen zu sehen. Die Kritik wird daher der politischen Kultur seiner Epoche nicht gerecht. August der Starke scheiterte letztlich jedoch daran, dass er den selbst auferlegten Aufgaben nicht gewachsen war (S. 187).

Die Geschichte Friedrich August III./I. scheint auf den ersten Blick ganz ähnliche Charakteristika aufzuweisen. Auch hier am Lebensende eine in ihren Zielen gescheiterte Person. Weitaus realistischer in der Beurteilung eigener Fähigkeiten, war er den Veränderungen dennoch nicht gewachsen, die der Umsturz des Ancién Regime von ihm forderte (Winfried Halder, S. 203-222). Die Geschichte des weiteren 19. Jahrhunderts steht ganz im Zeichen der verhinderten bürgerlichen Verfassung. Sachsen änderte nach einigen hoffnungsvollen Anfängen in Folge der 1830er-Revolutionen seine Verfassung nicht mehr. Vielmehr behielt das Königreich seinen antiliberalen Kurs bei, jegliche Form ministerieller Verantwortlichkeit wurde bis zum Ende des Jahrhunderts strikt abgelehnt. Ein ausgeprägtes Zensuswahlrecht verhinderte die Abbildung soziopolitischer Realitäten im Dresdner Parlament. Während bei den Reichstagswahlen 1893 die Sozialdemokraten mit 45,8 Prozent der Stimmen die große Mehrheit der Wahlkreise für sich gewinnen konnten [2], war aufgrund des Zensuswahlrechts zwischen 1894 und 1905 kein einziger Sozialdemokrat im sächsischen Landtag vertreten (Hendrik Thoss, S. 300). Die Krone entfernte sich immer weiter von gesellschaftlich relevanten Fragen und Problemen des inzwischen hoch industrialisierten Königreiches und widersetzte sich gleichzeitig jeder Einschränkung ihrer Herrschaft. Höhepunkt dieses Realitätsverlustes waren die beiden Skandale, die die kurze Herrschaft König Georgs (1892-1904) prägten: als ersten Akt seiner Herrschaft ließ er sich die Erhöhung seiner Apanage um 15 Prozent durch das Parlament bestätigen (S. 301), etwas später verließ die Schwiegertochter - begleitet von der Aufmerksamkeit der europäischen Presse - die drückende geistig-geistliche Enge der sächsischen Königsfamilie.

Als Besonderheit des Bandes ist die durchgängig starke Betonung sächsisch-kurfürstlich-königlicher Kulturpolitik hervorzuheben. Spätestens seitdem unter der Herrschaft des politisch wenig tauglichen Johann Georg I. der Komponist Heinrich Schütz für den Hof verpflichtet wurde, bildeten Bauförderung, Mäzenatentum und selbst eigene künstlerische oder auch wissenschaftliche Arbeiten ein weithin strahlendes Markenzeichen der Albertiner. Politisch verloren sie langsam aber stetig an Boden. Die Künste jedoch wurden vielen Mitgliedern des herzoglichen Geschlechts zur dauerhaften Passion, was keineswegs nur als Kompensation für verlorenen politisch Einfluss verstanden werden darf.

Zwei kleine Mängel des insgesamt sehr überzeugenden Bandes sollen jedoch nicht verschwiegen werden. So ist es erstaunlich, dass Friedrich IV./I. „der Streitbare” gleich von zwei Autoren behandelt wird (Gerhard Dohrn-van Rossum, S. 36-38 und Enno Bünz, S. 39-42). Sicher ist es interessant, zwei unterschiedliche Perpektiven auf die Herrschaft des Kurfürsten zu erhalten, dennoch hätte man sich aufgrund der notwendigen Knappheit des Bandes eine Entscheidung gewünscht. Desgleichen verwundert es, wenn gegen Ende des Bandes der nur sehr kurz regierende König Georg ausführlicher behandelt wird als sein ihm auf dem Thron vorangeganger Bruder König Albert (Sönke Neitzel, S. 279-289 bzw. Hendrik Thoß, S. 290-305). Immerhin trug Albert die sächsische Königskrone beinahe 30 Jahre lang. Hinzu kommt, dass die hier präsentierte Geschichte Georgs sich immer wieder in der Geschichte seines Bruders spiegelt, was zu erheblichen Redundanzen führt. Auch würde man sich in einigen Aufsätzen eine stärkere Rückbindung des Porträtierten an die gesellschaftlichen Umfeldbedingungen wünschen.

Als besonders wertvoll erweisen sich indes die Literaturhinweise am Ende des Bandes. Den Bibliografien zu den Herrschern der Frühen Neuzeit kann man sogar Vollständigkeit zubilligen. Die Literatur selbst zu den wichtigeren Kurfürsten lässt sich noch immer auf wenigen Seiten erschöpfend behandeln. Nicht zuletzt anhand dieser Verweise ist jetzt das Material zu den sächsischen Fürsten schnell greifbar. Es bleibt zu wünschen, dass viele Leser auch über den Kreis der Fachwelt hinaus dieses Buch zur Hand nehmen und sich auf diese Weise die sächsische Landesgeschichte (neu) erschließen.

Anmerkungen:
[1] Blaschke, Karlheinz, Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin, Leipzig 1991.
[2] Mommsen, Wolfgang J., Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm II. 1890-1918, Berlin 1995, S. 187.

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Veröffentlicht am
18.06.2005
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