Cover
Titel
Kulturpolitik als Beruf. Dieter Sattler (1906-1968) in München, Bonn und Rom


Autor(en)
Stoll, Ulrike
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe B, Forschungen 98
Erschienen
Paderborn 2005: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
594 S.
Preis
€ 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Stunz, Historisches Seminar, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Um sich die Wartezeit vor einem Dinner anlässlich einer Unesco-Generalkonferenz zu vertreiben, begann Dieter Sattler eine Arie aus Aida zu intonieren, in die seine Kollegen aus aller Welt einstimmten – das Eis zwischen den Diplomaten war gebrochen. Diese Episode aus Ulrike Stolls biografischer Studie wirft ein Licht auf einen der einflussreichsten Kulturpolitiker der frühen Bundesrepublik – eine Persönlichkeit, die für eine Biografie reichlich Stoff bot.

Stoll stellt in ihrer an der Ludwig-Maximilians-Universität in München angenommenen Dissertation, die im Jahr 2003 mit dem Rave-Preis des Stuttgarter Instituts für Auswärtige Kulturpolitik ausgezeichnet wurde, eine Person vor, die durch viele Raster fällt, weil sie dem so genannten zweiten Glied der Verwaltungsspitze angehörte. Die Perspektive ihrer Studie ist verwaltungshistorisch; über diesen Rahmen geht sie allerdings weit hinaus, indem sie Sattler mentalitätsgeschichtlich einordnet und somit zu zeigen vermag, welche zentrale Rolle Einzelpersönlichkeiten bei der Erforschung von Kulturpolitik als historiografischem Feld spielen. Stolls Quellenbasis ist so breit sie irgend sein kann: Verwaltungsakten zahlreicher Archive, Dokumente aus Nachlässen, Publizistik und vor allem das Tagebuch Dieter Sattlers, das sie mit den Aufzeichnungen Harry Graf Kesslers vergleicht. Diese Grundlage ermöglicht der Autorin einen multiperspektivischen Zugriff auf ihr Thema.

Stoll führt den Leser anhand chronologisch gestaffelter Stationen durch Sattlers Leben, der als Architekt immer wieder Quereinsteiger war: im Bayerischen Kultusministerium, in dem er als Staatssekretär für die Schönen Künste wirkte, als Mitglied des Bayerischen Rundfunkrates, als Kulturattachee in Rom, als Leiter der kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt und als Botschafter der Bundesrepublik beim Vatikan. Der Autorin gelingt es, zentrale Schauplätze, Handlungsfelder, Netzwerke und persönliche Einschätzungen für diese auf den ersten Blick unterschiedlichen Felder zu beschreiben und Sattlers jeweilige Rolle zu charakterisieren. Aufgrund ihrer Stilsicherheit und des Vermögens, Narration mit Analyse zu verbinden, ist diese umfangreiche Arbeit ein angenehmer Lesestoff, der jeglichen Jargons entbehrt und mitunter ausgesprochen kurzweilig ist.

Wie jeder Lebensweg gründet auch Dieter Sattlers Biografie im Umfeld seiner Familie. Als Enkel Adolf von Hildebrands im Bogenhausener Milieu in München aufgewachsen, studierte Sattler in München schwerpunktmäßig Architektur, war Schüler des Bühnenarchitekten Emil Preetorius, der ein Freund des Vaters, Carl Sattler, war. Stoll charakterisiert dessen Sohn in diesen Jahren als Bohèmien, der mit dem Gedanken spielte, sich in Bauwirtschaft zu habilitieren. Den Nationalsozialismus beurteilte Sattler „einigermaßen naiv“ und schickte sich an, „aus der Umbruchssituation seinen Nutzen zu ziehen“ (S. 51). Seine junge Frau, die streng katholische Rheinländerin Maria Schiedges bewahrte ihn nicht nur vor opportunistischer Anpassung, sondern bewog Sattler auch zum Übertritt zum katholischen Glauben – ein neben der Familienzugehörigkeit zentraler Faktor für seine spätere Karriere. Stolls darauf folgendes „Profil eines Bildungsbürgers in der Kulturpolitik“ fasst Sattlers religiösen, politischen und ästhetischen Einstellungen zusammen und entfaltet ein eindrucksvolles Panorama: Als Anhänger der liturgischen Bewegung und Gesprächspartner Romano Guardinis bestimmte der Katholizismus sein Denken, dominant waren aber laut Stoll Kulturpessimismus, sein Dekadenzvorwurf und Technikskepsis sowie der „Verlust der Mitte“ und die Angst vor einer unmündigen Masse, die das Fundament seines kulturpolitischen Handelns darstellten.

Obwohl nicht zu klären ist, wie Sattler den Nationalsozialismus als Angestellter in einem regimeprotegierten Münchner Architektenbüro überdauerte, schien es für die Amerikaner keinen Zweifel an seiner Integrität gegeben zu haben. Sattler zeigte rasch ein Interesse an der ‚Vergangenheitsbewältigung’; als Architekt des Central Collecting Point formulierte er grundlegende Gedanken zum Wiederaufbau, die auch die Emigranten einschlossen. Im Jahr 1946 trat Sattler in die CSU ein. Als Südbayer, Katholik, unbelasteter junger Mann und aus guter Familie mit Englischkenntnissen erfüllte Sattler genau die Voraussetzungen, die für einen Staatssekretärsposten im Kultusministerium gefragt waren. In seiner bundesweit einzigartigen Position als „Staatssekretär für die Schönen Künste“ und Chef der Abteilung Kunst war er für hoch symbolische Bereiche zuständig, aus denen Stoll den Umgang mit den Ehrentempeln am Königsplatz, ein Denkmal für die Opfer des Dachauer KZs, das Staatstheater und die Gründung der Akademie der Schönen Künste hervorhebt. Jede dieser Detailstudien beleuchtet ein zentrales Moment von Kulturpolitik in der Nachkriegszeit in Bayern: Umgang mit dem NS-Erbe, Neuausrichtung der Künste und die Freiheit der Kunst, die Stoll anhand des Skandals um das Verbot von Werner Egks ‚Abraxas’-Ballett thematisiert. Während seiner Amtszeit wurde Sattler häufig vorgeworfen, zu München-zentriert zu agieren; auch seine Biografin geht über den oberbayerischen Bereich nicht hinaus, weshalb es ihr auch nicht möglich ist, die Friktionen zwischen Schaben, Franken und Bayern im Kulturbereich oder die Auswirkungen konfessioneller Unterschiede zu beleuchten.

Aus Gründen der Konfessionsparität musste Sattler im Jahr 1950 seinen Posten niederlegen und hoffte vergebens auf eine Weiterbeschäftigung im Kultusministerium. Die folgende Zeit war geprägt von seinem Engagement für den Deutschen Bühnenverein und den Bayerischen Rundfunkrat sowie der Kultusministerkonferenz. Durch seine Mitgliedschaft im Restitutionsausschuss für Kulturgüter sowie durch seinen Einsatz für die deutschen Auslandsforschungsinstitute gelang es ihm, Verbindungen nach Bonn zu knüpfen. Dieter Sattler wurde – was letztlich einen Karriererückschritt darstellte – einer der ersten bundesdeutschen Kulturattachés, und zwar in Rom. Der Leser von Stolls Studie erfährt viel über die Hintergründe der Rückgabe der dortigen wissenschaftlichen Institute und über den Prozess eines bilateralen Kulturabkommens. Das kulturelle Klima Italiens, Sattlers Rolle als Beobachter und Vermittler sowie seine Kontakte zu Kunstschaffenden, Operndirektoren, Bühnenvermittlern und Journalisten – Italienern wie Deutschen – kommen hier, wohl quellenbedingt, zu kurz. Dieter Sattlers Augenmerk lag anscheinend auf der Stadt Rom und den Bedürfnissen der Bundesrepublik im deutsch-deutschen Konflikt. Die Autorin konstatiert, dass dieser vor allem „Kontakte zu sehr begrenzten Eliten“ herstellte, beispielsweise durch Gesellschaftsabende. Mit der Deutschen Bibliothek schuf er ein Forum für Kulturveranstaltungen, „gediegene weltanschauliche Hausmannskost“, wie es die kritische Linke nannte, das es letztlich nicht vermochte, ein junges italienisches Publikum anzuziehen. Kein Wunder, dass das von der DDR unterstützte Centro Thomas Mann junge und linksintellektuelle Kreise anzog.

Dieter Sattler galt der Bundesregierung als ein Hoffnungsträger mit vergleichsweise frischen Ideen. Die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes war weiten Teils ein Sammelbecken von belasteten Wilhelmstraße-Diplomaten und anderen ‚Strafversetzten’. Sattler trat seine neue Position als Leiter der Kulturabteilung mit viel Elan an: Die Kultur sollte neben der klassischen Diplomatie und der Wirtschaft die „Dritte Bühne der Außenpolitik“ werden. Er sah in der Kulturpolitik ein Instrument im Kalten Krieg und forderte eine Erhöhung des Kulturetats auf 1 Prozent des Wehretats. In der Tat konnte Sattler enorme Mittelsteigerungen vermelden, die allerdings von den Kosten des die Aktivitäten dominierenden Auslandsschulwesens wieder aufgezehrt wurden. Seine Abteilung war zu personalschwach, die Kulturpolitik alles andere als ein Karrierefeld. Hinzu kam, dass er bei Außenminister Gerhard Schröder auf taube Ohren stieß und sich sukzessive aufrieb.

Sattlers wichtigstes Projekt war das Delegieren des Kulturaustauschs an Mittlerorganisationen, unter denen er das Münchner (!) Goethe-Institut bevorzugte, dessen Aktivitäten sich dann rasch einer umfassenden Kontrolle entzogen. Um die großen Herausforderungen zu bewältigen, schuf Sattler einen kulturpolitischen Beirat als „Think Tank“, der allerdings kaum Gehör bei der Führungsebene erhielt. Sattler war intellektueller Vorbereiter der Reformära der Neuen Ostpolitik und dachte die Entwicklungszusammenarbeit vor. Stoll hält es bei dieser Lebensstation mit den „heimlichen Verbündeten Sattlers“, Carlo Schmid und dem SPD-Abgeordneten Georg Kahn-Ackermann, die für dessen Politik warben – vergeblich.

Als Dieter Sattler auf eigenen Wunsch als „senior ambassador“ am Heiligen Stuhl nach Rom wechselte, hatte er weit reichende Reformen auf den Weg gebracht, aber dennoch resigniert. Welche Handlungsspielräume Sattler durch seine Freundschaften zu Franz Josef Strauß, den engen Kontakt zu Heinrich Globke, Heinrich Krone und dem Ellwanger Kreis sowie zu Theodor Heuss und Konrad Adenauer hatte, auf den die Freundin von Sattlers Frau Maria Schlüter-Hermkes einen gewissen Einfluss hatte, ist nur angedeutet. Dieter Sattler hat die Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen des Jahres 1968 nicht mehr erlebt, er war laut Stoll vollends „später Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters“, verankert in seinem christlich-abendländischen Wertehorizont.

Wer den Buchtitel Stolls in Hinblick auf Max Weber liest, aus Dieter Sattlers Lebensweg werde etwa eine Typologie für das Feld „Kulturpolitik als Beruf“ entwickelt, der mag sich anderes versprochen haben, denn die Autorin lässt ihre Arbeit nicht auf berufssoziologische Thesen zum Typus des Kulturpolitikers zulaufen. Stattdessen stellt Stoll zusammenfassende, anregende Überlegungen zu „Konfession und Karriere“ an und charakterisiert Sattler weniger als Repräsentanten denn als „Ausnahmeerscheinung seiner Zeit“ respektiert also die Lebensgeschichte der Einzelpersönlichkeit. Ulrike Stolls eindrucksvolle Studie ist für jeden, der sich mit der Kulturpolitik der Bundesrepublik beschäftigt, eine Pflichtlektüre und bietet zahlreiche Anreize, um über eine Kulturpolitik nachzudenken, in der laut Sattler das Mäzenatentum zu kurz kam. Sattler ist der Prototyp eines staatlichen Mäzens.

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Veröffentlicht am
19.04.2005
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