E. Schüller: Frau sein heißt politisch sein

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Titel
Frau sein heißt politisch sein. Wege der Politik von Frauen in der Nachkriegszeit am Beispiel Frankfurt am Main 1945-1956


Autor(en)
Schüller, Elke
Erschienen
Königstein im Taunus 2005: Ulrike Helmer Verlag
Anzahl Seiten
405 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin R. Wolff, Archiv der deutschen Frauenbewegung

Die Dissertation der Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Elke Schüller kommt genau zur richtigen Zeit. 60 „stolze Jahre“ feiert das Bundesland Hessen in diesem und im nächsten Jahr [1] und gedenkt damit genau jener Zeit und jenem ‘neuen’ Bundesland, welches auch im Zentrum der Arbeit von Elke Schüller steht. Mit dem Gedenken an historische Ereignisse ist es so eine Sache. Wir gedenken schließlich nicht ‘den Ereignissen’, sondern wählen aus, an was wir wie erinnern wollen.[2] Im Zentrum der Erinnerungsfeierlichkeiten – nicht nur in Hessen – stehen deshalb vielmals die ‘großen Männer’ mit ihren ‘großen Taten’. In Fernsehsendungen, im Radio, in Tageszeitungen und Zeitschriften wird ihren historischen Leistungen gedacht und ihre politische Arbeit für das neu aufzubauende Land gewürdigt. Frauen und ihre Leistungen kommen dabei auch vor, allerdings wird an diese in einer anderen Art und Weise gedacht. Sie werden als Trümmerbeseitigerinnen, Kriegsopfer, Ami-Liebchen oder allein erziehende Mütter gezeichnet. Die Politikerin oder auch die Frauen, die politisch das Land wieder aufbauen wollten, fehlen meist in den Erinnerungen. Dabei hat es sie gegeben, die ‘politischen Trümmerfrauen’, die das Land nicht nur materiell sondern eben auch politisch wieder aufbauen wollten und sich mit Mut, Verve und Energie an die nicht zu knappe Arbeit machten.

Diese politischen Frauen der ‘ersten Stunde’ stellt Elke Schüller in ihrer Monografie vor. Dass sie sich dabei auf Frankfurt am Main beschränkt, schmälert den Erkenntnisgewinn keineswegs, vielmehr lässt diese ‘Tiefenbohrung’ interessante Schlüsse auch für andere Städte und Kommunen erwarten. Elke Schüller gliedert ihre Arbeit in drei große Kapitel, die jeweils ein politisches Handlungsfeld abdecken. So behandelt das erste Kapitel den konventionell politischen Bereich, also Frauen im politisch-parlamentarischen System der Stadt Frankfurt, das zweite Kapitel behandelt das überparteiliche Engagement und das dritte Kapitel schließt mit Ausführungen zur Sozialen Frauenpartei der Ulla Illing.

Das erste Kapitel liefert sehr detailliert und exakt den langen Weg der Frauen in die Parteien, ihr Engagement in diesen und das Agieren und Reagieren in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung und im Magistrat. Dabei standen die meisten Frauen den Neu- bzw. Wiedergründungen der politischen Parteien nach 1945 ablehnend bis skeptisch gegenüber, folglich waren sie in diesem Prozess nur wenig vertreten und standen eher am Rand. Mitglied einer politischen Partei wurden nur ca. 1 Prozent der weiblichen Wahlberechtigten – im Vergleich zu immerhin 5 Prozent der männlichen –, von den Parteimitgliedern war ein knappes Viertel weiblich. Dieses Fernbleiben von parteipolitischem Engagement erklärt Elke Schüller mit den Erfahrungen des Nationalsozialismus. „Der großen Mehrheit der Frauen, auch den politisch interessierten, blieb die Parteipolitik also ein fremdes Terrain. Dies erklärt sich aus der Erfahrung des Nationalsozialismus mit seiner weitgehenden Identität von Partei und Staat, die gerade unter Frauen dazu führte, dass es mit der Ablehnung DER Partei zu einer Ablehnung der Parteien und parteipolitischer Tätigkeit überhaupt kam.“ (S. 54) Aus diesem Umstand allerdings auf die generell unpolitische Prägung von Frauen in der Nachkriegszeit zu schließen, würde falsch sein. Elke Schüller lässt den klassischen Politikbegriff hinter sich – dieser geht davon aus, dass sich politische Partizipation primär an institutionalisierter Partei- oder Regierungspolitik zeigt – und kann deshalb ein Feld aufzeigen, in dem die politische Partizipation der Frauen in der Nachkriegszeit sich mit am massivsten äußerte, nämlich innerhalb der unabhängigen Frauenausschüsse.

In diesen unabhängigen Frauenausschüssen (Kapitel 2) fanden sich Frauen zusammen, die sich politisch am Neu- bzw. Wiederaufbau einer Gesellschaft beteiligen wollten, „die auf Frieden, Demokratie und Gleichberechtigung abzielten.“ (S. 185) Diese basisdemokratische Bewegung entstand bereits vor der Wiedergründung von Parteien und lange vor den ersten Wahlen und war ausgesprochen erfolgreich. Gerade in Frankfurt entwickelten die Frauen ein so großes Engagement, dass Theanolte Bähnisch – erste Regierungspräsidentin in Hannover, SPD-Mitglied und Aktivistin innerhalb der Frauenausschussarbeit – erklären konnte: „In Frankfurt herrschte bereits nach kurzer Zeit eine besonders rege Frauenarbeit.“ (S. 185) Diese damals aktuelle Einschätzung wird auch nachträglich von Elke Schüller geteilt, die durch akribisches Aktenstudium und kleinteilige Zeitungsanalyse diese Bewegung in Frankfurt rekonstruieren konnte. Der Frankfurter Frauen-Ausschuß war von dem Impetus angetrieben: “alle Frauen zur Mitarbeit am Wiederaufbau unseres Vaterlandes aufzurufen und auch die letzte Frau von der Bedeutung ihrer politischen Machtstellung und ihrer staatsbürgerlichen Aufgaben zu überzeugen, die sie im Interesse ihres Volkes, ihrer Familie und ihrer Kinder zu erfüllen hat“ (S. 187f.). In Frankfurt traten die aktiven Frauen mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, in dem zum ersten Mal ihre Anliegen formuliert waren. In diesem ‘Ruf an die Frauen!’, welcher nicht nur in der neuen Frankfurter Rundschau abgedruckt, sondern auch als Flugblatt in einer Auflagenhöhe von 30.000 Exemplaren verteilt wurde, legten die Frauen ihr Programm vor.

Die unabhängigen Frauenausschüsse waren überparteilich und überkonfessionell und knüpften damit an Ideen der alten Frauenbewegung vor 1933 an. Allerdings gerieten auch die Frauenorganisationen spätestens 1947 in die ‘Logik’ des beginnenden Kalten Krieges, vor allem da sich zeigte, dass sich die ‘ostdeutschen’ Frauen-Ausschüsse relativ schnell zum DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschland) zusammenschlossen und von den sowjetischen Militärbehörden unterstützt wurden, wohingegen sich die ‘westlichen’ Frauenausschüsse anfangs einem zentralen Zusammenschluss eher verweigerten. Die Überparteilichkeit lies sich daraufhin nicht lange aufrechterhalten und es begannen im Westen antikommunistische Ausgrenzungen, die die Vision einer un’parteilichen’ Frauenarbeit zerstörten.[3]

Das Buch wird immer dann am spannendsten, wenn es der Autorin gelingt, Querverweise und Verknüpfungen zwischen den Akteurinnen nachzuweisen und deutlich zu machen. So zwischen der Gründerin der Sozialen Frauenpartei Ulla Illing (Kapitel 3) und einer der Protagonistinnen des Frankfurter Frauen-Ausschusses Fini Pfannes. Elke Schüller rekonstruiert ein interessantes und ausgesprochen agiles politisches Frauennetzwerk, welches in der direkten Nachkriegszeit versuchte, eine demokratische und vor allem gleichberechtigte Gesellschaft aufzubauen. Der Sieg von Elisabeth Selbert im parlamentarischen Rat, wo sie mit Artikel 3 Abs. 2 (Männer und Frauen sind gleichberechtigt) die umfassende Gleichberechtigung der Frauen durchsetzen konnte, verliert vor diesem Hintergrund seine Exklusivität, ohne dass diese große politische Leistung geschmälert wird. Elisabeth Selbert konnte nämlich auf dieses Frauennetzwerk zurückgreifen und sich damit die nötige Unterstützung holen. Interessant ist daran, dass sie Mitglied einer Partei war, deren Vorsitzender Kurt Schumacher den Frauen-Ausschüssen äußerst skeptisch und ablehnend gegenüberstand, was er in die Worte kleidete: „Ein großer Teil der Madames, die dort hinkommen, sind politisch nicht so ohne weiteres formbar, sondern kommen mit sehr selbstsicheren Allüren der gesellschaftlichen Distinktion und des eigenen Werbewillens.“ (S. 224) Seiner Meinung nach sollten Frauen an der Seite ihrer SPD-Männer Politik machen und sich nicht dem unabhängigen Frauen-Ausschüssen zur Verfügung stellen. Elisabeth Selbert sah dies zu Beginn ebenso, musste aber im Laufe der Zeit erkennen, dass in Fragen der Gleichberechtigung die Mitarbeit der Frauen-Ausschüsse für die Sache wesentlich effektiver war, als ihre eigenen Parteistrukturen.

Elke Schüllers Monografie ist dazu angetan, unser Bild von der Nachkriegszeit zu korrigieren. Neben die kopftuchtragende Trümmerfrau sollte in unserem Gedächtnis auch das Bild der politisch mutigen Frau treten, die zusammen mit anderen versuchte, aus den Verbrechen des Nationalsozialismus lernend, eine gleichberechtigte, demokratische Gesellschaft aufzubauen.

Anmerkungen:
[1] Zum Programm vergleiche: http://www.60stolzejahre.hessen.de/
[2] Vgl. dazu: Ullrich, Sebastian, Wir sind, was wir erinnern. Es hat lange gedauert, bis sich ein selbstkritischer Umgang mit der Vergangenheit durchsetzen konnte. Eine Analyse, in: Die Stunde Null – 8. Mai 1945. Teil 1: Was das Kriegsende für die Deutschen bedeutet, Die Zeit Geschichte, hg.v. Erenz, Benedikt; Ullrich, Volker, April 2005, S. 26-35.
[3] Vgl. hierzu auch: Wolff, Kerstin, Ein groß angelegter Plan! Der Zusammenschluss der westlichen Frauenausschüsse als Abwehrkampf gegen den Kommunismus?, in: traverse, Zeitschrift für Geschichte 3 (2004), S. 101-112.

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Veröffentlicht am
15.07.2005
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