Cover
Titel
The New Berlin. Memory, Politics, Place


Autor(en)
Till, Karen E.
Erschienen
Anzahl Seiten
279 S.
Preis
$ 24.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Winkler, Centre for European Studies, University College London

Mit ihrer Monografie „The New Berlin“ leistet Karen E. Till einen interessanten Beitrag zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem deutschen Erinnerungsdiskurs der letzten Jahre. In ihrer Darstellung der Stadt Berlin nach der Wiedervereinigung und der Verarbeitung von Geschichte in Architektur, Stadtplanung und -gestaltung der deutschen Hauptstadt zeigt sich Till als intime Kennerin der Erinnerungslandschaft Berlins. Die amerikanische Wissenschaftlerin lehrt Geografie am Royal Holloway College (London) und hat in Berlin längere Zeit zu Forschungs- und Studienzwecken verbracht. Tills Konzept des „New Berlin“ gründet auf ihrer Wahrnehmung des wiedervereinigten Berlin als einer Stadt, die sich permanent wandelt. Dieser Wandel gestalte ein neues, kosmopolitisches Berlin und ist für Till durch die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit geprägt (S. 37).

Dem Buch liegt ein „geo-ethnografischer“ Ansatz zugrunde: Till fragt danach, wie Menschen durch das Errichten von Orten Sinn stiften und Gefühle von Zusammengehörigkeit und Identität vermitteln können. Besondere Bedeutung kommt in Tills Band den „places of memory“ zu. Diese sind keine „Erinnerungsorte“ im Sinne des von Hagen Schulze und Etienne François weiterentwickelten Konzepts der „lieux de mémoire“ und werden daher im Folgenden als „Orte der Erinnerung“ bezeichnet. Anders als Schulze und François versteht Till „places“ nämlich als konkrete, materielle Orte und weniger als Topoi.[1] Orte werden für Till nicht nur immer wieder aufs Neue interpretiert; in ihnen „spuken“ zudem noch Bedeutungsstrukturen und materielle Überreste aus vergangenen Zeiten. Das Schaffen von „places of memory“ stellt für Till deshalb oftmals den Versuch dar, wiedererweckten Geistern der Vergangenheit („ghosts“) eine konkrete Gestalt in einer Landschaft zu geben. Diese „ghosts“ zu beschreiben, die Errichtung von spezifischen Orten der Erinnerung im „New Berlin“ also in den Kontext der Diskussionen um die deutsche Vergangenheit einzubetten, ist ein wesentliches und gelungenes Merkmal der hier besprochenen Monografie.[2]

Um die Geschichten einzelner Orte der Erinnerung aufzuspüren, hat Till über Jahre hinweg verschiedene Personen interviewt, die eine Beziehung zu den von ihr untersuchten Orten der Erinnerung aufgebaut haben. Darunter waren etwa Besucher dieser Orte, wissenschaftliche Mitarbeiter von Gedenkstätten und Museen, Architekten, Künstler sowie Personen des öffentlichen Lebens. Dass Till sich darüber hinaus selbst als Untersuchungsobjekt einbezieht, wird durch „fieldnotes“ deutlich, die einzelne Kapitel durch persönliche Eindrücke ergänzen und die Leser anregen sollen, sich eigene Gedanken über die vorgestellten Orte der Erinnerung zu machen. Durch den Abdruck von Stadtplänen, Entwurfsskizzen, Werbeflyern und Fotos werden die Leser zudem visuell in das Thema einbezogen.

Detailliert beschreibt und analysiert Till, wo Architekten, Stadtplaner, Politiker und Bürgerinitiativen versuchen, ein positives Bild vom Berlin des 21. Jahrhunderts zu entwerfen, indem sie auf ästhetische und stadtplanerische Modelle des 19. Jahrhunderts und der Weimarer Jahre zurückgreifen. Till zeigt jedoch auch, an welchen Orten die Jahre des „Dritten Reichs“ und der Teilung Berlins noch sichtbar sind oder wieder sichtbar gemacht und ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurden.

Basierend auf den Diskussionen um bestimmte Orte der Erinnerung in Berlin (die Topografie des Terrors, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Jüdische Museum, die Gedenkstätte Sachsenhausen und andere) sowie den jeweiligen Konzeptionen erläutert Till, wie an konkreten Orten nationale Vergangenheit und Zukunft dargestellt und vermittelt wird. Dabei zeigt sie die Beziehungen der einzelnen Orte der Erinnerung zueinander auf und macht die Verwobenheit der politischen, kulturellen, historischen und pädagogischen Diskurse deutlich. Dies führt zu gelegentlichen Wiederholungen, was jedoch angesichts der Komplexität der Debatten wohl nicht zu vermeiden ist. Um ihren englischen Lesern die Vielfältigkeit des Begriffes „memorial“ in der deutschen Sprache klarzumachen, widmet Till den Konzeptionen von Mahnmal, Museum, Denkstätte oder Lernort mehrere Seiten und erklärt, aus welchen zeitgeschichtlichen Strömungen und Bedürfnissen der Verarbeitung von Geschichte diese Konzeptionen entstanden sind (S. 82ff.).

Tills Ausführungen machen einmal mehr deutlich, dass eine Untersuchung des sozialen Gedächtnisses und der Errichtung von Orten der Erinnerung mehr über die Menschen aussagt, die einen solchen Ort etablieren, als über jene, an die erinnert wird. So unterscheidet Till zwar beispielsweise zwischen der Topografie des Terrors als „Denkort“ zur kritischen Erinnerung an die so genannten Schreibtischtäter[3] und dem Holocaust-Mahnmal, das an die jüdischen Opfer erinnert, setzt beide Stätten jedoch auch immer zu den Debatten in Beziehung, die die Errichtung dieser Orte geprägt haben. Till greift dabei Diskussionen auf, die die Trennung von „Opfern“ und „Tätern“ und damit einhergehend „Juden“ und „Deutschen“ anprangern; sie kritisiert, dass durch das Holocaust-Mahnmal eine „meta-Holocaust victim category“ entwickelt worden sei, welche die Juden immer noch als „die Anderen“ in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft konstruiere (S. 188).

Anhand der Diskurse über die einzelnen Orte der Erinnerung argumentiert Till, dass Denkmäler in der ehemaligen DDR und der alten Bundesrepublik unterschiedliche politische, soziale und kulturelle Bedeutung besaßen und dass nach der Wiedervereinigung eine Neuorientierung des deutschen Umgangs mit der Vergangenheit festzustellen sei. Sie fragt jedoch nicht danach, wie die von ihr besprochenen Orte der Erinnerung auf Menschen wirken, die in der ehemaligen DDR mit einer ganz anderen Wahrnehmung der NS-Vergangenheit und Konstruktion von nationaler Identität aufwuchsen als ihre Zeitgenossen im Westen.

Das fünfte Kapitel ist dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin und der dessen Errichtung vorangegangenen jahrelangen Diskussion gewidmet. Till verzichtet hier darauf, diese Debatte in ihrer ganzen Bandbreite darzulegen.[4] Vielmehr konzentriert sie sich auf wesentliche Diskussionsbeiträge und Vorschläge zur Gestaltung des Mahnmals und argumentiert für das Verständnis des Monuments als eines internationalen Denkmals, da es den europäischen Juden gewidmet ist und damit explizit über den nationalen Rahmen hinausweist. Dabei wäre grundsätzlich zu fragen, ob der Holocaust überhaupt in einem internationalen Rahmen erinnert werden kann oder ob nicht vielmehr die Erinnerung an den Holocaust immer eine spezifisch nationale bleiben wird.[5]

Tills Erkenntnisobjekte sind, wie oben ausgeführt wurde, diejenigen „places of memory“, die von Menschen zum Zweck der Erinnerung und des Gedenkens geschaffen wurden. Damit wird der Fokus auf eine bestimmte Kategorie von Orten der Erinnerung beschränkt; nicht gezielt errichtete Orte werden von der Untersuchung ausgeschlossen. Dennoch liegt mit „The New Berlin“ ein Beitrag zum Diskurs über die deutsche Erinnerungskultur vor, der geografische und ethnologische Ansätze gekonnt kombiniert, indem er die subjektiven Wahrnehmungen von „Orten der Erinnerung“ in den Mittelpunkt stellt und nach der Bedeutung dieser Orte für unterschiedliche Menschen fragt. Diese Herangehensweise liefert eine wichtige Ergänzung zum bisherigen Diskurs über deutsche „Orte der Erinnerung“: Sie macht darauf aufmerksam, dass das subjektive Erleben dieser Orte deren Charakter mitbestimmt und zudem nicht an den Grenzen nationaler Erinnerungsdiskurse Halt macht.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Schulze, Hagen; François, Etienne (Hgg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001; Nora, Pierre, Between History and Memory. Les Lieux de Mémoire, in: Representations 26 (1989), S. 7-24.
[2] Zur Vorstellung von Berlin als einer „haunted city“ siehe besonders Ladd, Brian, The Ghosts of Berlin, Chicago 1997.
[3] Rürup, Reinhard (Hg.), Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“. Eine Dokumentation, Berlin 2004.
[4] Vgl. Zeitgeschichte-online, Thema: Das Holocaust-Mahnmal und die Geschichte seiner Entstehung, Juni 2005, URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=Holocaust-Mahnmal-Inhalt>.
[5] Für unterschiedlich akzentuierte Positionen zu dieser Frage vgl. etwa Young, James E., Formen des Erinnerns. Gedenkstätten des Holocaust, Wien 1997; Levy, Daniel; Sznaider, Natan, Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001; Leggewie, Claus; Meyer, Erik, „Ein Ort, an den man gerne geht“. Das Holocaust-Mahnmal und die deutsche Geschichtspolitik nach 1989, München 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.08.2005
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