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Titel
Unglaublich glaubhaft. Die Arengen-Rhetorik des Avignoneser Papsttums: Teil I und Teil II


Autor(en)
Hold, Hermann
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
829 S. in 2. Banden
Preis
€ 115,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Lützelschwab, Friedrich-Meinecke Institut, Freie Universität Berlin

Arengen leiten – durchaus formelhaft – in den Kontext von Urkunden ein. Eine positivistisch ausgerichtete Geschichtswissenschaft sah in ihnen wenig mehr als ein Reservoir politisch-religiöser Gemeinplätze. Den Wesenskern einer Urkunde meinte man allein in deren Narratio bzw. Dispositio festmachen zu können. Dass diese bestürzend simplifizierende Sichtweise korrigiert wurde, ist nicht zuletzt den Arbeiten Heinrich Fichtenaus zu verdanken, der vor über 50 Jahren einen zentralen Punkt ins Bewusstsein der historischen Forschung rückte: Trotz ihres statischen, formelhaften Charakters lassen Arengen Aussagen über Denkinhalte und Mentalitäten sowohl der Aussteller als auch der Adressaten einer Urkunde zu.[1]

Hermann Hold, Professor am Institut für Kirchengeschichte der Universität Wien, stellt in seiner hier vorliegenden Untersuchung der Arengen des Avignonesischen Papsttums eine zentrale Frage: Wie wurden Autoritätskrisen rhetorisch bewältigt? Damit versteht sich die Studie als Beitrag zu einer „Theologie der Macht“. Freilich wird hier Macht weder transitiv noch intransitiv begriffen, wird nur sehr verhalten mit den von den Sozialwissenschaften eingeführten Begrifflichkeiten eines ‚power to’ oder ‚power over’ operiert. Die Untersuchung setzt ganz auf einen ontologischen Macht-Begriff, der die Macht Gottes als jedem Geschehen vorausliegende Größe charakterisiert und damit die Päpste in die vorteilhafte Lage versetzt, die ihnen qua Amt zustehende Macht in ihrem Wesenskern nicht mehr begründen zu müssen.

Die in Avignon residierenden Päpste trafen ab 1309 nicht auf ein rhetorisches Vakuum, das es zu füllen galt, sondern folgten diskurstraditionellen Vorgaben, zu denen unbedingt auch die Arenga gehört. Als Bestandteil rhetorischer Herrschaftsausübung berühren Arengen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Sie erlauben eine unmittelbare politische Positionierung, garantieren durch die Verwendung von formelhaftem Gut das Einbinden in eine Traditionslinie, verweisen aber ebenso auf den sich in naher Zukunft hoffentlich verwirklichenden Willen des Herrschers.

Die Arbeit gliedert sich in vier große Abschnitte. Den einleitenden Bemerkungen zu „Rhetorik und Macht“ (S. 31-84) folgen Ausführungen zum „verbalen Geschehen in den Avignoneser Arengen“ (S. 84-370). Ein weiteres Großkapitel behandelt „repräsentierende, klassifizierende, kommunizierende Propaganda“ (S. 372-518), während die „Dokumentation“ einem zweiten, gesondert gebundenen Teil vorbehalten bleibt (S. 519-829), der durch ein Verzeichnis der Quellen und eine Bibliografie ergänzt wird.

Als Materialbasis dienen allein die Arengen des Avignonesischen Papsttums, die freilich nicht in ihrer Gesamtheit in den Blick genommen werden. Lückenlos erfasst werden jedoch die Arengen von an die Einwohner der ehemaligen Diözese Passau gerichteten Papstschreiben, die ab dem Pontifikat Clemens’ VI. (1342-1352) in einer vorzüglichen, von Josef Lenzenweger besorgten Edition vorliegen.[2] Als verdienstvoll darf sicherlich die Einbeziehung der litterae communes gelten, derjenigen Briefe also, in denen Gnaden vergeben werden, die aufgrund ihrer vermeintlichen Stereotypie jedoch seit jeher ein editorisches Schattendasein führen, so dass man auch in den gängigen Ausgaben der Papstregister in den allermeisten Fällen glaubte, auf sie verzichten zu können.

Von der Grundprämisse ausgehend, dass die in den Arengen aufscheinenden Topoi einerseits zwar stark normativen Charakter aufweisen, andererseits jedoch höchst interpretationsfähig und -bedürftig sind, scheint ein methodisches Vorgehen einsichtig, durch das die Konstanz bzw. der Wandel des politisch-theoretischen Denkens anhand typischer in den Arengen auftauchender Begriffe und Aussagen aufgezeigt werden soll. Der Anspruch ist hoch, sollen diese Zentralbegriffe doch vor dem Hintergrund der zeitgenössischen theologischen, kanonistischen und kirchenpolitischen Diskussion betrachtet werden. Hold greift hier auf die von Gerhard Theuerkauf beschriebene hermeneutische Quelleninterpretation zurück, als deren wichtigste Schritte 1. die Analyse der Quelle, 2. die Synthese oder Quelleninterpretation im engeren Sinne, 3. die Quellenkritik, 4. der Vergleich mit anderen Quellen(-sorten) und schließlich 5. die zusammenfassende Charakteristik der Quelle anzusehen sind.[3]

Grundsätzlich wird der Gesamtbestand der Arengen in zwei Großgruppen unterteilt: Gratial- bzw. Cural-Arengen. Als spezielle Gruppe gelten die in ihrer Anzahl überschaubaren Inthronisations-Arengen, auf deren grundsätzlichen Aussagen zum Wirken und Handeln Gottes in und durch den Papst die anderen Arengen-Typen aufbauen.

Der Autor sieht die Cural-Arengen durch drei Elemente charakterisiert, die durch die Begriffe Bergung, Lenkung und Ordnung beschrieben werden. Verwiesen wird somit auf eine Rhetorik der Pflicht, mittels derer Vertrauen in den Papst und dessen Intentionen geweckt, etwaiges Misstrauen abgebaut werden soll. Gratial-Arengen hingegen sieht der Autor durch eine Form der Rhetorik charakterisiert, die allein der Festigung bzw. Ausbildung von dem Papst gefälligen, weil von ihm ausgehenden Gnadenerweisen dient.

Der Beweis dieser thesenhaften Feststellungen erfolgt durch minutiöse terminologische Analysen, deren Ergebnisse zumeist unmittelbar einleuchten, auch wenn sie nicht immer frei von Allgemeinplätzen sind.[4] Problematisch ist hier jedoch die Atomisierung des Aufbaus, der sich in einer Vielzahl kleinster Unterkapitel verliert. Unterpunkte der Art 2.1.1.3.2.1.2.2.2.1 (sic!) sind nur schwer handhabbar. Im angeführten Fall verbirgt sich dahinter ein den Strukturen päpstlicher cura beigeordnetes Unterkapitel, das auf die Zuständigkeit der cura für namentlich genannte Kirchen bzw. Kathedralkirchen bzw. Kirchen ohne Bischof abzielt. Überzeugende Gliederungsstrukturen sind zur Bewältigung der Stofffülle unabdingbar, doch sollten sie überschaubar bleiben.

Mit Gewinn liest man die Ausführungen des dritten Kapitels, in denen Fragen nach dem Orator selbst – auch hier mit terminologischer Analyse von Begriffen wie pastor, pater oder pontifex – aufgeworfen und allgemeine Parameter des Mediums Arenga wie Aufbau, Länge oder Stilmittel beschrieben werden. Der Autor prägt in seinen zusammenfassenden Bemerkungen das Bild der Arenga als einem „von oben gehaltenen Fischernetz“ und verweist damit einmal mehr auf ihre janusköpfige funktionale, durch cura und gratia geprägte Gestalt.

Der zweite Band der Arbeit ist als Belegteil konzipiert, sammelt die Arengen in ihrem vollen Wortlaut und ordnet sie. Das Konzept vermag hier zu überzeugen, wird durch die Volledition doch der Zugriff auf die nur marginalen Veränderungen unterworfene Textgestalt, gleichzeitig aber auch der Blick auf diejenigen Formulierungen deutlich, die zeitgebunden sind.

Dabei nimmt der Autor für sich in Anspruch, die von ihm im Vatikanischen Archiv recherchierten Texte historisch-kritisch zu edieren – über die Editionsrichtlinien hätte man gerne Genaueres erfahren –, die aus anderen Editionen entnommenen Texte jedoch lediglich als diplomatischen Abdruck zu bieten. Als übergeordnetes systematisierendes Kriterium dient dabei die „Intention“, die zum einen „sorgen“, zum anderen „gnadenspendend“ sein kann. Das Arengen-Material wird so wie bereits erwähnt in Cural- (S. 530-680) bzw. Gratialarengen (S. 681-770) untergliedert, vorgeschaltet ist ein kurzer, den Inthronisations-Exordien gewidmeter Abschnitt (S. 525-529). Um den Einblick in den situativen Kontext zu gewährleisten, werden die Kopfregesten der Stücke, denen die Arengen entnommen sind, mit abgedruckt. Außerdem wird der in der Arenga formulierte situative Bezug als weiter untergliederndes Prinzip gewählt. Auf die in älteren Editionen gewählte Differenzierung in Arengen aus Kammer-, Kurial- bzw. Sekretregistern wird verzichtet.

Immerhin 829 Seiten mit insgesamt 2.584 Fußnoten waren für den Versuch nötig, die Art und Weise darzustellen, mit der das Papsttum Autoritätskrisen rhetorisch bewältigte. Das dabei gewählte Vorgehen, das neben der Darstellung des Überlieferungskontextes maßgeblich auf die Analyse konkreter Begriffe und Begrifflichkeiten setzt, führt dazu, dass überraschende Ergebnisse und neue Einsichten in die rhetorische Kompetenz der in Avignon residierenden Curia romana nicht unbedingt zu erwarten waren – eine Vermutung, die sich so fast durchgängig bestätigt.

Einige kritische Bemerkungen sollen sich hier anschließen. Die analysierten Arengen werden von Hold nicht übersetzt. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, sähe man sich als Leser nicht mit einem elaborierten, mitunter dunklen Sprachstil konfrontiert, in dem – gewiss – sehr viel Formelgut transportiert wird, der ohne Kenntnis der geschichtlichen Situation und des nachfolgenden Kontextes aber nur schwer zu verstehen bzw. interpretatorisch nachvollziehbar zu durchdringen ist. Doch mag dies zugegebenermaßen allein das Problem des Rezensenten sein. Das Lesevergnügen wird nicht allein durch die gehäuft auftretenden Druckfehler, sondern auch durch die unnötige Komplexität der Satzstrukturen erheblich geschmälert.[5] Auch so manche grammatikalische Struktur hätte durch einen weiteren Korrekturgang zweifelsohne gewonnen. Die weiterführenden bibliografischen Hinweise hätte man sich etwas ausführlicher gewünscht. Mit Blick auf die Wahlkapitulation Innocenz’ VI. von 1352 wird so beispielsweise nur allgemein auf einen Artikel im Handbuch der Kirchengeschichte verwiesen (S. 186), die verdienstvolle Spezialuntersuchung von Krüger [6] hingegen taucht noch nicht einmal im Literaturverzeichnis auf. Jeder, der sich mit dieser interessanten Frage weiter beschäftigen möchte, wird also zunächst auf ein Handbuch verwiesen, dessen Vorzüge sicherlich in vielen Bereichen liegen, zu denen jedoch nicht unbedingt gesteigerte Aktualität zu rechnen ist. Eines wird deutlich: Tatsächlich bedienen sich sämtliche Avignon-Päpste mehr oder minder virtuos der ihnen zur Verfügung stehenden kommunikativen Mittel. Sicher: auch vielen Arengen eignet das Bemühen um rhetorische Prägnanz und Brillanz. Doch kann das rhetorische Raffinement, zu dem das Papsttum fähig ist, mit ausschließlichem Blick auf die Arengen nicht angemessen erfasst werden. Den Avignon-Päpsten darf in dieser Hinsicht getrost mehr zugetraut werden, als uns die der Untersuchung beigegebene reiche Quellendokumentation Glauben machen will. Der eigentliche Ort für die Entfaltung kommunikativer und damit auch rhetorischer Strategien liegt an anderer Stelle: Im Bereich der Papsturkunde bzw. des Papstbriefes ist sicherlich zunächst der Kontext zu erwähnen, im Bereich anderer an der avignonesischen Kurie geschätzter literarischer Genera zentral die Predigt. Gerade die von Clemens VI. (1342-1352) vor seinem Kardinalskollegium gehaltenen Predigten belegen eindrucksvoll, wie hier tatsächlich Autoritätskrisen rhetorisch bewältigt wurden.

Bedingt glaubhaft: Die Untersuchung von Hold liefert interessante Einblicke in die rhetorische Werkstatt des avignonesischen Papsttums, kann aber kaum mehr als ein kleines Mosaiksteinchen bei der Beantwortung der komplexen – und für die Kirchengeschichte zentralen – Frage nach der Bewältigung von Autoritätskrisen durch Rhetorik sein.

Anmerkungen:
[1] Fichtenau, Heinrich, Arenga. Spätantike und Mittelalter im Spiegel von Urkundenformen, Graz 1957.
[2] Acta Pataviensia Austriaca. Vatikanische Akten zur Geschichte des Bistums Passau und der Herzöge von Österreich (1342-1378), hg.v. Josef Lenzenweger, bisher 3 Bde., Wien 1974-1996.
[3] Theuerkauf, Gerhard, Einführung in die Interpretaton historischer Quellen. Schwerpunkt Mittelalter, Paderborn 1996, S. 31.
[4] Ein Beispiel mag hier genügen: „Zusammen mit summi apostolatus streicht apex das Moment der extremen Höhe des Papsttums heraus.“ (S. 118)
[5] Auch hier nur ein Beispiel unter vielen: „Abgrenzend kann verwiesen werden, dass in dieser Arenga – sie befindet sich im Rahmen einer Aufforderung an einen Erzbischof von, den französischen König präjudizierenden, Maßnahmen Abstand zu nehmen – nicht von devotio, also von etwas, das – siehe den Abschnitt zur Gratial-Arenga – im Verhältnis eines Christen zum Papst erwartet wird, die Rede ist.“ (S. 186)
[6] Krüger, Thomas, Überlieferung und Relevanz der päpstlichen Wahlkapitulationen (1352-1522). Zur Verfassungsgeschichte von Papsttum und Kardinalat, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 81 (2001), S. 228-255.

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Veröffentlicht am
31.05.2005
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