M. Meyen: Einschalten, Umschalten, Ausschalten?

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Titel
Einschalten, Umschalten, Ausschalten?. Das Fernsehen im DDR-Alltag


Autor(en)
Meyen, Michael
Reihe
Materialien - Analysen - Zusammenhänge 11
Erschienen
Anzahl Seiten
145 S.
Preis
€ 17,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Wrage, Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin

„Einschalten, Umschalten, Ausschalten“ stellt, so Michael Meyen, erstmals „die Entwicklung der Fernsehnutzung in der DDR systematisch für die […] Zeit von 1952 bis 1989“ vor. Dabei ist das „erstmals“ zumindest dadurch eingeschränkt, dass sich hier vieles wiederfindet, was der Autor schon in vorherigen, spezialisierteren Arbeiten zum Thema niedergelegt hat. [1] Das leugnet Meyen auch nicht, sondern macht die immerhin ungewöhnliche Selbstanleihe in der Einleitung ausdrücklich zum Thema, indem er darlegt, dass der vorliegende Text anders als die vorangehenden, medienübergreifenden Studien das Fernsehen in den Mittelpunkt rückt. Eine solche Konzentration ist – mit einem Wort – begrüßenswert. Allerdings wird sich der Leser demgegenüber „über wörtliche Übernahmen mokieren“ (S. 11), wenn sich Text aus der Einleitung wörtlich im fünften Kapitel wiederfindet (vgl. S. 8, 114).

Meyen fasst den Forschungsstand zum Thema in zwei Thesen zusammen: Einerseits würde allgemein vorausgesetzt, dass die DDR-Fernsehsender nur von einer Minderheit der Zuschauer rezipiert worden wären, während eine übergroße Mehrheit die televisionäre Ausreise in den Westen angetreten hätte. Andererseits wird behauptet, dass, wie auch der Mannheimer Medienhistoriker Konrad Dussel argumentiert, „attraktiv am westdeutschen Fernsehangebot vor allem die politische Information und weniger die Unterhaltung“ war. Beide Thesen, die einander im Übrigen keineswegs gegenseitig bedingen, sucht Meyen zu widerlegen.

Zunächst zur zweiten These: Dussel hat seine Annahme auf die durch die DDR-Zuschauerforschung ermittelte mangelnde Glaubwürdigkeit der ostdeutschen Nachrichtenformate gestützt, die eine Konzentration auf Tagesschau und Heute quasi unumgänglich gemacht hätte.[2] Meyen differenziert dieses Argument. Auch er bezieht sich auf die mangelnde Glaubwürdigkeit der DDR-Nachrichtensendungen, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Konfrontation mit einem Nachrichten-Medium, das der eigenen Erfahrungswelt offen widerspricht, auf Dauer beim Zuschauer eher zu einem allgemeinen Vorbehalt gegenüber den Medien führt als dazu, einfach umzuschalten. Die DDR-Bürger haben nicht einfach die West-Nachrichten geschaut, weil sie denen der DDR nicht vertrauten: Nachrichten wurden, wie die Untersuchung deutlich belegt, immer zunächst auf ihre Konsistenz in Bezug auf persönliche Erfahrungen begutachtet. Darüber hinaus habe man versucht, im Vergleich der Nachrichten in Ost und West die wahrscheinlichste Variante eines Ereignisses zu rekonstruieren (S. 94f.). Wenn dies zutrifft, hat das Fernsehpublikum die Nachrichtenformate in Ost und West wahrgenommen, aber keiner Seite einfach vertraut. [3]

Gleichzeitig legt Meyen dar, dass die Nachrichten, ungeachtet der Konzentration früherer Arbeiten auf dieses Thema, gerade nicht das Zentrum des Zuschauerinteresses gebildet hätten: „Das Fernsehen ist überall auf der Welt in erster Linie ein Unterhaltungsinstrument. Es liefert Gesprächsstoff und eine Beschäftigung, ist Kontaktersatz und […] Zufluchtsort.“ (S. 8) Aus diesem Grund, so Meyen, hätten die DDR-Bürger ungeachtet der Provenienz den Sender gewählt, der die bessere Unterhaltung zu liefern imstande war – und das war nach der Einführung der so genannten alternativen Programmstruktur Anfang der 1980er-Jahre, nicht selten das Fernsehen der DDR, wie sich an den Daten der Zuschauerforschung klar belegen lässt.

Die Untersuchung wird in fünf Kapiteln entwickelt. Das erste Kapitel stellt die Methode vor und reflektiert das Problem eines Mangels repräsentativer Quellen: Die Meinungsforschung in der DDR etablierte sich erst Anfang der 1960er-Jahre. Sie war nie frei war von politischem Einfluss, und, auf der Befragtenseite, vom Zweifel an der Wahrung der Anonymität der erhobenen Daten (S. 13f). Sie muss also, vielleicht noch über das übliche Maß hinaus, als Quelle hinterfragt werden. Eine solche Validierung leistet Meyen durch offene, leitfadenstrukturierte Interviews, die zwischen 2000 und 2002 erhoben wurden und nach der allgemeinen, der Mediensozialisation und den Nutzungsmustern der Probanden fragten.

Das zweite Kapitel präsentiert eine Fernsehgeschichte der DDR im Miniaturformat. Hier gibt es wenig, was nicht Peter Hoff in den DDR-Kapiteln zur Geschichte des deutschen Fernsehens [4] schon berichtet hätte. Das Kapitel besticht jedoch dadurch, dass der Text - anders als Hoff - alle wichtigen Quellen offen legt.

Wichtiger für die Kernhypothesen des Textes ist demgegenüber das Kapitel 3, das historische Mediendaten aus allen Phasen der DDR-Geschichte auswertet. Hier wird ganz deutlich, dass im Mittelpunkt der Publikumswünsche ungeachtet aller historischen Verwerfungen immer eines gestanden hat: Entertainment im umfänglichsten Wortsinn. In weitem Abstand folgte dann der Wunsch, über „wichtige Ereignisse“ informiert zu werden, wobei das Interesse an Nachrichten nicht politisch motiviert, sondern durch ein alltagsrationales Bedürfnis nach Neuigkeiten, nach einem Überblick, bestimmt war.

Für die negative Bewertung der DDR-Fernsehnachrichten spielt deren mangelhafte Glaubwürdigkeit eine wesentliche Rolle. Dies und die Bewertung des Fernsehprogramms im Allgemeinen sind Gegenstand des vierten Kapitels. Indem Meyen die historischen Datenanalysen mit den Interviews vergleicht, gewinnt er Argumente zur Frage der Glaubwürdigkeit der Informationssendungen in der DDR und in der Bundesrepublik. Auf dieser Basis entwickelt er eine Typologie von Mediennutzertypen in der späten DDR.[5]

Um Sehverhalten und Nutzungsmotive geht es schließlich im fünften Kapitel. Anders als andere Studien zur Rezeption des DDR-Fernsehens [6], bezieht Meyen auch die Zeitstrukturen des Alltags in seine Bewertung der Zuschauerzahlen ein. Dies scheint einleuchtend, denn um das Sehverhalten z.B. für eine Sendung zu evaluieren, die um 22 Uhr beginnt, ist es von unmittelbarem Interesse, dass zu dieser Zeit im Durchschnitt 83 Prozent der möglichen Zuschauer bereits in den Betten lagen. Am Beispiel vieler Einzelformate belegt Meyen dann die in den 1980er-Jahren hohe Fernsehnutzung im Allgemeinen. Darüber hinaus geht das Kapitel auch auf Trends bei der Nutzung einzelner Programmsparten wie Unterhaltungsshows, publizistische Formate oder Sport ein, wobei das Fehlen einer Bewertung der über 300 fernsehdramatischen Erstsendungen des DDR-Fernsehens dieser Zeit als Lücke deutlich ins Auge fällt. [7] Aufschlussreich sind nicht zuletzt die Nachweise generationeller Unterschiede im Sehverhalten (wenn Meyen belegt, dass das DDR-Fernsehen für die ab 1960 Geborenen nie zum identifikatorischen Medium geworden ist).

Insgesamt ist Michael Meyens Buch Einschalten, Umschalten, Ausschalten? Das Fernsehen im DDR-Alltag ein Muss: Hier findet der Leser in gebündelter Dichte alle wesentlichen Aspekte der Rezeptionsforschung zum DDR-Fernsehen. Angenehm fällt zudem die sprachliche Eloquenz des Textes auf – ein auf diesem Gebiet nicht eben verbreitetes Phänomen. Meyens Versuch, die Hypothese nachzuweisen, die DDR-Bürger hätten in den 1980er-Jahren mehr DDR-Fernsehen geschaut als das der Bundesrepublik (S. 114f.), überzeugt letztlich nicht. Umso mehr aber tut das der Kernbestand dieses Buches, das unbedingt zu empfehlen ist.

Anmerkungen:
[1] Der Text zeigt sich gelegentlich bis in den Wortlaut inspiriert von Meyen, Michael, Hauptsache Unterhaltung. Mediennutzung und Medienbewertung in Deutschland in den 50er Jahren, Münster 2001 sowie Ders., Denver Clan und Neues Deutschland. Mediennutzung in der DDR, Berlin 2003.
[2] Vgl. jeweils: Dussel, Konrad, Deutsche Rundfunkgeschichte. Eine Einführung. Konstanz 2004, S. 183.
[3] Für die These, dass die bundesdeutschen Nachrichtenformate gerade nicht wie zuvor angenommen, eine größere Glaubwürdigkeit beim DDR-Publikum besaßen, vgl. Schubert, Renate, Umbrüche im Verhältnis von Medien-Realität und Fernsehrealität, in: Rundfunk und Fernsehen 38 (1990), S. 425
[4] Hickethier, Knut; Hoff, Peter, Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart 1998.
[5] Vgl. für eine genauere Skizze Hanno Hochmuths Rezension zu Meyens Denver Clan und Neues Deutschland siehe <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=34903490>.
[6] Einschlägig ist Braumann, Christa, Fernsehforschung zwischen Parteilichkeit und Objektivität. Zur Zuschauerforschung in der ehemaligen DDR, in: Rundfunk und Fernsehen 4 (1994), S. 524-541.
[7] Vgl. hingegen ebd., S. 531ff.

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Veröffentlicht am
24.06.2005
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