F. Braun u.a. (Hgg.): Städtesystem und Urbanisierung im Ostseeraum

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Titel
Städtesystem und Urbanisierung im Ostseeraum in der Frühen Neuzeit. Wirtschaft, Baukultur und Historische Informationssysteme. Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums in Wismar vom 4. und 5. September 2003


Autor(en)
Braun, Frank; Kroll, Stefan
Erschienen
Münster 2004: LIT Verlag
Anzahl Seiten
334 S. + 1 CD-ROM
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Inken Schmidt-Voges, Bremen

Der vorliegende Band dokumentiert die Erträge der zweiten Tagung des seit 2001 laufenden Forschungsprojektes „Städtesystem und Urbanisierung im Ostseeraum“, das von der Universitäten Rostock und Greifswald und der Hochschule Wismar getragen wird. Hier werden zum einen die strukturellen Entwicklungen einzelner Städte im Ostseeraum untersucht und zum anderen ihre ökonomischen und sozialen Verbindungen untereinander im Hinblick auf die Existenz und Charakteristik eines „Städtesystems“ analysiert. Zugleich arbeiten interdisziplinäre Arbeitsgruppen aus Historikern, Geografen und Informatikern an der Erstellung sogenannter „Historischer Informationssysteme“ (HIS), die eine digitale Darstellung der Untersuchungsergebnisse ermöglichen sollen. Die grundlegenden Thesen und Positionen wie auch die Arbeitsweise bei der Erstellung der HIS waren Gegenstand eines ersten Tagungsbandes [1], die im hier zu besprechenden Band immer wieder aufgegriffen werden. Die vorliegenden Beiträge knüpfen in mehrfacher Hinsicht unmittelbar an den ersten Tagungsband an, die übergreifende Thematik wird weder aus der Einleitung noch in der Gliederung erläutert.

Ein verbindendes Glied zum ersten Tagungsband und damit zur Gesamtthematik des Forschungsverbundes stellt der Wiederabdruck des Aufsatzes von Sven Lilja zu „Scando-Baltic Urban Developments c. 1500-1800“ dar. Hier entwickelt der Autor die zentralen Thesen und methodischen Annahmen, auf denen das Forschungsprojekt aufbaut. Obwohl die Städte des gesamten Ostseeraumes nicht als „Städtesystem“ im strengen Sinne bezeichnet werden können, stellen sie ökonomisch und politisch eng vernetzte regionale Subsysteme dar, die als Gesamtheit zu analysieren unerlässlich ist, da sich sowohl die Integration des Ostseeraumes in die „European world economy“ als auch der Einfluss verdichteten politischen Lenkens darin widerspiegeln (S. 49). Lilja weist wiederholt darauf hin, dass die historische Städteforschung zum Ostseeraum im Gegensatz zu klassischen methodischen und definitorischen Vorgaben der Urbanisierungsforschung mit modifizierten Grundannahmen operieren muss. Zum einen ist die gängige Beschränkung auf Städte mit mehr als 5.000 Einwohnern nicht tragbar, da z.B. die Hälfte der schwedischen Städte des 17. Jahrhundert um die 1.400 Einwohner hatte, obgleich ihnen im Funktionsrahmen gleiche Bedeutung zukam wie Städten mit mehr als 5.000 Einwohnern in Kontinentaleuropa. Zum anderen muss bei der Analyse demografischer, sozialer und ökonomischer Netzwerke dem Meer als verbindendem Element bei der Bestimmung von Funktionshierarchien der Städte Rechnung getragen werden: Hafenstädte weisen oft eine sehr viel engere soziale und demografische Verbindung zu anderen Hafenstädten auf als zu „nahe“ gelegenen ländlichen Marktplätzen des eigenen Hinterlandes.

Dies demonstriert Lilja anhand eines Vergleiches der Urbanisierungsentwicklung im 17. Jahrhundert in Schweden und im Ostseeraum insgesamt. Während die Expansion und Etablierung Schwedens als größter Macht im Ostseeraum auch zu einer politisch intendierten signifikanten Zunahme der Städte führte, war die deutsche, polnische und dänische Region von Stagnation oder gar Rückgang gekennzeichnet, was der Autor insbesondere auf die zahlreichen militärischen Aktionen in diesen Gebieten zurückführt.

Die von Lilja vorgestellten Forschungsperspektiven werden von Stefan Kroll und Karsten Labahn eingelöst, die in ihrem Aufsatz die Bedeutung der niederländischen Sundregister für die Untersuchung des Städtenetzes aufzeigen. Trotz starker Einschränkungen, die sowohl das vorhandene Quellenmaterial als auch die zur Verfügung stehenden Ressourcen betreffen, und der Tatsache, dass lediglich der Seehandel „nach außen“, nicht aber der innerbaltische Handel abgebildet wird, werden hier die Potenziale des Ansatzes deutlich.

Die weiteren Beiträge des Bandes sind im Wesentlichen der Stadtgeschichte des südlichen Ostseeraumes mit einem starken baugeschichtlichen Schwerpunkt gewidmet.

Kersten Krüger vergleicht die städteplanerische Gestaltung neugegründeter wie um- und ausgebauter Städte im Ostseeraum mit frühneuzeitlichen Idealstadtvorstellungen. Dabei wird deutlich, dass trotz planerischer Bevorzugung der Radialstadt oftmals die topografischen Gegebenheiten und die militärischen Notwendigkeiten zu individuellen Lösungen zwischen den Polen der Radialstadt Daniel Speckles und der Vierungsstadt Albrecht Dürers gefunden wurden. Nicht ganz klar sind dabei die Kriterien für die Auswahl der untersuchten Städte. Krüger führt für die vorgestellten Idealtypen jeweils Beispiele ihrer Umsetzung oder Beeinflussung an, dann klassifiziert er am Beispiel der Umgestaltungen Kopenhagens (1630-1649) und Stockholms (1637-1644) sowie der Neugründungen Göteborgs (1609) und Carlsburgs im Herzogtum Bremen (1677) die Übernahme bestimmter Idealvorstellungen in realisierte Pläne. Interessant wäre die Einbeziehung der Neugründungen Karlshamns (1664) und Karlskronas (1680) gewesen, um Parallelen der stadtplanerischen wie wirtschaftspolitischen schwedischen „Großmachtpolitik“ zu dokumentieren. [2]

Edward Wlodarczyk erläutert den Stand der pommerschen Städteforschung und ihrer Problemstellungen für das 19. und 20. Jahrhundert, die angekündigten Anknüpfungspunkte für die frühneuzeitliche Forschung bleiben allerdings unklar, da die unterschiedlichen politischen und ökonomischen Voraussetzungen nicht mitbedacht werden.

Die beiden Aufsätze von Katrin Möller sowie Claudia Hacker und Ernst Münch behandeln „Leben und Arbeiten“ in Stettin um 1700 und in Wismar im 17. und 18. Jahrhundert. Sie basieren auf eingehenden Analysen der Grundregister und bauhistorischen Untersuchungen, die wesentliche Aussagen über Art und Struktur der Erwerbstätigkeit, der Verteilung der einzelnen Berufe in der Stadt sowie des Einflusses ökonomischen Wandels auf die bauliche Struktur der Stadt und die soziale Stratifikation der einzelnen Stadtviertel. Damit bilden sie einen guten Übergang und eine Grundlage für die Werkstattberichte zur Baugeschichte Wismars und Greifswalds.

Der Schwerpunkt des Projektes von Frank Braun, Britta Schulz und Matthias Westphal liegt in der Zusammenführung der schriftlichen Quellen mit der vorhandenen Bausubstanz. Die Autoren verzeichnen massive Bautätigkeiten in den 1650er, 1660er und 1680er-Jahren sowie einen korrespondierenden bautechnischen Wandel. Einen intensiven Einblick in die Dendrochronologie gibt Sigrid Wrobel mit ihren Untersuchungen zur Herkunft des Bauholzes in Wismar. Schließlich bietet der Beitrag von Felix Schönrock neben den Beschreibungen des baulichen Wandels in Greifswald eine eingehende Darstellung der herrschaftlichen Bauförderung nach den drastischen Zerstörungen in der Folge des Dreißigjährigen Krieges und eines verheerenden Stadtbrandes von 1736. Eine Art „Eigenheimzulage“ existierte in Gestalt der traditionellen Bereitstellung der 1000 Mauersteine, daneben wurden großzügige temporäre Exemtionen von Wach- und Mauergeldern und anderen städtischen Abgaben gewährt. Gleichwohl zeigt sich hier, dass dieses Vorgehen der schwedischen Krone nicht immer im Sinne der Stadtherren lag, die um ihre Einnahmen fürchten mussten.

Abschließend widmet sich der Tagungsband noch den Möglichkeiten der Einbindung der Neuen Medien in die historische Urbanisierungsforschung. Mit dem „digital towngate“ eröffnet Søren Bitsch Christensen den Zugang zu einem umfassend angelegten Web-Projekt, dass das dänische Städtesystem der Frühen Neuzeit aufarbeitet. Ausgehend von der Annahme, dass dem Stadttor ähnlich dem Rathaus neben seiner funktionellen Bedeutung auch eine besondere Symbolik für das „Städtische“ zukommt, werden umfassende Daten zu rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen, sozialtopografischen und architektonischen Aspekten des städtischen Lebens erfasst und mit bildlichen Quellen kombiniert. [3] Dagegen fungiert das von Lars Nilsson vorgestellte „CyberCity“ als ein internetbasiertes Stadtlexikon, das ohne spezifische Forschungsperspektive für jede schwedische Stadt alle vorhandenen statistischen Information bereitstellt.

Die dem Band beigefügte CD-ROM enthält das HIS „Rostock um 1600“ und das HIS „Niederländische Sundregister“. Wenngleich die Benutzerfreundlichkeit ein wenig zu wünschen übrig lässt (die statische Grafik erfordert eine Mindestauflösung von 1024x768 Pixel – für Anwender mit niedrigerer Auflösung werden keine Scrollleisten angeboten, Hilfestellungen und Grundinformationen muss der Anwender mühsam auf der CD-Rom suchen), so bietet insbesondere das HIS zu Rostock eine Fülle von Material zur frühneuzeitlichen Stadtgeschichte. Auf einem rekonstruierten Stadtplan ist jedes einzelne Grundstück aufgeführt, zu dem auf Mausklick – sofern verfügbar – Informationen zu Besitzern, Berufen, Ämtern, Gerechtsamen, Bebauung und Nutzung angeboten werden, oftmals durch Bilddateien aus alten Stadtansichten abgerundet. Neben der Einzelabfrage können aber auch Kombinationen aus Berufen, Steuervermögen, Gebäudeart, politischen Ämtern eingegeben werden, so dass auf dem virtuellen Stadtplan ein sozialtopografisches Profil entsteht.

Die zahlreichen interessanten Einzelstudien des Bandes lassen sich nur bedingt in einen Zusammenhang mit dem übergeordneten Forschungsprojekt bringen. Zentrale Thesen, wie sie von Lilja formuliert wurden, werden in den übrigen Beiträgen nicht wieder aufgenommen. Dies mag zum einen an dem oftmals anzutreffenden „Werkstattcharakter“ vieler Beiträge liegen, zum anderen fehlt aber doch für die regional- und lokalgeschichtlich interessanten Studien die weiter ausgreifende Einbindung in das postulierte Städtesystem des Ostseeraumes. Es bleibt der Eindruck, dass nur an wenigen Stellen der Durchbruch von einer landesgeschichtlich orientierten Forschung, die sich auf Gebiete des ehemaligen schwedischen Landesherrn bezieht, zu einer regionalgeschichtlichen Perspektive gelingt, die den Ostseeraum in seiner Gesamtheit mit den baltischen Staaten, Polen und Russland betrachtet.

Der Band zeigt in seiner Schwerpunktsetzung, wie ertragreich die Einbindung der neuen Medien in die Urbanisierungsforschung ist. Allerdings wäre es eine Überlegung wert gewesen, für die Präsentation der Forschungsergebnisse auf Printmedien ganz zu verzichten und die Tagungserträge auf der informativen Web-Site zu publizieren.

Anmerkungen
[1] Krüger, Kersten; Pápay, Gyula (Hgg.), Stadtgeschichte und Historische Informationssysteme. Der Ostseeraum im 17. und 18. Jahrhundert. Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums im Rostock vom 21. und 22. März 2002, Münster 2003. Einleitung und Inhaltsverzeichnis sind auch unter http://www.uni-rostock.de/fakult/philfak/imd/forschung/homemare2/Einleitung.pdf und http://www.uni-rostock.de/fakult/philfak/imd/forschung/homemare2/InhaltTagungsband.htm [27.8.2005] einzusehen.
[2] Vgl. hierzu die Aufsätze von Bengtsson, Bo, Der Erwerb Blekinges und die Anlage der Städte Karlshamn und Karlskrona; Scheper, Burckhardt, Die Idealstadt Carlsburg, beide in: Bohmbach, Jürgen (Hg.), Anspruch und Realität. Wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung in Schweden und seinem deutschen Besitzungen im 17. Jahrhundert, Stade 1988.
[3] Die Website des Digital Town Gate ist www.byhistorie.dk.

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15.11.2005
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