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Titel
Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945


Autor(en)
Große Kracht, Klaus
Erschienen
Göttingen 2005: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Stelzel, History Department, University of North Carolina at Chapel Hill

„Sieht man von einem kürzeren Aufsatz über das nationalsozialistische Herrschaftssystem ab, der im Jahrbuch der Universität Düsseldorf 1970/71 erschienen ist und die erweiterte Fassung eines am 13.2.1971 vor der Zahnärzteschaft Düsseldorfs gehaltenen Vortrages darstellt, so hat Wolfgang J. Mommsen sich in ausführlicherer, schriftlicher Form bislang nicht zur Geschichte des ‚Dritten Reiches’ geäußert. Sie gehörte mithin nicht zu seinen Forschungsschwerpunkten. Daher scheint es mir sinnvoll, die Sachdiskussion mit ihm erst fortzusetzen, wenn nach dem notwendigen Archiv-, Akten- und Literaturstudium seine Kenntnisse über das ‚Dritte Reich’ reichhaltiger und sein ‚Bild’ vom ‚Dritten Reich’ substantieller geworden sind.“[1] In gewisser Hinsicht ist diese Bemerkung Klaus Hildebrands – auf dem Höhepunkt der Intentionalismus/Strukturalismus-Debatte – typisch für die in Klaus Große Krachts Studie analysierten Auseinandersetzungen unter deutschen Historikern nach 1945: Fast immer stritt man sich um Aspekte des Nationalsozialismus, häufig versuchte man, den Gegner als fachlich unqualifiziert oder gar als nicht satisfaktionsfähig darzustellen, und schließlich verfuhr man oft nach dem Motto „warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht“.

In den vergangenen Jahren ist eine Vielzahl von Studien über Historikerkontroversen nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen.[2] Zur „Fischer-Kontroverse“ liegt inzwischen eine Reihe von Jubiläumsaufsätzen vor, und der „Historikerstreit“ ist sogar Gegenstand einiger längerer Publikationen geworden.[3] Fast fühlt man sich an Karl Valentin erinnert: „Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.“ Große Krachts Studie hat hingegen auch Neues zu bieten, denn „Die zankende Zunft“ ist die erste Untersuchung, die wichtige Historikerdebatten nach 1945 in eine Erzählung zu integrieren versucht. Gleichzeitig erweitert Große Kracht den Fokus: Es geht ihm nicht in erster Linie um eine detaillierte Rekonstruktion der von den Historikern jeweils vorgebrachten Argumente, sondern mehr um die Einbettung der Kontroversen in den breiteren Kontext. Und dieser Kontext wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger: Fand die „Fischer-Kontroverse“ – zumindest anfänglich – noch in den Fachzeitschriften statt, so spielten sich der „Historikerstreit“ und die Goldhagen-Debatte vorrangig in Tageszeitungen ab. Gleichzeitig – und das ist ein Charakteristikum aller von Große Kracht analysierten Kontroversen – waren die Historiker stets bemüht, die Autonomie des fachlichen Diskurses gegenüber dem nichtfachlichen Publikum zu behaupten und „missliebige Kollegen aus dem Diskursraum des eigenen Fachs auszugrenzen“ (S. 21). Letztere sollten weiterhin Vorträge vor Zahnärzten halten – oder sich eben erst einmal ins Archiv begeben.

Prägnant und zuverlässig schildert Große Kracht die Entwicklung der Geschichtswissenschaft in Ost- und Westdeutschland in den ersten eineinhalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. In beiden deutschen Staaten gab es kaum nennenswerte Debatten; in der Bundesrepublik überlagerte die Restauration des klassischen deutschen Historismus bald die anfänglichen und ohnehin eher halbherzigen Revisionsbemühungen. Dies war eine Entwicklung, die trotz scheinbar gegenläufiger Tendenzen wie der Gründung des Instituts für Zeitgeschichte durchaus Parallelen zum „kommunikativen Beschweigen“ (Hermann Lübbe) der NS-Vergangenheit in der westdeutschen Gesellschaft insgesamt aufwies. In der DDR wurde die sozialistische Konsenswissenschaft zügig durchgesetzt; mehr Opposition als der „linientreue Dissident“ Jürgen Kuczynski konnte man sich nicht erlauben.

Wurde in der westdeutschen Öffentlichkeit Ende der 1950er-Jahre langsam der Ruf nach „Vergangenheitsbewältigung“ laut, so erlebte die Geschichtswissenschaft kurze Zeit später mit der „Fischer-Kontroverse“ ihre erste Großkontroverse. Die Reaktionen auf Fritz Fischers frühe Aufsätze in den Fachorganen waren noch gemäßigt ausgefallen, aber im Weltkriegs-Jubiläumsjahr 1964 radikalisierte sich die Debatte. Zudem verließ, wie Große Kracht feststellt, „die zeithistorische Forschung in der Bundesrepublik den Elfenbeinturm“ (S. 62): Die Kontrahenten veröffentlichten ihre Argumente nun auch in der Tagespresse, und die Diskussion am Historikertag fand vor hunderten von Zuhörern statt.

Die mit der Chiffre „1968“ verbundenen Ereignisse und Entwicklungen haben sich auf die Geschichtswissenschaft weniger dramatisch ausgewirkt als etwa auf Soziologie und Politikwissenschaft. Dennoch waren es einerseits die Diskussionen um Faschismus-Theorien (Winkler, Grebing und Schieder vs. Neo-Marxisten) und Faschismus-Forscher (Nolte vs. Kühnl in Marburg), andererseits der abnehmende Stellenwert des Faches Geschichte, die die Historiker intensiv beschäftigten. Daneben verweist Große Kracht auf den Umstand, dass sich während der Zeit der Studentenproteste und in der Debatte um die „Gesellschaftsgeschichte“ bereits die im „Historikerstreit“ sichtbaren Lager herauszubilden begannen. Allerdings ist fraglich, ob es wirklich einen nennenswerten Einfluss der studentischen Aktivisten auf die linksliberalen Historiker gegeben hat. Denn die aufklärerische oder kritische Orientierung der Historiker im Umkreis von „Geschichte und Gesellschaft“ hatte ihren Ursprung wohl schon vor 1968 (sie gehörten ja einer anderen Generation an), und die theoretischen Leitfiguren waren auch nicht dieselben.

Knapp und fair schildert Große Kracht Vorgeschichte und Verlauf des „Historikerstreits“, den er als „Streit um die historiographische Deutungshoheit, um die repräsentative Macht über die jüngere deutsche Geschichte und das öffentliche Geschichtsbewusstsein der späten Bonner Republik“ charakterisiert (S. 114). Ergänzt wird dieses Kapitel durch die Beschreibung von Noltes „kumulativer Radikalisierung“ und folglich Selbstdiskreditierung sowie des Broszat-Friedländer-Briefwechsels um die Historisierung des Nationalsozialismus.

Die Prognose war und ist nur selten die Stärke des Historikers, und folglich traf die deutsche Einheit die deutsche Geschichtswissenschaft gänzlich unvorbereitet. Aber einige der vormals „Postnationalen“ passten sich der neuen Situation rasch an, erkannten sie doch – wie etwa Heinrich August Winkler –, dass die „Logik der Geschichte“ nun plötzlich eine andere war als noch während des „Historikerstreits“. Die ebenso überraschten DDR-Historiker wurden innerhalb kurzer Zeit abgewickelt, ein Prozess, der sich Große Kracht zufolge „kaum als bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte präsentieren“ lässt (S. 130). Denn dabei seien Stellen nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch aus Sparzwängen abgebaut und die Mängel des westdeutschen Wissenschafts- und Hochschulsystems auf die neuen Bundesländer übertragen worden.

Das Kapitel über die deutsche Zeitgeschichte in den 1990er-Jahren analysiert die Goldhagen-Debatte und die Kontroverse um die „Wehrmachtsausstellung“. In beiden Fällen mussten die Historiker erkennen, dass zwischen dem wissenschaftlichen Forschungsstand und dem Geschichtsbild der breiten Öffentlichkeit eine große Lücke klaffte: Während Goldhagen trotz relativ einmütiger Kritik der Experten das Publikum für sich gewinnen konnte, waren die Historiker im Falle der „Wehrmachtsausstellung“ von den heftigen öffentlichen – positiven wie negativen – Reaktionen überrascht. Schließlich war die Beteiligung der Wehrmacht am nationalsozialistischen Vernichtungskrieg in der Geschichtswissenschaft nicht umstritten. An beiden Episoden zeigte sich jedenfalls ein Vermittlungsproblem der Fachwissenschaft, auf das Große Kracht in seinen abschließenden Überlegungen noch einmal eingeht. Er konstatiert zu Recht, dass Historiker „ihre neue Rolle in der Mediengesellschaft [...] erst noch finden“ müssen (S. 175). Mit Medienschelte allein dürfte es jedenfalls nicht getan sein.

„Die zankende Zunft“ ist ein rundum empfehlenswertes Buch. Klaus Große Kracht argumentiert stets fair und prägnant, und sein Konzept, die streitenden Historiker so viel wie möglich selbst sprechen zu lassen, anstatt ihnen nachträglich Noten zu erteilen, geht auf. Ebenso gelingt es dem Autor, die Kontroversen in ihrem breiteren Kontext zu präsentieren. Wer komplizierte Debatten wie die „Fischer-Kontroverse“ in allen argumentativen Verästelungen nachvollziehen will, kommt wohl nicht ganz auf seine oder ihre Kosten. Aber wer eine zuverlässige Einführung in historische Kontroversen der letzten 60 Jahre sucht, ist bei Große Kracht in jedem Falle richtig.

Anmerkungen:
[1] Hildebrand, Klaus, Die verfolgende Unschuld, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 32 (1981), S. 742.
[2] Vgl. Sabrow, Martin; Jessen, Ralph; Große Kracht, Klaus (Hgg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003 (rezensiert von Sabine Moller: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-169>); Elvert, Jürgen; Krauß, Susanne (Hgg.), Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 2003; Lehmann, Hartmut (Hg.), Historikerkontroversen, Göttingen 2000.
[3] Vgl. zur „Fischer-Kontroverse“ u.a. Berghahn, Volker R., Die Fischer-Kontroverse – 15 Jahre danach, in: Geschichte und Gesellschaft 6 (1980), S. 403-419; Schöllgen, Gregor, Griff nach der Weltmacht? 25 Jahre Fischer-Kontroverse, in: Historisches Jahrbuch 106 (1986), S. 386-406; zum „Historikerstreit“ u.a. Maier, Charles S., The Unmasterable Past. History, Holocaust, and German National Identity, Cambridge, Mass. 1988; Evans, Richard J., In Hitler’s Shadow, London 1989; Kailitz, Steffen, Die politische Deutungskultur im Spiegel des „Historikerstreits“. What’s right? What’s left?, Wiesbaden 2001 (siehe dazu meine Rezension: <http:/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1535>).

Redaktion
Veröffentlicht am
18.06.2005
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